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einstimmung so vieler späterer Handschriften, nichts weniger als eine Bürgschaft für seine Aechtheit erhalten.

Was die römisch-katholische Kirche anlangt, so bemerke ich dass die päpstliche officielle Redaction der lateinischen Bibel am Ausgange des sechzehnten Jahrhunderts nicht einmal, wie sie doch ausdrücklich vorgab, der Arbeit des Hieronymus aus dem Ende des vierten Jahrhunderts gewissenhaft treu geblieben', noch viel weniger über Hieronymus hinaus auf die ältesten lateinischen Urkunden zurückgegangen ist.

Ist nun aber bei diesem Stande der Sache ruhig zu beharren, trotz des Bewusstseins, dass wir mit unserem Texte des Neuen Testaments nur der kirchlichen Gewohnheit, nur dem Herkommen, wenn auch immerhin einem alten Herkommen folgen? Nein, das glaub ich nicht. Auch ein tausendjähriger Irrthum bleibt Irrthum und hat kein Recht über die Wahrheit. Es gilt hier Tertullians mannhaftes Wort: Christus hat sich nicht die Gewohnheit, sondern die Wahrheit genannt," mag sich auch ein hundertjähriger Irrthum, dergleichen zur Zeit des

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1 Dass dem so sei, stellen die beiden ältesten Handschriften der Vulgata, der Codex Amiatinus, ums Jahr 541 geschrieben, und der Fuldensis vom Jahre 546, ausser Zweifel. Den ersteren, Eigenthum der Mediceischen Bibliothek zu Florenz, hab ich selbst 1843 in meine Papiere eingetragen und daraus 1850 wortgetreu veröffentlicht; den andern, durch den Bischof Victor von Capua eigenhändig revidirt, gab 1868 Prof. Ernst Ranke zu Marburg heraus. Als ich im Jahre 1843 mit Papst Gregor XVI. über die dokumentliche Reform der Bibeltexte sprach, wobei mir der würdige Greis erzählte dass er einst selber dergleichen Arbeiten über den hebräischen Text in Anregung gebracht hatte, fand derselbe meinen ihm gedruckt vorliegenden Grundsatz, dass die ältesten Handschriften des Hieronymus die erste Autorität für die Wiederherstellung des Hieronymus-Textes, also auch der Vulgata, bilden müssen, ganz nach seinem Sinne. Der Codex Amiatinus weicht aber von der autorisirten Vulgata an vielen hundert Stellen ab, worunter auch jene berühmte Stelle 1 Joh. 5, 7 u. 8, der eine so grosse dogmatische Bedeutung zugeschrieben wird.

grossen Afrikaners vorlagen, leichter als solche von tausendjährigem Bestande berichtigen lassen. Der Protestantismus besitzt gegenüber der römischen Traditionskirche sein wahres Palladium an der Schrift: ihm vor allen muss daher an der Aechtheit und Richtigkeit des Textes der Schrift gelegen sein. Die Wiederherstellung des heiligen Textes mit allen Mitteln der Wissenschaft anzustreben, das ist eine der höchsten Aufgaben des Protestantismus.

In dieser Ueberzeugung hab ich selbst seit zwei und dreissig Jahren meine beste Kraft an die Lösung eben dieser Aufgabe gesetzt. Zuvörderst galt es neue gründliche Quellenstudien. Ich verwandte daher einen Zeitraum von neun Jahren auf Reiseforschungen: sämmtlichen ältesten griechischen Handschriften, zerstreut auf den europäischen Bibliotheken, widmete ich eingehende Arbeiten, grösserentheils unter wortgetreuer Abschrift ihres ganzen Textes; andere in denselben Kreis massgebender Autoritäten gehörige griechische Handschriften gelang es mir im Oriente aufzufinden oder doch zuerst zu benutzen: ihre Zahl beträgt über zwanzig, darunter der Codex Sinaiticus, der durch sein Alter, das an die Zeit des ersten christlichen Kaisers hinanreicht, durch seine unvergleichliche Vollständigkeit -es fehlt ihm auch nicht ein einziges Blatt - und durch seinen der altlateinischen Version nahverwandten Textcharakter zur Krone aller Neutestamentlichen Handschriften geworden. Die umfänglichsten Arbeiten widmete ich an zweiter und dritter Stelle den alten Versionen, namentlich der lateinischen, für die viele Handschriften höchsten Alters auf unsere Zeit gekommen, und der reichen kirchenväterlichen Literatur: für beide Gebiete gelang es gleichfalls wichtige neue Aufschlüsse zu gewinnen. Aus diesen Arbeiten, die früheren hinzugenommen, ging ein kritischer Apparat hervor - das ist die übliche Bezeichnung für das urkundliche Textmaterial ebenso grossem Umfange als Zuverlässigkeit. Diesen galt es

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aber auch zu verarbeiten, sowol historisch, zur Feststellung einer Geschichte des heiligen Textes, als kritisch. In letzter Beziehung, der kritischen, das heisst bei der Verarbeitung des Materials zum Zwecke der Herstellung des ältesten Textes unserer evangelischen und apostolischen Bücher, bin ich nach längerem Schwanken zu Grundsätzen gelangt, die sich am nächsten mit denen des englischen Kritikers Richard Bentley vom Jahre 1720, auch Carl Lachmanns vom Jahre 1831 berühren: Grundsätze, deren erfolgreiche Anwendung allerdings erst durch die glückliche Sicherstellung und wesentliche Vermehrung des massgebenden Apparats ermöglicht worden ist. Soll ich sie mit wenigen Worten näher bezeichnen? Sie gehen darauf hinaus, vom hergebrachten Texte gänzlich abzusehen und dafür den dokumentlich beglaubigten Text des zweiten Jahrhunderts unter möglichster Verzichtleistung auf das eigene Gutdünken herzustellen. Die Objectivität dieser Grundsätze wird dazu dienen, das daraus reifende Resultat allgemeiner Anerkennung näher zu bringen.

Die nach Verbreitung von etwa 30,000 Exemplaren augenblicklich im Text-Druck vollendete zwanzigste Auflage meines griechischen Neuen Testaments1 legt der gelehrten Welt das bis jetzt erreichte Resultat vor Augen; wozu allerdings noch als ein nothwendiger Schlüssel die Prolegomena kommen werden. Darauf soll unverweilt eine deutsche Bearbeitung folgen, sowie eine englische (von D. Davidson zu London) bereits jetzt unternommen ist, und ein französisches im vorigen Jahre zu Genf erschienenes Neues Testament die wichtigsten Verschiedenheiten meines Textes vom hergebrachten Erasmischen sich rückhaltslos angeeignet hat.

Sind aber nicht die Aenderungen, die sich aus allen diesen

1 Ich habe sie als editio octava critica maior benannt; vergleiche das Verzeichniss am Schluss dieser Schrift.

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anspruchsvollen Arbeiten für unsern Luthertext ergeben, nur äusserlich und geringfügig genug? So könnte wol von der einen und andern Seite gefragt werden, besonders von Seiten derer, die sich gern in der Unklarheit vermeintlich frommer Gedanken überreden, die Vorsehung habe doch wol für die Erhaltung der nöthigen Reinheit des Wortes Gottes schon gesorgt. Wir müssen hierauf zunächst erwidern: handelt sich's ums Wort Gottes, um das heiligste und einflussreichste Buch der Welt, so ist nichts als geringfügig daran zu betrachten, so ist's gar wol der Mühe werth über jeden Buchstaben von der Hand der Autoren möglichst ins Klare zu kommen. Freilich sind die Verchiedenheiten zum grossen Theile nur sprachlicher Natur, und viele andere, die über das sprachliche Interesse hinausgehen, betreffen doch nichts von historischem oder dogmatischem Belang. Hat nicht aber auch dies, dass dem so ist, also auch der wissenschaftliche Nachweis dieser Thatsache seinen Werth, seine Bedeutung? Gewinnt nicht die evangelische, die apostolische Wahrheit an Ansehen, an Glaubwürdigkeit, wenn der Schrifttext, auf dem sie beruht, aus der Anwendung des scharfen kritischen Messers unverwundet hervorgeht? Allein mit dieser Charakteristik erschöpft sich keineswegs die Summe der streitigen Stellen des Neuen Testaments; es gibt im Gegentheil deren auch viele, die dem christlichen Leser so wenig wie dem gelehrten Forscher gleichgiltig sein können. Zum Beleg für diese Behauptung bitt ich mir einige Beispiele zu gestatten.

Wem wäre die Stelle Joh. 8, 1-11 mit der Erzählung von der Ehebrecherin unbekannt? Schon im vierten Jahrhundert war ihre Aechtheit unter den Theologen streitig geworden; der heilige Augustin nahm sich ihrer mit warmem, ja mit leidenschaftlichem Eifer an; aber ich meine, mit noch mehr Unkritik, denn sie weist sich mit Evidenz als kein

ächtes Bestandtheil des Johannes-Evangeliums aus1. Die Erzählung mag immerhin auf einer Thatsache beruhen und ist jedenfalls schon frühzeitig aufgezeichnet worden, aber Johannes hat keinen Theil daran.

In demselben Evangelium steht 5, 4 vom Teiche Bethesda: ,,denn ein Engel fuhr herab zu seiner Zeit in den Teich und bewegte das Wasser. Wer nun zuerst nachdem das Wasser bewegt worden hineinstieg, der ward gesund, mit welcherlei Krankheit er auch behaftet sein mochte." Auch diese Stelle ist keinesfalls gleichgiltig, aber sie ist gleichfalls unächt. Wenn der Context eine ähnliche Auskunft über die Wasserbewegung verlangt, so ist es doch ein Unterschied ob Johannes selbst diese Auskunft gibt oder nicht.

Ebenso wird der letzte Vers des Joh. (21, 25) unächt sein, wo es heisst: „Es sind auch viele andere Dinge noch die Jesus gethan hat, welche, so sie sollten eins nach dem andern geschrieben werden, achte ich, die Welt würde die Bücher nicht fassen, die zu schreiben wären." Das ist eine hyperbolische Ausdrucksweise, die schwerlich an den Schluss dieses Evangeliums passt. Auf Grund des allerdings vereinzelt stehenden Zeugnisses der Sinaibibel von erster Hand dürfen wir sie für unächt erklären, wozu man längst auch ohne dokumentliche Autorität geneigt gewesen.

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Der Anfang des Marcus-Evangeliums lautet in unseren gewöhnlichen Ausgaben: Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesu Christo dem Sohne Gottes." Aber der Zusatz:,,dem Sohne Gottes", der anderwärts oft genug steht und im Neuen Testamente keineswegs von dieser Marcus-Stelle abhängt, ist

1 Man hat sich vor wenig Jahren in Rom veranlasst gesehen eine Schrift gegen meine kritische Verurtheilung dieser Stelle herauszugeben durch Carlo Vercellone; um so genauer und ausführlicher hab ich im kritischen Apparat meiner neuesten editio octava critica maior dieselbe Stelle behandelt.

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