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Anschauung von der des Paulus vom mosaischen Gefeß! Nach Paulus fehlt dem Adamssohne die Fähigkeit, das Geseß zu halten, das vielmehr um der Uebertretung willen gegeben worden ist und gerade die Sünde zum Bewußtsein bringen soll. Nach Stephanus wird es übertreten, weil die Uebertreter dem heiligen Geist widerstreben.

Die Uebertretung und das Widerstreben gegen den heiligen Geist ist aber noch eine andere, wodurch die vorbildliche Bedeutung, die Moses in der Anschauung des Stephanus erhält, erst in ihr rechtes Licht, in Beziehung auf den durch Jesus aufgehobenen Tempeldienst tritt. Gott hatte zu Moses gesagt, das Zelt des Zeugnisses zu machen, das die Väter in der Wüste hatten, nach dem Vorbilde, das er sah; und dieses Zelt nahmen die Väter auch an bis zur Zeit des David's, der da suchte, dem Hause Jakob ein Zelt (Wohnung) zu machen 136); Salomon jedoch baute ihm ein Haus, während doch der Höchste 139) nicht in Händewerken wohnt, wie der Prophet sagt 140) : welches Haus wollt ihr mir bauen und welches ist der Ort meiner Ruhe 141)? Ihr Halsstarrigen aber widerstrebt allezeit dem heiligen Geist 142). Der Tempelbau wird hier offenbar als eine Verirrung, als ein Abfall von dem göttlichen Gebote, das Mose erhalten habe, bezeichnet; und offenbar mit dem Nebengedanken, daß nun Jesus mit der Aufhebung des Tempeldienstes wieder dem göttlichen Gebote Genüge gethan habe. Der Ort143) der göttlichen Ruhe sollte vielmehr die Ges meinde Gottes sein, wie auch der Verfasser des Buches der Weisheit den Tempel Gottes auffaßt, den er seinen Davidssohn bauen läßt: Du gebotst mir zu bauen einen Tempel auf deinem heiligen Berge und in der Stadt deiner Wohnung einen Altar, ein Nachbild des heiligen Zeltes, das du von Anfang bereitetest 144). Und der Apostel Paulus selbst, angeregt durch die Rede des Stephanus, nahm eben diesen Gedanken auf, daß die Gemeinde ein Tempel Gottes oder des heiligen Geistes sei 145). Daß aber Stephanus dasselbe im Sinne hatte, wird auch durch die Worte angedeutet: Dieser Moses war in der Gemeinde in der Wüste mit dem Engel, der zu ihm redete auf dem Berg Sinai und eurer Väter, und welcher (Mose) lebendige Worte empfing, euch zu geben 146).

138) Wie diese Worte zu verstehen seien, darüber gibt uns die alerandrinische Bibelübersepung Aufschluß, aus deren Kenntniß auf die in der Rede des Stephanus vorkommenden Anschauungen und Redewendungen das überraschendste Licht fällt. Die LXX fügen in die Rede Salomon's bei der Tempelweihe (1 Könige 8, 53) folgende Worte ein: „Da redete Salomon über das Haus, als er vollendet hatte, es zu bauen; baue mir ein Haus, sprach Gott; ein Haus nämlich, wie es sich für dich (einen König) (chidt, zu wohnen bei der Neuheit. Siehe, ist diese nicht geschrieben im Buch der Gesänge?" Offenbar meint hier der Ueberseker den Anfang des vermeintlich davidischen Psalms 14 (15), 1: „Herr, wer wird wohnen in deinem Zelte? wer wird sich aufhalten auf deinem heiligen Berge?" Diese Psalmstelle hatte offenbar Stephanus bei seiner Bemerkung, David habe gesucht, dem Herrn ein Zelt zu machen, im Sinne. Verstand man nun den Psalm messianisch, so konnte eine so fünstliche und geschraubte Eregese, wie sie die Alesandriner übten, darin statt des sichtbaren salomonischen Tempels einen höhern und wahrern Tempel erbliden, worin Gott im Herzen der Gemeinde wohnend gedacht wurde.

139) Auch die Bezeichnung Gottes als des Höchsten ist alexandrinisch und vorzugsweise den (alerandrinischen) Apofryphen eigen. Bgl. Dähne, die alexandrinische Religionsphilosophie II, S. 187. 190. 120.

140) Jesaias 66, 1.

141) Auch das Wort „Ruhe“, von Gott gebraucht, ist ein Lieblingswort der Alexandriner und begegnet uns im Hebräerbrief wieder, der gleichfalls unter alesandrinischem Einfluß entstand.

Unterliegt es hiernach feinem Zweifel, daß wir in Stephanus einen Repräsentanten der aleșandrinisch-juden christlichen Grundrichtung des urchristlichen Geistes zu erkennen haben, so begegnet uns ein anderer Vertreter dieser Richtung in dem bereits oben erwähnten Alerandriner Apollos, welcher in der forinthischen Gemeinde zahlreiche Anhänger fand und gegen dessen alerandrinische Weisheitslehre Paulus im ersten Korintherbrief polemifirt. Denn daß die lange Abhandlung über wahre und falsche Weisheit auf Paulus in seinem Berhältniß zu Apollos innerhalb der forinthischen Gemeinde zu beziehen ist, würde, auch wenn es Paulus nicht ausdrücklich andeutete 147), schon aus dem einen Umstande mit Sicherheit geschlossen

142) A. G. 7, 44 ff. 51.

143) Wir dürfen hierbei auch an die alerandrinische Bedeutung des Wor: tes „Ort“ denken, wonach dasselbe zur Bezeichnung des göttlichen Logos dient. Marbach, Geschichte der Philosophie II, S. 31 f.

144) B. d. Weisheit 9, 8 (Worte, die eine Reminiscenz an Psalm 14 (15), 1 enthalten. Vgl. Hebräer 8, 5.

145) 1 Korinther 6, 9–20. Philon nennt den göttlichen Logos selbst bisweilen „Haus“ oder „Tempel“ Gottes. Marbach a. a. D. II, S. 31 f. werden dürfen, daß Paulus für eine solche Weisheitelehre, wie er fie im Gegensaß zu Apollos aufstellt, in den Grenzen seines eignen pharisäisch-christlichen Lehrbegriffs sonst gar keinen Platz hat, indem diese Anschauung von der göttlichen Weisheit weder im Galater: noch im Römerbrief vorkommt und im Korintherbrief eben nur durch die Opposition gegen den alerandrinisch - judenchriftlichen Weisheitslehrer Apollos herbeigezogen worden ist.

146) A. G. 7, 38. 147) 1 Korinther 4, 6.

Aus den Angelpunkten, um welche sich diese Opposition des Paulus bewegt, und aus der Hervorhebung derjenigen Lehrpunkte, auf die sich seine eigne evangelische Verkündigung im Unterschied von der des Apollos fixirte, dürfen wir einen Rückschluß auf die Beschaffenheit der leßtern machen. Tritt nun die eigenthümliche Grundlehre des Paulus, die Rechtfertigung durch den Glauben, die im Galaterbrief und im Römerbrief recht eigentlich im Brennpunkt der Erörterungen des Apostele stand, in den beiden Forintherbriefen nicht nur in den Hintergrund zurück, sondern geschieht ihrer darin gar keine Erwähnung, auch nicht einmal in gelegentlicher Andeutung; so dürfen wir daraus den Schluß ziehen, daß in der Lehrverkündigung, die der Alerandriner Apollos unter den storinthern vorgetragen hatte, die Rechtfertigung aus dem Glauben mit fammt der ganzen pharifäischen Grundlage, auf der sie ruhte, um so weniger eine Stelle gefunden hatte, als eben die pharisäische Dogmatik dem alerandrinischen Judenthum ganz und gar fremd war.

War bei den alerandrinischen Judenchristen die Bezeichnung Jesu als des Gerechten ohne Zweifel die stehende geworden 148), so wird sich derselben auch Apollos in seinen Vorträgen bedient haben. Brachte er nun aber damit die alegandrinischen Anschauungen vom Logos und der Weisheit etwa in der Weise in Verbindung, wie Paulus selbst, in seiner Weise auf die Anschauungsweise der Apolliften in Korinth eingehend und sich ähnlicher Redewendungen bedienend, von Christu sagte, er sei Gottes Straft und Weisheit und von Gott uns zur Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligkeit und Erlösung geworden 149); fo begnügte sich doch Paulus nicht damit, daß er, um die Apollisten für sich zu gewinnen, sich ähnlicher Wendungen alerandrinischer Weisheitslehre bediente, sondern er hebt zugleich entschieden

146) B. d. Weisheit Op. 2. A. G. 7, 52.
149) 1 Korinther 1, 24, 30.

hervor, daß sein Logos und seine Verkündigung nicht in überredenden Logen der Weisheit, sondern in Bemeisung des Geistes und der Kraft bestehe, daß er zur Verkündigung des Zeugnisses Gottes nicht nach dem Borzug des logos oder der Weisheit zu ihnen kam und nicht geglaubt habe, unter ihnen etwas zu wissen, außer Jesum Christum, und zwar den Gekreuzigten 150). Er fürchtete von der Lehrverkündigung des Apollos, daß durch die Weisheit des Los gos das Kreuz Christi leer (d. h. bedeutungslos) gemacht werde; und wir müssen daraus schließen, daß in der Lehrverkündigung des Apollos der Tod Christi nicht die hohe Bedeutung im Mittelpunkt der ganzen Heilspredigt, wie bei Paulus, gehabt habe. Hatte Apollos in der Weise und aus dem Anschauungskreis des Buches der Weisheit heraus die göttliche Weisheit mit Jesus als dem rechten und ächten Salomon in die innigste Verbindung gebracht, so weist nun Paulus seinerseits darauf hin, daß auch Er Weisheit rede unter den Vollkommenen, aber nicht Weisheit dieses Aeons und der Herrscher dieses Aeons, welche verabsäumt werden, sondern die im Geheimniß verborgene Weisheit Gottes, welche Gott vor dem Aeon verordnet hat zu seiner Herrlichkeit, welche keiner der Herrscher dieses Aeons erkannt hat; denn hätten sie dieselbe erkannt, so würden sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt haben. Wo ist ein Weiser ? wo ein Schriftgelehrter? Wo ein Mitforscher der Weisheit der Welt? Denn nachdem in der Weisheit Gottes die Welt Gott nicht erkannte durch Weisheit, gefiel es. Gott, durch die Thorheit der Verkündigung

nämlich den gekreuzigten Christus den Glaubenden das Heit zu bringen 151). Drum wenn Einer unter Euch glaubt weise zu sein in diesem Aeon, so werde er ein Thor um Christi willen, denn die Weisheit dieser Welt ist Thorbeit bei Gott; und was ich rede, rede ich nicht in gelernten Worten menschlicher Weisheit, sondern des Geistes; ich will kommen und lehren nicht den Logos der Aufgeblasenen, sondern die Kraft; denn nicht im Logos stehet das Reich Gottes, sondern in Kraft. Alle haben wir Erkenntniß (Gnosis 152); ihr sollt zwar wissen, daß unsere Väter alle unter der Wolke waren und durch's Meer gingen und alle auf Mose getauft wurden in der Wolfe und im Meer und alle dieselbe geistige Speise gegessen und denselben geistigen Trunk getrunken haben von dem geistigen Fels, der da Christus ist 153); aber nicht an den Meisten hatte Gott Wohlgefallen 154).

150) 1 Korinther 2, 1 ff. 151) 1 Korinther 2, 6–8, 1, 20 f. 102) 1 Korinther 3, 13 f. 18. 4, 19. 8, 1.

Hatte Apollos unter den forinthern den göttlichen Logos mit der Person und Sendung des Messias in eine ähnliche Verbindung gebracht, wie der Verfasser des Buches der Weisheit die göttliche Weisheit mit ihrem Liebhaber, der sie zur Genossin wählt; so for: dert Paulus die Korinther auf, nicht in's Leere die Gnade Gottes anzunehmen, denn Gott habe den Logos der Versöhnung unter ihnen aufgerichtet, und er sei nicht von denen, die den Logos Gots tes verfälschen 155); obgleich ihn Etliche schäßten, als wandle er nach dem Fleich, in fleischlicher Weisheit, so seien doch die Waffen seines Kampfes nicht fleischlich, sondern mächtig für Gott zur Vertilgung der Gedanken (Logismen) jeder Erhöhung, die sich wider die Erkenntniß Gottes erhebt, und es verschmäht, den Berstand zum Gehorsam des Glaubens gefangen zu nehmen 156).. Auch mit den leßten Worten kämpft Paulus gegen den Standpunkt der aleșandrinisch-jüdischen Weisheit, der Apollos huldigte, sofern dieselbe den höchsten Gott als für die menschliche Erkenntniß schlechthin unerreichbar bezeichnete und das Wesen des göttlichen Logos wiederum in zahlreiche einzelne Los gen oder göttliche Gedanken als göttliche Kräfte unterschied, als des ren Mutterstadt“ der Logos felbft angeschaut wurde.

Hätte und die Geschichte auch nur das geringste urkundliche Zeugniß der Lehrweise des Aleșandriners Apollos in Korinth übers liefert, so würde es möglich sein, die Opposition des Paulus gegen dieselbe in den vier ersten Capiteln des ersten Korintherbriefes bis in die feinsten Züge und Einzelheiten nachzuweisen, worin wir pos lemische oder umdeutende Anspielungen auf die Weisheits- und Los goslehre des Apollos zu erkennen glauben. Bei dem Mangel aller folder urkundlichen Nachrichten über den Lehrbegriff des merkwürdis gen Mannes müssen wir uns mit den gegebenen Andeutungen begnügen.

153) B. d. Weisheit Op. 11 u. 16—19. 154) 1 Korinther 10, 1-5. 155) 2 Korinther 6, 1. 5, 19. 2, 17. 4, 2. 156) 2 Korinther 10, 2 ff. vgl. 1, 12. 1 Korinther 14, 37.

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