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Periodenbaues, den sie sowohl bei Goethe, wie bei ihrem Gemahl so enthusiastisch bewunderte, und worüber wir damals fast täglich die fruchtbarsten Debatten führten. Die heutige Prosa, was ich hier bei. läufig bemerken will, ist nicht ohne viel Versuch, Berathung, Widerspruch und Mühe geschaffen worden. Rahel liebte vielleicht Börne um so mehr, da sie ebenfalls zu jenen Autoren gehörte, die, wenn sie gut schreiben sollen, sich immer in einer leidenschaftlichen Anregung, in einem gewissen Geistesrausch befinden müssen: Bachanten des Gedankens, die dem Gotte mit heiliger Trunkenheit nachtaumeln. Aber bei ihrer Vorliebe für wahlverwandte Naturen, hegte sie dennoch die grösste Bewunderung für jene besonnenen Bildner des Wortes, die all’ ihr Denken, Fühlen und Anschauen, abgelöst von der gebährenden Seele, wie einen gegebenen Stoff zu handhaben und gleichsam plastisch darzustellen wissen. Ungleich jener grossen Frau, hegte Börne den engsten Widerwillen gegen dergleichen Darstellungsart; in seiner subjektiven Befangenheit begriff er nicht die objektive Freyheit, dic götbische Weise, und die künstlerische Form hielt er für Gemüthlosigkeit: er glich dem Kinde, welches, ohne den glühenden Sinn einer griechichen Statue zu ahnen, nur die marmornen Formen betastet und über Kälte klagt.

Indem ich hier antizipirend von dem Widerwillen rede, welchen die göthische Darstellungsart in Börne aufregte, lasse ich zugleich errathen, dass die Schreibart des letztern schon damals kein unbedingtes Wohlgefallen bei mir hervorrief. Es ist nicht meives Am

tes, die Mängel dieser Schreibweise aufzudecken, auch würde jede Andeutung über das, was mir an diesem Style am meisten missfiel, pur von den wenigsten verstanden werden. Nur so viel will ich bemerken, dass, um vollendete Prosa zu schreiben, unter andern auch eine grosse Meisterschaft in metrischen Formen erforderlich ist. Ohne solche Meisterschaft fehlt dem Prosaiker e'n gewisser Takt, es entschlüpfen ihm Worifüglingen, Ausdrücke, Cäsuren und Wendungen, die nun in gebundener Rede statthaft sind, und es entsteht ein geheimer Misslaut, der nur wenige, aber sehr feine Ohren verletzt.

Wie sehr ich aber auch geneigt war, an der Aussenschale, an dem Style Börne’s zu mäkeln, und namentlich wo er nicht beschreibt, sondern räsonnirt, die kurzen Sätze seiner Prosa als eine kindische Unbeholfenheit zu betrachten: so liess ich doch dem Inhalt, dem Kern seiner Schriften, die reichlichste Gerechtigkeit wiederfahren, ich verehrte die Originalität, die Wahrheitslicbe, überhaupt den edlen Charakter, der sich durchgängig darin aussprach, und seitiem verlor ich den Verfasser nicht mehr aus dem Gedächtuiss. Man harte mir gesagt, dass er noch immer zu Frankfurt lebe, und als ich mehre Jahre später, Anno 1827, durch diese Stadt reisen musste, um mich nach München zu begeben, hatte ich mir bestimmt vorgenommen, dem Doctor Börne in seiner Behausung meinen Besuch abzustatten. Dieses gelang mir, aber nicht ohne vieles Umherfragen und Fehlsuchen; überall wo ich mich nach ihm erkundigie, sah man mich

ganz befremdlich an, und man schien in seinem Wohnorte ihn entweder wenig zu kennen, oder sich noch weniger um ihn zu bekümmern. Sonderbar! Hören wir in der Ferne von einer Stadt, wo dieser oder jener grosse Mann lebt, unwillkührlich denken wir uns ihn als den Mittelpunkt der Stadt, deren Dächer sogar von seinem Ruhme bestrahlt würdeu. Wie wundern wir uns nun, wenn wir in der Stadt selbst anlangen und den grossen Mann wirklich darin aufsuchen wollen und ihn erst lange erfragen müssen, bis wir ihn unter der grossen Menge herausfinden! So sieht der Reisende schon in weitester Ferne den hohen Dom einer Stadt; gelangt er aber in ihr Weichbild selbst, so verschwindet derselbe wieder seinen Blicken, und erst hin- und herwandernd, durch viele krumme und enge Strässchen kommt der grosse Thurmbau wieder zum Vorschein, in der Nähe von gewöhnlichen Häusern und Boutiken, die ihn schier verborgen halten.

Als ich bei einem kleinen Brillenhändler nach Börne frug, antwortete er mir mit pfitfig wiegendem Köpfchen: wo der Doctor Börne wohnt, weiss ich nicht, aber Madame Wohl wohnt auf dem Wollgraben. Eine alte rothaarige Magil, die ich ebenfalls ansprach, gab mir endlich die erwünschte Auskunft, indem sie vergnügt lachend hinzusetzte: ich diene ja bei der Mutter von Madame Wohl.

Ich hatte Mühe, den Mann wieder zu erkennen, dessen früheres Aussehen mir noch lebhaft im Gedýchtnisse schwebte. Keine Spur mehr von vornehmer

Unzufriedenheit und stolzer Verdüsterung. Ich sah jetzt ein zufriedenes Männchen, sehr schmächtig, aber nicht krank, ein kleines Köpfchen mit schwarzen glatten Härchen, auf den Wangen sogar ein Stück Röthe, die lichtbraunen Augen sehr munter, Gemüthlichkeit in jedem Blick, in jeder Bewegung, auch im Tone. Dabei trug er ein gestricktes Kamisölchen von grauer Wolle, welches eng anliegend wie ein Ringenpanzer, ihm ein drollig märchenhaftes Ansehen gab. Er empfing mich mit Herzlichkeit- und Liebe; es vergingen keine drei Minuten und wir geriethen ins vertraulichste Gespräch. Wovon wir zuerst redeten? Wenn Köchinnen zusammen kommen, sprechen sie von ihrer Herrschaft, und wenn deutsche Schriftsteller zusammen kommen, sprechen sie von ihren Verlegern. Unsere Conversation begann daher mit Cotta und Campe, und als ich, nach einigen gebräuchlichen Klagen, die guten Eigenschaften des letzteren eingestand, vertraute mir Börne, dass er mit einer Herausgabe seiner sämmtlichen Schriften schwanger gehe, und für dieses Unternehmen sich den Campe merken wolle. Ich konnte nämlich von Julius Campe versichern, dass er kein gewöhnlicher Buchhändler sey, der mit dem Edlen, Schönen, Grossen nur Geschäfte machen und eine gute Conjunktur benutzen will, sondern dass er manchmal das Grosse, Schöne, Edle unter sehr ungünstigen Conjunkturen druckt und wirklich sehr schlechte Geschäfte damit macht. Auf solche Worte horchte Börne mit beiden Ohren, und sie haben ihn späterhin veranlasst, nach Hamburg zu reisen und sich mit dem Verleger der Reisebilder über eine Herausgabe seiner sämmtlichen Schriften zu verständigen.

Sobald die Verleger abgethan sind, begiunen die wechselseitigen Complimente, zwischen zwei Schriftstellern, die sich zum ersten Male sprechen. Ich über. gehe, was Börne üher meine Vorzüglichkeit äusserte, und erwähne nur den leisen Tadel, den er bisweilen in den schäumenden Kelch des Lobes eintröpfeln liess. Er hatte nämlich kurzvorher den zweiten Theil der Reisebilder gelesen, und vermeinte, dass ich von Gott, welcher doch Himmel und Erde erschaffen und so weise die Welt regiere, mit zu wenig Reverenz, hingegen von dem Napoleon, welcher doch nur ein sterblicher Despot gewesen, mit übertriebener Ehrfurcht gesprochen habe. Der Deist nnd Liberale trat mir also schon merkbar entgegen. Er schien den Na. poleon wenig zu lieben, obgleich er doch unbewusst den grössten Respekt vor ihm in der Seele trug. Es verdross ihn, dass die Fürsten sein Standbild von der Vendomesäule so ungrossmüthig herabgerissen.

„Ach! rief er, mit einem bittern Seufzer: Ihr konntet dort seine Statue getrost stehen lassen; Ihr brauchtet nur ein Plakat mit der Inschrift „18ter Brümaire” daran zu befestigen, und die Vendomesäule wäre seine verdiente Schandsäule geworden! Wie liebte ich diesen Mann bis zum 18ten Brümaire, noch bis zum Frieden von Campo Formio bin ich ihm zugethan, als er aber die Stufen des Thrones erstieg, sank er immer tiefer im Werthe; man konnte von ihm sagen: er ist die rothe Treppe hinaufgefallen!”

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