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war, doch immer noch anklebte und ihn aufhielt in seinem Laufe. Das deutet er an einem andern Orte mit den Worten an: „Nicht daß ich es schon ergriffen habe, oder schon vollkommen sei, ich jage ihm aber nach, ob ich es auch ergreifen möchte, nachdem ich von Christo ergriffen bin." Er sah also in seiner Seele noch unverneuerte Stellen, wo die Sünde noch haften und des Satans Pfeile noch Eingang finden konnten; er fah fich täglich angelaufen von dem argen Feinde, und fühlte täglich in sich selbst die Dhnmacht, demselben aus eigner Kraft zu widerstehen. Das beugte ihn nieder und demüthigte sein Herz allezeit. Dafür flehte er zu dem Herrn, er möchte diese Schwachheit von ihm nehmen. Als unser Heiland von dem Teufel versucht war, da mußte der Feind zulegt von ihm weichen, und wir finden nicht, daß er forthin seine Seele noch habe anfechten dürfen. So möchte wohl der Apostel Paulus auch wünschen und hoffen, dieses stolzen Feindes ganz mächtig und los zu werden, und flehte darum den Herrn an.

Liebe Christen, wie viel Ursache haben wir nicht, diesen Pfahl im Fleisch, diesen Satans-Engel auch bei uns zu erkennen, der mit unserm Glauben seinen Spott treiben möchte. Diese Unvollkommenheit, diese Schwachheit und Sünde, die uns allenthalben anklebt und träge macht, diese Läßigkeit und Trägheit zum Guten, das sind die offenen Stellen, auf welche der Widersacher seine Pfeile richtet. Laßt uns doch nicht vergessen, hierauf unsre Gedanken fleißig zu richten, auf daß wir uns nicht überheben. Welch eine Kleinigkeit kann uns nicht schon zu Fall bringen, daß wir die Liebe vergessen, und Christum verleugnen. Hier hat ein Jeder noch seine besonderen, schwachen Seiten, wo er mit einem leichten Anlauf des Feindes verwundet wird. Die Knechte des Lasters find gewohnt, auch ihre Fehler und Laster, denen sie ungescheut nachgehen, als z. B. Lügen, Völlerei, Unzucht, und dergleichen, „schwache Seiten" zu nennen; so aber meine ich es nicht, ich rede von Christen, die ihr Fleisch kreuzigen sammt den Lüsten und Begierden. Auch diese, wenn sie auf ihren Seelenzustand merken, müssen gewahr werden, daß sie täglich und stündlich hingegeben sein würden in die Gewalt des Feindes ihrer Seelen, wenn nicht die Gnade Gottes sië bedeckte. Der Beweis dafür ist, daß wir täglich und stündlich fehlen, und die Lehre, die wir daraus zu nehmen haben, ist die, daß wir uns täglich und stündlich demüthigen vor Gott

, und erkennen, daß wir nichts find ohne seine Gnade, und daß in uns, das ist in unserm Fleische nichts Gutes wohnet.

Wir haben nun noch von dem beständigen Troste des Christen zu reden. Der Apostel Paulus erhielt auf sein dreimaliges Flehen zur Antwort: „Laß dir an meiner Gnade genügen, dennmeine Kraft'ist inden Schwachen mächtig" Die Gnade Gottes in Christo Jesu, die sich des Verlorenen annimmt und des Schwachen wartet, ist der beständige, und genugsame Trost des Christen. Wer sehnet sich nicht danach, alle Sünde so weit zu überwinden, daß er von der Anfechtung unberührt bleiben möchte; aber so ist es Gottes Rath nicht, sondern in täglichem Rampfe sollen wir unsre Schwachheit erfennen, und uns an seinem Gnadenbeistand genügen lassen, denn seine Kraft ist es, die den Schwachen stark macht, und dem Kämpfenden zum Siege hilft. Die Gnade Gottes ist das köstlichste und theuerste Kleinod, welches wir fündige Menschen auf Erden haben. Es ist uns wohl bewußt, daß etliche verstockte Menschen die Gnade Gottes verachten, und halten es für etwas Niedriges und Verächtliches, nach Gnade zu suchen. Sie meinen, sie wollen nur nach ihren Verdiensten in Gerechtigkeit belohnt werden; denn sie kennen ihre Sünde nicht, und werden erschrecken, wenn der Herr mit ihnen ins Gericht gehen wird. Ein Christ aber, der da weiß, daß wir ohne die Gnade Gottes nichts, und stündlich verloren sind, achtet dieselbe für das theuerste Kleinod. Die Gnade Gottes hat uns bis hieher gebracht im Leiblichen und Geistlichen. Von seiner Gnade haben wir dies Wort, die rechte Seelenspeise und tägliche Erquickung. Durch seine Gnade sind wir in Christi Tod getauft

, zur Buße geleitet, zum Glauben gebracht im heiligen Geiste. Durch seine Gnade wissen wir, daß der Weg dieser Welt ein Weg des ewigen Verderbens ist, und daß der Glaube an Jesum Christum von dem Verderben errettet. Durch seine Gnade nennen wir Jesum einen Herrn, und wissen, daß er unsre Sünde versöhnet hat. Durch seine Gnade stehen wir fest gegen des Satans Anfechtung, der uns den Glauben so gern aus dem Herzen reißen, und uns in Unglauben, Verzweiflung, Schande und Läster stürzen möchte. Durch seine Gnade dürfen wir stündlich zu ihm nahen, alle unsre Sorge auf ihn werfen, und gewiß sein, daß er uns erhöre. Durch seine Gnade dürfen wir kein Unglück fürchten, wie geschrieben steht Pf. 23, 4:

„Und ob ich schon vandcrte in finstern Thale, so fürchte ich kein : Ünglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich."

Durch seine Gnade dürfen wir auf die ewige Erlösung und Seligs keit zuversichtlich hoffen, sofern wir Glauben halten nach seinem Worte, denn aus Gnaden rechnet er uns den Glauben zur Gerechtigkeit um Jesu Christi willen, wie geschrieben steht Eph. 2. 8–9: „Žus Gnaden-seid ihr selig geworden, durch den Glauben; und dasselbige nicht aus euch. Gottes Gabe

Gottes Gabe ist es, nicht aus den Werken, auf daß sich nicht jemand rühme." Diese kostbare Gnade Gottes ist allen Gläubigen erworben, und wird allen Menschen

angeboten, daß fie Buße thun und fich von ihren Sünden zu

Gott bekehren, denn so steht geschrieben Tit. 2, 11 sq.: „Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen, und züchtigt uns, daß wir sollen verleugnen das ungöttliche Wesen und die weltlichen Lüste, und züchtig, gerecht und gottselig leben in dieser Welt, und warten auf die felige Hoffnung und Erscheinung des großen Gottes und unsers Heilandes Jesu Christi.“ Die Gnade Gottes ist mächtiger, als unsre Sünde, wie geschrieben steht Röm. 5, 20: „Wo aber die Sünde mächtig geworden ist, da ist doch die Gnade viel mächtiger geworden; auf daß, gleichwie die Sünde geherrschet hat zum Lode, also auch herrsche die Gnade durch die Gerechtigkeit zum ewigen Leben." Hieran sollen fich alle bekümmerten Seelen stärken und aufrichten, alle Seelen, welche vor der Sünde zittern und in dem Kampfe zagen. Ist die Sünde mächtig geworden, so ist doch die Gnade viel mächtiger geworden. Die Gnade Gottes ist überschwenglich groß, wie seine Liebe, welche ihn bewogen hat, auch seines eingebornen Sohnes nicht zu verschonen. Die Gnade Gottes ist fester und zuverläßiger, als ein Felsengrund, wie geschrieben steht:

Es sollen wohl Berge weichen, und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer."

Und an dieser Gnade sollen wir uns genügen lassen, denn sie hilft dem gläubigen Christen alle Anfechtung überwinden, alle Noth durchþrechen, das ewige Leben ergreifen. So lange diese Kraft bei uns ist, wollen wir gern schwach sein. Wenn es aber nach Gottes Rath und Gnade Zeit sein wird, daß das Unvollkommene und das Stückwerk aufhöre, so wird er uns ausspannen aus diesem Erdenjoche, und uns aus Gnaden den ewigen Sieg verleihen. Bis dahin laßt uns in rechter Demuth erkennen, daß wir arme, sündige Menschen sind, und Gottes Gnade preisen, der fich der Sünder erbarmt, und uns in seinem eingebornen Sohne die Hoffnung des ewigen Lebens gegeben hat. Ihm aber, dem großen Ueberwinder des Todes und der Hölle, dem ewigen Gottessohne sei Preis und Anbetung in Ewigkeit. Ámen.

3d lieg' im Streit und widerstreb',
Hilf, o Herr Christ! dem Schwachen;
An Deiner Gnad' allein ich kleb?,
Du kannst mich stärker machen.
Kommt nun Anfechtung her, so wehr', .
Daß fie mich nicht umstoße.
Du kannst machen,
Daß mir's nicht bring' Gefahr;
Ich weiß, Du wirsts nicht lassen. Amen!

18.

Am Sonntage Quinquagefimae.

Wir danken Dir, o Vater im Himmel, daß Du uns Deine Gnade geoffenbaret, und uns durch Deine große Barmherzigkeit zu Kindern Deines Reiches berufen hast. Wir danken Dir, daß Du uns Dein heiliges Wort ges geben, und uns dasselbe durch den Glauben im heiligen Geiste zur hellen Leuchte haft werden lassen. Siehe, hier sind wir bersammelt an der Stätte, da Deines Namens Ehre wohnet, und unsre Seelen warten auf Dich, daß Du ihnen Speise gebest; so erquide uns denn wieder mit Deiner Gnade! Segne ung mit Glauben und Geisteskraft, daß auch diese Stunde dazu diene, uns näher hin zu ziehen zu dem Erlöser, der der Welt das Leben giebt! Amen!

Geliebte Christen! Wir lesen in den Sprüchen Salomonis 24, 20 diesen Ausspruch: „Der Böse hat nichts zu hoffen, und die Leuchte der Gottlosen wird verlöschen." Wir tragen uns fast Alle mit der Hoffnung umber, daß wir nach diesem Leben in ein besseres, seliges Leben eingeben werden, und diese Hoffnung ist so tröstlich und föstlich, daß wohl selten jemand zu finden ist, der sein Herz nicht an dieselbe hängete. Zwar heißt es im Buche der Weisheit von denen, welche von den Lüsten dieser Welt gefangen sind: „Sie haben die Hoffnung nicht, daß ein heiliges Leben belohnet werde, und achten die Ehre nichts, so unsträfliche Seelen haben werden.“ Der Zustand aber der gänzlichen Leichtfertigkeit pflegt sich doch mit den Jahren dahin zu verändern, daß der Mensch von den Tröstungen des Glaubens ergreift und an sich reißt, was er ergreifen kann. Dies nun geschieht nicht selten ohne Verneuerung des Sinnes und Wandels, ohne Widergeburt durch den Glauben, und dann ist es eine gefährliche und verderbliche Täuschung unsrer selbst. Wie kann man erndten, da man nicht gefäet hat? Dian più sich des Todes Bitterfeit damit vertreiben, daß man sich in süßen Gedanken die Unsterblichkeit, das Wiedersehen im ewigen Leben ausmalt. Das ist freilich ein seliges Ziel, wohl dem, der es errungen bat; aber ihr habt den Ausspruch des göttlichen Worts gehört: „Der Böse hat nichts zu hoffen, und die Leuchte des Gottlosen wird erlöschen.“ Man geht in das Reich der seligen Unsterblichkeit nicht als durch einen Traum, oder durch einen Zaubersprung: „Die Pforte ist enge, und der Weg ist schmal, der zum Leben führet, und ihrer sind Wenige, die ihn finden." Hoffest du auf das selige himmlische Leben nach dieser Zeit, die Sache ist sehr wichtig, so mußt du doch untersuchen, ob die Leuchte deiner Hoffnung nicht erlöschen werde, wenn es darauf ankommen wird, mußt untersuchen, ob deine Hoffnung auf den rechten Grund gebaưet ist. Die Lehre von der seligen Unsterblichkeit spielt auch mitten in der Welt eine große Rolle, da wo der Feind der Seelen sein Werk hat in den Kindern des Unglaubens;

er gebraucht diese Lehre zu einer Wiege, um seine Jünger in süßem Schlummer zu erhalten. Ich habe wohl öfters gehört und gelesen, wie Menschen sich an dem Gedanken der Unsterblichkeit ergößten, - welche keinen Fuß auf den schmalen Weg zu seßen geneigt waren, und das Kreuz Jesu Christi mit keinem Finger anzurühren gedachten. Da fab ich den großen Betrug, daß man fich Hoffnungen machte; dá nichts zu hoffen war, und träumte, da man hätte wachen sollen.

Wir werden auf Veranlassung unsrer Epistel, und unter Gottes Beistand heute fragen, auf welchem Grunde die Hoffnung der ewigen Seligkeit ruhen soll, und erflehen uns dazu zuvor den Seegen des Herrn in einem stillen und andächtigen Gebete.

Epistel: Titum 3, 4—7.

Da aber : erschten die Freundlichkeit und Leutseligkeit Gottes, unsers Heilandes, nicht um der Werke willen der Gerechtigkeit, die Wir gethan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit machte er uns selig, durch das Bad der Wieder, geburt und Erneuerung des heiligen Geistes, welchen er ausgegoffen hat über : und reichlich durch Jesum Christum, unsern Heiland; auf daß wir durch dejjeba bigen Gnade gerecht, und Erben sein des ewigen Lebens, nach der Hoffnung...

Diese Epistel gehört zu den Abschnitten, welche uns in kurzen und lebendigen Zügen die Grundwahrheiten des Evangeliums vor die Augen stellen. Der Apostel hat kurz zuvor gesagt: „Wir waren auch weiland unweise, ungehorsame, irrige, dienende den Lüsten und mancherlei Wollüsten, und wandelten in Bosheit und Neid, und Hasseten uns untereinander. „Da aber erschien die Freundlichkeit, und Leutseligkeit Gottes, unsers Heilandes."; Nun zeigt er in den folgenden Worten, und das ist es, was wir näher mit einander beherzigen wollen: auf welchem Grunde unsere Berufung zum ewigen Leben rubeto ;

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