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einem besonders klugen Manne zu sagen pflegt, er sei weise wie Tyr. Nicht aber kann man von ihm behaupten, dass er sich es angelegen sein lässt, Frieden zwischen den Menschen zu stiften.“ Beim Götterkampf stehen Tyr und der Höllenhund Garm einander gegenüber und beide erleiden den Tod. Siegrunen soll man aufs Schwert ritzen und dabei zweimal Tyrs Namen sprechen; der Schwertsegen wird durch Tyr wirksam. Könige leiten ihr Geschlecht von Tyr ab.

Obwol des Tyr Macht im Norden stark beschränkt ist, treten doch noch deutlich alle wesentlichen Eigenschaften des Tiuz, zu Tage, im 6. Jahrh. galt er ja nach Prokop noch als der höchste Gott bei den Skandinaviern, damals war weder Thor noch Odin in Norwegen an seine Stelle gerückt. Der alte Name des Himmelsgottes erhielt sich in Norwegen, in Schweden wurde er Freyr genannt.

Auf den Tyrskult der nordischen Wikinger vom Hardangerfjord, die im 9. Jahrh. in Irland heerten, christliche Kirchen und Klöster verbrannten und die Diener des Christengottes töteten, lässt eine geistvolle, aber kühne Vermutung Zimmers 1) schliessen. Die irische Sprache bezeichnet das Thun und Treiben, die Heerfahrt der Wikinger mit dem Worte diberc (gespr. diwerc). Aus dem irischen Wortschatz ist dibere nicht zu erklären. Da viele nordische Wörter zur Zeit der Heerfahrten ins Irische übergingen, kann auch diberc aus dem Nordischen entlehnt sein. Týverk, Werke des Tyr, Werke des Kriegsgottes, nannten die heidnischen Wikinger ihre Thaten, und die Iren machten daraus dibere, deren Wirkung sie ja genugsam verspiirten und fürchteten. Bei den Norwegern, die im 9. Jahrh. in Irland heerten, herrschte somit noch Tyrsdienst vor, der später vor Thors und Freys Dienste zurücktrat.

Zur Erinnerung an die Schlacht bei Flodden in Northumbrien, in der 1513 die Schotten von den Engländern besiegt wurden, feierte man lange in Hawick (Roxboroughshire) ein Volksfest mit Wettreiten. Als Kehrreim eines dabei gesungenen Liedes begegnen die dem Volke unverständlichen Worte Teer yebus, ye Teer ye Odin.“ Sie sind zu deuten „Týr hub us, ye Tijr ye Odin." Tyr habe uns, Tyr und Odin! Man kann darin einen alten north

1) Göttingische gelehrte Anzeigen 1591, S. 193 ff.

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umbrischen Kampfruf vermuten, welcher in der späteren Wikingerzeit aufkam. Denn die Götter sind in nordischer, nicht in englischer Namensform angerufen.')

Alle Germanen haben den dies Martis nach Tiuz, benannt, nur die Baiern haben eine andere Bezeichnung: Ertag, woran noch die heutige Mundart festhält.?) Spätere Formen sind Eri-, Erch-, Erichtag. J. Grimm vermutet, dass in diesem Ertag ein anderer Name des Himmelsgottes verborgen sei. Bedenklich ist nur, dass kein Genitiv, also Erestag wie Wodans-Donars-Ziestag steht. Vielleicht darf der sächsische Eresberg herangezogen werden. Merkwürdig sind einige Runennamen. 1 ist im Ags. tír Ruhm (ahd. zeri, ziere), im Nordischen aber Týr nach dem Gotte benannt. Die Rune W mit dem Lautwert ea heisst im Ags. ear und tir, in deutschen Runenalphabeten begegnet entsprechend aer und ziu für die Rune. Darf man daran die etwas kühne Vermutung knüpfen, die deutschen Schreiber wurden an die zwei Namen des Himmelsgottes Er und Ziu durch das ags. ear und tir', nord. Týr erinnert? Mogk schliesst, Er, Ear war ein Beiname des Himmelsgottes bei Sachsen und Baiern, Ertag ist gleich Ziestag. Das Wort soll dem indischen arya verwandt sein, das im Sinne von freundlich im Rigveda den Göttern beigelegt wird.

In der altsächsischen Abschwörungsformel vom Jahr 772 stehen die Götternamen „Thuner ende Wóden ende Saxnole, denen der Täufling entsagen soll. Saxnôt 3) ist jedenfalls einer der drei germanischen Hauptgötter, also Tiu, weil er den zwei anderen gleich gestellt wird. In der ostsächsischen Stammtafel begegnet Saxnéat als Wodens Sohn. Die dem späteren Wodankult ergebenen Sachsen des Festlands und in Britannien ordneten den Tiu nachmals Woden unter, wie auch im Norden Tyr Odins Sohn ist. Saxnôt war ein Beiname des Tiu unter den Sachsen. Der Sinn des Namens ist klar: Schwertgenoss. Sax ist das Kurzschwert, das Messer. Es fragt sich nur, wie entstand der dem schwertfrohen Tiu durchaus passende Beiname. Der Volksname Saxon erscheint wie eine Kurzform zum vollen Saxnotas. Schwertgenossen wie die ags. Sweordweras nannten sich die Stammesangehörigen, und den Tiu stellten sie an die Spitze ibres Bundes, indem sie den Schwertgott auch als ihren Schwertgenoss bezeichneten.) Der Gott nabm auch hier den Namen von seinem Volk, nicht umgekehrt. Dass Tiu ursprünglich Saxnôt biess, wäre unbegreiflich, dass aber das Volk in Waffen so sich nannte, versteht man leicht.

1) Stephens, aarböger for nordisk oldkyndighed og historie 1875, S. 109 ff. Tyr auf Thor zu beziehen, wie H. Petersen, gudedyrkelse S. 97 will, geht nicht an.

2) J. Grimm, Mythologie 182; Mogk, Pauls Grundriss I, 1055; Schmeller, Bayer. Wb. I, 127; im ags. Runenlied steht tir und eur für das Zeichen Y, W. Grimm, Über deutsche Runen, Göttingen 1821, Tafel III; ziu im cod. Vind. 64, ebenda Tafel I, uer im cod. Sang. 270, Tafel II.

3) In der Stammtafel der Ostsachsen begegnen die Namen Seaxneat (Mars), Gesecg und Andsecy (Symmachus und Antimachus), Sveppa (einer, der Getümmel anrichtet), Sigefugel (siegverkündendes Zeichen), Herca und Bedeca (viri caedis et stragis), alles Beiwörter eines und desselben Wesens: die Momente der Schlacht sind als Söhne des Kriegsgottes dargestellt. Müllenhoff, Schmidts Zs. f. Gesch. 8, 249; ZfdA. 11, 291. Die Stammtafeln übersichtlich bei Grimm, Myth, 3, 377 ff.; 0. Haack, Zeugnisse zur aengl. Heldensage, Kieler Dissert. 1593, 23 ff.

2. Spuren von Mythen. Beim Himmelsgott stehen nach idg. Glauben die Dioskuren, die ritterlichen Zwillinge, das reissige Brüderpaar, an die frühzeitig reiche Sagen anknüpften, welche wir namentlich aus indischer und griechischer Überlieferung kennen lernen. Vom Stamm der Nahanarvali weiss Tacitus den Kult der Zwillinge zu berichten. Ein alter Hain mit einem Priester, der das Haar nach Weiberart trägt, ist dem Dienst einer Gottheit geweiht, deren Namen Alkiz lautet, deren Wesen den Dioskuren entspricht. Müllenhoff glaubt, das göttliche Brüderpaar in der germanischen Heldensage mehrfach nachweisen zu können.)

1) Den Volksnamen als einen ,hieratischen' leiten J. Grimm, Myth. 185, Müllenhoff, Schmidts Zeitschrift 8, 252, vom Gott ab; die oben vorgetragene Ansicht vertritt Laistner, württb. Vierteljahrsbefte f. Landesgeschichte, N. F. 1892, S. 29.

2) Tac. Germ. 43 apud Nahanarvalos antiquae religionis lucus ostenditur. praesidet sacerdos muliebri ornatu, sed deos interpretatione Romana Castorem Pollucemque memorant. ea vis numini, nomen Alcis. nulla simulacra, nullum peregrinae superstitionis vestigium; ut fratres tamen, ut juvenes venerantur. Vgl. Myriantheus, Die Açvins oder arischen Dioskuren, München 1876. Müllenhoff, ZfdA. 12, 346 ff. 30, 217 ff. Roediger, Zeitschrift des Vereins f. Volkskunde 1, 241 ff. Wolfskehl, German. Werbungssagen, Darmstadt 1893, S. 18 ff.

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Lassen sich überhaupt noch reicher entfaltete germanische Tiuzsagen erkennen? Wo unsere Quellen reichlicher fliessen, ist Tiuz, bereits stark verblasst und zurückgedrängt. Der mit ihm einst verbundene Sagenkreis ist daher teils verschwunden, teils verändert. Sein Reich und Weib, die Frija besitzt Wodan - Odin. Nur mit oft gewagten und unsicheren Rückschlüssen gewinnen wir eine ungefähre Vorstellung von den altgermanischen Tiuzmythen, welche mit den indogermanischen vermutlich auf gleicher Stufe standen.

Der Tag in Auf- und Niedergang mit allen dazu gehörigen Erscheinungen ist Grundlage und Ausgangspunkt für viele Sagen vom Himmelsgott. Die Hymnen des Rigveda, deren Dichter von lebendigem Naturgefühl beseelt sind, zeigen, wie sich solche Mythen unmittelbar aus der Naturerscheinung heraus entfalten. Sie dürfen darum als lehrreiches Beispiel für derlei Vorgänge bei andern idg. Stämmen herangezogen werden. Zwielicht, Morgenröte, Sonne, Tag sind der gläubigen und poetischen Naturbetrachtung verschiedene Dinge, deren Zusammenwirken wol erkannt, aber auch in verschiedenen bildlichen Gestaltungen auseinandergehalten wird. Daraus lösen sich die Zwillinge, die Açvins (d. h. die Ritter), die im Zwielicht erscheinen, die Ushas (Hús), die holde Jungfrau, die rosige Morgenröte, Sûryâ, die Sonnengöttin, mit der Morgenröte auch öfters eins gedacht; nach Zwielicht und aufleuchtender Röte tritt der volle strahlende Tag, der hehre Dyâus selber hervor, dem alle untergeordnet sind. Die Erscheinungen beim anbrechenden Tage setzt die Einbildungskraft des Dichters in mehrfache Beziehungen zu einander. Alle möglichen Sagen können daraus entspringen. Am Abend wiederholt sich das Ereigniss. Da schwinden die holden, freundlichen Lichtgötter dahin vor den unholden, feindseligen und verbassten Mächten der Finsterniss. Die Sagen von Frija, wenn wir sie wieder ihrem ersten und echten Gemahl, dem Tiuz, zurückgeben, gründen sich offenbar auf den uralten Tagesmythus. Sofern dem Tiuz, und den Alkîz, hiebei eine thätige Rolle zugewiesen ist, müssen sie hier Erwähnung finden. Ihre ursprüngliche Fassung ist ebenso notwendig, um die Gestalt des germanischen Himmelsgottes zu beleben, als auch zum rechten Verständniss von Frijas Gesinnung und Handlungsweise, nachdem sie Wodans Frau geworden. Doch darüber erst später.

Der ganze Zusammenhang der Vorstellungen von der Frija geht zurück auf den Mythus einer Sonnengöttin, entsprechend der arischen Sûryâ. Der Mythus dieser Göttin aber steht in engster Beziehung zu den reichen, schätzebewahrenden Açvins. Als Götter der Morgenfrühe, des Zwielichts, sind sie von allen Göttern zuerst zur Stelle, nehmen die Morgenröte, die Sûryâ oder die Ushas, die Tochter des Sûrya (Helios) oder des Savitar, auf ihren Wagen, und führen sie als glückliche Freier oder Brautwerber für Soma davon. Die Einholung der Braut auf dem Wagen bildete einen Hauptteil der Hochzeitsfeier. Im Rigveda ist aber ein doppeltes Verhältniss der reissigen Brüder zu Sâryâ angenommen: des Sonnengottes bolde Tochter hat sich selbst der Helden Schönheit auserwählt und beide Jünglinge sich zu Gatten erkoren. Im grossen Hochzeitshymnus aber halten die Açvins als Brautwerber für Soma bei Savitar um dessen Tochter Sûryâ an und dieser lässt die von Herzen zustimmende Braut ins Heim des Gatten führen. Der doppelte Mythus entwickelte sich auch bei den andern Indogermanen. Die Naturerscheinung bedingt die Ausbildung solcher Sagen. Die Götter des Zwielichts tauchen zuerst aus der Nacht empor. Ihnen folgt die liebliche Morgenröte. Aber auch der Tagund Sonnengott kann in Liebesverhältniss zur Morgenröte gedacht werden. Dann holen die Jünglinge die geschmückte Braut ein und bringen sie dem Gott des Tages und der Sonne, der nun in seine volle Herrschaft eintrat. Endlich können die zwei verschiedenen Vorstellungen von den Dioskuren als Freiern oder Werbern zu einer dritten verschmelzen: ausgesandt, um ihrem Vater die Braut heimzuholen, entbrennen sie selber in Liebe zur leuchtenden Jungfrau und suchen sie für sich zu behalten. Mit Geschmeide gewinnen sie die Gunst der Göttin. Für diesen Frevel trifft sie des Himmelsherrn rächende Strafe. Auf der schmuckfrohen Himmelsund Sonnengöttin, im Norden Frigg und Freyja, Menglod (die des Halsbandes sich erfreuende), lastet freilich der Vorwurf der Bublerei oder ehelichen Untreue. Um das Geschmeide zu gewinnen, gab sich die Göttin denen hin, die es geschmiedet. Um die unverständlich gewordenen und versprengten Trümmer wieder zu einem Ganzen zusammen zu fügen, erklärt Müllenhoff ein Stück deutscher Heldensage für ursprünglichen Göttermythus, die Sagen vom Gotenkönig Ermanrîk sollen zum Teil einst dem Himmelsgott, dem ,,Irmintiu" gehört haben. Eine Vereinigung der nordischen Geschichte von Svanhild und ihren Brüdern mit der deutschen Sage von den zwei Harlungen Ambrico und Fridila, in denen die

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