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Einleitung.

In dem ersten seiner bekannten Vorträge über Babel und Bibel hatte sich Friedrich Delitzsch gegen das Ende „zu dem gewendet, was die weltgeschichtliche Bedeutung der Bibel ausmacht: dem Monotheismus“. Auch hier habe uns Babel in der allerjüngsten Zeit einen neuen ungeahnten Ausblick eröffnet. Nach den folgenden Ausführungen solle man sich die Sache so vorstellen, daß in Babylonien zunächst „krasser Polytheismus“ geherrscht habe. Dann seien um 2500 nordsemitische Stämme in Babylonien eingewandert, die mit der Verehrung des einen, ewig seienden Gottes, den sie Ilu und Jahve nannten, den Monotheismus brachten. Diese Religion der zugewanderten Semiten sei wieder im Polytheismus untergegangen, und so sei der krasse Polytheismus“, dessen Göttervorstellungen nach Delitzsch im übrigen nicht unsympathisch waren, drei Jahrtausende hindurch die babylonische Staatsreligion geblieben, obgleich freie erleuchtete Geister lehrten, daß alle Götter eins seien in Marduk, dem Gotte des Lichts. In einer Anmerkung erklärte der Vortragende sodann: welcher Art und welchen Wesens dieser Monotheismus gewesen sei, lasse sich aus unseren Quellen nicht mehr sicher erkennen, sondern höchstens aus der späteren Entwicklung des „Jahvismus“ schließen.

Das Material, auf das die Behauptung sich stützt, bilden Eigennamen der Hammurabi-Zeit, die mit Ilu und Jahve zusammengesetzt sind 1; dazu kommt ein Text, der uns etwa aus

1) Delitzsch, Babel und Bibel 14, S. 75: Ilu-amranni „Gott, sieh mich an“, Ilu-tûram „Gott, wende dich wieder zu“; Ilu-ittia, „Gott mit mir", Ilu-amtabar, „Gott rief ich an“; Ilu-abi, „Gott ist mein Vater", Jarbi. ilu, „groß ist Gott", Jamlik-ilu, „Gott sitzt im Regiment“, Ibši-ina-ili,

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dem 6. vorchristlichen Jahrhundert überliefert ist und der sagt, daß Nergal und Nebo, Mondgott und Sonnengott, der Donnergott Ramman und andere Götter Erscheinungsformen Marduks seien!.

Man hat erwidert, daß Eigennamen, mit ilu zusammengesetzt, höchstens besagen, daß jene Leute etwas allgemein Göttliches als Substrat ihrer Einzelgötter annahmen und dafür einen Namen besaßen?; daß selbst für den Fall der Richtigkeit der Lesung Jahve in babylonischen Texten der Name nichts über den Inhalt des Gottesbegriffs bestimmes; endlich, daß der Text des 6. Jahrhunderts nichts anderes als eine erfreuliche Höhe zeige, zu der die „Spekulation“ an einem gewissen Punkte der Geschichte gedrungen sei, ohne daß die „eigentliche Religion“ dadurch beeinflußt worden sei4.

Bereits vor den Vorträgen über Bibel und Babel hatte Fritz Hommel 5 und mit ihm sein Schüler Ranke 6 von einem babylonischen Monotheismus geredet?, und zwar ebenfalls im ,,durch Gott trat er ins Dasein", Avel-ilu, „Knecht Gottes"; Mut(um)-ilu „Mann Gottes", Ilûma-le'i, „Gott ist mächtig", Ilûma-abi, „Gott ist mein Vater", Ilûma-ilu, „Gott ist Gott“, Šumma-ilu-lâ-ilia, „wenn Gott nicht mein Gott wäre“ u. s. W. Vgl. hierzu S. 43.

1) Vgl. S. 26.
2) Grimme, Unbewiesenes S. 10.
3) A. Jeremias, Im Kampfe um Babel und Bibel4 S. 20f.

4) Gunkel, Israel und Babylonien S. 30, (vgl. Grimme, l. c. S. 10; Zimmern, Keilinschriften und Bibel S. 34). Es erhebt sich hier freilich die Frage: Was ist „eigentliche Religion“? Gunkel versteht darunter den „krassen Polytheismus“. Wenn uns im folgenden der Nachweis gelingt, daß schon in den ältesten Zeiten die „geistige Höhe, die zu dem Einen dringt“, erreicht wurde, so dürfte diese „Spekulation“ den Anspruch auf die Bezeichnung „eigentliche Religion“ erheben, wenn man nicht vorzieht, diesen Titel für die Religion der „Bußpsalmen“ (S. 34ff.) in Anspruch zu nehmen.

5) „Die altisraelitische Überlieferung“ 1897. „Der Gestirndienst der alten Araber 1902.

6) „Die Personennamen in den Urkunden der Hammurabi-Dynastie".

7) Auch Eberhard Schrader an verschiedenen Orten; A. Jeremias in den Leipziger „Volkshochschulvorträgen“ 1901 (gedruckt in der Allg. ev. luth. Kirchenzeitung) hatte ebenfalls monotheistische Unterströmungen geltend

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Zusammenhange mit der über das Euphratland gekommenen semitischen (arabischen) Wanderung. In der Verehrung des Mondgottes wollen sie die Spuren einer hohen und reinen Gottesauffassung nachweisen. Und wie Delitzsch die nach ihm von nordsemitischen Stämmen importierte Ilu- und Jahve-Religion in Gegensatz zu dem krassen Polytheismus der älteren euphratensischen Religion stellt, so stellen Hommel und Ranke die monotheistisch anmutende Mondreligion in Gegensatz zu der „abergläubischen Furcht der Sumerier vor den zahllosen bösen Geistern“.

In beiden Fällen, bei Delitzsch wie bei Hommel-Ranke, ist meines Erachtens eine Unterschätzung der geistigen Höhe der ältesten uns bekannten altbabylonischen Religionsstufe der ,vorsemitischen“ Periode zu konstatieren. Von der Entstehung und Herkunft des von Hommel getadelten Animismus wissen wir garnichts. Es ist reine Hypothese, wenn man in dem Geisterspuk der altbabylonischen sog. „sumerischen“ Texte das Charakteristikum der vorsemitischen euphratensischen Religion erkennen will. Vielleicht ist der Animismus für das „vorsemitische“ Euphratland selbst ein fremdes Gewächs, abgesehen davon, daß er als „Aberglaube“ zu allen Zeiten die Kehrseite des „Glaubens“ repräsentiert haben wird. Die ältesten historisch datierbaren religiösen Urkunden, die in den Inschriften Gudea's vorliegen, sind über den Zauberkult hoch erhaben. Gudea polemisiert dagegen und sagt: „Kein Verständiger werde den Tempel eines Zauberers betreten ?." Wenn die „nordsemitische“ („kananäische“, ,, arabische“) Wanderung erlauchte Geister mitgebracht haben soll, so werden wir mit demselben Rechte behaupten und auch nachgemacht: „Zu dem Monde redet man mit einer Innigkeit, die den Gedanken aufkommen läßt, daß der Mond ursprünglich, ehe von seiner Gemahlin und von seinen Brudergöttern die Rede war, nur das Sinnbild des reinen, erhabenen Gottes sein sollte, dessen Anbetung man suchte.“ Freilich möchte ich jetzt hinzufügen: der Mondkultus kann schon deshalb nie „Monotheismus“ sein (im Sinne von Verehrung eines Gottes mit Ausschluß von andern), weil er nie ohne das Gegenstück des Sonnenkultus denkbar ist. Vgl. S. 32 und zum Weibe des Mondgottes S. 39.

1) Statue B, Col. V, 7-11, s. Jensen, KB III, S. 33.

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weisen können, daß es auch in der vorsemitischen, euphratensischen Welt Leute von höherer religiöser Erkenntnis gegeben haben muß.

Freilich müssen wir im Auge behalten, daß unsre Kenntnis der babylonischen Geschichte rückwärts geschichtlich beschränkt ist. Wir wissen von den Anfängen nichts! Wir können nur über die Religion der ältesten uns durch Monumente bekannten Zeit reden, und wir machen dabei die Beobachtung, daß Kultus und Religion reiner und abgeklärter erscheinen, je höher wir hinaufkommen. Die Hammurabi-Zeit z. B. verhält sich zur ältesten uns bekannten Epoche wie Mittelalter zu klassischer Zeit 2. Man hat gesagt 3: „Es wäre eine lohnende Aufgabe der Keilschriftforschung, deren Lösung, wenn sie gelänge, alle bisherigen Funde überragen und über alle Enttäuschungen und Fehlschlüsse hinüberhelfen würde, zu zeigen, daß es in grauer Vorzeit dort im Osten wirklich noch Menschen gab, die das Erbe einer höheren Gotteserkenntnis ungetrübt besaßen, das einmal den Menschen mitgegeben sein muß.“ Wir müssen hier fragen: Was ist unter grauer Vorzeit zu verstehen? barung“ ist wissenschaftlich, historisch nicht greifbar. Sie mag vom Standpunkte der christlichen Weltanschauung aus eine selbstverständliche Prämisse sein. Beweisen werden wir sie nie können. Aber die Erkenntnis, daß im höchsten uns historisch bisher zugänglichen Altertum hohe, geistige Ideen lebendig sind, nicht Animismus, Totemismus, Fetischismus – macht das Axiom von einer gradlinigen Entwicklung der religiösen Erkenntnis aus niederen Anfängen zuschanden.

1) Im Juli 1904 ging durch die Zeitungen die Nachricht: „Wie aus Chicago gemeldet wird, hat Professor Banks, der Leiter der Chicagoer Universitäts-Expedition nach Babylon, wichtige Funde gemacht. Banks glaubt, die älteste menschliche Niederlassung entdeckt zu haben.“ Das wäre ein Fund! Aber es wird wohl auf ein arges Mißverständnis hinauslaufen.

2) S. Winckler, Geschichte der Stadt Babylon AO VI, 1 S. 17ff.

3) R. Kittel, Die babylonischen Ausgrabungen und die biblische Urgeschichte3 S. 36.

„Uroffen

I. Das Geheimwissen in der babylonischen

Sternreligion.

Die babylonischen Schrifterfinder haben das Zeichen für Stern dadurch hergestellt, daß sie das Zeichen für Gott 3 mal als eine Zeichengruppe schrieben. Das beleuchtet die Tatsache, daß die babylonische Religion ihrem Wesen nach durchaus Gestirnreligion ist, wobei zu bedenken ist, daß die großen Erscheinungen des Naturlebens: Sommer und Winter, Aussaat und Ernte, Wetter und Hitze, Tag und Nacht mit dem Umlauf der Gestirne aufs engste verbunden sind?. Wir besitzen dafür monumentale Belege. Die babylonischen offiziellen Urkunden (Grenzsteine, Denksteine) stellen die Götter mit denselben symbolischen Bildern dar, die uns bis auf den heutigen Tag als Symbole am Sternhimmel bekannt sind. Das für die Astrologie der gesamten Welt hochwichtige Heptagramm der 7 Planeten, aus dem auch das Pentagramm sich erklärt, wurde auf einer altbabylonischen Tafel in Nippur gefunden2. Die Regierungstaten Sargon's I., des Gründers von Babylon, sind uns in der Form von Orakeln aus der Gestirnwelt überliefert. Die Prärogative Babylons wird durch Vorgänge des astralen Weltenlaufs begründet. Babylon ist Weltmetropole, weil Marduk in jenem Zeitalter als der siegreiche Jahrgott gilt, der den gesamten astralen Weltkreislauf repräsentiert3. Denn die Sonne hat seit der Gründung Babylons (2800) ihren Frühlings

1) Die Hervorhebung dieser tellurischen Erscheinungen im Kultus (Tammuz, Adad, Baal-Moloch, Astarte) ist das Charakteristikum der „kanaanäischen" Religion. 2) S. ATAO 16, Abb. 9f.

3) S. ATAO 41 f.

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