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aber auch zu verarbeiten, sowol historisch, zur Feststellung einer Geschichte des heiligen Textes, als kritisch. In letzter Beziehung, der kritischen, das heisst bei der Verarbeitung des Materials zum Zwecke der Herstellung des ältesten Textes unserer evangelischen und apostolischen Bücher, bin ich nach längerem Schwanken zu Grundsätzen gelangt, die sich am nächsten mit denen des englischen Kritikers Richard Bentley vom Jahre 1720, auch Carl Lachmanns vom Jahre 1831 berühren: Grundsätze, deren erfolgreiche Anwendung allerdings erst durch die glückliche Sicherstellung und wesentliche Vermehrung des massgebenden Apparats ermöglicht worden ist. Soll ich sie mit wenigen Worten näher bezeichnen? Sie gehen darauf hinaus, vom hergebrachten Texte gänzlich abzusehen und dafür den dokumentlich beglaubigten Text des zweiten Jahrhunderts unter möglichster Verzichtleistung auf das eigene Gutdünken herzustellen. Die Objectivität dieser Grundsätze wird dazu dienen, das daraus reifende Resultat allgemeiner Anerkennung näher zu bringen.

Die nach Verbreitung von etwa 30,000 Exemplaren augenblicklich im Text-Druck vollendete zwanzigste Auflage meines griechischen Neuen Testaments: legt der gelehrten Welt das bis jetzt erreichte Resultat vor Augen; wozu allerdings noch als ein nothwendiger Schlüssel die Prolegomena kommen werden. Darauf soll unverweilt eine deutsche Bearbeitung folgen, sowie eine englische (von D. Davidson zu London) bereits jetzt unternommen ist, und ein französisches im vorigen Jahre zu Genf erschienenes Neues Testament die wichtigsten Verschiedenheiten meines Textes vom hergebrachten Erasmischen sich rückhaltslos angeeignet hat.

Sind aber nicht die Aenderungen, die sich aus allen diesen

1 Ich habe sie als editio octava critica maior benannt; vergleiche das Verzeichniss am Schluss dieser Schrift.

anspruchsvollen Arbeiten für unsern Luthertext ergeben, nur äusserlich und geringfügig genug ? So könnte wol von der einen und andern Seite gefragt werden, besonders von Seiten derer, die sich gern in der Unklarheit vermeintlich frommer Gedanken überreden, die Vorsehung habe doch wol für die Erhaltung der nöthigen Reinheit des Wortes Gottes schon gesorgt. Wir müssen hierauf zunächst erwidern: handelt sich's ums Wort Gottes, um das heiligste und einflussreichste Buch der Welt, so ist nichts als geringfügig daran zu betrachten, so ist's gar wol der Mühe werth über jeden Buchstaben von der Hand der Autoren möglichst ins Klare zu kommen. Freilich sind die Verchiedenheiten zum grossen Theile nur sprachlicher Natur, und viele andere, die über das sprachliche Interesse hinausgehen, betreffen doch nichts von historischem oder dogmatischem Belang. Hat nicht aber auch dies, dass dem so ist, also auch der wissenschaftliche Nachweis dieser Thatsache seinen Werth, seine Bedeutung? Gewinnt nicht die evangelische, die apostolische Wahrheit an Ansehen, an Glaubwürdigkeit, wenn der Schrifttext, auf dem sie beruht, aus der Anwendung des scharfen kritischen Messers unverwundet hervorgeht? Allein mit dieser Charakteristik erschöpft sich keineswegs die Summe der streitigen Stellen des Neuen Testaments; es gibt im Gegentheil deren auch viele, die dem christlichen Leser so wenig wie dem gelehrten Forscher gleichgiltig sein können. Zum Beleg für diese Behauptung bitt ich mir einige Beispiele zu gestatten.

Wem wäre die Stelle Joh. 8, 1-11 mit der Erzählung von der Ehebrecherin unbekannt? Schon im vierten Jahrhundert war ihre Aechtheit unter den Theologen streitig geworden; der heilige Augustin nahm sich ihrer mit warmem, ja mit leidenschaftlichem Eifer an; aber ich meine, mit noch mehr Unkritik, denn sie weist sich mit Evidenz als kein

ächtes Bestandtheil des Johannes-Evangeliums aus 1. Die Erzählung mag immerhin auf einer Thatsache beruhen und ist jedenfalls schon frühzeitig aufgezeichnet worden, aber Johannes hat keinen Theil daran.

In demselben Evangelium steht 5, 4 vom Teiche Bethesda: „denn ein Engel fuhr herab zu seiner Zeit in den Teich und bewegte das Wasser. Wer nun zuerst nachdem das Wasser bewegt worden hineinstieg, der ward gesund, mit welcherlei Krankheit er auch behaftet sein mochte.“ Auch diese Stelle ist keinesfalls gleichgiltig, aber sie ist gleichfalls unächt. Wenn der Context eine ähnliche Auskunft über die Wasserbewegung verlangt, so ist es doch ein Unterschied ob Johannes selbst diese Auskunft gibt oder nicht.

Ebenso wird der letzte Vers des Joh. (21, 25) unächt sein, wo es heisst: „Es sind auch viele andere Dinge noch die Jesus gethan hat, welche, so sie sollten eins nach dem andern geschrieben werden, achte ich, die Welt würde die Bücher nicht fassen, die zu schreiben wären.“ Das ist eine hyperbolische Ausdrucksweise, die schwerlich an den Schluss dieses Evangeliums passt. Auf Grund des allerdings vereinzelt stehenden Zeugnisses der Sinaibibel von erster Hand dürfen wir sie für unächt erklären, wozu man längst auch ohne dokumentliche Autorität geneigt gewesen.

Der Anfang des Marcus-Evangeliums lautet in unseren gewöhnlichen Ausgaben: „Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesu Christo dem Sohne Gottes. Aber der Zusatz: „dem Sohne Gottes“, der anderwärts oft genug steht und im Neuen Testamente keineswegs von dieser Marcus-Stelle abhängt, ist

1 Man hat sich vor wenig Jahren in Rom veranlasst gesehen eine Schrift gegen meine kritische Verurtheilung dieser Stelle herauszugeben durch Carlo Vercellone; um so genauer und ausführlicher hab ich im kritischen Apparat meiner neuesten editio octava critica maior dieselbe Stelle behandelt.

hier nicht von der Hand des Evangelisten beigeschrieben worden.

Lucas 24, 51 steht: „Und es geschah, da er sie segnete, trat er ab von ihnen und fuhr auf gen Himmel.“ Die Worte ,,und fuhr auf gen Himmel" weisen sich auf Grund ältester Zeugnisse als unächt aus. Derselbe Lucas, allerdings ganz von den frühesten Traditionen, denen der Apostelzeit, abhängig, nicht von eigener Augenzeugenschaft, erzählt in der Apostelgeschichte ausführlich die vor den Augen der Jünger vollzogene Himmelfahrt. Aber es ist nicht gleichgiltig, dass kein einziges Evangelium (auch nicht das des Marcus) ein solches Ereigniss verzeichnet hat, wenn auch ein wunderbares Scheiden des Herrn von der Erde ein Postulat des christlichen Glaubens bleibt.

Die kritische Verurtheilung hat ferner die umfängliche Stelle bei Marcus 16, 9-20 betroffen. Das sind zwölf inhaltsreiche Verse, die der Kirche und manchem edlen Christenherzen theuer geworden sind. Aber auch fromme Anhänglichkeit und gläubiges Vorurtheil gilt es der Forderung der

1 Nach dieser Seite einen Unterschied unter den vier Evangelisten zu machen, ist nichts weniger als moderne Willkür; denn schon Tertullian (im 2. Jahrh.) sprach denselben Unterschied in seiner Schrift gegen Marcion (4, 2) ganz entschieden aus: „Denique nobis fidem ex apostolis Johannes et Marcus insinuant, ex apostolicis Lucas et Marcus instaurant."

2 Als ich zuerst mit der Entfernung dieser Stelle aus dem evangelischen Texte glaubte vorgehen zu müssen - in meiner zweiten Leipziger Ausgabe vom Jahre 1819 erschien es mir als eine besondere Stütze dieses Vorgehens, dass auch der heilige Augustin in einem genauen und umfänglichen Citat der Lucasstelle die in Frage stehenden Worte nicht anerkannt hat. Es waren überhaupt bis dahin die Gegenzeugen dem altlateinischen Text angehörig, nur dass sich auch der griechisch-lateinische Cambridger Codex darunter befand. Als einziger und wichtigster rein-griechicher Zeuge trat aber 1859 der Codex Sinaiticus dazu.

Wissenschaft, dem Interesse der Wahrheit zum Opfer zu bringen. Dass die Stelle sehr alt ist, beweist die Benutzung derselben durch Irenäus in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts. Der Mangel eines Schlusses von der Hand des Marcus musste sehr frühzeitig zu Ergänzungen veranlassen. Es liegen uns deren zwei vor, von denen die weniger bekannte durch einige alte griechische, lateinische, äthiopische Dokumente gestützt wird und die vorzugsweise üblich gewordene allerdings unter den griechischen Handschriften nur das Zeugniss unserer beiden ältesten, der Sinaitischen und Vatikanischen, gegen sich hat. Das Gewicht dieser beiden Gegenzeugen wird aber auch noch durch patristische Aussagen vom 4. Jahrhundert, namentlich die des Eusebius und des Hieronymus verstärkt, sowie selbst Ausdruck und Zusammenhang gegen die Aechtheit zeugen'.

Ich gehe zu einer Stelle über, die durch Vergleichung mit den Parallelen um ihren ursprünglichen Text gebracht worden ist, Matth. 19, 16 u. 17. In den Parallelen bei Marcus (10, 17. fg.) und Lucas (18, 18. fg.) steht übereinstimmend : ,,Guter Meister, was soll ich thun, dass ich das ewige Leben ererbe? Aber Jesus sprach zu ihm: Was heissest du mich gut? Niemand ist gut denn Gott allein. Die Gebote kennst du:“ Auch bei Matthäus hat nun derselbe Text, mit Ausnahme des letzten Stücks, die grösste Verbreitung gefunden; allein nach den ältesten Zeugnissen muss es vielmehr so heissen: „Meister, was soll ich Gutes thun, dass ich das ewige Leben erlange? Er aber sagte zu ihm: Was fragst du mich nach dem Guten? Nur einer ist gut. Willst du aber zum Leben ein

1 Ich glaubte deshalb auch bereits in meiner ersten Edition vom Jahre 1840, gegen das Beispiel aller früheren Editionen, wenn schon Griesbachs Urtheil gegen die Aechtheit lautete, die ganze Stelle dem Marcus-Evangelium entziehen zu müssen. Den heftigen Angriff eines englischen Theologen gegen mein Verfahren hierbei kenne ich bis jetzt nur erst aus gelegentlicher Notiz von befreundeter Hand.

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