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jene das Arbeitsfeld zu einem sehr anziehenden machte.“ Es hatte fich nämlich in der Gemeinde aus einer früheren Zeit, deren Spuren der Selige „fast verschwunden“ nennt, ein gewisser Grad von Kirchlichkeit erhalten; auch die Schulen waren durch die unvergeßlichen Schöpfungen des seligen Schulrath: Dr. Bernhard und durch den Ernst und die unermüdete Thätigkeit des Superintendenten Bade auf das Erfreulichste erblüht, somit also der Canal noch einigermaßen offen, durch welchen das Wasser des Lebens der Ge meinde zufließen konnte.

Und Tertor war so ganz der Mann in Anerkennung des Vorhandenen auf solchem Grunde rüstig fortzubauen. Hierzu fanden fich in der Gemeinde eine Anzahl erweckter Christen, „welche durch den neuen Ddem, der damals die ganze Gegend durchzog, geweckt und in Schwingungen gefegt waren. Empfänglich, aber unerfahren, hungrig nach dem Evangelium, waren sie weit und breit umher gegangen, um hie oder da eine Predigt aus dem rechten Brunnen von der Gnade Jesu Christi zu hören; mitunter zarte, schüchterne Seelen, die fröhlich in Gott fich noch äußerlich zur Gemeinde hielten, mitunter schartig und heftig, die von dem Prediger schou ausgegangen waren, und nun selbst umherzogen, um auch anderen das Evangelium zu bringen, obgleich sie dazu weder die Gaben, noch den Beruf, noch die gereifte innere Treue hatten.“ Diese Seelen waren unserem Tertor eine höchst erfreuliche Erscheinung, die ihm das Arbeitsfeld von vorne herein zu einem besonders anziehenden machte.“ „Mit offenen Armen wurde ich, vornehmlich von diesen Erweckten aufgenommen,“ äußert er selbst darüber; „zu jedem guten Werke fand ich sie bereit. Es war mir von diesem besonderen Zustande der Gemeinde nichts bekannt, ehe ich in das Amt trat; überhaupt hatte ich von dergleichen Erscheinungen bis dahin auffallender Weise nichts gesehen, nichts gehört

, nicht einmal etwas gelesen, aber des Herrn gnädige Hand hat mich wunderbar geleitet, daß ich bei meiner gänzlichen Unerfahrenheit auf diesem Gebiete das Feld behalten habe. Mit großer Liebe ging er gerade diesen Seelen, nach, durch zarte Pflege fördernd, was er in ihnen als wahrhaft göttliches Leben vorfand, aber auch abschleifend, was er als menschliche Zuthat und Besonderheit erkannte. Es ist anzuerkennen, daß ihm gerade in dieser Hinsicht ein großes Maaß christlicher Weisheit verliehen war, und wie nur die Ruhe, welche

Lector in Allem charakterisirte, ihn vor so nahe liegenden gefährlichen Mißgriffen bewahrte. War er doch Anfangs felbst der Meinung, daß er nur deshalb nach Sarnow gekommen set, damit durch seine Predigt die ganze Gemeinde so werden solle, als jene.“ Bald indessen wurde er inne, daß er für Alle da, und seine Aufgabe sei, nicht eine besondere Form des christlichen Lebens, sondern das

Leben aus und in Jesu Christo felbst“ zu erwecken und zu fördern. Darum achtete er denn auch der fo schroff gewordenen Scheidung bald gar nicht mehr, und gab der ganzen Gemeinde mit ungetheilter Liebe sich bin, indem er sowohl selbst „denen Gerechtigkeit widerfahren ließ, welche er sonst als rechtliche und gottesfürchtige Leute erkannte, wenn sie auch in der Form ihrer Erkenntniß und ihres Bekenntnisses von der Art der Erweckten abwichen, als er auch die Legteren zu dieser Anerkennung nöthigte." Es würde uns für den vorliegenden Zweck zu weit führen, To sehr auch das Herz dazu drängt, wenn wir die Wirksamkeit des Vollendeten mehr in's Einzelne verfolgen wollten; es sei genug, wenn wir bemerken, daß der Herr ihm einen Sieg nach dem andern gab, und seine Arbeit über Bitten segnete. Die Gemeinde erkannte, welch einen Schaß fie in ihm besaß, und suchte seine Mühe um sie, durch herzliches Entgegen= kommen zu vergelten. Die Kirchen waren stets überfüllt, daß die andächtigen Hörer oft draußen unter den Thüren und an den Fen= stern dem lebendigen Strom der lauteren Predigt lauschten, und bald ging durch das ganze Kirchspiel, wie ein stilles, sanftes Sausen vom Herrn, das neue Leben aus Gott

, daß die Herzen der Väter bekehrt wurden zu den

Kindern, und die Herzen der Kinder zu ihren Vätern. Ein eigener Bibelverein blühte empor, ein reger Missionseifer erwachte; Privaterbauungen, die der Pastor unter speziellster Aufsicht behielt, förderten auch an ihrem Cheile das christliche Leben, und so konnte der Separatismus, der schon zu jener Zeit in der Umgegend Raum gewann, in Sarnow keinen Eingang finden. Die Gemeinde hatte in ihrem Pastor ja Alles, was sie nur wünschte, und das gegenseitige Vertrauen war zu innig, als daß es durch Eindringlinge erschüttert werden konnte, obschon diese eß an Versuchen nicht fehlen ließen.

Leptor war somit ganz an seiner Stelle, und dachte wohl nicht im Entferntesten daran, diesen Wirkungskreis je zu verlassen, als ihm Ostern 1837 der Ruf zum Archidiakonus an der Domkirche zu Cammin wurde. Es kostete viel Mühe, ehe er die Ueberzeugung gewinnen konnte, daß auch dieser Ruf ihm von dem Herrn komme; fein eigenes Herz, wie das seiner Gattin, mit welcher er sich im Jahre zuvor verheirathet, ja seine ganze Familie, die fich

, um ihn gesammelt hatte, war zu sehr mit Sarnow verwachsen, als daß sie fich von dieser ,,ersten Liebe“ scheiden mochten; das Andringen der klagenden Gemeinde, und eine Ahnung der Trübfale, welche später über dieselbe hereinbrachen, wollte Tertor lange nicht lassen: doch beugte er sich dem Herrn, und trat um Johannis jenes Jahres in feine neue Wirksamkeit ein. Sein Herz hielt jedoch fest an der ihm so theuren Gemeinde; mit inniger Liebe gedachte er immerbar an diese „Frühlingszeit“ seiner Thätigkeit, und ais im Fabre 1846

jene Trübsale über die Gemeinde hereinbrachen, deren wir öfter gedacht, als der Strom des altlutherischen Separatismus über sie daherfluthete, und ein Riß sondergleichen zu fürchten stand: ba konnte er nicht an sich halten, er mußte hin, mußte von der Kanzel herab, in den Schulen und Häusern die ihm im Herzen so lieben Seelen noch einmal sprechen, das: ,,Eins ist noth!" ihnen zurufen, und die somit frisch ins Gedächtniß ihnen zurückgerufene , alte liebe Zeit“ ward ein starkes Bollwerk für viele schon schwankend gewordene Glieder der Gemeinde, daß fie bei der Kirche verblieben. Fast wäre er willig gewesen, noch einmal den Dienst der Gemeinde fich selbst übertragen zu lassen! Der Herr, der solche Treue nicht ohne Trost lassen konnte, erhörte sein Gebet, und schenkte ihm noch bienieden die Freude, daß er in seinem Sarnow wieder mit Frieden weilen konnte, als er am zweiten Pfingsttage 1848 daselbst noch einmal predigte. Sein Andenken ist noch unverwischt, und wird wohl erst mit dem legten von ihm confirmirten Kinde aussterben.

Wie in Sarnow, also begann der Heimgegangene auch in Cammin seine Thätigkeit mit ganzer Liebe. Wollte auch Anfang den durch seine theuren Amtsvorgänger – einen Dummert, einen Mila schon so reich bedacht gewesenen lieben Camminern der äußerlich wenig scheinende und darbietende Tertor nicht sonderlich zusagen: als sie nur erst die besondere Eigenthümlichkeit seines Wefens, von der weiter unten die Rede sein wird, gewahr wurden, und sonntäglich hörten, wie der lautere Strom der evangelischen Piedigt in großer Klarheit

, Tiefe und Wärme von seinen Lippen floß, fprachen sie doch: es ist ein seltsamer, aber audy ein seltener Mann zu uns geschickt worden. Erhebend und erquickend waren die Nachmittags - Gottesdienste in dem alten Dom! Die weiten Räume mit Menschen angefüllt und fast jeden Sonntag dieselben Gesichter an denselben Stellen; bei ergreifendem Orgelspiel unter dem hohen Gewölbe ein Gesang, dem man es anhörte, daß die Gemeinde fingen gelernt hat und gern singt;“ dann Tertors Predigt, einfach und erhaben, frisch und lebendig, kräftig und innig, immer das alte feligmachende Evangelium enthaltend, und immer eine neue Seite der himmlischen Lebre enthüllend. Wie verstand es der Selige doch so meisterhaft, dem Menschen zu zeigen, was er von Natur ist, und was er durch Christi Gnade werden kann; wie ging ihm sein Mund in Strömen über von der in der Sendung feines Sohnes uns bewiesenen Liebe Gottes, deren sein Herz voù war; wie dringend pries er den Neumüthigen an, was er an eigener

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Seele erfahren hatte, den unerschöpflichen Trost der Sündenvergebung; wie gelehrt war seine Zunge, das aus Gottes Wort an's Herz zu legen, was den Pilgern auf dem schmalen Wege zu ihrer Läuterung und Befestigung dient. Merkwürdig war in Tertors Predigten der Wechsel der schlichtesten Darlegung der christlichen Wahrheiten mit dem hohen Fluge, den die Rede zuweilen nahm, besonders gegen das Ende des Vortrags, wenn sein Glaubensauge hineinblickte in die Freuden der zukünftigen Welt. Mächtig hoben fich dann die Schwingen des Geistes und zogen die Herzen der Bersammlung nach. Niemals würde feine Rede zum Sturm und wilden Feuer, sondern allezeit erwies er sich als ein Kind des Geistes, dessen Wehen innig wohlthut, und dessen Flamme mild erwärmt. Und dann zum Schlusse des Gottesdienstes sein würdevoller, klangreicher Gesang des Dankgebets und des Segens, welcher vom Altare her durch die Räume der herrlichen Cathedrale tönte und ergreifend in die Herzen drang. Wahrlich es waren reich gesegnete Stunden, welde die Gemeinde fest an die Kirche fesselten. „Was auch die Separatisten uns vorreden mögen, wir kommen nächsten Sonntag doch wieder,“ das war, wenn auch ihnen unbewußt, die Stimmung beim Heimgange aus der Kirche. Cammin, vergiß nie jener gesegneten Zeit, in welcher dein Mila und Tertor Eines Geistes, einmüthig und einhellig, das findlich große gottfelige Geheimniß lebendig und kräftig Dir

predigten, und Dir vorangingen in den Fußstapfen Deß, Der von sich sagen konnte: „Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in Fins sterniß, sondern wird das Licht des Lebens haben!"

Nachdem dem Vollendeten im zweiten Jahre seiner Wirksamkeit in Cammin zu seinem geistlichen Amte noch das Direktorat an dem unter seiner Mitwirkung neu errichteten Schullehrer-Seminar übertragen worden war, hatte er alle Hände voll zu thun; und als fich bald darauf ein förperliches Leiden einstellte, das fast fein. beständiger Begleiter zu werden anfing, war es nur einem Manne von seinem Geiste und Gaben möglich, mit so gesegnetem Erfolge weiter zu wirken. Unter dem Kreuze der Kränklichkeit

, welche seinen äußerlichen Menschen zuweilen sehr hart angriff, ward der innerliche von Tag zu Tage herrlich verneuert. Ich habe meine Rechnung nur noch auf wenig Jahre gestellt,“ äußerte er schon damals, und man merkte es seinem ganzen Verhalten an, daß Gedanken an den nahen Tod ihn ernsthaft beschäftigten und seinen Umgang mit Gott immer inniger und beständiger machten.

Wenn man der Gnade des Höchsten zum Preise von Textor Tagen muß, daß er zu einer tiefen Erkenntniß des uns durch Christum bereiteten Heils gekommen war, daß er wußte, an wen er glaubte, daß er mit Treue dem Heilande nachfolgte und das Kreuz

nachtrug, baß er als Prebiger und Lehrer, als Gatte und Vater, als Freund und College, und in allen andern Verhälnissen des Lebens zum Wohlgefallen Gottes zu wandeln eifrig bestrebt war, so ist dies freilich das Beste und Schönste, was man einem Menschenkinde nachsagen kann; allein es sind Dinge, welche sich an jedem Jünger Christi in irgend einem Maaße finden müssen. Darum Fei außer dem großen Worte, daß Tertor ein Christ war, noch etwas von seiner besonderen Eigenthümlichkeit gesagt. Gar merklich unterschied er fich von der Mehrheit anderer Leute durch eine fich stets gleichbleibende Ruhe und Gemessenheit, welche sich bis zum Auffallenden steigern konnte, und öfters Surch Schweigsamkeit drückend wurde. War gleich diese Seite seines natürlichen Wesens durch den Geist von oben Her geheiligt worden, und wurde sie das durch ein Quell bedeutender Vorzüge, so gelang es ihm doch nicht, diese absonderliche Mitgabe in dem Grade abzustreifen, wie es zu wünschen gewesen wäre. Sein Schweigen, wenn man erwartete, daß er reden würde, seine Unbeweglichkeit, wenn man Entgegen kommen gehofft hatte, haben mehrfach zu falschen Urtheilen über ihn Anlaß gegeben. Die Freunde wußten mit ihm Bescheid, machten auch wohl diese ihm eigene Weise zum Gegenstande der Heiterkeit, was er stets mit stillem freundlichen Lächeln hinnahm; aber die Fernerstehenden stießen sich nicht selten, und suchten den Fehler då, wo er 'am allerwenigsten lag, in der Gesinnung und im Gemüthe. Einmal wurde er von seinem theuren Collegen mit brüderlichem Ernst auf die Sache angeredet und ihm vorgestellt, wie sehr dieser Mangel im persönlichen Verkehr hie und da schade; er sah auf mit einem Blick, welcher gestand, daß ihm Alles wohl bewußt sei, und fagte: ,,es hilft nicht, ich muß fo verbraucht werden." Denen, welche gelernt hatten, mit ihm umzugeben und ihm den Mund zu öffnen, wird unvergeßlich bleiben, mit welcher mittheilenden Lebendigkeit und mit welcher liebenswürdigen Heiterkeit er die Seele des Kreises wurde, der ihm umgab. Ein ihm nahestehendes Gemeinde glied äußerte darüber einst treffend: Unser Tertor ist wie ein köftliches Instrument; still und stumm bei aller Schöne, bis die fundige Meisterhand darüber hinfährt: dann aber erquickt es durch Kebliche Harmonie."

Tertor's Bedächtigkeit und Ruhe trugen im Dienste Dessen, dem er sein Leben geweiht hatte, die trefflichsten Früchte. Zwar langsam, aber festen und gewissen Schrittes ging er seinen Weg. Er glich einem klaren und tiefen Bache, welcher still dahinfließt, und dessen Wasserspiegel immer gleich hoch steht. Sein heller Blick wurde durch keine Erregtheit des Semüths getrübt. Seine Besonnenheit verließ ihn niemals. „Meine Seele ist stille zu Gott,“ schien der Wahlspruch seines Lebens zu sein. Wenn Freude oder Schmerz

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