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Darum war die Opposition des Urchristenthume gegen den Apostel Paulus feineswegs blos judaistische Engherzigkeit, welche die Beschneidung und Beobachtung des Gefeßes auch von den fich zu Jesu bekennenden Heiden verlangte; es lag ihr vielmehr ein tieferer, fachlicher Gegensatz der ganzen Anschauung zum Grunde; es fam ihnen, wie es thatsächlich bei Jesus selbst der Fall war, auf die Sache, das neue Verhältniß zu Gott und die darin begründete Gerechtigkeit an, während bei Paulus das Hauptgewicht auf die Perfon Christi und ihre erlösende Kraft fiel. Daraus erklärt es sich auch einerseits, daß Paulus nicht blos am palästinensischen Judenchristenthum, sondern auch am freiern, vergeistigten Standpunkt des hellenistischen, namentlich alerandrinischen Juden christenthums einen entschiedenen Gegensas fand und daß in der Entwicelung des apostos lischen Zeitalters diese drei Richtungen als unterscheidende Lebensformen des urchristlichen Geistes neben einander herliefen: das paulinische Christenthum, das palästinensische Judenchriftenthum und das hellenistisch - alexandrinische Juden christenthum. Andererseits erklärt fich daraus die Erscheinung, daß sich der Paulinismus nur bei Lebzeiten des christgewordenen Pharisäers in seiner Einseitigkeit erhalten konnte, in der Gestalt aber, wie ihn der Apostel in seinen Briefen verkündigte, nach dem Abtreten desselben vom Schauplaße feiner Wirksamkeit nirgende Eingang in den apostolischen Gemeinden fand. Die Gewißheit des Heils lag für die Einzelnen nur in der Angemessenheit des Willens mit dem Geseke Christi; und der paulinische Ges danke der Rechtfertigung durch den Glauben allein, ohne die Werke, fand keinen Eingang, obwohl Paulus selbst darunter eben nur die Werke des mosaischen Gefeßes verstanden hatte. Die Gefeßeserfüllung als wahrhafte Gerechtigkeit galt als der Grundinhalt des Christenthums, und als das Erlösende nicht die Persönlichkeit Christi, sondern die zur Gefeßeserfüllung befähigende Kraft der Hingebung an Gott, das Kindesverhältniß zu Gott.

Schon innerhalb der palästinensischen Urgemeinde bestand in der Zeit, als Stephanus gesteinigt wurde, nach dem Bericht der Apostelgeschichte, eine Differenz, die sich nicht bloc im unmittelbar praktisch-gesellschaftlichen Verhältniß, sondern auch in der Grundauffassung des Christenthums selbst zeigte.

Die Apostelgeschichte erzählt nämlich, es sei in der Zeit, da sich die Jünger vermehrten, ein Murmeln der Hellenisten gegen die Hebräer,

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daß ihre Wittwen bei der täglichen Handreichung übersehen wur: den 114). Von den Aposteln und den ersten Jüngern wird nun aber erzählt, daß sie sämmtlich Eiferer für'e (mosaische) Gefeß gewesen, daß sie im Zusammenhang mit der jüdischen Synagoge und der Sabbathfeier blieben und sich an den Tempel anschlossen 115). Noch bis in die Zeiten Hadrian's hatte die jerusalemitische Gemeinde, von Jakobus dem Gerechten an, nur beschnittene Bischöfe 116); und in der Apostelgeschichte wird das Christenthum mehrmals als jüdische Sekte bezeichnet, in ähnlicher Weise wie Pharifäer und Sadducäer 117).

In der Urgemeinde zu Jerusalem waren aber, nach einer ausdrücklichen Notiz der Apostelgeschichte, auch Hellenisten aus Cilicien und Asien, Cyrene und Alerandrien 116), und gerade jenes erwähnte Murren der Hellenisten über Verkürzung derselben bei der täglichen Handreichung bei Tische wurde dadurch beschwichtigt, daß unter den Dienern (Diakonen) für den Dienst bei Tisch, d. h. eben für die tägliche gemeinsame Feier der Mahlzeiten, auch Hellenisten eingeseßt wurden 119). Daß nun zwischen den Palästinensischen Christen in der Urgemeinde und den Hellenisten auch eine Verschiedenheit in der Anschauung des Christenthume selbst stattfand, geht unwider: leglich aus der Verfolgung des Stephanus und den in seiner Rede ausgesprochenen Grundsägen hervor, sowie aus dem Umstand, daß bei der Zerstreuung der Gemeinde die Apostel in der Stadt blieben und unter den Zerstreuten später auch nur Hellenisten auftraten 120), woraus ersichtlich ist, daß die Apostel selbst an diesen freiern Grunda fäßen der Hellenisten, als deren Opfer Stephanus fiel, keinen Antheil hatten.

Wir erkennen die vom palästinensisch-jüdischen Standpunkt der Apostel abweichenden, freiern und vergeistigten Grundsäße und Anschauungen dieser aleşandrinisch-hellenistischen Judenchristen der Ur: gemeinde deutlich genug aus den Anschauungen, welche der in der Apostelgeschichte enthaltenen Rede des Stephanus 121) zum Grunde liegen. Daß zwar diese Rede in ihrer vorliegenden Gestalt nicht von Stephanus herrühren kann, sondern eine Composition des Verfassers der Apostelgeschichte ist, mit dessen schriftstellerischer Eigenthümlichkeit fie im Wesentlichen übereinstimmt 122), steht fest; nichtsdestoweniger aber weisen nicht blos einige Spracheigenthümlichkeiten, welche diese Rede vor der übrigen Darstellung des Lucas voraushat, sondern ihr eigenthümlicher Gedankengehalt auf eine besondere geschichtliche Quelle hin, aus welcher der Darsteller schöpfte, und auf die Absicht desselben, die Eigenthümlichkeit der Stellung des Stephanus und damit der Hellenisten in der Urgemeinde ausdrücklich anzudeuten. Wie nämlich überhaupt der Verfasser der Apostelgeschichte einen groBen Theil feines Stoffes in der apostolischen Ueberlieferung vorfand und bei der Verarbeitung derselben in seine Darstellung vorhandene ältere Quellen benußt hat, so weisen insbesondere die unterscheidenden Rerngedanken und Grundanschauungen in der Rede des Stephanur auf eine besondere geschichtliche Quelle, aus der unser Verfasser schöpfte. Denn er läßt feineswegs 123) den Stephanus nur ebendasselbe wie bei anderer Gelegenheit den Petrus und Paulus audsprechen, von denen er den erstern paulinisirt, den legteru judenchristlich macht. Stephanus erscheint in seiner Rede, weder paulinisch, noch palästinenfisch juden christlich, und eine Aehnlichkeit mit den petrinischen und paulinischen Reden der Apostelgeschichte mit der Rede des Stephanus findet nur in der schriftstellerischen Anlage derselben statt, welche den fachlichen Grundunterschied nicht ausschließt. Biel: mehr enthält die Rede keineswegs 124) die Ideen und praktischen Grunds fäße des Paulus, sondern die vom Paulinismus als dem christinifirten Pharisäismus wesentlich verschiedene Grundanschauung des alexandrinisch-hellenistischen Judenchristenthums. Aus dieser allein, nicht aus dem Paulinismus, erklären sich die bedeutsamen Einzelheiten und eigenthümlichen Züge, an denen diese Rede so reich ist, obwohl dieselben so fein sind, daß fie erst dem aufmerksamen Blice bemerkbar werden. Fanden ja doch auch in ebenderselben Weise

114) A. G. 6, 1.
115) U. G. 21, 20. 15, 21. 2, 46. 3, 1. 5, 42.

116) Eusebius, Kirchengeschichte 4, 5. Sulpicius Severus, heilige Geschichte 2, 31.

117) A. G. 24, 5. 28, 22. Vgl. 5, 17. 15, 5. 26, 5.
119) A. G. 6, 9.
119) A. G. 6, 3 ff.
120) 4. G. 8, 1. 11, 19 ff.

121) A. G. 7, 2–55.
122) Zeller, theologische Jahrbücher 1849, S. 80 f.
123) Wie auch Zeller glaubt: a. a. D. 1849, S. 580 ff..
124) Baur, Paulus S. 39 ff.

zwischen Paulus und dem Aleșandriner Apollos Lehrunterschiede in der Auffassung des Christenthums statt, welche in der forinthischen Gemeinde die Unterscheidung von Paulinern und Apolliften veranlaßten.

Ihrem Gedankeninhalte nach und in der Grundauffassung der Heilsthatsachen des A. T. und deren Beziehung auf Jesus unter: scheidet sich die Rede des Stephanus durchweg von dem Gedankengange, der in den Reden des Petrus und Paulus herrscht. Sie enthält Nichts davon, daß Jesus durch Kräfte und Zeichen und Wun: der für die Juden als Meffias erwiesen sei, daß ihn Gott von den Todten auferweckt und als Davidssohn zu seiner Rechten gefekt, zum Herrn und Messias gemacht habe und ihn wieder senden werde, was den Kern der Reden des Petrus bildet 125); Nichts davon, was Paulus hervorhebt, daß die Väter im Geset Mose’s nicht gerecht geworden, daß aber, wer an Jesus glaube, gerecht sei 126); Nichts davon, daß er ale Messias aus David's Stamme auf David's Stuhl fiße 127); fondern im Gegentheil heißt es von Stephanus, er habe unverwandt zum Himmel geblickt und die Herrlichkeit Gottes und Jesum stehend zur Rechten Gottes gesehen 128).

Schon beide leßtere Bezeichnungen, die Serrlichkeit Gottes und der Ausdruck der Stehende" (fotos) weisen unleugbar auf die alerandrinische Geistesrichtung dessen, der sich derselben bedient. Im dritten Buche Moje heißt es, Moses habe die Gestalt Gottes gesehen; die aleşandrinische Ueberseßung der LXX sept dafür: er sah die Herrlichkeit (do&av) des Herrn 129). Diese war aber, wie es Philon deutlich bestimmt, nichts anders als die Gegenwart der Kräfte 180), und spielt in der alexandrinischen Theologie eine große Rolle. Die alerandrinische Bibel überseßt die Worte, womit Jesaias sein im Todesjahr des Usias gehabtes Gesicht einführt 131), vom hebräischen Text abweichend so: ich sah den Herrn fißen auf seinem hohen und erhabenen Stuhl, und voll war das Haus von seiner Herrlichkeit, und

126) 2. 8. 2, 22 f. 3, 13 ft.
126) A. G. 13, 38 f.
127) A. G. 2, 30 (Psalm 89, 4). 2, 34. 13, 21. ff. 27 ff. 10, 43 f.
128) A. G. 7, 55 f.
129) 3 Mose 12, 8.
130) Philon's Werke, Fragmente, Ausgabe von Maugey. II, S. 679.
101) Jesaia 6, 1 f.

Seraphim standen im Kreis um ihn. Was aber den Ausdrud „der Stehende" betrifft, womit Philon den göttlichen Logos bezeichnete, so ist der vom palästinensischen und auch paulinischen Sprachgebrauch ganz abweichende Ausdruck „stehend“ statt „fißend" im Munde des Stephanus so auffallend und im ganzen N. T. so einzig, daß wir den Gebrauch desselben hier nicht für zufällig halten können, son: dern als von Stephanus wirklich ursprünglich gebraucht und dem Kreis der alexandrinisch - philonischen Anschauungen entlehnt ansehen müssen. .

Auf alerandrinischer Anschauungsweise beruht es ferner, wenn Stephanus die Gotteserscheinungen, die Moses auf dem Sinai hatte 132), als Erscheinung eines Engels in der Feuerflamme erklärt und zwar wiederholt darauf zurückkommt, sowie er auch das Gesek durch Engel gegeben sein läßt 133).

Gerade auf die Sendung des Moses, den Gott den Vätern zum Führer und Erlöser aus Egyptenland sandte, legt Stephanus in seiner Strafrede das größte Gewicht, aber keineswegs in so flüchtiger Weise, wie es in der Rede des Paulus geschieht 134), und in ganz anderem Sinne, als von Paulus auf Moses der Ursprung des Gefeßes zurückgeführt wird. Dem Stephanus ist die Sendung und Bedeutung eine vorbildliche für die messianische Zeit, und in diesem Sinne geschieht es, daß er auf die Worte Mole's hinweist: Einen Propheten will ich euch auferwecken aus euern Brüdern, wie mich 135). Diesen Moses, durch dessen Hand Gott den Vätern Heil geben wollte, haben die Väter verleugnet; diesem Moses, den Gott zu ihrem Führer und Erlöser sandte durch die Hand des Engels, der ihm im Busche erschien, wollten eure Väter nicht gehorchen 136). Dieser Moses war in der Wüste in der Gemeinde mit dem Engel und empfing lebendige Worte, uns zu geben; ihr aber habt das GeTeß, das ihr empfinget, nicht gehalten (bewahret), weil ihr allezeit dem heiligen Geiste widerstrebet 187). Wie grundverschieden ist diese

182) 2 Mose 19. 24 u. 33. Die LXX sezen statt Gott in ihrer UeberTepung öfters Engel. Dähne a. a. D. II, S. 49.

138) 4. G. 7, 30. 35. 38. 53.
134) A. G. 13, 17 ff.
136) A. G. 7, 37 (5 More 18, 15).
136) A. G. 7, 25. 35. 39.
137) A. G. 7, 38. 53. 51.

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