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Hûnolt u. S. W. Mit dem Volksnamen der Hunnen (abd. Hûni, mhd. Hiune) fand frühzeitige Vermischung statt, schwerlich aber ist das germanische Wort dorther zu leiten. Schon längst ist auf an. húnn, Bär hingewiesen, ein Wort, das in der Form hûnaz als gemeingermanisch anzusetzen ist. -na entstammt einer Wurzel, welche mit anderer Ableitungssilbe im Aind. und Apers. als çû-ra, im Griech. als ziqos xígios wiederkehrt. Der Sinn geht auch hier auf Kraft und Kühnheit. Húnaz ist also wie purisaz und wriso der Starke, Kräftige. Das Agg. gewäbrt noch ent, plur. entas für Riesen, einmal als Übersetzung von gigas. In den baierischen Mundarten erscheint ein verstärkendes Präfix enz- mit dem Begriff von ungeheuer, gewaltig, und dazu das adj. enzerisch (Schmeller, Bayer. Wb. 1, 117). Vielleicht gehört auch der Enzensberg, Enzinsperig als Riesenberg hierher. Aber sicher ist hds. enz neben ags. ent keineswegs. Die neunordischen Sprachen gebrauchten die allgemeine Bezeichnung der Unholde, troll, mhd. trol, trolle, die ursprünglich dem Kreise der Marenvorstellungen zukommt, mit Vorliebe für die Riesen. Frühzeitig wurde im Ags. und Abd. gigant entlehnt und sogar in ungelehrten Werken z. B. im Beowulf neben den heimischen Benennungen angewandt.

2. Gestalt, Aussehen und Art der Riesen. Eine grosse, menschliches Maass weit überragende Gestalt wird allen Riesen beigelegt, sie stehen gleich Bergen und hohen Bäumen, starr und unbeholfen. In den Riesen waltet volle ungebändigte Naturkraft, die zu wildem, trotzigem Übermut entarten kann. Die Riesen zumal in den älteren Quellen erscheinen wolgebildet und von vollkommenem Wuchs, so Aegir, Thrym und Thjazi. Thrym, ein behaglicher stattlicher Mann, der Thursenbeherrscher, sitzt auf dem Hügel und flicht seinen Hunden goldene Halsbänder, glättet seinen Rossen die Mähne; Aegir führt gastliche Wirtschaft. Einzelne Riesionen sind sogar ausnehmend schön, so Gerd, von deren glänzenden Armen Luft und Wasser wiederleuchten. Skadi des Tbjazi Tochter ist ebenso schön, der Gunlod naht Odin in Minne. Dem edlen Äussern entspricht auch ihr wolbestelltes Innere. Erfabrung, Vielwissenheit, Gutmütigkeit und Gastfreundschaft schmücken das Riesengeschlecht, der kindliche Frohsinn friedlicher einfacher Verhältnisse lagert über ihnen, und daraus entspringt ihre Treue. Barnteitr, froh wie ein Kind, ist Aegir. Ihr hohes

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in die Urzeit hinaufreichendes Alter gewährt den Riesen tiefe Weisheit. Hundvíss, vielwissend, fjölkunnigr, vielkundig werden sie genannt. Wafthrudnir, von dem Odin Kunde der Vorzeit erfragt, ist enn alsvinne jotonn, der allweise Riese, dem Örgelmir und Bergelmir wird das Beiwort enn frópe, der Kluge gegeben. Fenja und Menja sind framvísar, Zukunft wissend. Trolltryggr, treu wie ein Riese, ist eine sprichwörtliche Redensart, welche auf die unverbrüchliche Treue der Riesen hinweist. Übermütig, hochgemut (stórúþegr) ist Hrungnir, ebenso heisst ein deutscher Riese in der Virginal 890 lóhermuot. Prúpmóþegr, thatkräftig, harþmóþegr, raub, ámátlegr, übermächtig werden Riesen genannt. Aus ihrer gutmütigen Ruhe aufgereizt geraten die Riesen aber in grossen Zorn, jotonmáþr. Deutsche Gedichte und Volkssagen schildern solchen Zustand. Wenn die Riesen im Zorne entbrennen, so schleudern sie Felsen, reiben Flamme aus Steinen, drücken Wasser aus Steinen, entwurzeln Bäume, flechten Tannen wie Weiden und stampfen mit dem Fuss bis ans Knie in die Erde. Widolt im König Rother wird seines unbändigen Wesens halber in Fesseln gelegt und nur im Kampf gegen den Feind losgelassen. Steine und Felsen, Baumstämme sind des Riesengeschlechtes Waffen, allenfalls auch Steinschilde, Steinkeulen, Stahlstangen. In der Bewaffnung verkörpert der Riese dem wolgerüsteten, mit Speer und Schwert bewehrten Helden gegenüber ein uraltes vergangenes Geschlecht, das noch keine kunstvollen Waffen zu schmieden verstand. Neben den wolgestalteten, gutartigen Riesen stehen aber ebensoviele ungestaltige, bösartige. Die nordischen Riesennamen Swart, Alswart, Swarthöfdi (Schwarzkopf), Surt, Blain (dunkel), Syrpa (die Schmutzfarbige) geben den Unholden bässliche, abschreckende Farbe, Lodin (der Zottige) und Lodinfingra (die Zottelfingrige) zeigen sie behaart und zottig, Liota ist die Garstige. Diesen allgemeinen Eigenschaften gesellen sich besondere. Jarnhaus (Eisenschädel), Hardhaus (Hartschädel) erweisen die Hartnäckigkeit der ungeschlachten Gesellen, Wagnhofdi muss einen Kopf wie einen Wagen so gross gehabt haben, Skalli ist ein grosser Kablkopf. Die Nase war von ungewöhnlicher Grösse und Dicke, wovon Nefja (die Benaste) ihren Namen trug. Skinnnefja die Pelznasige, Hornnefja die Hornnasige, Jarnnef der Eisennasige verraten solche Entstellung. Bei Henginkjapt und Henginkepta hängt der Kiefer herab, Muli ist der Grossmäulige. Um Wange und Kinn starrte ein struppiger Bart, kalter Hauch wehte daraus, wie die Namen Pistilbard (Distelbart) und Kallrani (kalter Rüssel) lehren. Vom Riesen Hrungnir wird berichtet, sein Kopf und Herz seien aus Stein gewesen. Auf den weitausschreitenden Gang zielen Namen wie Stigandi, Hástigi, Steiger und Hochsteiger, auf den zermalmenden Griff der breiten Hände die Namen Greip, Hardgreip, Widgrip, auf Riesenstärke, die gewaltige Thaten vollbringt, Sterkir, Starkad, Hardwerk, Fjolwerk, Storwerk. Neben dem Gattungsnamen etanaz weist auch der besondere Eigenname Wolvesmage (Virginal 882) auf die wölfische Gefrässigkeit. So sind die Riesen in ihrem Äusseren und ihrem Gebahren unerfreulich, schrecklich, feindselig. Sowol nordische wie deutsche Überlieferung hebt nicht nur die Missgestalt, sondern auch die Ungestalt einzelner Riesen hervor. Eines dreiköpfigen Thursen gedenkt das Skirnirlied 31, eines sechsköpfigen das Wafthrudnirlied 33; im Hymirlied 35 bricht die vielköpfige Riesenschaar aus den Berghöhlen hervor, Hymirs Mutter bat gar neunhundert Köpfe. Drîhouptige tursen, siebenköpfige Riesen erwähnen auch deutsche Märchen. Die Zahl der Arme, Hände, Elbogen werden verdoppelt und verdreifacht (J. Grimm, Myth. 360). Kaum aus unverfälschter germanischer Sage, vielmehr aus fremden orientalischen Einwirkungen mögen solche Vorstellungen entstanden sein. In den hässlichen, schrecklichen Riesen wohnt auch böse Gesinnung. An Stelle der Weisheit tritt Stumpfsinn, im Nordischen ist dumbr und stumi, stumm und dumm, im Deutschen tumbo eine Bezeichnung der Riesen. Der dumme Riese und sein christlicher Vertreter, der dumme Teufel wird nicht allein durch Heldenkraft, sondern auch durch List und Schlauheit überwunden.

Den Riesen ist im allgemeinen der Wohnsitz in dem Elemente, das sie verkörpern, zugeteilt. Jedoch kennt die Sage auch ein besonderes Riesenland (Rother 767), im Norden jotonheimr. Die Norweger verlegten Riesenheim in den Norden oder Osten, aufs unwirtliche unzugängliche Hochgebirge. Auf der Grenze ist Grjótunagard, Bezirk der Steingehege. Dort wohnt das Thursenvolk, als dessen Beherrscher (þursa dróttenn) Thrym bezeichnet wird. Sonst werden die Riesen mit andern Unholden wol auch in Utgard unter dem Beherrscher Utgardloki wohnhaft gedacht.

In den nordischen Quellen sind die Riesen in die Göttersage verwoben, in den deutschen Gedichten erscheinen sie als besonders starke, wilde und gefährliche Männer. Hier wie dort stehen sie meistens der Weltordnung feindlich gegenüber.

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„Denn die Elemente hassen

das Gebild der Menschenhand." Darum sind die Riesen gewöhnlich bösartig, auf gewaltsamen Umsturz bedacht. Im Norden sind die Riesen von den Göttern bezwungen und in wolthätige Schranken gebannt, gleichwol aber stets von der Hoffnung beseelt, das urzeitliche Chaos wieder heraufzuführen, ihre verlorene Herrschaft durch Vernichtung aller göttlicher und menschlicher Ordnung wieder an sich zu reissen. In deutscher Sage unterliegen die Riesen den Helden, welche zur Bekämpfung der gewaltthätigen Unholde erschaffen sind. Die Herrschaft des Geistes über die Natur ist der Grundgedanke der Riesensagen. Sehr ergiebig ist die noch lebende Volksüberlieferung. Von Norwegen bis Tirol begegnen die Riesen überall mit denselben Zügen, mit derselben Wildheit und plumpen Gutmütigkeit. Im Norden und Süden, im Meer und auf dein Hochgebirge, wo der Mensch die Wut der entfesselten Elemente mehr verspürt, sind die Riesen hauptsächlich zu Hause, weniger im mittleren Deutschland. Riesenschlangen und andre Ungetüme entsteigen den Gewässern. Kleine Sandhügel und erratische Granitblöcke rühren von Riesen her. In den norwegischen Gebirgen und in den süddeutschen Alpen ragen die versteinten Leiber der Riesen auf und gewaltige Naturereignisse bezeugen ihr fortdauerndes Leben. Mit Felsen und Bäumen bekämpfen sich die Riesen, ungeheure Blöcke schleudern sie gegen die verhassten Kirchen, ihr Vieh treiben sie mit Bäumen als Gerten zusammen, ganze Hügel streichen sie von den Schuhen oder schütten sie daraus, als ob es Sandkörner wären. An vielen Orten werden die Spuren ibrer Füsse, Finger oder Sitzteile in Steinen gezeigt.

Die Riesen gelten als treffliche Baumeister. Uralte Steinbauten, Burgen und Wege pflegt das Volk den Riesen oder dem Teufel 1) zuzuschreiben, wie die griechische Sage von Kyklopenmauern meldet. Dafür zeugt der Heliand und die angelsächsische Dichtung. Eine hochragende Felsenburg auf Bergesgipfel wird im Hel. 1397 ein Riesenwerk (uurisilic giuuerc) genannt. 2) Riesenberge (nds. wrisberg) können als Wohnsitz oder Bauwerk von Riesen so heissen. Im Beowulf 2718 wird die Drachenhöhle als enta gewcorc bezeichnet, wo Steinbögen auf Pfeilern die Erdhalle stützen. Riesenwege (jotna vegar, entiscen wec, trollaskeid) sind wol alte gepflasterte Heerstrassen, welche die Germanen ebenso wie die römischen Steinbauten bewunderten und deren Ursprung der Volksglaube allmälig auf übermenschliche Wesen zurückführte. Aus dieser Vorstellung erwuchs die Sage vom Riesenbaumeister, welche in der Edda und in zahlreichen nordischen und deutschen Volkssagen auftaucht. Ein Riese, ein Unhold, der Teufel, erbietet sich, gegen Lobn einen Bau bis zu einer bestimmten Zeit auszuführen. Meist verlangt er die Seele des Hausherrn oder eine Jungfrau, also ein Menschenopfer. Aber durch List gelingt es, die Arbeit im letzten Augenblick so aufzubalten, dass zur gesetzten Frist noch eine Kleinigkeit fehlt. Damit ist der Riese um seinen Lohn betrogen. Der heilige Olaf liess auf diese Weise vom Troll sogar eine Kirche bauen.')

1) Teufelssagen, die aus alten Riesensagen stammen, verzeichnet J. Grimm, Myth. 972 ff.

2) Zur Stelle vgl. Vilmar, Deutsche Altertümer im Heliand S. 10; die ags. Stellen, welche enta geweorc nennen, bei Grein, Ags. Sprachschatz 1, 228.

An einzelne Felsblöcke, die in der Ebene verstreut liegen, an Hügel, Sanddünen, kleine Inseln knüpfen gerne Riesensagen an, welche die örtlichen Erscheinungen auf Riesenthaten zurückführen. Wenn im schmalen Sunde wie etwa zwischen Rügen und Pommern, Seeland und Schonen kleine Inseln aufragen oder am Gestade Hügel sich erheben, so sind es Spuren von Dammbauten, welche einst Riesen beabsichtigten, um trocknen Fusses über das Wasser gehen zu können und nicht immer durchwaten zu müssen. Die Erdhaufen im Wasser und am Lande entstanden dadurch, dass Sand und Steine durch Löcher aus den Schürzen der Riesen herausfielen. Grosse Steine, die an solchen Orten liegen, dass das Volk nicht begreifen kann, wie sie dabin kamen, wurden von Riesen wie Sandkörnchen aus den Schuhen geschüttet. Damit wird auch humoristisch übertreibend die gewaltige Grösse des Riesen angezeigt, dem ein ansehnlicher Felsblock nur wie ein kleines Steinchen im Schuh ist. Manchmal sind die Steine aber auch von Riesen geworfen, und deutlich erkennt man darin die Spur ihrer fünf Finger abgedrückt. Meilenweit reicht der Wurf der Riesen, meilenweit der Schall ihrer Stimme. Der Wurf ist

1) Zur Sage vom Riesenbaumeister J. Grimm, Myth. 514 ff.; 3, 158; Menzel, Odin 19 ff.; Scheibles Kloster 9, 7 ff.; Kuhn, Westfäl. Sagen 1, 29; 245 ff.; Simrock, Myth.5 55 ff.; Henne am Rhyn, Die deutsche Volkssage 242ff.; Faye, Norske folkesagn 14 ff.; E. H. Meyer, Myth. 153.

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