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Dem Wesen des Wode, des Wind- und Sturmgeistes, würde dieser Zug vollkommen, ja fast notwendig entsprechen.

Im Walsungenstamm waltet nach der nur in nordischer Fassung vorliegenden Sage Wodan über das Geschick der Helden. Aus Not und Erniedrigung führt er sein Geschlecht zur Entfaltung der Heldentugend. Dem Sigmund verleiht er ein Wunderschwert und damit Sieg. Aber der Gott entzieht ihm am Ende seiner Laufbahn die gewährte Gunst, an seinem Speer zerspringt das Schwert in Stücke. Die Sigmundsage ist fränkischen Ursprungs. Dass schon bei den Franken Wodan in das Schicksal des Helden verflochten war, ist möglich. Wodan als Stammvater von königlichen Helden ist ja bei den Angelsachsen bezeugt. Wie diese, mögen auch die fränkischen Walsunge Wodanskinder gewesen sein.") Nach dieser Sage, wenn sie auch sicherlich im Norden reichlich ausgeschmückt wurde, mischte sich bereits Wodan unter die Menschen, wie es an vielen Beispielen aus nordischer Sage belegt werden kann.

Odin ist nicht allein Herr des Zaubers, sondern auch des Geistes, der Weisheit, Erfinder der Runen. Dass auch Wodan den Geist erregte, ist sehr wahrscheinlich. Die geistige Seite seines Wesens mag im Norden erweitert und vertieft, schwerlich aber erst neu geschaffen worden sein. Schon die interpretatio romana mit Mercurius deutet dies an. Eine der wichtigsten Errungenschaften der Germanen aus dem Verkehr mit den Römern im 1. oder 2. Jahrh. nach Chr. ist die Runenschrift, welche aus dem lateinischen Alphabet stammt. Galt vielleicht Wodan als Erfinder der Schrift ?), als Träger der geistigen Kultur, als Erwecker des Helden- und Dichtergeistes ? Unmittelbar beweisen lässt sich die Vorstellung von Wodan, dem Gotte der Erfindung, der geistigen Gewandtheit und Überlegenheit nicht, doch innere Gründe sprechen dafür.

1) Genaueres über die Walsungensage und Wodans Eingreifen wird unten bei Behandlung der nordischen Berichte mitgeteilt. Dass schon Wodan, nicht erst Odin die Geschicke der Helden lenkte, erwies Müllenhoff, ZfdA. 23, 116 ff.

2) Im ags. Gespräch zwischen Salomo und Saturn heisst es: Sag mir, wer zuerst Buchstaben setzte? Ich sage dir, Mercurius der Riese (se gygand). Ob mit Kemble, The Saxons in England 1, 339 unter Merkur Wodan zu nehmen ist, ob vom deutschen oder römischen Gott und seinen Fähigkeiten geredet wird, lässt sich nicht entscheiden.

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Das Bild des deutschen Wodan stellt sich demnach etwa so dar: Wodan, der Gemahl der Frija, thront im Himmel als Höchster der Götter. Könige und Helden führen ihre Abstammung auf ihn zurück. Er waltet über Sieg und Heldentum und empfängt darum Opfer. Siegvater ist auch Walvater, die Schlachttoten fallen ihm zum Opfer. Wodan fördert neben dem Waffensieg auch den Sieg der Kultur, des Geistes; er ist im Besitz heilkräftiger Sprüche. Als Sturmgott haust er im Schooss der Berge, aus denen er hervorbricht. Auf hohem Ross, mit Mantel und breitem Hut, führt er das wütende Heer, die Schaar der Seelengeister. Sein Auszug kündet Krieg, aber er bringt auch den Feldern Fruchtbarkeit. Er ist ein stürmischer Liebhaber, verfolgt Frauen und lässt sich gern auf Liebesabenteuer ein. So verkörpert er mehr den kriege. rischen Edeling und abenteuernden Sänger wild bewegter Kampfeszeit als den friedlichen Bauern. Der listenreiche, geistesgewaltige, wutgrimme Gott ist das Idealbild des germanischen Heerkönigs, wie er besonders den istväischen, später fränkischen Stämmen als tüchtigster und trefflichster, vom Standpunkt reiner Moral freilich nicht immer makelloser Held voranleuchtete.')

4. Odin im Norden.

Nur mühsam gelang es, aus verstreuten Zügen ein einigermaassen zusammenhängendes und anschauliches Bild von Wodan zu gewinnen. Immerhin war es möglich, die Grundlinien zu ziehen. Umso lebendiger und farbenprächtiger tritt Odin aus den reichen nordischen, norwegisch-isländischen Quellen uns entgegen. Die nordische Überlieferung gibt einerseits eine willkommene Ergänzung zur dürftigen deutschen. Sicherlich darf das meiste davon auch für Wodan in Anspruch genommen werden. Die blassen Umrisse erfüllen sich mit Farbe und Leben. Was in Deutschland aus versprengten Trümmern zu ahnen ist, bietet sich im Norden in voller glänzender Beleuchtung. Ein Vergleich mit der Wodanskizze wird ohne weiteres immer zeigen, was unbedenklich aus den nordischen Schilderungen Odins herübergenommen werden darf. Andererseits wird sich sehr viel Neues ergeben, was auf den niederdeutschen Wodan der ersten nachchristlichen Jahrhunderte nun und nimmermehr passt, was als nordische Zuthat zu betrachten ist, gleich viel wie man seine Entstehung sich denken mag. Dabin gehört ausser Walhall und den Walküren, wobei ja immerhin die Behauptung deutschen Ursprunges zur Not versucht werden kann, mit Sicherheit Odins Stellung in der Weltentwicklung, seine Thätigkeit als Schöpfer, sein Untergang im Weltbrand, seine Beziehung zur Weltesche. Das Schweigen der deutschen Uberlieferung ist hier nicht zufällig, sondern notwendig. Das deutsche Heidentum bot zu solchen Vorstellungen nicht die geringste Voraussetzung.

1) Vgl. Dahn, Bausteine 1, 1879 Wodan und Donar als Ausdruck des deutschen Volksgeistes.

Odins Wanderungen und Kämpfe mit Nebenbuhlern.

Odin ist der oberste der Götter in den norwegisch-isländischen Skaldengedichten, im Kreis der sog. Eddalieder. Am Königshofe, bei den Gefolgsleuten und Dichtern steht er im höchsten Ansehen. Aber der norwegische Volksglaube lässt Thor hervortreten und betrachtet selbst den schwedischen Freyr als Eindringling. Die Sage meldet von der Einwanderung der Asen und Wanen im Norden '), während Thor seit Urzeiten dort wohnt. Schon Saxo kennt Thracien und Byzanz als Ursitz der Asen, Snorre bringt die Asen mit Asien in Verbindung und lässt sie aus Scythien und der Türkei durch Gardariki (Russland) in die nördlichen Länder wandern. Dass hier gelehrte Fabeleien vorliegen, bedarf keiner weiteren Ausführung. Aber wenn die Ynglingasaga Odin an Saxland (Westfalen) heftet, beginnen wahre Erinnerungen aufzutauchen. Von Saxland zieht Odin nordwärts zur See und nimmt sich Wohnstätte auf einem nach ihm benannten Eiland, auf Odinsey in Fünen. Von dort entsendet er Gefjon nördlich über den Sund, um Länder zu suchen. Diese pflügt zunächst ein Stück aus Schweden ab und zieht es ins Meer hinaus, Seeland. Odin aber, da er von den guten Ländereien in Schweden vernahm, fuhr selber dorthin und vertrug sich mit König Gylfi, der sich

1) Saxo III S. 129 dii, quibus praecipue apud Byzantium sedes habebatur, Othinum .... collegio suo submovendum duxerunt. Saxo I S. 42 ca tempestate cum Othinus quidam Europa tota falso divinitatis titulo censeretur, apud Upsalam tamen crebriorem diversandi usum habebat. Die nordischen Könige schicken seine goldene Bildsäule nach Byzanz. Also schon Saxo weiss von einer Abstammung des schwedischen Odinkultes aus dem Osten. Snorri erzählt das Hierhergehörige im Formáli der Edda Kap. 8-11, und in der Ynglingasaga Kap. 1-5.

Odins Einwanderung im Norden.

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keine Kraft zum Widerstand gegen die Asen zutraute. Am See im alten Sigtun liess sich Odin nieder und richtete daselbst eine grosse Opferstätte nach der Gewohnheit der Asen ein. Seinen Tempelpriestern (d. h. den andern Göttern) wies er Wohnsitze zu: Njord wohnte in Noatun, Freyr in Uppsalir, Heimdall in Himinbjorg, Thor in Thrudwang, Baldr in Breidablik. Die Namen der Göttersitze haben allein für Odin und Freyr Bedeutung: Sigtun und Uppsala werden als alte Kultstätten bezeichnet. Entsprechend dieser Wanderungssage wird einmal Odin Sachsengott, Freyr Schwedengott genannt.') Im Bericht scheint Verwirrung eingerissen. Der Krieg zwischen Asen und Wanen findet in der asiatischen Urheimat statt, weil die Asen als Asiaten, die Wanen als Leute vom Tanakvisl oder Vanakvisl (Tanais), der ins schwarze Meer mündend Asien und Europa trennt, gemeint sind. Und so wandern die Wanen zugleich und im Gefolge der Asen nach Schweden, während eigentlich die schwedischen Könige ihren altheimischen Glauben an Freyr dem neuen aus Dänemark herdringenden Odinglauben entgegengesetzt haben werden.2) Handelnd ist übrigens bei der ganzen Eroberung nur Odin. Vermutlich gelangte der Wodankult aus Niederdeutschland nach Dänemark. In Fünen, Seeland, dann in Schonen auf der Südspitze Skandinaviens schlug er Wurzeln. Den uralten Opferstätten wie Lund, Ringsted, Hleidra, Wiborg traten neue, ausschliesslich Odin geweibte zur Seite, Odinsvé, jetzt Odense in Fünen und Onsved in Seeland.3) Der dänische Königsstamm der Skjoldungar geht, freilich erst bei Snorri in der Edda und Ynglingasaga, durch Skjoldr auf Odin zurück. Von Schonen aus gelangte Odinsdienst nach Schweden und Norwegen. In Schweden sind viele örter nach Odin benannt: Odenswi, Odensö, Odensnäs, Odensjö, Odensberg,

1) In der ausführlichen Olafssaga helga, Fornmanna sögur 5, 239 ólafr konungr kristnati þetta ríki allt: oll blót braut hann nitr ok oll gođ, sem þór Engilsmannagot ok Otin Saxagoit ok Skjold Skánungagott ok Frey Svíagort ok Gottorm Danagođ. In Schonen und Dänemark werden Könige als Götter aufgeführt. Thor als englischer Gott ist ein Missverständniss. Vielleicht soll damit der Hauptgott der in England ansässigen Nordleute gekennzeichnet werden,

2) Vgl. oben im Kapitel über Freyr S. 220 ff.

3) Odins vi bei H. Petersen, gudedyrkelse og gudetro S. 104 ff. Schwedische Odinsplätze verzeichnet Lundgren, språkliga intyg om bednisk gudatro i Sverige S. 34 ff., norwegische sammelt O. Rygh in der Neuausgabe von Munch's norr. gude- og heltesagn, vgl. den Index. Golther, Germ. Mythologie.

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Odensala u. ä. Weniger volkstümlich wurde Odin in Norwegen, wesbalb verhältnissmässig nur wenige Ortsnamen dort für ihn zeugen. Umso sieghafter erbub er sich im Skaldenlied. Die Zeit der Einwanderung des deutschen Wodanglaubens in Dänemark und Skandinavien, welche in den erwähnten halbgelehrten Berichten noch nachklingt, lässt sich nicht bestimmen. Nur im allgemeinen darf behauptet werden, dass Odin schon längere Zeit vor den ältesten Skalden, also etwa um 800 bereits in Norwegen bekannt gewesen sein muss. Das Heldenzeitalter des norwegischen Stammes stellte Odin, den Gott des Krieges und des Geistes, in den Mittelpunkt der Dichtung.

Von Odin wird erzählt, dass er eine zeitlang von Weib und Reich verbannt war, wäbrend ein Anderer seine Stelle vertrat. So verschieden die Sagen auch im Einzelnen ausgestaltet sind, im Grundgedanken treffen sie zusammen und in dieser gemeinsamen Grundlage wird wol auch ein Stück alter Überlieferung stecken. Die Ynglingasaga bemerkt bloss in Kürze: Odin hatte zwei Brüder, der eine biess We, der andre Wili. Diese Brüder führten die Herrschaft, solang er fort war. Einmal blieb Odin so lange aus, dass die Asen die Hoffnung auf seine Rückkehr aufgaben. Da teilten die Brüder sich in sein Erbe, sein Weib Frigg hatten sie gemeinsam.') Aber bald nachher kam Odin heim und nahm sein Weib wieder zu sich. Die Einkleidung dieser Sage ist wol ziemlich jung, wie die Dreiheit mit den Namen Wili und We. Der zweite Bericht knüpft an die Baldrsage an und steht am ausführlichsten bei Saxo.) Nach Baldrs Fall wird dem Odin vom Finnen Rosstbjof geweissagt, er werde mit Rinda, der Tochter des Russenkönigs, einen Sohn erzeugen, der vom Schicksal bestimmt sei, Baldr zu rächen. Durch einen tiefhängenden Hut macht sich Odin unkenntlich und tritt bei Rindas Vater in

1) Ynglingasaga Kap. 3; darauf bezieht sich auch Lokas. 26, wenn Loki Frigg vorhålt, sie habe als Odins Weib doch Wili und We Gunst gegönnt.

2) Saxo III S. 126 ff. Rindr als Mutter Walis wird im Liede Baldrs draumar 11 erwähnt. Der Skald Kormak (937—976) singt (SE. 1, 236) seip Yggr lil Rindar: Odin bezauberte Rind, womit offenbar auf dieselbe Sage, die Saxo kennt, angespielt ist. Ob Hóv. 95-101 mit illings Maid, die den liebeverlangenden Gott foppt, Rindr gemeint ist, lässt sich nicht mit Gewissheit behaupten. Doch ist es wol möglich. Vgl. Finnur Jónsson, litteraturs historie 1, 234. Weitere Vermutung über das Verhältniss Odins zu Ollerus vgl. im Abschnitt über Ullr.

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