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Kaiser das Neue Testament vor Augen gehabt, so haben es die gefeiertsten Kirchenlehrer der damaligen Zeit gelesen.

Und zu diesen Handschriften in der Originalsprache der Apostel kommt noch zweierlei, wodurch wir gleichfalls die älteste Textgestalt des Neuen Testaments kennen lernen. Schon im zweiten und dritten Jahrhundert nämlich wurde der griechische Text ins Lateinische, ins Syrische, ins Koptische übertragen. Diese Uebersetzungen besitzen wir gleichfalls noch. Die früheste lateinische Uebersetzung dies ist aber nicht die päpstliche Vulgata wurde, namentlich von den Evangelien und den Paulinischen Briefen, bald nach dem Jahre 150 der christlichen Zeitrechnung unternommen: daraus tritt uns also der Text vor Augen, wie er in der Mitte des zweiten Jahrhunderts aus der griechischen Mutterkirche in lateinische Hände gekommen ist. Zu derselben Zeit aber, von der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts an, bildete sich auch eine reiche christliche Literatur: rechtgläubige Kirchenväter so gut wie Gegner des kirchlichen Dogmas, sogenannte Häretiker, ja auch entschiedene Feinde des Christenthums, haben eine grosse Zahl von Schriften verfasst, in welche sie an unzähligen Stellen den Text des Neuen Testaments, so wie sie ihn zu ihrer Zeit vorfanden und in Gebrauch hatten, eingetragen haben.

Es ist klar dass wir aus allen diesen Quellen eine umfassende Kenntniss von dem Texte der Evangelisten und Apostel gewinnen wie derselbe im zweiten, dritten, vierten Jahrhundert innerhalb der ganzen Kirche verbreitet war.

Diesen Betrachtungen zufolge muss es aber auch möglich sein, eine Antwort auf die Frage zu geben: Haben wir heutzutage den Text der Evangelisten und Apostel so in Gebrauch, wie ihn diese heiligen Männer im ersten Jahrhundert verfasst haben? Mit den letzten Worten ist freilich zu viel gesagt, wenn wir recht vorsichtig sein wollen; denn die uns zu Gebote stehenden bestimmten Nachweise über den ältesten Text reichen nicht bis

auf die Originale selbst zurück, so dass wir an Textdokumenten des ersten christlichen Jahrhunderts unsere heutigen Bibelausgaben messen könnten. Doch ist eins unzweifelhaft: der Text der nachweislich im zweiten Jahrhundert gelesen und verbreitet war, lässt sich mit grösserem Rechte als Repräsentant des ächten ursprünglichen Textes betrachten, als derjenige den wir erst aus dem Gebrauche späterer Jahrhunderte nachweisen können.

Welchen Text hat denn nun die Kirche der Gegenwart in Gebrauch? und welche Gewähr haben wir für die Aechtheit, die unverfälschte Reinheit desselben?

Der verbreitetste deutsche Text des Neuen Testaments ist der von Luthers Hand der evangelischen Gemeinde, der christlichen Kirche dargebotene. Diesem Texte entspricht fast ganz auch der autorisirte Text der anglikanischen oder englischen Kirche, sowie derjenige anderer protestantischer Länder, und nicht minder der Text der orthodoxen Kirche, also der in der Kirche Russlands und im griechischen Oriente gebräuchliche. Woher stammt dieser Text?

Die Grundlage, die Quelle desselben ist derjenige griechische Text, den Erasmus, der grosse Humanist des sechzehnten Jahrhunderts, seit 1516 wiederholt herausgegeben; geschöpft hat er ihn aus einigen wenigen griechischen Handschriften des fünfzehnten und der nächstvorhergehenden Jahrhunderte, wie sie dem Herausgeber in Basel eben zur Hand waren.

Erasmus hatte keine Kenntniss vom Alter der Handschriften, noch davon wie sich ältere und neuere Handschriften zu einander verhielten; ebenso wenig hatte sie Dr. Luther: es gereichte ihm schon zur besonderen Genugthuung, dass er nicht nach den lateinischen Quellen der römisch-katholischen Kirche, sondern nach dem Griechischen, der Originalsprache der Apostel, seine Uebersetzung des Neuen Testaments verfasste. Seit jener

Zeit aber es sind beiläufig 350 Jahre ist hierüber ein ganz anderes Licht gewonnen worden. Es sind, wie schon angedeutet wurde, unter den noch vorhandenen vielen griechischen Handschriften des Neuen Testaments, die Entdeckungen der letzten zwanzig Jahre eingerechnet, mehr als fünfzig zwischen dem vierten und neunten Jahrhundert niedergeschriebene aufgefunden worden; und die alten Uebersetzungen der ersten drei, vier Jahrhunderte, sowie die Citate der alten Schriftsteller, beiderseits erst lange nach Erasmus und Luther reichlicher und gründlicher behandelt und erforscht, stehen den griechischen Handschriften ebenbürtig zur Seite. Aus der kritischen Untersuchung aller dieser Textesquellen ergibt sich nun, dass es wenig Verse im Neuen Testamente gibt die überall ganz gleichmässig gelesen wurden. Die Zahl aller Verschiedenheiten, worunter allerdings bei weitem die meisten nur sprachliche Bedeutung haben, übersteigt weit die Zahl von dreissigtausend. Vergleichen wir aber mit den alten Urkunden den jetzt allgemein in der Kirche verbreiteten Text, so muss zunächst anerkannt werden, dass die Handschriften des Erasmus, so jung sie waren, im Grossen und Ganzen denjenigen Text wiederholten, der schon seit vielen Jahrhunderten im byzantinischen Reiche, in der byzantinischen Reichskirche der herrschende war. Dem gegenüber freilich steht das weitere Resultat, dass dieser byzantinische Text an einigen tausend Stellen durch die noch älteren Zeugnisse, die vom zweiten und den nächstfolgenden Jahrhunderten, so gut wie nicht bestätigt wird, ja dass selbst innerhalb der letzteren selbst, der Zeugnisse vom zweiten bis fünften Jahrhundert, keine geringe Verschiedenheit vorliegt. Hiernach ist der Neutestamentliche Text schon in den ersten Jahrhunderten seines Bestehens vielfachen Entstellungen verfallen, eine Annahme, die bereits im vierten Jahrhunderte von Hieronymus, dem von Papst Damasus beauftragten Verbesserer der alten lateinischen Bibeltexte, getheilt und offen

ausgesprochen worden ist. Nach meiner eigenen Ueberzeugung gehen diese Entstellungen sogar allermeist aufs erste und zweite Jahrhundert zurück. Mag dies immerhin in gewissem Sinne eine bedauerliche Thatsache sein, so hat sie doch auch eine sehr willkommene wichtige und zwar apologetische Seite. Die Textentstellungen vom frühesten Datum beziehen sich nämlich ganz besonders auf unsere vier Evangelien. Wenn sich nun darthun lässt, das schon um die Mitte des zweiten Jahrhunderts der Text der Evangelien vielfach entstellt vorlag, so musste derselbe damals bereits durch viele Hände gegangen sein, die Zeit der Abfassung der Evangelien selbst aber muss viel früher fallen. Will man dennoch annehmen dass diese Schriftwerke nicht früher als im 2. Jahrhundert erst verfasst worden seien, was in der That von manchen negativen Kritikern behauptet wird, so ist das keine kühne historische Forschung, sondern die augenscheinlichste Unkritik.

Haben wir aber eine Erklärung für diese so frühzeitige Vielgestaltigkeit des heiligen Textes? Vor der Erklärung gedenke ich der interessanten Analogie, die uns der Koran bietet. Schon im zwölften Jahre der Hedschra nämlich, als Abu Bekr die verschiedenen Bestandtheile des Koran sammeln liess, fanden sich so viele verschiedene Lesarten vor, dass er sie in sieben Klassen eintheilte. Die Folge davon war dass bald genug Streitigkeiten unter den arabischen Gelehrten über den ächten Text ihres Propheten ausbrachen. Was geschah zur Entscheidung darüber? Zwanzig Jahre später liess der Kalif ein Normalexemplar zusammenstellen und alle abweichenden Exemplare vernichten. Dies Verfahren war wenigstens des Schwertes würdig, dem der Islam seine Siege verdankte.

Legen wir uns hierauf die Frage wieder vor, was die Beeinträchtigung der Textesreinheit unserer heiligen Bücher veranlasst haben mag, so reicht es nicht hin auf die allgemeinen Ursachen hinzuweisen, deren wir vorher gedacht

haben. Vielmehr kommt dazu dass man diese Schriften von Anfang an nicht als Literaturwerke ansah, deren Buchstäblichkeit den höchsten Werth habe. Sie gingen in die christlichen Gemeinden aus, und mancher glaubte, namentlich bei den Evangelien, seinerseits eine Nachhilfe anwenden zu dürfen, sei es durch Erweiterung und Zusätze oder durch Verbesserungen. Man passte die eine Stelle der andern an und erlaubte sich ähnliches: alles im vermeintlich frommen Eifer. Auch dogmatische Willkür trat hinzu, sowie die Macht der mündlichen Tradition. Und dies geschah in derjenigen frühen Zeit, wo die junge Kirche bei ihrer Zerstreuung in viele Länder noch keine strengere Controle über dergleichen üben konnte, um so weniger als die Neutestamentlichen Schriftexemplare sogar Gegenstand feindlicher Verfolgung waren. Als man später Einsicht von der Eigenwilligkeit gewann, die hier obgewaltet, war es zu spät und auch zu schwer, den Schaden völlig wieder auszugleichen. Durch die Erhebung des Christenthums zur Staatsreligion änderten sich allerdings die Verhältnisse auch in dieser Beziehung. Und es war ein Ergebniss der allmäligen staatsmässigen Organisation der Kirche selbst, dass sie über das heilige Eigenthum, das ihr in den apostolischen Schriften gegeben war, erfolgreicher wachte. Doch wurde der Vielgestaltigkeit der Texte nur insofern entgegengearbeitet, als der kirchlich angewandte Text von da ab eine gewisse Gleichmässigkeit annahm, wie in der griechischen, so in der lateinischen Kirche, ohne dass jedoch gerade für diese Textesform eine besondere wissenschaftliche Berechtigung vorlag. Eben desshalb ist es von geringem Belang, dass die späteren Handschriften, die vom zehnten bis zum fünfzehnten, sechzehnten Jahrhundert, in grosser Zahl übereinstimmen; auch der im sechzehnten Jahrhundert daraus gedruckt hervorgegangene Text hat damit, d. h. mit der Ueber

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