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sich überall dort ein, wo der Mensch Geschehnisse beobachtet, deren Ursachen ihm dunkel sind, wie ja überhaupt die falsche oder doch schiefe Beurteilung kausaler Zusammenhänge leicht zur Annahme geheimnisvoll wirkender unsichtbarer Wesen führen kann. Der primitive Mensch, der nicht wissenschafts lich zu denken gewohnt ist, ist nur zu leicht geneigt, Vors gänge in der Natur nach Analogie menschlicher Handlungen zu deuten. Wie der durch einen Steinwurf getötete Feind der Kraft dessen unterlegen ist, der den Stein geworfen hat, so muß auch der vom Blitz Erschlagene einer unsichtbaren Kraftquelle erlegen sein: ein Gott muß den flammenden Strahl gegen ihn geschleudert haben. So werden die überall wirkenden Naturkräfte zu Gottheiten, vor allem die Sonne mit ihrer teils wohltuenden teils zerstörenden Wärme, der Mond, der dem wandernden Nomaden den Weg weist, das Gewitter, das erquik. kendes Naß bringt, aber auch furchtbare Verheerungen an richten kann, und die chthonischen Mächte, die im Innern der Erde hausen und ihrem Schoße herrliche Gaben für Mensch und Tier entsprießen lassen.

Die weitumfassende Tätigkeit solcher Gottheiten, wie der eben erwähnten, machte sie zu besonders mächtigen und verehrungswürdigen Wesen. Aber neben ihnen gab es noch viele andre unsichtbare Geister, von denen sich der einzelne Mensch abhängig fühlte und die ihm weniger Gutes als Böses zufügten. Vor allem gilt das von jenen geheimnisvollen Wesen, die im menschlichen Körper ihren Wohnsitz aufschlagen und den Unglücklichen mit Krankheit des Leibes und der Seele quälen. Daß ein Mensch, der gestern noch gesund war, heute von Schmers zen gepeinigt sich ruhelos auf seinem Lager hin und her wälzt, konnte man sich nicht anders erklären, als daß böse Geister von ihm Besitz genommen hätten. Ja man bemerkte bald, daß diese Unholde, die in der modernen Wissenschaft den Namen Baks terien führen, von einem Menschen zum andern übergehen konnten, und sann deshalb auf Mittel, sie durch allerlei Reinis gungszeremonien, aber auch durch heilkräftige Kräuter und Ges tränke zu verscheuchen und auf diese Weise den Kranken zu heilen. In diesen Riten spielt das Wasser, dessen Heilkraft man früh erkannte, eine besonders hervorragende Rolle; Eridu, die Kultstätte des Wassergottes Ea, war deshalb der Hauptsitz der Beschwörungspriester und Ärzte.

Wenn man auch niemals in Babylonien ernstlich daran ges dacht hat, alle in der Natur sich offenbarenden Kräfte einem einzigen göttlichen Wesen zuzuschreiben, so hat man doch schon frühzeitig durch Zusammenfassung einzelner Erscheinungen gewisse Abstraktionen geschaffen, die man als besonders hohe Gottheiten verehrte. Dazu gehören in erster Linie der Himmelsgott Anu, der Erdgott Enlil und die Vegetationsgöttin Ninmach oder Ninhursag, die unter ihren zahlreichen Beinamen auch den der „Götterherrin“ führt. Als dann die babylonischen Theologen im Laufe des dritten Jahrtausends die Lehre von der Dreiteiligkeit der Welt aufbrachten, wurde die Göttin Ninmach mehr und mehr durch Enki oder Ea, den Wassergott von Eridu, in den Hintergrund gedrängt. Da man die drei Weltelemente Himmel, Erde und Wasser und ihre göttlichen Vertreter als gleichberechtigt betrachtet wissen wollte, stellte man Anu, Enlil und Ea an die Spitze des Pantheons und erklärte sie für Nachkommen von Anschar und Kischar, gelehrten Abstraktionen der oberen und der unteren Welthälfte. Im Schöpfungsgedicht sind diese sekundären Spekulationen noch weiter fortgesponnen worden, indem man Apsû und seine Gemahlin Tiâmat, d. h. Süßs und Salzwasser, als den Ursprung aller Dinge an die Spitze der Theogonie setzte und noch eine weitere Generation Lachmu und Lachamu vor Anschar und Kischar einfügte, so daß sich folgendes Schema ergibt, das noch bei Damascius (um 460 n. Chr.) überliefert ist:

1. Apsû und Tiâmat, seine Gattin; 1 Himmel, Erde und Wasserreich, auf dem man sich die Erde ruhend dachte. *S. 25ff.; vgl. dort die Einleitung. 3 Was für abstrakte Begriffe durch Lachmu und seine Gattin Lachamu dargestellt werden sollen, entzieht sich unserer Kenntnis.

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2. Lachmu und Lachamu, seine Gattin;
3. Anschar und Kischar, seine Gattin;

4. Anu, Enlil und Ea. Daß diese Systematisierung nicht übermäßig alt ist, wird auch durch die Tatsache sehr wahrscheinlich gemacht, daß man keis neswegs in allen babylonischen Ortschaften Anu, Enlil und Ea als die drei Hauptgottheiten verehrte. Die Verehrung Anus als höchsten Gottes war vielmehr hauptsächlich auf die Stadt Uruk beschränkt, die Enlils auf Nippur", die Eas auf Eridu”. An andern Orten standen andere Manifestationen der Naturkräfte an der Spitze des Pantheons. So galt in Ur der Mondgott Nannar oder Sin als Herrscher der Götter, in Larsa und Sippar der Sonnengott Utu oder Schamasch, in Ennigi der Wettergott Adad, in Kutha der chthonische Gott Irra oder Nergal, in Kisch der Kriegsgott Zababa, der wohl ursprüngs lich auch eine Sonnengottheit ist, in Dilbat der Getreidegott Urasch usw.

Zahlreich sind die Orte, die die immer wieder neu schaffende und hervorbringende Kraft der Natur als Muttergöttin verehrs ten, bald unter diesem, bald unter jenem Namen. So war die Hauptgottheit von Kesch die Göttin Ninhursag oder Mama; in Adab wurde das gleiche weibliche Prinzip als Göttin Ninmach verehrt, in Hallab als Ischtar, in Akkad als Anunit, in Kisch als Innanna“, in Isin als Ninkarranâ, in Uruk als Nanâ usw.; an letzterem Orte drängte der Kult der Göttin den des Himmelsgottes Anu, als dessen Tochter sie galt, bald ganz in den Hintergrund. Als die einzelnen babylonischen Orte sich zu festeren politischen Gebilden zusammenschlossen, war es natürlich, daß man nunmehr auch die Fülle der Götter in ein System zu bringen versuchte. Wo Götter, die ihrem Wesen nach völlig gleich waren, in Betracht kamen, war die Aufgabe eine leichte: so konnte man den semitischen Sonnengott Scha: masch ohne weiteres mit dem sumerischen Sonnengott Utugleichs 1 S. 4. S. 12. Vgl. besonders das Lied S. 165 ff. * Doch wurde sie hier schon frühzeitig als kriegerische Göttin gedacht.

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setzen; ebenso verschmolzen auch die weiblichen Gottheiten mehr oder weniger, so daß man in späterer Zeit zwischen Göttinnen wie Ischtar, Anunit, Innanna und Naná kaum mehr einen Unterschied machte.

Andere Gottheiten wurden in verwandtschaftliche Beziehungen zu besonders hervorragenden Gestalten des Pantheons ges setzt, wobei neben theologisch-mythologischen Spekulationen auch politische Verhältnisse eine Rolle gespielt haben können. So galt z. B. der Mondgott Sin als Sohn des Erdgottes Enlil, und der Sonnengott Schamasch als Sohn des Mondgottes. Sehr leicht konnte es dabei geschehen, daß durch Verwendung vera schiedener Systeme Verwirrung hervorgerufen wurde. So sahen wir, daß die Göttin Nanâ von Uruk als Tochter des Himmelss gottes Anu galt; dagegen hielt man Ischtar, die gleichzeitig auch die Göttin des Planeten Venus war, für eine Tochter des Mondgottes. Als nun Nanâ und Ischtar identifiziert wurden, finden wir diese Göttin bald als Tochter Anus, bald als Tochter Sins bezeichnet.

Wie die Griechen dachten sich auch die Babylonier das Leben der Götter ganz nach der Art des menschlichen: die Himmlischen sind zwar unsterblich, aber nicht frei von Leidenschaften und sogar Fehlern, wenn man auch zugeben muß, daß die babylonischen Götter viel würdigere und ernstere Gestalten sind als die leichtlebigen Bewohner des Olymps. Aber dieser Unters schied ist lediglich in der Verschiedenheit des Charakters beider Völker begründet. Für den Babylonier bildet die Familie den Angelpunkt des Lebens, um den sich alles dreht. Deshalb konnte er sich seine Götter auch nur als Mitglieder von Götterfamilien vorstellen. Neben dem Hauptgott der Stadt steht daher dessen Gattin oder, wenn es sich um eine Göttin handelt, deren Gatte, der dann, wie z. B. Schulpaë, der Gatte der Götterherrin Ninmach, nur eine bescheidene Rolle spielt. Häufig sind die Göttergemahlinnen bloße Reflexe der männlichen Gottheit, wie schon ihre Namen zeigen, die vielfach aus dem Namen des Gatten gebildet sind: so steht neben Anu dessen Gemahlin Antu,

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neben Enlil dessen Gemahlin Ninlil u. a. m. Der ehelichen Vers einigung des Götterpaares, die in der Regel als die Vereinigung des in der Natur waltenden männlichen und weiblichen Prinzips aufgefaßt wurde, dachte man sich Söhne und Töchter entsprossen, die gleichfalls Familienbande schließen und Kinder erzeugen konnten. Da die Götter wie auch jeder irdische Herrscher einer Schar von Dienern bedurften, die man sich als niedere göttliche Wesen vorstellte, so schwoll der göttliche Haushalt oft genug zu einer stattlichen Gemeinschaft an. Die babylonischen Theos logen haben sich bemüht, diese Verhältnisse in Götterlisten darzustellen, von denen uns eine Anzahl erhalten ist. Wenn auch vieles darin auf künstlicher Systematisierung späterer Zeiten beruht, so bilden diese Verzeichnisse doch eine wesentliche Hilfe für die Rekonstruktion des Pantheons.

Auf eine Eigentümlichkeit muß noch hingewiesen werden. Mehrfach begegnet es, daß der Sohn der Hauptgottheit einer Stadt in einer andern Stadt selbst als Hauptgott verehrt wird. So ist Enlils Sohn Nimurta der höchste Gott von Girsu-Lagasch, wo er den Namen Ningirsu (d. i. Herr von Girsu) führt. Marduks Sohn Nabû ist Hauptgott von Borsippa, und Marduk selbst, der Gott von Babylon und spätere Hauptgott des Reiches, ist ja seinerseits ursprünglich ein Gott von Eridu, wo er als Sohn Eas eine große Rolle in dem dort üblichen Beschwörungskult spielt. Hier können kaum Identifikationen einst verschiedener Gottheiten vorliegen; denn der Charakter der in Betracht kommenden Götter ist kein so allgemeiner, daß eine Gleichsetzung mit ähnlichen Gestalten des Pantheons auf der Hand lag, wie das bei Sonnen-, Mond- oder Wettergottheiten ja so leicht mög. lich ist. Im Gegenteil finden wir, daß die betreffenden Gotts heiten ihren Charakter ändern, wenn sie zu Hauptgottheiten andrer Orte werden: Marduk von Eridu, der Vermittler zwis schen Ea und den Menschen, der große Entsühner, ist eine ganz andre Gestalt als Marduk, der Herr von Babylon und Herrscher der Götter, und trotzdem sind sie eins. Das läßt sich wohl nur so erklären, daß die beiden Orte, in denen der gleiche Gott (das

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