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Die Opposition des Paulus gegen die in die torinthische Gemeinde eingedrungene alerandrinische Weisheitslehre rief jedoch aus dem Lehrkreis der leßtern eine Gegenopposition hervor, von welcher uns im N. T. ein merkwürdiges Denkmal erhalten ist im sogenannten Briefe des Jakobus. Dieser Brief wird zwar durch die vorausgeschidte briefliche Grußformel: Jakobus, Gottes und des Herrn Jesus Christus Anecht, an die zwölf Stämme in der Zerstreuung seinen Gruß, als eine Schrift des Jakobus bezeichnet, unter welchem nicht der unter Herodes Antipas, also vor dem Jahre 44 hingerichtete Jatobus, sondern der jüngere Jakobus, ein Bruder des Herrn, gemeint wurde, welcher in der Gemeinde zu Jerusalem neben Johannes und Petrus in hohem Ansehen stand 257) und zur Zeit des jüdischen Kriegs den Märtyrertod starb. Diese Grußesformel zur Bezeichnung des Verfassers kann jedoch keinen Grund für uns abgeben, dem Briefe einen andern geschichtlichen Ursprung beizulegen, als dies durch den Inhalt und die Eigenthümlichkeit des Briefes selbst gefordert wird. Ursprünglich ohne Bezeichnung des Verfassers an den Ort seiner Bestimmung geschickt, konnte die Namenlosigkeit desselben später Veranlassung geworden sein, ihn einem Verfasser beizulegen, zu dessen sonsther bekannter Denkweise der Inhalt des Schreibens zu passen schien, und gerade den später so hoch gefeierten Vorsteher der jerusalemitischen Gemeinde zu wählen, dazu lagen in dem Inhalte des Briefes manche Veranlassungen, die freilich für einen aufmerksameren Leser verschwinden. Schon in der alten Kirche wurde die Abfassung des Briefes durch Jakobus bezweifelt;' Eusebius zählt ihn zu den widersprochenen Schriften des X. I. und bemerkt, daß nicht viele von den Alten seiner Erwähnung thäten; Jrenäus kennt ihn, ohne ihn jedoch als eine kanonische Schrift zu nennen, und Hieronymus führt an, daß behauptet werde, ein Anderer habe ihn unter dem Namen des Jakobus geschrieben, und Theodor von Mopsueste verwarf ihn ganz und gar 158). Nun geht aber aus dem „ Hirten des Hermas“, einer zu Anfang des zweiten Jahrhunderts verfaßten Schrift von verwandter Geistesrichtung, eine Bekanntschaft mit dem Inhalt des Briefes hervor 159), und weist überdies die ganze

187) Galater 1, 19. 2, 9. A. G. 12, 17. 15, 13. 21, 18 ff.
158) Die Belege bei Schwegler, das nachapostolische Zeitalter I, S. 416.
169) Vgl. Schwegler a.' a. D. S. 335 u. 340 f.

Haltung und Individualität des Schreibens so unverfennbar auf bestimmte apostolische Gemeindeverhältnisse, aus denen allein es sich genügend erklärt, daß die Abfassung desselben in der apostolischen Zeit 160) nicht wohl bezweifelt werden kann.

Das Schreiben entbehrt nämlich keineswego, wie von der neuein Kritik behauptet wird, einer bestimmten und charakteristischen Individualität und bestimmten geschichtlichen Veranlassung, durch welche seine Abfassung motivirt worden ist; die einzelnen Beziehungen und individuellen Züge des Inhaltes sind im Gegentheil so bestimmt und eigenthümlich gehalten, daß damit gerade die Ueberschrift des Briefes, sowohl was die Bestimmung des Jakobus als Verfassers, als auch die Bestimmung der Leser als Solcher, die über den ganzen hellenis stischen Weltkreis zerstreute Juden wären, betrifft, in keiner Weise zu vereinigen ist und schon hieraus die Ueberschrift als eine von späterer Hand hinzugefügte sich zu erkennen gibt. Es wird nämlich in dem Briefe ausdrücklich ausgesprochen, daß sich die leser in einer besondern Lage befanden, Anfechtungen zu Verführung zu erduiden hatten und an ganz bestimmten Gebrechen litten 161), daß es offenbar nur der größten Willkür und Oberflächlichkeit bei der Auffassung des Briefes beikommen kann, dieselben Zustände bei allen judenchristlichen Gemeinden außerhalb Palästinas, bei den zwölf Stämmen in der Zerstreuung gleichmäßig vorauszuseßen.

Die Ermahnungen des Briefes verseßen uns in so auffallender Weise in die verwickelten und schwierigen Zustände der forinthischen Gemeinde gerade zu der Zeit, als Paulus seine Briefe an dieselben richtete 162), daß wir nur die Korinther als die Leser denken können, für welche der Verfasser sein Schreiben bestimmt hatte. Wir sehen den Verfasser wiederholt gegen die Reichen sich aussprechen und das gegen die Armen hervorheben 163), was ganz auf eine Gemeinde, wie die der reichen Handelsstadt Korinth, paßt, wo neben den ärmern Judenchristen zahlreiche Heidenchristen lebten, auf welche die Vorwürfe der Verweltlichung, des Hochmuths, der Härte und Lieblosigkeit, die ihnen der Verfasser macht, vollständig passen. Ein Bruder, der nies drig ist, rühme fich seiner Höhe; der Reiche aber rühme sich seiner Niedrigkeit, denn wie eine Blume des Grases wird er vergehen und mit seiner Habe verwelken 164). Der Verfasser wirft den Lesern vor, daß fie in ihren Versammlungen dem Reichen vor dem Armen einen Vorzug gäben, die Person ansähen und einen schlechten Unterschied machten. Hat nicht Gott die Armen nach der Welt fich erwählt zu Reichen im Glauben und zu Erben seines Reiches, daß er denen ver: heißen hat, die ihn lieben? Ihr aber habt den Armen Unrecht ges than; sind es nicht die Reichen, die Gewalt an euch üben und euch vor Gericht ziehen 165)? verlästern nicht sie den schönen Namen, der auf euch herabgerufen ist? Wenn ihr das königliche Geseß der Liebe des Nächsten vollendet, so handelt ihr recht; wenn ihr aber die Berson ansehet, To thut ihr Sünde und werdet vom Geseß als Uebelthäter überführt. Ein unbarmherziges Gericht aber wird über den ergehen, der nicht Liebe geübt hat, denn die Liebe rühmt fich wider das Gericht 166). Wohlan, ihr Reichen, weinet und heulet über euer bevorstehendes Elend; euer Reichthum ist verfault, eure Kleider von Motten gefressen, euer Gold und Silber verrostet und ihr habt euch Schäße gesammelt in den leßten Tagen; ihr habt wohlgelebt auf Erden und eure Wohllust gehabt und eure Herzen geweidet wie auf einen Schlachttag, habt den Gerechten verurtheilt und getödtet und er widersteht euch nicht 167).

160) Auch die Bezeichnung der Synagoge als Versammlungsort der Gemeinde (2, 2, 5, 14) beweist die Abfassung des Briefes im apostolischen Zeitalter, da eben dieses den spätern Gegensaß zwischen „Gemeinde“, und „Synagoge“, noch nicht kennt und beide als gleichbedeutend gebraucht. Auch die Art und Weise, wie der Verfasser die Parusie des Herrn als eine ganz nahe voraussekt und den Richter schon vor der Thür sieht (5, 3. 7. 9) weist auf die apostolische Zeit, in welcher noch keine Spur von Zweifeln und Bedenten über das lange Ausbleiben Christi vorhanden war.

161) Jakobus 2, 1 ff. 3, 1 ff. 13 f. 4, 1 ff. 13 ff. 5, 14.
162) Putterbed, die neutestamentlichen Lehrbegriffe II, S. 53.

163) Jakobus 1, 9 f. 2, 2 ff. 4, 13 ff. 5, 1 ff.
164) Jakobus 1, 9–11.

165) Aehnliches erwähnt auch Paulus 1 Korinther 6, 2 ff.; nur stellt er es unter einen andern Gesichtspunkt, er tadelt, daß man diese Gerichtshändel vor heidnische Richter ziehe.

166) Jakobus 2, 2—12. Wie man in dieser Forderung der Liebe (ĚLEOS, als Nächstenliebe), die durch den ganzen Zusammenhang auf das gerügte lieblose Verhältniß zwischen den Reichen und den Armen in der Gemeinde fich bezieht, eine einseitig judenchristliche Werthlegung auf Wohlthätigteit hat finden können, erklärt sich nur aus dem dogmatisch befangenen Streben, in dem Briefe mit aller Gewalt eine bestimmte judenchristliche Parteischrift zu finden.

167) Jakobus 5, 1–6.

Daß es Reiche gab unter den Mitgliedern der forinthischen Ges meinde, geht aus der Art und Weise hervor, wie sich Paulus in Bezug auf die Collecte ausspricht, die er dort zu sammeln gedenkt 168). Daß nun bei den Versammlungen der Gemeindeglieder zum Begehen gemeinschaftlicher Mahlzeiten allerlei Unordnungen vors kamen, indem ein jeder sein eignes Mahl vorweg einnahm beim Essen, sodaß der Eine Hunger litt, der Andere trunken ward und diejenigen beschämt wurden, die Nichts hatten 169), ist natürlich. Darum, so ermahnt der Apostel die Korinther, wenn ihr zusammenkommt zu essen, so warte Einer auf den Andern, und wenn Jemanden hungert, der esse daheim, auf daß ihr nicht zum Gericht 170) zusammenkommt 171).

Der Verfasser des Jakobusbriefes kämpft gegen Wolüste und Ehebrecher innerhalb der Gemeinde seiner Leser und fordert Reuschheit und Reinheit; auch Paulus spricht denselben Tadel gegen die Korinther aus, in deren Mitte Hurerei und Ehebruch fich finde, und fordert sie auf, sich von aller Befledung des Geistes und Fleisches zu reinigen und fortzufahren in der Heiligung, da ihr Leib ein Tempel Gottes sei 172).

Der Verfasser des Jakobusbriefes ermahnt seine Leser, nicht wider einander zu reden, daß nicht ein Bruder den andern richte, wider das Geset rede und das Geset richte, da sie Thäter und nicht Richter des Gesebes sein sollten; ganz ähnliche Erörterungen finden sich im ersten Korintherbriefe: wenn wir uns selber richten, so werden wir nicht gerichtet; wenn wir aber gerichtet werden, so werden wir vom Herrn gezüchtigt, auf daß wir nicht mit der Welt verurtheilt werden 173). Daß Zank und Streit und Unordnungen und im Gefolge derselben alles mögliche Uebel in die Gemeinde gekommen sei, hebt der Verfasser des Jakobusbriefes hervor; von Spaltungen, Eifer, Zank und Zwietracht unter den Korinthern 174) spricht auch Paulus. Der Verfasser

168) 2 Korinther 8, 14.
169) 1 Korinther 11, 18—22. 30.

170) Jakobus 2, 4: indem ihr die Person ansehet und bei euern Zusammenkünften dem Reichen vor dem Armen einen Vorzug gebt, werdet ihr Richter schlimmer Unterscheidungen.

171) 1 Korinther 11, 33 f.

172) Jakobus 4, 1 ff. 3, 17. 1, 21. 3, 6. Verglichen mit 1 Korinther 5, 1. 10. 6, 9 u. 13. 18 ff. 2 Korinther 7, 1.

173) Jakobus 4, 11 f. 1 Korinther 11, 37 f..
174) Jakobus 3, 16 f. 4, 1 ff. 1 Korinther 1, 10 ff. 3, 3 ff.

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2r Band.

des Jakobusbriefes und nicht minder der Apostel Paulus tadeln es an ihrer Gemeinde, daß Jedermann Lehrer sein wolle 175); jener er: mahnt seine Leser wiederholt, die Zunge im Zaum zu halten, auf daß sie kein Uebel anrichte, und Paulus kämpft gegen den Mißbrauch und das Uebermaß des Zungenredens 176). Auch von Versuchungen oder Anfechtungen, welche die Gemeinde zu erdulden habe, reden beide, ohne daß man freilich erfährt, worin diese Versuchungen bes standen haben 17+). Und wenn endlich unter den Geistesgaben, deren Wirksamkeit er in der forinthischen Gemeinde zu ordnen und zu regeln sucht, auch die Gabe, gesund zu machen, fich findet, die nicht Jedem gegeben sei; so scheint auch der Verfasser des Jakobusbriefes etwas Aehnliches, ein verkehrtes Sichdrängen einzelner Gemeindeglieder zur Ausübung der Heilgabe, im Auge zu haben, wenn er dazu ermahnt, wenn Jemand krank sei, so solle er die Aeltesten der Ge: meinde zu sich rufen und sie über sich beten lassen, da des Gerechten ernstliches Gebet viel vermöge178).

Stimmen nun die vom Verfasser des Jakobusbriefes im Gemeindekreis seiner Leser angedeuteten und vorausgeseßten Verhältnisse in überraschender Weise mit den von Paulus geschilderten Verhält: nissen der forinthischen Gemeinde überein; so weist uns auf der andern Seite die Opposition des Briefes gegen die paulinische Recht: fertigungslehre ebenfalls auf eine Gemeinde, in welcher die paulinische Auffassung des Christenthums Eingang gefunden hatte, einer Gemeinde jedoch, mit deren Verhältnissen der Verfasser nicht etwa aus der bloßen Lectüre der paulinischen Korintherbriefe, sondern nur aus eigner Anschauung und Erfahrung bekannt geworden sein konnte; denn jene überraschende Uebereinstimmung der Gemeindeverhältnisse bei den Lesern des Jakobusbriefes mit der paulinischen Schilderung in den Korintherbriefen ist doch wieder bei jedem von beiden unterscheidend individuell bestimmt. Der Verfasser des Jakobusbriefes hat unverkennbar die Absicht, bei seinen Lesern die paulinische Lehre von der

176) Jakobus 3, 1 f. 1 Korinther 3, 3 F. 12, 28 ff.
176) Jakobus 1, 26. 3, 5 f. 1 Korinther 14, 4 ff. 20 ff. 39 f.

177) Jakobus 1, 2. 12. 1 Korinther 10, 12 f. 2 Korinther 1, 4. 6. In beiden Briefen liegt es nahe, an das Treiben des Magiers Simon zu denken, worauf namentlich die Schlußermahnung des Jakobusbriefes (5, 19 f.) vortrefflich paßt.

176) 1 Korinther 12, 9. 28. 30. 5, 14 ff.

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