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Nachdem nun Ischtar nach Kurnugea hinabgestiegen,
Bespringt der Stier nicht mehr die Kuh, beugt sich der

Esel nicht mehr über die Eselin,
Beugt sich der Mann nicht mehr über das Weib in der Gasse:
Es schlief der Mann an seiner Stätte,
Es schlief das Weib für sich allein.

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Ea in seinem weisen Herzen schuf ein Wesen,
Schuf Asuschu-namir, einen Spielmann:
„Geh, Asuschu-namir, nach Kurnugeas Tor richte

deinen Blick!
Die sieben Tore von Kurnugea sollen sich vor dir öffnen!
Ereschkigal soll dich schauen, sich über dich freuen!
Nachdem ihr Herz sich beruhigt, ihr Gemüt sich erheitert,
Laß sie schwören bei den großen Göttern!
Erhebe dein Haupt und richte den Sinn auf die Schläuche':
O Herrin, die Schläuche soll man mir geben, daß ich

Wasser daraus trinke!"2

100

Es ging Asuschu-namir, nach Kurnugeas Tor richtete

er seinen Blick,
Die sieben Tore von Kurnugea öffneten sich vor ihm.
Ereschkigal schaute ihn und freute sich über ihn.
Nachdem ihr Herz sich beruhigt, ihr Gemüt sich erheitert,
Ließ er sie schwören bei den großen Göttern;
Er erhob sein Haupt und richtete den Sinn auf die

Schläuche: O Herrin, die Schläuche soll man mir geben, daß ich

Wasser daraus trinke!3

Als Ereschkigal dieses vernahm,

Schlug sie sich auf den Schoß und biß sich auf den Finger*: 1 Es handelt sich vielleicht um Schläuche mit Lebenswasser, durch das Ischtar aus der Unterwelt befreit werden soll. Manches ist noch dunkel: jedenfalls verliert Ereschkigal die Macht über Ischtar. . Hierher gehören vielleicht Vs. 128–132. 8 Dieser ganze Abschnitt fehlt in den Originaltexten. “Zeichen des Zornes.

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110

„Du hast von mir etwas begehrt, was nicht begehrt

werden darf. Wohlan, Asuschusnamir, ich will dich verfluchen mit

schwerem Fluche,
Will dir ein Los bestimmen, unvergeßlich für alle Zeiten:
Die Speisen in den Gossen der Stadt seien deine Speise,
Die Abwässer der Stadt seien dein Getränk,
Der Schatten der Mauer sei dein Aufenthaltsort,
Die Steinschwellen seien deine Wohnung!
Trunkene und Durstige sollen dich auf die Backe

schlagen!“ 1
Ereschkigal öffnete ihren Mund und spricht,
Sagt zu ihrem Boten Namtar die Worte:
„Geh, Namtar, klopf in Egalgina an,
Poch an die Schwellen von funkelnden Steinen,
Führe die Anunnakio hinaus, laß sie auf goldnem Stuhle

Platz nehmen! Besprenge Ischtar mit Lebenswasser, und nimm sie von

mir fort1"

115

Da ging Namtar, klopfte in Egalgina an,
Pochte an die Schwellen von funkelnden Steinen,
Führte die Anunnaki hinaus, ließ sie auf goldnem Stuhle

Platz nehmen,
Besprengte Ischtar mit Lebenswasser und nahm sie fort.

120

Aus dem einen Tore führte er sie hinaus und gab ihr zus

rück das Schamtuch ihres Leibes. Aus dem zweiten Tore führte er sie hinaus und gab ihr

zurück die Spangen ihrer Hände und Füße.

* Auch hier scheint eine Lücke zu klaffen. Ursprünglich wurde wohl erzählt' daß Asuschu-namir in den Himmel zurückkehrte und nun Tamuz in die Unters welt hinabführte. Daran würde sich Vs. 133–140 gut anreihen: erst durch Tamuz' Flötenspiel bezaubert, befiehlt Ereschkigal (Vs. 111 ff.) die Freilassung der Ischtar. Niedre Gottheiten, hier als Richter der Unterwelt im Rechtspalast (Egalgina) der Unterwelt hausend gedacht. 10*

125

Aus dem dritten Tore führte er sie hinaus und gab ihr

zurück den Geburtssteingürtel ihrer Hüften. Aus dem vierten Tore führte er sie hinaus und gab ihr

zurück die Schmuckstücke ihrer Brust. Aus dem fünften Tore führte er sie hinaus und gab ihr

zurück die Ketten ihres Halses. Aus dem sechsten Tore führte er sie hinaus und gab ihr

zurück die Gehänge ihrer Ohren. Aus dem siebenten Tore führte er sie hinaus und gab ihr

zurück das große Kopftuch ihres Hauptes.

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130

„Wenn sie dir ihre Freilassung nicht gewährt", so wende

dein Antlitz hierher zurück!
Den Tamųz, ihren Jugendgeliebten,
Wasche mit reinem Wasser, salbe ihn mit gutem Öl,
Mit schimmerndem Gewande bekleide ihn, die Flöte von

Lapislazuli möge er spielen,
Freudenmädchen mögen ihren Zorn beschwichtigen!“

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135

Als nun Belili ihre Schätze geholt hatte,
Und mit Edelsteinen ihr Schoß gefüllt war,
Hörte sie die Klagetöne ihres Bruders; da warf Belili

ihre Schätze von sich,
Mit den Edelsteinen füllte sie den Boden:
„Mein einziger Bruder, tu'mir keinen Schaden!
In den Tagen des Tamuz spielet auf der Flöte von Lapis-

lazuli, auf dem Ring von Karneol spielet zugleich! Mit ihm spielet, ihr Klagemänner und Klagefrauen, Auf daß die Toten emporsteigen und den Weihrauch

riechen!“

140

1 Der Zusammenhang dieses Verses und der folgenden mit den vorhergehen: den ist unklar. Tamuz ist der Geliebte der Ischtar-Venus, Belili seine Schwe: ster, die hier mit Ereschkigal identisch zu sein scheint. Möglicherweise sind Vs. 128–132 hinter Vs. 101 einzureihen und gehören dann zur Rede Eas an Asuschu-namir. Zu diesen Versen s. Anmerkung 1 auf S. 147.

2

5. NERGAL UND ERESCHKIGAL

Der Mythus erzählt, wie der Pestgott Nergal durch Besiegung der Unterweltsgöttin Ereschkigal deren Gatte und Herrscher der Unters welt wurde. Der Text stammt aus dem 14. Jahrhundert. Als die Götter einst ein Gastmahl veranstalteten, sandten sie zu ihrer Schwester Ereschkigal einen Boten: „Wollten wir auch zu dir hinabsteigen, so kommst du doch nicht zu uns herauf; laß dir deshalb deine Mahlzeit holen." Da sandte Ereschkigal ihren Boten Namtar?. Namtar stieg empor zum hohen Himmel und trat in den Saal ein, wo die Götter saßen. Diese erhoben sich und begrüßten Namtar, den Boten ihrer erhabenen Schwester”.

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Ereschkigal sprach also: Den Gott, der vor meinem Boten nicht aufstand, den bring' zu mir, damit ich ihn töte.“ Da ging Namtar, mit den Göttern zu reden. Diese riefen ihn und redeten mit ihm also: „Siehe, den Gott, der vor dir nicht aufstand, nimm mit vor deine Herrin!“ Als Namtar sie zählte, fehlte hinten ein Gott. „Wo ist der Gott, der vor mir nicht aufstand?" Da geht Namtar fort, um seiner Herrin Bescheid zu bringen. Ea sprach zu Nergal: „Ich werde dir geben sieben und abermals sieben mächtige Dämonen, daß sie mit dir gehen:

4, Mutabriku, Scharabdu, Rabisu, Tirid, Idibtu, Bennu, Sidanu, Mikit, Bel-ubri, Ummu und Libu; diese vierzehn mögen mit dir gehen!"

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Als Nergal zum Tore der Ereschkigal gelangte, spricht er zum Pförtner des Tores: Öffne dein Tor! Mache die Bänder los, daß

Pestgott. Es folgt eine Lücke, in der erzählt war, wie Nergal dem Boten keine Ehrerbietung erweist und wie Namtar seine Herrin davon in Kenntnis setzt. Ereschkigal fordert in der folgenden Lücke unerbittlich, daß der bes. treffende Gott vor ihr erscheine. Nergal wendet sich deshalb um Rat an den weisen Ea. 4 Von den Namen der (Krankheits-)Dämonen fehlen die drei ersten.

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ich hineingehen kann! Zu deiner Herrin Ereschkigal bin ich ges sandt.“ Da ging der Pförtner und sagt zu Namtar: „Ein Gott steht am Eingang des Tores. Geh hin, sieh ihn genau an; dann mag er hereinkommen:" Da ging Namtar hinaus. Als er ihn gesehen hatte, ... sagte er zu seiner Herrin: „Meine Herrin, der Gott ist da, der vor einigen Monaten in unbesonnener Weise vor mir nicht aufstand." „Laß ihn eintreten! Sobald er vor mich kommt, will ich ihn töten!“ Da ging Namtar hinaus und sagt zu Nergal: „Tritt ein, mein Herr, in das Haus deiner Schwester?.“

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Da stellte Nergal auf:.... am ersten Tore, ..

: am zweiten, am dritten, Mutabriku am vierten, Scharabdu am fünften, Rabisu am sechsten, Tirid am siebenten, Idibtu am achten, Bennu am neunten, Sidanu am zehnten, Mikit am elften, Bel-ubri am zwölften, Ummu am dreizehnten, Libu am vierzehnten Tore. Entsetzen richtete er im Hofe an. Namtar schnitt er ab; er gab seinen Leuten Befehl: „Die Tore sollen geöffnet werden! Ich werde jetzt gegen euch anstürmen!“ Inmitten des Hauses ergriff er Ereschkigal. An ihren Haaren zog er sie vom Stuhle herab zum Erdboden, um ihr das Haupt abzuschlagen. „Töte mich nicht, mein Bruder! Laß mich dir ein Wort sagen!“ Da hörte Nergal auf sie, und seine Hände ließen ab. Sie weint und jammert: „Mögest du mein Gatte, ich dein Weib sein! Ich will dich ergreifen lassen die Herrschaft über die weite Unters welt. Die Tafeln der Weisheit will ich in deine Hand legen. Du sollst Herr, ich will Herrin sein!" Da hörte Nergal auf diese ihre Rede, ergriff sie, sie küssend und ihre Tränen abwischend: „Alles, was du von mir begehrt hast seit vergangenen Monden, das sei jetzt erfüllt!"

· Es folgt eine kleine Lücke. ? Die Namen der Dämonen sind nicht erhal: ten. 3 Worte Nergals.

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