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Sintflut.

Eine babylonische Sintfluterzählung war uns bereits vor der Wiederentdeckung des babylonisch-assyrischen Altertums aus griechischer, auf den babylonischen Priester Berosus zurückgehender Überlieferung bekannt. Durch die Ausgrabungen des vorigen Jahrhunderts auf der Trümmerstätte von Ninive sind wir jetzt aber auch wieder in den Besitz der keilschriftlichen Originale gelangt, die diesen babylonischen Sintflutbericht enthalten. Dessen Hauptzüge sind in Kürze folgende: Die Götter beschließen in einer Versammlung eine Sintflut zu veranstalten und zwar, wie wenigstens am Schluß der Erzählung mit deutlichen Worten ausgesprochen wird, um die Sünden der Menschen zu bestrafen. Der Gott Ea, der im Götterrate zugegen gewesen war, setzt seinen Schützling Utnapištim aus der Stadt Surippak hiervon in Kenntnis und befiehlt sihm, zu seiner Rettung ein Schiff zu bauen und lebende Wesen aller Art in dieses mit hineinzunehmen. Utnapištim befolgt den Befehl Ea's, baut das Schiff nach den ihm vom Gotte vorgeschriebenen Maßen, teilt es in zahlreiche Abteilungen, und bringt seine Familie und Verwandtschaft, sowie Tiere aller Art hinein. Kurz vor Beginn der Flut, deren Eintritt ihm durch ein göttliches Zeichen vorher angezeigt wird, besteigt er selbst das Schiff und verschließt dessen Tor, während er den Steuermann mit der Lenkung des Schiffes betraut. In der Frühe des nächsten Morgens bricht

I S. Näheres in KAT3 S. 543—560.

die Flut los, verbunden mit gewaltigen Stürmen und dichter Finsternis. Die Götter selbst fürchten sich vor der Sintflut und steigen zum Himmel empor. Die Göttermutter klagt über den Untergang ihres Menschengeschlechts und bereut es, in der Götterversammlung der Veranstaltung einer Sintflut zugestimmt zu haben. Sechs Tage und Nächte rast die Sintflut. Am siebenten Tage aber ruht das Meer und hört der Sturm auf. Utnapištim öffnet ein Luftloch, da fällt Tageslicht auf seine Wangen. Er setzt sich nieder und weint. Danach steigt Land auf und das Schiff sitzt auf dem Berge Nișir fest. Nach sieben Tagen läßt Utnapištim eine Taube ausfliegen, die aber wieder zurückkommt, weil sie keinen Ruheplatz findet. Das Gleiche geschieht bei einer Schwalbe, die Utnapištim darauf ausfliegen läßt. Erst ein Rabe, den er als dritten Vogel aussendet, kehrt nicht wieder zurück, sondern läßt sich fressend nieder. Da läßt Utnapištim alles, was sich im Schiffe befindet, hinaus und bringt auf dem Gipfel des Berges ein Opfer dar, dessen süßen Geruch die Götter wohlgefällig einatmen. Es folgt eine Szene, in der die Göttermutter und Ea mit Bēl darüber hadern, daß er die Sintflut veranstaltet habe, Bēl selbst aber darüber erzürnt ist, daß nicht alle Menschen in der Flut umgekommen sind, sondern einer, Utnapištim mit den Seinen, gerettet ist. Schließlich aber wird Bēl anderen Sinnes und verleiht sogar dem Utnapistim und seinem Weibe göttliche Natur und entrückt sie in die Ferne, an die „Mündung der Ströme“.

Darüber, daß diese babylonische Sintfluterzählung mit der biblischen oder vielmehr den beiden biblischen denn in Gen. 6–9 sind zwei Sintflutberichte zusammengearbeitet aufs engste verwandt ist, kann trotz der mancherlei Verschiedenheiten im einzelnen kein Zweifel bestehen. Am stärksten ist die Berührung wohl bei der Episode von der Aussendung der Vögel und bei der Darbringung des Opfers beim Verlassen der Arche, obwohl gerade auch hier wieder charakteristische

Verschiedenheiten zwischen der biblischen und der keilschriftlichen Rezension vorliegen.

Das Problem kann also hier nicht das sein, ob überhaupt eine Verwandtschaft zwischen dem babylonischen und dem biblischen Bericht besteht, sondern vielmehr nur das, wie diese Verwandtschaft zu denken ist. In letzterer Hinsicht sind nun allerdings die Meinungen noch sehr geteilt. Doch darf es wenigstens als die Ansicht der überwiegenden Mehrzahl der Forscher bezeichnet werden, daß die Sintflutsage bei den Babyloniern heimisch und bei den Hebräern erst von diesen entlehnt ist. Wie nun freilich diese Entlehnung zu denken und in welcher Zeit sie anzusetzen ist, darüber gehen die Meinungen wieder von neuem auseinander, indem die einen diesen Zeitpunkt bereits recht früh ansetzen und wohl gar diese Sage schon von den Hebräern aus ihrer freilich äußerst problematischen babylonischen Heimat mitgebracht sein lassen, während andere etwa das achte oder siebente Jahrhundert v. Chr. als die Zeit annehmen, in der die Israeliten mit diesem wie mit anderen babylonischen Stoffen bekannt geworden wären. Mag man sich nun für diese oder für jene Alternative entscheiden, so liegt in jedem Falle die Sache doch so, daß die babylonische Sintflutsage nicht etwa sozusagen mit Haut und Haaren von Israel aus Babylonien übernommen worden, sondern daß sie in sehr starkem Maße im Geiste der spezifisch israelitischen Religion umgebildet worden ist. - Wieder eine ganz andere Frage für sich, die neuerdings gerade ziemlich lebhaft erörtert worden ist, ist die, welches denn wohl der eigentliche Ursprung und Sinn der Sintflutsage ist. Hier stehen sich namentlich zwei Ansichten ziemlich schroff gegenüber, indem die einen in der babylonisch-israelitischen Sintflutsage doch einen historischen Kern, etwa eine einstmalige besonders gewaltige Überschwemmung der Euphrat-Tigris-Tiefebene erkennen wollen, während andere die Sage als einen Naturmythus, speziell als einen

Himmelsmythus zu erklären suchen, höchstens mit dem Zugeständnis, daß die spezifischen Farben für die Ausmalung dieses Mythus von den in der Landschaft Babylonien üblichen Überschwemmungen hergenommen sind.

Urväter.'

Zwischen Weltschöpfung und Sintflut kennt sowohl die babylonische als auch die israelitische Sage eine Reihe von Heroengestalten, die in der babylonischen Überlieferung als Könige, in der biblischen als Patriarchen der Urzeit erscheinen. Beiden, den babylonischen vorsintflutlichen Königen und den biblischen vorsintflutlichen Patriarchen, werden abnorm hohe Lebensalter zugeschrieben. Die Anzahl der babylonischen Urkönige beträgt zehn. Ebenso groß ist die Zahl der biblischen Urväter, wenigstens nach der einen, ihrer jetzigen Form nach jüngeren, Quelle (Gen. 5), während die einer anderen, älteren schriftstellerischen Quelle angehörende Rezension des gleichen Sagenstoffes (Gen. 4, 17 ff.) nur sechs oder sieben Urväter aufzählt, die sich aber schon durch ihre Namen als ursprünglich identisch mit sieben von jenen zehn Urvätern ausweisen.

Daß nun zwischen der babylonischen Tradition von den zehn vorsintflutlichen langlebigen Urkönigen und der hebräischen von den zehn (sieben) vorsintflutlichen langlebigen Urvätern ein wirklicher historischer Zusammenhang besteht, zeigen klar einige weitere Übereinstimmungen im einzelnen. So ist in beiden Fällen der letzte, der zehnte, der Held der Sintflut: Utnapištim

1 S. Näheres in KAT3 S. 530—543.

im Babylonischen, Noah in der Bibel, wie denn beide Traditionen, die hebräische sowohl als die babylonische, den ausgesprochenen Zweck verfolgen, die Periode zwischen Schöpfung und Sintflut zu überbrücken. Ferner zeigen die einzelnen Namen der babylonischen Urkönige und biblischen Urväter mancherlei enge Beziehungen zu einander. So ist z. B. der Name des dritten Urkönigs im Babylonischen, Amelon in der griechischen Überlieferung des Berosus, das gewöhnliche babylonische Wort für „Mensch“, babylonisch amelu; ebenso ist der Name des dritten biblischen Urvaters, Enoš, das gewöhnliche hebräische Wort für „Mensch“ enoš. Entsprechendes läßt sich auch für einige weitere Namen der Urkönige bezw. Urväter aufzeigen. Besonders auffallend ist die Übereinstimmung in dem, was von dem siebenten babylonischen Urkönig, Enmeduranki, einerseits, und dem siebenten biblischen Urvater, Henoch, andererseits erzählt wird. Enmeduranki war einst König in Sippar, der Stadt des Sonnengottes Šamaš. Dieser berief ihn in seine Gemeinschaft und belehrte ihn über alle Geheimnisse der Wahrsagekunst. So wurde Enmeduranki bei den Babyloniern der Stammvater der Wahrsagepriester. Gerade von dem siebenten Urvater Henoch weiß die sonst sehr trockene und schematische Liste der Urväter in Gen. 5 gleichfalls etwas Eigenartiges und an die Gestalt des Enmeduranki Erinnerndes zu berichten: „Nach der Geburt seines Sohnes Methusalah wandelte Henoch in Gemeinschaft mit Gott 300 Jahre. Und seine ganze Lebensdauer betrug 365 Jahre. Und weil Henoch in Gemeinschaft mit Gott gewandelt hatte, so verschwand er einst; denn Gott hatte ihn entrückt.“ Was in dieser kurzen Notiz von Gen. 5 nur mit wenig Worten angedeutet ist, davon weiß die spätjüdische Tradition ausführlichst zu berichten. Denn in dieser ist Henoch eine beliebte Sagenfigur, um die sich ein reichhaltiger Sagenkranz geschlungen hat. Speziell gilt hier Henoch als ein berühmter Weiser der Vorzeit, der vermöge seines Umgangs

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