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III. Der Höhepunkt des Weltalls.

1. Nibiru. Der Nordpunkt bezeichnet den Endpunkt bez. Mittelpunkt (kirbu oder kabal šamê) des Kreislaufs. Er heißt manzaz nibiru, d. i. Ort des Paßüberganges. Das Wort nibiru, das gewöhnlich für einen Flußübergang gebraucht wird, scheint der Vorstellung vom zweigipflichen Weltberg zu entsprechen und die Linie bez. den Bogen zu bezeichnen, auf dem die Gestirne den Höhepunkt des Weltkreises bez. des Tierkreises (d. i. des himmlischen Erdreiches) überschreiten. Er bildet die Grenze, über die die Gestirnbahn nicht hinausgeht, entspricht also bei der der Sonnenbahn entsprechenden Bahn des Wettlaufs dem Paß, den die Renner zwischen meta und Schranke passieren müssen. Nibiru wird sodann Ehrenname für die Gottheit, die als summus deus im Nordpunkt des Weltalls thront. Das kann insbesondere sein:

J. Anu. So in der V. Tafel des Epos Enuma eliš, wo der Tierkreis auf Anu, Bel, Ea verteilt wird und Anu der obere Teil zukommt; entsprechend seinem Sitz im Nordhimmel bei der Dreiteilung des gesamten Weltalls.

2. Ninib. Ihm gehört bei der Verteilung des Tierkreises in vier bez. zwei Gebiete (letzteres nach der Sonnenwendrechnung) der Nordpunkt, der kritische Punkt der Sommer-Sonnenwende, der im Tierkreis nach dem Gesetz der Entsprechung dem Nordpunkt des Weltalls entspricht. Darum heißt der Stufenturm von Lagaš, der Ningirsu-Ninib geweiht ist, „Haus der 50"; die 50 bedeutet die Vollendung des Kreislaufs, s. S. 28.

3. Sin, der als Vollmond im Nordpunkt seinen Höhepunkt erreicht, wenn die Sonne in Opposition an der ihr zugehörigen Stelle des Weltalls im Südpunkt steht. Denn der Mond gilt in Babylonien im Gegensatz zur Sonne, die Unterweltscharakter schon deshalb trägt, weil in ihr die Sterne verschwinden, als Oberweltsgottheit, weil er in seinem fortwährenden Aufleben aus dem Tode die Auferstehung repräsentiert.

Auch hieraus ergibt sich die bereits früher gefundene Gleichung, die unter Umständen Anu und Ninib und Sin identifiziert.

4. Marduk als summus deus, Demiurg und Repräsentant des Weltkreislaufs (V R 46, 34 c, vgl. II R 54, Nr. 5, Oby.

. Col. II 6). In der Schlußtafel des Epos Enuma eliš heißt es von ihm:

„Der Kirbiš-Tiâmat durchschritt, ohne zu rasten,
sein Name sei nibiru, welcher innehält [die Mitte);
der den Sternen des Himmels ihre Bahnen bestimmen,
wie Schafe weiden soll die Götter allesamt."

Als nibiru erhält er ebenfalls die Zahl 50, d. i. die Zahl des gesamten Kreislaufs. Dem entspricht die Angabe des astronomischen Textes III R 54, Nr. 5: ,,Wenn Marduk in der Mitte (kabal) des Himmels steht, ist er der Nibiru" 1

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Abb. 11: Šamaš der Sonnengott durch das östliche Himmelstor eintretend.

(Siegelzylinder Nr. 89. 110 des Brit. Mus.)

Als Nibiru ist Marduk in der Lehre Babylons identisch mit Ninib, und dieser wiederum mit dem „kanaanäischen“ Adad Ramman (hethitisch Tešub, germanisch Thor), dem Gott mit Doppelbeil und Blitzbündel (s. Kap. II unter Ramman)? Dem Nordpunkt der Ekliptik, der im Stierzeitalter im Löwen liegt, entspricht das Feuerreich (Höhepunkt der Sonnenbahn, Sternschnuppenfall), daher der mythologische Charakter dieser Gottheiten als Schmied. Ferner ist es der kritische Punkt der Mondbahn (Motiv des Hinkens 3. Durch den feurigen Durchgang, den auch die Gnosis kennt, geht es zum höchsten Himmel.

2. Weltberg Der Höhepunkt der himmlischen Erde erscheint in der babylonischen Mythologie als zweigipfliger Bergt. „Wissen

1) Vgl. S. 78. Wenn Marduk III R 53, 81b unter 12 Manifestationsformen im Monat Tešrit auch den Namen Nibiru führt, so gehört die Angabe einem Kalender an, der den Jahresanfang, also den Kreislauf, in den Herbst verlegte und doch Jupiter-Marduk, der nach der älteren Rechnung Herbstanfang (Nebo) ist, s. S. 24, als summus deus beibehielt.

:) Vgl. Donar im Donnerstag an Stelle Jupiters (jeudi, Jovis dies). 3) Vgl. H. Winckler, F. III, 82; MVAG 1901, 356. Näheres S. 28.

*) An den Tempeleingängen stellen die Säulen die kritischen Punkte dar (Jachin und Boas, die Säulen an jedem orientalischen Sonnentempel, schaftlich“ entsprechen die beiden Punkte dem Höhe- und Tiefpunkt der Mondbahn und der Sonnenbahn, vgl. Abb. 10. Die entsprechenden Punkte am Horizont ergeben den doppelgipfligen ,,Berg des Ostens“ und „Berg des Westens". In der Wintersonnenwende versinkt die Sonne am tiefsten Punkte des Horizonts, der Vollmond geht am höchsten Punkte auf; in der Sommersonnenwende umgekehrt". Da die irdische Welt

und jedes Land als Mikrokosmos dem Himmelsbilde entspricht, so muß auch der „Länderberg“ (harsag kurkura, šad matâti), in dem das irdische All gipfelt, als Doppelberg gedacht sein ?. Im Mythus entsprechen den beiden Spitzen die zwei Bäume, von denen der eine das Leben (Mond), der andere den Tod bedeutet; vgl. Helios und Selene als Mittelpunkt, d. h. Gipfel des Tierkreises und Dodekaoros auf einer ägyp

tischen Marmorplatte (Abb. 12) Abb. 12: Sonne und Mond als Gipfel des und dazu die Bäume Helios und

Tierkreises und Dodekaoros auf einer ägyptischen Marmorplatte 3.

Selene, die Alexander im Paradiese als Vertreter der Gottheit findet 4.

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die Säulen des Herkules im Westen scheinen mir Varianten des Doppelberges zu sein). Wincklers Vorstellung vom Engpaß zwischen den zwei Bergen und von den Gipfeln als Antipodenpunkten des Weltalls (F. III, 306, MVAG 1901, 241 f.) trifft wohl kaum das Richtige.

1) Abb. ii zeigt die Berggipfel, zwischen denen der Sonnengott heraustritt. Vgl. Sach 6,1 ff. die zwei Berge, zwischen denen die zwei Wagen herauskommen, deren vier Rosse die Weltrichtungen bedeuten, S. 2. St.

2) Eine babylonische Darstellung ist mir nicht bekannt. Vgl. die mit den kosmisch-mythologischen Gestalten von Sendschirli verwandte phönizische Stele von Amrit, die den Löwen über dem doppelgipfligen Berge zeigt und auf ihm eine Göttergestalt, darüber den Mond. S. v. Landau, Beitr. zur Altertumsk. III, 1 ff. Ein zweigipfliger Berg ist bei Tokyo das Heiligtum des Schöpfer-Geschwisterpaares der Shinto-Lehre; sie entsprechen Sonne und Mond, s. Kap. III unter Japan.

3) S. Boll, Sphaera, Tafel VI.

4) Winckler, OLZ 1904, 103 Krit. Schr. III, 110; Gesch. Isr. II, 108, MVAG 1901, 306. 345. Auch auf der koptischen Tafel S. 58 Abb. 22 bilden Sonne und Mond den Mittelpunkt des durch die Schlange und die vier Tiere der Weltecken gekennzeichneten Weltkreises.

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Jedes Land als Mikrokosmos hat seinen doppelgipfligen Weltberg. In der biblischen Vorstellungswelt ist das besonders deutlich bei Ebal und Garizim, 5. Mos 27, 12 f., wo je sechs Stämme (sechs Tierkreiszeichen, die Hälfte der Sonnenbahn symbolisierend) auf dem Berge des Segens (Garizim) und des Fluches (Ebal) sich gegenüberstehen 1.

IV. Die vier Weltpunkte. Mondbahn und Sonnenbahn sind durch Tages- und Nachtbogen gleich der Bahn der nicht circumpolaren Sterne in zwei natürliche Hälften geteilt, s. Abb. 10. Die Schnittpunkte sind charakterisiert nach dem Frühlingspunkt und Herbstpunkt der Sonne und ebenso durch bestimmte Stationen der Mondbahn. Im Stierzeitalter, d. h. in der Kalenderrechnung, die vom Frühlingspunkt der Sonne im Stier ausgeht, gilt als Ostpunkt der Sonne der Stier, genauer wohl der Aldebaran als leuchtendster Stern in den zum Stier gehörigen Plejaden, und als Westpunkt der Skorpion?, und zwar der fast genau um 180 Grad vom Aldebaran entfernte Stern Antares. Diese beiden Sterne gelten in der antiken Astronomie als 1. und 14. Mondstation, teilen also auch die 28 Mondstationen, die sonst in verschiedener Entfernung stehen, in gleiche Hälften.

Dieser Zweiteilung nach Mondlauf hälften und Tagesgleichenpunkten (šitķulu d. h. „sich die Wage halten“, z. B. III R 51, ist der technische Ausdruck für Tagesgleiche) entspricht eine Vierteilung, die durch die entsprechenden Mittags- und Mitternachtspunkte des Mondlaufs gewonnen wird. Beim Mondlauf ist der Vollmondspunkt im Höhepunkt des Tierkreises bei der Winter-Sonnenwende und im Tiefpunkt bei der SommerSonnenwende. Beim Sonnenlauf gelten der Sommer-Sonnenwendepunkt und der Winter-Sonnenwendepunkt.

In den vier kritischen Punkten offenbart sich die göttliche Macht Da nun jede der drei großen Gestirngottheiten, die

1) Zum Land als Mikrokosmos s. S. 48 ff.; Tierkreisbilder als Symbole der 12 Stämme S. zu i Mos 49 und zur Symbolik der „Stiftshütte“. Mond und Sonne als Lebens- u. Todespunkt (S. 27. 31 ff.) entsprechen beim Sonnenlauf je sechs Tierkreisbilder des Sommers und Winters. Zur Bedeutung für Sinai und Horeb, Ebal und Garizim s. Winckler F. III, 360 ff. Die Spaltung der Überlieferung ist vielleicht entstanden, als man den Sinn des Doppelberges (Sinai Mond, Horeb Sonne) nicht mehr verstand.

2) Im Gilgameš-Epos bewachen Skorpionmenschen die Unterwelt.

:) Bei Weglassung des Unterweltspunkts 3, z. B. die drei Himmelspfähle der „Ssabier“ (Chwolsohn II, 6): Osten, Mitte des Himmels, Westen. den Tierkreis beherrschen, sich in zwei Hälften oder vier Viertelerscheinungen offenbart (Mond und Venus als innere Planeten haben je vier Phasen, als Phasen der Sonne gelten die Stellungen in den Jahreszeiten), so eignen sie sich zur Verkörperung der göttlichen Macht an den vier Teilpunkten. Und wie Sonne, Mond, Venus je einen kritischen Punkt haben (Höhepunkt oder Endpunkt der Laufbahn), so gehört jeder der vier ,,Phasen" ein Punkt des Tierkreises als besondere Offenbarungsstätte im Weltall.

Da die Konstellation innerhalb der dreitausend Jahre Geschichte, die wir kennen, große Veränderungen erfuhr, so ergab sich mit Naturnotwendigkeit, daß eine auf den Erscheinungen der Gestirnwelt beruhende Götterlehre auch Umänderungen erfahren mußte. Und da es sich um einen Kreislauf handelte, der sich in den Gegensätzen Tag und Nacht, Sommer und Winter (Weltensommer und Weltenwinter) vollzieht, so ergab sich der Grundsatz: die Gegensätze gehen im Laufe der Zeiten ineinander über. Für die Hammurabi-Zeit (Blüte Babylons) sind die vier Hauptpunkte der Sonnenbahn folgendermaßen besetzt:

Marduk: Morgen, Frühling | Ost und Nord, die beiden LichtNinib: Mittag, Sommer | hälften des Jahres und Tages. Nebo: Abend, Herbst | West und Süd, die beiden NachtNergal: Nacht, Winter I hälften des Jahres und Tages.

Danach gehören also: Marduk der Morgen der Frühlings-Tagesgleiche (Aufgang der Frühlingssonne am 21. März früh 6 Uhr); Nebo der Abend der Herbst-Tagesgleiche (21. September abends 6 Uhr); Ninib der Sommer-Sonnenwendetag (21. Juni 12 Uhr mittags; von da an sinkt die Sonne in das Winter- und Totenreich; hier ist der kritische Punkt, der Tammuzpunkt); Nergal der Winter-Sonnenwendepunkt (21. Dezember Mitternacht; von da an steigt die Sonne wieder empor).

In der der Hammurabi-Zeit vorhergehenden Periode war, wie in der Epoche nach dem Erlöschen der Vorherrschaft Babylons, die Ordnung die umgekehrte (aus Gründen, die aus den folgenden Ausführungen klar werden dürften):

Jupiter (Gudbir-Marduk) vertritt die Stelle Merkurs (Nebo).
Merkur (Dunpauddua-Nebo) vertritt die Stelle Jupiters

(Marduk).
Mars (Keiwan-Ninib) vertritt die Stelle Saturns (Nergal).
Saturn (Zalbatanu-Nergal) vertritt die Stelle des Mars (Ninib).

Diese Hauptpunkte des Tierkreises gelten nach dem Gesetz der Entsprechung (Tierkreis als himmlischer Mikrokosmos) als die

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