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Der Zufand der Kirche Jefu Chrifti im Allgemeinen.

Kirche Jesu Christi befindet sich gegenwärtig in schlimmer Lage. Viele behaupten, es sei die schlimmste, in welcher sie jemals gewesen. Wir sind nicht dieser leşteren Meinung. Wenn wir auch gerne zugestehen, daß die drei ersten Jahrhunderte der Kirche, in welchen sie den schreck lichsten Verfolgungen von Seiten der Welt ausgeseßt war, diese schwere Leidenszeit, nach geistlicher Auffassung keineswegs als Zeit kirchlicher Niederlage dasteht, sondern vielmehr als Zeit des fortwährenden Sieges über die Welt und der Blüthe des geistlichen Lebens, so sind wir doch andrerseits der Ueberzeugung: die Zeit des Mittelalters, in welcher unter der Herrschaft des Papstthums die Kirche durchaus veräußerlicht und verweltlicht wurde, und zwar nicht allein dadurch, daß ihr von Seiten ihres Regiments der Charakter eines weltlichen Reiches aufgeprägt, sondern auch dadurch, daß die Religion in äußerlichen Ceremoniendienst umgewandelt, der rechtfertigende und seligmachende Christusglaube in Werkdienst und Werkgerechtigkeit verkehrt wurde, und in Folge Sonabel, Kirche u. Paraklet.

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davon die lautere Erkenntniß des Evangeliums und das rich tige Verständniß des Christenthums der Kirche beinahe vollständig abhanden kam und verloren ging, war eine bei weitem traurigere Periode in der Geschichte der christlichen Kirche, als die gegenwärtige. Wir getrauen uns sogar noch einen Schritt weiter zu gehen und zu behaupten: mit Ausnahme des Reformationszeitalters etwa, in welchem der Herr seiner Kirche apostolische Männer schenkte, die, von seinem Geiste erleuchtet, so tief in das Verständniß des Christenthums eindrangen, wie seit Paulus' und Augustinus' Zeiten nicht geschehen war, seine Gemeinde die tiefsten Glaubenserfahrungen machen ließ, die in den dogmatischen und ascetischen Schriften und in der geistlichen Liederdichtung jener Periode uns überliefert sind als unerschöpfliche Fundgrube christlicher Erkenntniß und Erfahrung, von der wir heute noch zehren, geschweige denn, daß wir über sie hinausgekommen wären, und mit all dem ein reges Glaubensleben in der Christenheit, soweit sie sich dem neu erschlossenen Evangelium zugänglich erwies, entzündete, — wir sagen, mit Ausnahme dieser gottgesegneten Epoche wüßten wir in ihrer fünfzehnhundertjährigen Entwicklung als Staatskirche keine Zeit, in welcher die Kirche, während sie äußerlich unangefochtener und freier dasteht, als je früher, innerlich sich lebenskräftiger erwiesen hätte, als die unserige, über welche doch vielfach die Gläubigen als über die Zeit der tiefsten Niederlage des Christenthums und der Kirche die bitterste Klage führen. Wir sehen bei unserer Ausführung und Behauptung ab von dem Zustand derjenigen großen Abtheilungen der Christenheit, welche theils unter dem Regiment des durch die Stimme der Kirche für unfehlbar erklärten römischen Papstes steht, theils sich immer mehr unter das Scepter des russischen Cäsareo-Papstthums sammelt, denn diese größten Kirchenkörper tragen für das Wachsthum und die Förderung des Reiches Gottes leider wenig aus, und beschränken uns auf das Gebiet der aus der Reformation des sechzehnten Jahrhunderts geborenen und auf den Principien derselben verharrenden Kirchengemeinschaften. Ueberschauen wir aber das Gebiet der evangelischen Christenheit in der Gegenwart, so bietet sich unserem Blicke ein Bild dar, das zwar umleugbar tiefe Schatten hat, das aber daneben auch recht erfreuliche Lichtseiten zeigt. Allerdings macht die evangelische Christenheit, äußerlich angesehen, den Eindruck eines in der Auflösung begriffenen Kirchenwesens. Indem sich ihre seitherige Gebundenheit an den Staat zu lösen beginnt, offenbart sich auch ihre Unfähigkeit, auf eigenen Füßen zu stehen. Die gänzliche Lösung jenes Bandes würde den Verfall des Landes- und Volfs-Kirchenthums zur Folge haben und dann würde der an der Zahl geringere Theil dieses feitherigen Staatskirchenvolkesmannigfachen Secten, der zahlreichere Theil aber zunächst wenigstens dem baaren Unglauben und vollständiger theoretischer und praktischer Jrreligiosität anheimfallen. Schon jeßt sehen wir diese protestantischen Staatskirchen - Angehörigen massenweise der Kirche, ihrem eigenthümlichen Wesen, ihren Einwirkungen und Segnungen innerlich entfremdet, theils in traurigen Indifferentismus verfunken, theils in verbitterte Feindschaft gegen ihre geistliche Mutter gerathen. Aber bei all dem: mann hat denn seit fünfzehn Jahrhunderten die Gemeinde Jesu Christi eine größere Anzahl Diener gehabt, welche das Evangelium rein und lauter, mit innerem Verständniß, ja aus eigener Erfahrung heraus, in redlicher Ueberzeugung, in Uebereinstimmung des Verstandes und Zustimmung des Herzens, mit großer Redegewandtheit und treffender Anwendung auf das

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praktische Leben, mit heiliger Begeisterung und auch vielfach mit Heil und Leben schaffender Wirkung predigen, als heutzutage? Wann ist denn das Werk der äußeren Mission, der Hereinführung der Völker in die Kirche, seit dem Bestand der evangelischen Kirche reger, lebhafter, eifriger und zugleich verständnisvoller und in größerer Angemessenheit zu dem Geiste des Evangeliums betrieben worden, als in den legten Jahrzehnten, in welchen sich die Evangelischen überhaupt erst zum Betriebe derselben aufgerafft haben? Wann hat der gläubige Theil der evangelischen Christenheit je zuvor energischere und umfassendere Anstrengungen gemacht auf dem weiten Gebiet der inneren Mission, in Bildung von auf christs lichen Grundfäßen beruhenden Associationen aller Art, Errichtung von in christlichem Geiste geleiteten Jünglingsvereinen, Gesellen- und Mägdeherbergen, Asylen für Gefallene, Erziehungsanstalten für religiös - sittlich verwahrloste Kinder, Bildungsanstalten für Diakonen und Diakonissen, Lehranstalten für Blinde, Taubstumme, Blödsinnige, Heilanstalten für Epileptische, Irrsinnige, Geistes- und Gemüthskranke, Versorgungsanstalten für Gebrechliche, Schwache, Alte, in Anstellung von Reisepredigern und Stadtmissionaren, in Herausgabe und Verbreitung von Bibeln und von in christlichem Sinne redi: girten und abgefaßten Zeitungen, Zeitschriften, Tractaten, Büchern, in Sammlung der Evangelischen der Diaspora zu Gemeinden und Versorgung derselben mit den Mitteln des firchlichen Lebens, als dies Alles unter unseren Augen geschieht? Niemand kann das bestreiten, Niemand wird es leugnen. Dennoch, obwohl wir weit davon entfernt sind, in verstimmtem, muthlofem Pessimismus den Zustand der christlichen Kirche in der Gegenwart fo tief herabzuseßen, wie es bei den Gläubigen an der Tagesordnung ist, sondern troßdem daß wir offene Augen haben für das rege und werkthätige geistliche Leben in der heutigen evangelischen Christenheit, müssen wir festhalten an unserer zu Anfang aufgestellten Behauptung, daß sich die Kirche Jesu Christi in schlimmer Lage befindet. Es ist ja nicht zu verkennen, daß das, was wir von dem regen und werkthätigen Glaubensleben der gegenwärtigen evangelischen Christenheit rühmten, im Grunde nur von einer verschwindend kleinen Minorität gilt, während von der ungeheueren Mehrheit gesagt werden muß, sie sei den geistlichen Angelegenheiten gegenüber zum Theil indifferent, zum Theil geradezu feindlich gesinnt. Wer willes leugnen, daß wir in einer Zeit des Abfalls vom Christenthum und von Christus nicht allein, sondern von allem Glauben, auch von dem Glauben an Gott, ja an alles Uebersinnliche leben, daß in diesen Abfall ganze Massen des Christenvolkes bereits hineingerissen sind und andere Massen fortwährend hineingezogen werden, daß das geistliche Amt mit der Mehrheit des Christenvolfes bereits alle Fühlung verloren, und daß es an Ansehen, Geltung und Einfluß viel eingebüßt hat und täglich mehr einzubüßen im Begriffe steht! Die ungeheuere Mehrheit der evangelischen Christen hängt nur noch äußerlich und ganz lose mit der Kirche zusammen. In den großen Städten unseres deutschen Vaterlandes verschmähen seit Einführung der Civilstandsgesepe Viele selbst das Leßte, was sie seither noch an die Kirche geknüpft hatte, die kirchliche Einsegnung ihrer Ehen und die heilige Taufe für ihre Kinder. Zu den Gottesdiensten kommen weitaus die Meisten dieser Namenchristen entweder gar nicht mehr oder nur gånz selten, ebenso bleiben sie fern von der Feier des heiligen Abendmahls. Ja, es ist bereits so weit gekommen, daß eine in legter Zeit riesenhaft angewachsene revo

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