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gehen, so halte die Gebote:“ Eine andere Frage ist nun die, ob Matthäus oder die beiden anderen Evangelisten den Hergang der Sache getreuer aufgezeichnet haben; doch gehört diese Frage nicht hierher.

Aehnliche Ausgleichungen im Texte von Parallelstellen der Evangelien sind sehr zahlreich. Ich erinnere hier nur noch an diejenige Stelle bei Lucas, 11, 2–4, wo derselbe an den Text des „Vaterunsers“ bei Matthäus (6, 9—13) anstreift. Aus diesem letzteren ist der Text bei Lucas von fremder Hand mehrfach vervollständigt worden, und nur aus einigen unserer ältesten Zeugen lässt sich der ursprüngliche Text des Lucas wiederherstellen. Aber auch bei Matthäus selbst sind die Schluss-Worte (6, 13): „denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen" nicht ächt, d. h. sie sind weder von Matthäus geschrieben noch vom Heilande gesprochen worden, so sehr sie auch durch den alten ehrwürdigen Brauch der Kirche geheiligt dastehen; sie stammen am wahrscheinlichsten vom ältesten gottesdienstlichen Gebrauch in der Gemeinde her, und bildeten gleichsam die Antwort der letztern auf den Vortrag des Herrngebets.

Nebenbei sei erwähnt dass es unberechtigt ist, im Vaterunser zu sagen: ,,und vergib uns unsere Schuld", wie es besonders in Sachsen üblich geworden sein mag. Die Worte des Heilands lauten vielmehr nach dem griechischen Urtext und allen alten Uebersetzungen: „und vergib uns unsere Schulden". Selbst Luther hatte nicht das Recht hier zu ändern, sollte sich auch die Aenderung sinnig vertheidigen lassen. Aber Luther hat auch in der That nicht geändert. Er schrieb vielmehr: „unsere Schulde“, wie in allen seinen Ausgaben von 1522-1545 gedruckt steht. 1 Später wurde die Pluralform

1 Vergleiche hierüber die Vorworte zu meiner „nach den Originalausgaben“ revidirten Ausgabe des deutschen Neuen Testaments von Dr. Martin Luther. 1855. Seite XVI.

„Schulde“ misverstanden, man setzte dafür „Schuld“, und so kam diese Aenderung ohne alle Autorität, ausser der des Misständnisses, in Gebrauch.

Apostelgeschichte 20, 28 steht: ,,Habt Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, unter welche euch der heilige Geist zu Bischöfen gesetzt hat, zu weiden die Gemeinde Gottes, welche er durch sein eigen Blut erworben hat.“ Der Zusatz vom „eigenen Blute“ lässt den Ausdruck „Gemeinde Gottes“ fremdartig erscheinen, wenn auch dergleichen dem dogmatischen Geschmack der frühesten Jahrhunderte entsprach, und statt dessen wird in der That auf Grund bedeutender dokumentlicher und patristischer Autoritäten, allerdings gegen Sinaiticus und Vaticanus, ,,Gemeinde des Herrn“ zu setzen sein.

1 Timotheus 3, 16 schrieb der Apostel nicht, wie in der Luther'schen Bibel steht: „Gott ist erschienen im Fleische", sondern „welcher erschienen ist im Fleische.“ Es ist damit nicht etwa die göttliche Sohnschaft Christi in den Paulinischen Briefen in Zweifel gestellt, denn diese hat der Apostel oft genug, besonders im Colosserbrief, ins vollste klarste Licht gestellt; wol aber lässt sich diese Timotheus-Stelle nicht mehr dafür nützen, dass Paulus den Heiland geradezu ,,Gott“ genannt habe.

Die letzte Stelle, die ich anführe, sei 1 Joh. 5, 7. Dort stehen die berühmten Worte: „denn drei sind die da zeugen im Himmel, der Vater, das Wort und der heilige Geist, und diese drei sind eins.“ Diese sämmtlichen Worte sind aber ohne allen Zweifel unächt. Nicht der eine und andere der ältesten Zeugen verurtheilen sie, sondern sämmtliche griechischen Handschriften und griechischen Väter des ganzen ersten Jahrtausends. Dazu kommen auch noch von lateinischer Seite die berühmtesten alten Kirchenväter, ein Tertullian, Ambrosius, Hilarius, Augustin, Hieronymus, nebst den beiden ältesten Vulgata-Handschriften und vielen anderen. Auch Dr. Luther hat die Stelle niemals in seine Bibel aufgenommen; nur einem

unglücklichen Irrthum vermeintlich lutherischer Pietät gehört es an, dass sie später darin Aufnahme fanden. Dass Luther am Glauben an die göttliche Trinität mit ganzem Herzen festgehalten, und dennoch nicht daran gegangen, gleich dem charakterlosen Erasmus, „aufs Geschrei der Gegner“ die schon damals berühmte Dreizeugen-Stelle in seine Bibel aufzunehmen, das hätte doch längst den unberufenen Eifer, der sich hierbei geltend gemacht, in die Schranken weisen sollen.

Die vorgebrachten Beispiele, die sich unter der Hand vermehrten, werden genügen um die Sache, um die sichs handelt, ins rechte Licht zu setzen. Freilich liegt die Misdeutung nahe, dass die Resultate der kritischen Wiederherstellung des ächten Schrifttextes ausschliesslich negativer Art seien. In der That springt ihr Character nach dieser Seite am meisten in die Augen. Aber der wichtigen Stellen noch weit mehr finden, im direkten Gegensatz dazu, ihre Bestätigung. Das, mein' ich, ist nicht minder in Anschlag zu bringen, wie schon vorher angedeutet worden, wenn es auch hier keine weitere Ausführung finden soll.

Zuletzt nur noch ein Wort, ein kurzes Wort darüber, ob die Kirche mit Recht die göttliche Inspiration der Schrift annimmt. Liegt nicht nach alledem die Frage nahe: Wie kann die Schrift wörtlich inspirirt sein, wenn es noch heute gilt, und dazu so schwer ist, den ächten wahren Text festzustellen? Wenn es hierzu so vieler alter Dokumente bedarf, des Aufwühlens des Staubs vergessener Klosterwinkel, und dann auch des Muthes, mit den die Ruhe des Besitzes störenden Resultaten allen conservativen Vorurtheilen gegenüber zu treten? Es ist eine wichtige Thatsache, ich möchte sagen, es ist ein Fingerzeig der Providenz für das rechte Verständniss des Christenthums, dass die textliche Feststellung der Apostelschriften, auf der doch so viel beruht, zu einer ernsten Aufgabe der Wissenschaft geworden ist.

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Diese Aufgabe, dieses Studium nicht zugleich als eine Sache der Pietät aufzufassen, das ist verfehlt. Oder wäre es frömmer, den hergebrachten nur auf der Macht alter kirchlicher Gewohnheit ruhenden Text ungeprüft für Gottes Wort hinzunehmen, als zu seiner Prüfung zu verschreiten, wol unter Verzicht auf alle Willkür des Vorurtheils, aber unter Anwendung des strengsten wissenschaftlichen Masstabs, um nichts zum Worte Gottes zuzulassen, was sich nicht bewährt? Läge nicht auch zugleich eine Misachtung der Gnadengaben des Herrn damit vor, wenn wir die uns aus dem höchsten Alterthume geretteten Urkunden des heiligen Textes, die gleich wiedererwachten Todten ihr Auge aufgeschlagen und für die Bezeugung alter verkannter Wahrheit ihre Stimme erheben, nicht mit dankbarstem Eifer für die Wiederherstellung des Aposteltextes nützen wollten?

So hoch aber auch das Wort der Schrift über allen anderen Worten auf Erden steht, unendlich höher auch als ein jeglicher Einfall römischer Priesterherrschaft und als jede mit täuschender Schmeichelrede maskirte Anmassung des modernen Unglaubens, so gilt doch auch hier der Ausspruch des Herrn: „Der Geist ists der da lebendig macht“, ein Ausspruch, an welchen der erleuchtete Gottesmann von Tarsus anknüpfte, indem er an die Corinther schrieb: „Der Buchstabe tödtet, aber der Geist macht lebendig.“

Die dieser Schrift angefügte Tafel enthält genaue Facsimiles von der Schrift einiger griechischer Papyrusrollen und unserer beiden ältesten Handschriften vom Originaltexte des Neuen Testaments.

Die ersten 18 Zeilen der 1. Columne sind 5 Herkulanischen Rollen aus dem 1. christlichen Jahrhundert entnommen. Darauf folgen noch 5 Zeilen aus einem in Oberägypten gefundenen Papyrus (Hyperides), der aus dem 3. Jahrhundert sein mag.

In der 2. Columne befindet sich an erster Stelle das Facsimile des Codex Sinaiticus (Matth. 10. Kap.) aus der Mitte des 4. christlichen Jahrhunderts; an der zweiten Stelle stehen einige Zeilen (Röm. 4 und 2. Cor. 3) aus dem Codex Vaticanus, gleichfalls aus dem 4. Jahrhundert. Die zwei Stellen der Vatikanischen Handschrift haben Zeichen der Tilgung, weil sie aus Versehen doppelt geschrieben wurden; ebendeshalb sind sie nicht, wie der ganze Codex, von der späteren Hand im 10. Jahrhundert überzogen worden.

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