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Herr, blicke mich an und erhöre mein Flehen!
Göttin, blicke mich an und erhöre mein Flehen!
Gott, den ich kenne, nicht kenne, blicke mich an und

erhöre mein Flehen! Göttin, die ich kenne, nicht kenne, blicke mich an und

erhöre mein Flehen!

Wie lange, mein Gott, wirst du mir grollen?
Wie lange, meine Göttin, wirst du mir zürnen?
Wie lange, o Gott, den ich kenne, nicht kenne, ist dein

Grimm auf mir?
Wie lange, o Göttin, die ich kenne, nicht kenne, wird

dein ungnädiges Herz sich nicht beruhigen?

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Die Menschen sind taub, wissen nichts.
Die Menschen, so viele mit Namen benannt sind, was

wissen sie ? Machen sie es schlecht oder gut, sie wissen es nicht!

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Herr, deinen Knecht wirf nicht nieder!
Ins Wasser des Morastes ist er geworfen, fasse ihn bei

der Hand!
Die Sünde, die ich begangen, wandle zum Guten!
Die Verfehlung, die ich begangen, möge der Wind forts

tragen! Meine zahlreichen Freveltaten zieh ab wie ein Kleid!

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Mein Gott, sind meiner Sünden auch siebenmal sieben,

löse dennoch meine Sünden! Meine Göttin, sind meiner Sünden auch siebenmal sieben,

löse dennoch meine Sünden! Gott, den ich kenne, nicht kenne, sind meiner Sünden auch

siebenmal sieben, löse dennoch meine Sünden! Göttin, die ich kenne, nicht kenne, sind meiner Sünden

auch siebenmal sieben, löse dennoch meine Sünden!

Löse meine Sünden, so will ich dich huldigend preisen!
Dein Herz möge dem Herzen der Mutter gleich, die mich

geboren, sich beruhigen! Der Mutter gleich, die mich geboren, dem Vater gleich,

der mich erzeugte, möge es sich beruhigen!

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6. UNSCHULDSPSALM1 Ich gelangte zu langem Leben, schritt über die bestimmte

Zeit hinaus, Und wende ich mich umher, so ist es böse, ja böse! Meine Verwirrung mehrt sich, mein Recht finde ich nicht. Meinen Gott rief ich an, doch er zeigte mir sein Antlitz

nicht; Zu meiner Göttin betete ich, doch erhebt sich ihr Haupt

nicht. Der Wahrsager bei der Opferschau gab keine Deutung; Bei der Opferspende konnte der Orakelbefrager kein

Urteil für mich erwirken. Ich wandte mich an den Totenbeschwörer, doch ließ er

mich keine Antwort hören; Der Beschwörer konnte durch Zauber meinen Bann nicht

lösen.

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Was für sonderbare Dinge allenthalben!
Schaute ich zurück, so verfolgte mich Mühsal,
Wie einen, der die Opferspende dem Gotte nicht bes

reitete,
Und der beim Mahle der Göttin nicht gedachte!
Als ob mein Antlitz sich nicht gebeugt hätte, meine Demut

nicht gesehen worden wäre! Wie einer, aus dessen Munde nie hervorging Gebet und

Flehen, Von dem der Gottestag vernachlässigt, der Opfertag nicht

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beachtet worden,

* Hauptsächlich aus Assurbanipals Bibliothek bekannt. 15*

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Der nachlässig war, der Götter Sprüche mißachtete,
Der Gottesfurcht und Verehrung seine Leute nicht lehrte,
Der seines Gottes nicht gedachte und dessen Speise aß,
Der seine Göttin verließ und keine Opfergabe darbrachte,
Der seinen hochgeehrten Herrn vergaß,
Der leichtfertig bei seinem ehrwürdigen Gotte schwur,

- einem solchen ward ich gleich!

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Ich dachte selbst nur an Gebet und Flehen,
Flehen war meine Regel, Opfer mein Gebot.
Der Tag der Verehrung der Götter war meine Herzenss

freude, Der Tag der Nachfolge der Göttin war mein Reichtum

und Glück. Die Huldigung des Königs war meine Freude, Und seine Lust war mir etwas Schönes. Ich lehrte mein Land, Gottes Namen zu achten, * Der Göttin Namen zu ehren, unterwies ich meine Leute. Die Verehrung des Königs machte ich göttergleich, Und Ehrfurcht vor dem Hofe lehrte ich das Volk.

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Fürwahr, ich meinte, daß Gott dies angenehm sei:
Aber was einem selbst schön erscheint, ist Gott ein Greuel;
Was dem eignen Herzen verwerflich ist, das gilt Gott

schön!
Wer lernt den Willen der Götter im Himmel kennen,
Den Ratschluß der Unterwelt, wer kann ihn begreifen?
Wo sollten auch kennen lernen Gottes Weg die blöden

Menschen!
Wer abends noch lebte, ist morgens tot,
Eilends ist er in Finsternis geraten, flugs ist er zerschlagen.
Im Augenblick singt er noch fröhlich,
Und urplötzlich stöhnt er wie ein Klagemann!

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Jeden Augenblick ändert sich der Leute Sinn:
Geraten sie in Mangel, so sind sie wie eine Leiche,

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Sind sie satt, so stellen sie sich ihrem Gotte gleich.
Im Glück reden sie davon, zum Himmel emporzusteigen,
Im Unglück sprechen sie davon, zur Hölle hinabzufahren!

*

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Ein böser Geist ist aus seinem Schlupfwinkel hervors

gekommen:
Es entbrannte der Schmerz, schlimm ward die Krankheit.
Sie1 brachen mein Genick, lösten meinen Nacken,
Meine hohe Gestalt legten sie zu Boden wie ein Schilf-

rohr ...
Zu meinem Gefängnis ward das Haus;
In die Kette meines Fleisches waren meine Arme gelegt,
In die Fesseln meines eignen Leibes waren meine Füße

gestürzt! Die Verheerung an mir ist schmerzlich, der Schlag ges

waltig: Mit einer Peitsche hat er mich geschlagen, die voller

Stacheln war; Mit einem Stock hat er mich durchbohrt, dessen Spitze

gewaltig war. Den ganzen Tag verfolgt mich der Verfolger; Kommt die Nacht, so läßt er mich nicht einen Augen

blick aufatmen!

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Durch Überanstrengung sind aufgelöst meine Gelenke,
Meine Glieder sind zergangen, sind zur Seite geworfen.
Auf meiner Lagerstätte hauste ich wie ein Rind,
Beschmutzte mich wie ein Schaf mit meinem Unrat.

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Meine Gliederschmerzen haben den Beschwörer in Ver

legenheit gesetzt, Und meine Vorzeichen hat der Wahrsager nicht deuten

können.

1 Schmerz und Krankheit. ? Der böse Geist.

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Der Wahrsager hat nicht aufgeklärt das Wesen meiner

Krankheit, Und die Dauer meines Gebrechens konnte der Wahrs

sager nicht angeben. Mein Gott half mir nicht, noch ergriff er mich bei der

Hand, Meine Göttin erbarmte sich meiner nicht, noch trat sie

,

mir zur Seite. Geöffnet war der Sarg, man nahm schon meine Kostbars

keiten an sich, Ehe ich noch tot war, war die Totenklage schon fertig! Mein ganzes Land sagte: „Wie ist er zuschanden ge

worden!“ Mein Feind hörte es, und es strahlte sein Antlitz, Die Freudenbotschaft verkündete man meiner Feindin,

und ihr Herz ward froh.

Ich aber kannte eine Zeit, wo meiner ganzen Familie
Inmitten der Schutzgeister die Götter Gnade erwiesen!

* In einem weiteren Gedicht, das sich sehr lückenhaft an das mitgeteilte anschließt, wurde geschildert, wie der fromme Dulder doch schließlich Heilung fand.

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