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Zeit aber – es sind beiläufig 350 Jahre ist hierüber ein ganz anderes Licht gewonnen worden. Es sind, wie schon angedeutet wurde, unter den noch vorhandenen vielen griechischen Handschriften des Neuen Testaments, die Entdeckungen der letzten zwanzig Jahre eingerechnet, mehr als fünfzig zwischen dem vierten und neunten Jahrhundert niedergeschriebene aufgefunden worden; und die alten Uebersetzungen der ersten drei, vier Jahrhunderte, sowie die Citate der alten Schriftsteller, beiderseits erst lange nach Erasmus und Luther reichlicher und gründlicher behandelt und erforscht, stehen den griechischen Handschriften ebenbürtig zur Seite. Aus der kritischen Untersuchung aller dieser Textesquellen ergibt sich nun, dass es wenig Verse im Neuen Testamente gibt die überall ganz gleichmässig gelesen wurden. Die Zahl aller Verschiedenheiten, worunter allerdings bei weitem die meisten nur sprachliche Bedeutung haben, übersteigt weit die Zahl von dreissigtausend. Vergleichen wir aber mit den alten Urkunden den jetzt allgemein in der Kirche verbreiteten Text, so muss zunächst anerkannt werden, dass die Handschriften des Erasmus, so jung sie waren, im Grossen und Ganzen denjenigen Text wiederholten, der schon seit vielen Jahrhunderten im byzantinischen Reiche, in der byzantinischen Reichskirche der herrschende war. Dem gegenüber freilich steht das weitere Resultat, dass dieser byzantinische Text an einigen tausend Stellen durch die noch älteren Zeugnisse, die vom zweiten und den nächstfolgenden Jahrhunderten, so gut wie nicht bestätigt wird, ja dass selbst innerhalb der letzteren selbst, der Zeugnisse vom zweiten bis fünften Jahrhundert, keine geringe Verschiedenheit vorliegt. Hiernach ist der Neutestamentliche Text schon in den ersten Jahrhunderten seines Bestehens vielfachen Entstellungen verfallen, eine Annahme, die bereits im vierten Jahrhunderte von Hieronymus, dem von Papst Damasus beauftragten Verbesserer der alten lateinischen Bibeltexte, getheilt und offen ausgesprochen worden ist. Nach meiner eigenen Ueberzeugung gehen diese Entstellungen sogar allermeist aufs erste und zweite Jahrhundert zurück. Mag dies immerhin in gewissem Sinne eine bedauerliche Thatsache sein, so hat sie doch auch eine sehr willkommene wichtige und zwar apologetische Seite. Die Textentstellungen vom frühesten Datum beziehen sich nämlich ganz besonders auf unsere vier Evangelien. Wenn sich nun darthun lässt, das schon um die Mitte des zweiten Jahrhunderts der Text der Evangelien vielfach entstellt vorlag, so musste derselbe damals bereits durch viele Hände gegangen sein, die Zeit der Abfassung der Evangelien selbst aber muss viel früher fallen. Will man dennoch annehmen dass diese Schriftwerke nicht früher als im 2. Jahrhundert erst verfasst worden seien, was in der That von manchen negativen Kritikern behauptet wird, so ist das keine kühne historische Forschung, sondern die augenscheinlichste Unkritik.

Haben wir aber eine Erklärung für diese so frühzeitige Vielgestaltigkeit des heiligen Textes? Vor der Erklärung gedenke ich der interessanten Analogie, die uns der Koran bietet. Schon im zwölften Jahre der Hedschra nämlich, als Abu Bekr die verschiedenen Bestandtheile des Koran sammeln liess, fanden sich so viele verschiedene Lesarten vor, dass er sie in sieben Klassen eintheilte. Die Folge davon war dass bald genug Streitigkeiten unter den arabischen Gelehrten über den ächten Text ihres Propheten ausbrachen. Was geschah zur Entscheidung darüber ? Zwanzig Jahre später liess der Kalif ein Normalexemplar zusammenstellen und alle abweichenden Exemplare vernichten. Dies Verfahren war wenigstens des Schwertes würdig, dem der Islam seine Siege verdankte.

Legen wir uns hierauf die Frage wieder vor, was die Beeinträchtigung der Textesreinheit unserer heiligen Bücher veranlasst haben mag, so reicht es nicht hin auf die allgemeinen Ursachen hinzuweisen, deren wir vorher gedacht

haben. Vielmehr kommt dazu dass man diese Schriften von Anfang an nicht als Literaturwerke ansah, deren Buchstäblichkeit den höchsten Werth habe. Sie gingen in die christlichen Gemeinden aus, und mancher glaubte, namentlich bei den Evangelien, seinerseits eine Nachhilfe anwenden zu dürfen, sei es durch Erweiterung und Zusätze oder durch Verbesserungen. Man passte, die eine Stelle der andern an und erlaubte sich ähnliches: alles im vermeintlich frommen Eifer. Auch dogmatische Willkür trat hinzu, sowie die Macht der mündlichen Tradition. Und dies geschah in derjenigen frühen Zeit, wo die junge Kirche' bei ihrer Zerstreuung in viele Länder noch keine strengere Controle über dergleichen üben konnte, um so weniger als die Neutestamentlichen Schriftexemplare sogar Gegenstand feindlicher Verfolgung waren. Als man später Einsicht von der Eigenwilligkeit gewann, die hier obgewaltet, war es zu spät und auch zu schwer, den Schaden völlig wieder auszugleichen. Durch die Erhebung des Christenthums zur Staatsreligion änderten sich allerdings die Verhältnisse auch in dieser Beziehung. Und es war ein Ergebniss der allmäligen staatsmässigen Organisation der Kirche selbst, dass sie über das heilige Eigenthum, das ihr in den apostolischen Schriften gegeben war, erfolgreicher wachte. Doch wurde der Vielgestaltigkeit der Texte nur insofern entgegengearbeitet, als der kirchlich angewandte Text von da ab eine gewisse Gleichmässigkeit annahm, wie in der griechischen, so in der lateinischen Kirche, ohne dass jedoch gerade für diese Textesform eine besondere wissenschaftliche Berechtigung vorlag. Eben desshalb ist es von geringem Belang, dass die späteren Handschriften, die vom zehnten bis zum fünfzehnten, sechzehnten Jahrhundert, in grosser Zahl übereinstimmen; auch der im sechzehnten Jahrhundert daraus gedruckt hervorgegangene Text hat damit, d. h. mit der Ueber

einstimmung so vieler späterer Handschriften, nichts weniger als eine Bürgschaft für seine Aechtheit erhalten.

Was die römisch - katholische Kirche anlangt, so bemerke ich dass die päpstliche officielle Redaction der lateinischen Bibel am Ausgange des sechzehnten Jahrhunderts nicht einmal, wie sie doch ausdrücklich vorgab, der Arbeit des Hieronymus aus dem Ende des vierten Jahrhunderts gewissenhaft treu geblieben', noch viel weniger über Hieronymus hinaus auf die ältesten lateinischen Urkunden zurückgegangen ist.

Ist nun aber bei diesem Stande der Sache ruhig zu beharren, trotz des Bewusstseins, dass wir mit unserem Texte des Neuen Testaments nur der kirchlichen Gewohnheit, nur dem Herkommen, wenn auch immerhin einem alten Herkommen folgen? Nein, das glaub ich nicht. Auch ein tausendjähriger Irrthum bleibt Irrthum und hat kein Recht über die Wahrheit. Es gilt hier Tertullians mannhaftes Wort: „Christus hat sich nicht die Gewohnheit, sondern die Wahrheit genannt,“ mag sich auch ein hundertjähriger Irrthum, dergleichen zur Zeit des

1 Dass dem so sei, stellen die beiden ältesten Handschriften der Vulgata, der Codex Amiatinus, ums Jahr 541 geschrieben, und der Fuldensis vom Jahre 546, ausser Zweifel. Den ersteren, Eigenthum der Mediceischen Bibliothek zu Florenz, hab ich selbst 1843 in meine Papiere eingetragen und daraus 1850 wortgetreu veröffentlicht; den andern, durch den Bischof Victor von Capua eigenhändig revidirt, gab 1868 Prof. Ernst Ranke zu Marburg heraus. Als ich im Jahre 1843 mit Papst Gregor XVI. über die dokumentliche Reform der Bibeltexte sprach, wobei mir der würdige Greis erzählte dass er einst selber dergleichen Arbeiten über den hebräischen Text in Anregung gebracht hatte, fand derselbe meinen ihm gedruckt vorliegenden Grundsatz, dass die ältesten Handschriften des Hieronymus die erste Autorität für die Wiederherstellung des Hieronymus-Textes, also auch der Vulgata, bilden müssen, ganz nach seinem Sinne. Der Codex Amiatinus weicht aber von der autorisirten Vulgata an vielen hundert Stellen ab, worunter auch jene berühmte Stelle 1 Joh.5, 7 u. 8, der eine so grosse dogmatische Bedeutung zugeschrieben wird.

grossen Afrikaners vorlagen, leichter als solche von tausendjährigem Bestande berichtigen lassen. Der Protestantismus besitzt gegenüber der römischen Traditionskirche sein wahres Palladium an der Schrift: ihm vor allen muss daher an der Aechtheit und Richtigkeit des Textes der Schrift gelegen sein. Die Wiederherstellung des heiligen Textes mit allen Mitteln der Wissenschaft anzustreben, das ist eine der höchsten Aufgaben des Protestantismus.

In dieser Ueberzeugung hab ich selbst seit zwei und dreissig Jahren meine beste Kraft an die Lösung eben dieser Aufgabe gesetzt. Zuvörderst galt es neue gründliche Quellenstudien. Ich verwandte daher einen Zeitraum von neun Jahren auf Reiseforschungen: sämmtlichen ältesten griechischen Handschriften, zerstreut auf den europäischen Bibliotheken, widmete ich eingehende Arbeiten, grösserentheils unter wortgetreuer Abschrift ihres ganzen Textes; andere in denselben Kreis massgebender Autoritäten gehörige griechische Handschriften gelang es mir im Oriente aufzufinden oder doch zuerst zu benutzen: ihre Zahl beträgt über zwanzig, darunter der Codex Sinaiticus, der durch sein Alter, das an die Zeit des ersten christlichen Kaisers hinanreicht, durch seine unvergleichliche Vollständigkeit es fehlt ihm auch nicht ein einziges Blatt und durch seinen der altlateinischen Version nahverwandten Textcharakter zur Krone aller Neutestamentlichen Handschriften geworden. Die umfänglichsten Arbeiten widmete ich an zweiter und dritter Stelle den alten Versionen, namentlich der lateinischen, für die viele Handschriften höchsten Alters auf unsere Zeit gekommen, und der reichen kirchenväterlichen Literatur: für beide Gebiete gelang es gleichfalls wichtige neue Aufschlüsse zu gewinnen. Aus diesen Arbeiten, die früheren hinzugenommen, ging ein kritischer Apparat hervor - das ist die übliche Bezeichnung für das urkundliche Textmaterial – von ebenso grossem Umfange als Zuverlässigkeit. Diesen galt es

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