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darf weder in der Mittheilung der allgemeinen Wahrheit noch in den Mittheilungen über unsern eignen Zustand, wie wir ihn erken: nen! auch davon rede ich nicht, obgleich allerdings das Evangelium uns auch dazu der Weg werden soll, daß wir in dem, was wir innerlich in die Seele aufnehmen und bei uns feststellen, immer mehr frei werden sollen von Irrthum. Denn der unwillkührliche, der sich selbst nicht erkennende Irrthum hindert ja das nicht, daß die Seele ohne Falsch sei. Sondern ich meine es so, wie es ganz eigentlich und genau in den Worten des Erlösers heißt, ein wahrer Israelit, in welchem keine Arglist ist. Denn jede bewußte Unwahrheit ist eine Urglift, weil wir ja damit hintergehen wollen, und wer dürfte sich rühmen, ganz frei davon zu sein, daß er sich bald über sich selbst und seinen innern Zustand, bald über sein Verhåltniß zu den Menschen, bald über das alles zusammenfassende Verhältniß, in welchem er steht eben zu der ewigen Wahrheit und Liebe, welche uns leiten soll, und so auch über anderes vielfältig selbst zu tauschen sucht! Wer wäre in diesem Punkt ganz über al: les Schwanken hinaus, daß er wol móchte der innersten, tiefsten Stimme Gottes auch ganz und voll Gehór geben, aber daß er doch auch nicht loslassen kann von den schönen Einbildungen, welche vielleicht einmal seine Wahrheit gewesen sind als unerkannter Irr: thum, nun aber, nachdem er tiefer in sein Inneres eingedrungen ist, zur Lúge geworden sind. Und was so Vielen fehlt unter des nen, die in dem Licht und der Gnade des Evangeliums wandeln, die einen Antheil haben an dem góttlichen Geist, der uns in alle Wahrheit leiten soll, das schreibt der Erlóser Einem zu, der von diesen himmlischen Kräften noch gar keinen Beistand empfangen hatte, vielmehr alles, was er war, nur aus sich felbft kann gewors den sein. Ja, er schreibt es nicht einmal nur ihm zu als einen ganz besonderen persönlichen Vorzug, sondern indem er sagt, Sehet da, ein wahrer Israelit, in welchem kein Falsch ist, spricht er es ja als eine Forderung aus, die er an alle die macht, denen er diesen allgemeinen Namen, daß fie Glieder des alten Bundesvolkes waren, beilegt. Aber selbst dieses, m. g. Fr., daß er doch nur sagt, ein wahrer Israelit, macht keine Aenderung in der Art, wie uns dieser Ausspruch des Erlósers befremdet. Denn wir werden wohl Alle nicht umhin können, dem Apostel Paulus beizustimmen, wela der wo es auf das Verhältniß der Menschen zu Gott ankommt und auf den Ruhm, den sie bei Gott haben sollten, ach! und welcher andere Ruhm wäre etwas ohne diesen, und welche Befrie

digung könnte es geben in dem Verhältniß zu Gott ohne diesen Ruhm! - aber in dieser Beziehung behauptet Paulus, daß die Inhaber des Gesezes, die Glieder des Volkes, welches ein besonde: res Heiligthum Gottes zu sein bestimmt war, und die Heiden, die ohne das Licht des göttlichen Gesezes wandelten, vollkommen gleich zu stellen seien. Und so finden wir auch in den allgemeinen ein: ladenden Reden des Erlösers, daß er úberall von dieser Voraussezung ausgeht, daß eine Liebe zur Wahrheit in allen Menschen zu finden sei; und wo diese ist, ja da wird auch die Unwahrheit aus: getrieben. Je stårker wir uns in der menschlichen Seele die Liebe zur Wahrheit denken, desto weniger ist der Mensch im Stande die Unwahrheit in sich zu dulden; und diese Voraussezung spricht ja der Erlöser aus, wenn er sich selbst dadurch den Menschen anpreist, daß er von sich rühmt, er sei die Wahrheit. Denn wozu konnte er dieses gesagt haben, wenn sie die Wahrheit nicht suchten und liebten? Dieselbe Voraussezung spricht er aus, wenn er den Mens schen sagt, fie sollten zu ihm kommen, dann würde die Wahrheit fie frei machen; wo nicht, dann würden sie Knechte bleiben. Ueber: al also fezt er bei den Menschen Empfänglichkeit und Liebe zur Wahrheit voraus, und es ist nur ein höherer Grad alles dessen, was er bei allen Menschen voraussezt, was er hier an dem Natha: nael rühmt. Was werden wir also sagen müssen? Offenbar mús: sen wir uns entschließen, unsere Vorstellungen von dem Verderben der menschlichen Natur nach dem einzurichten, was der Erlöser hier uns selbst sagt. Wir müssen sonach bekennen, ja dahin kann die menschliche Seele kommen aus eignen Kräften, unerleuchtet von dem Erldser kann sie doch dahin kommen, daß kein Falsch in ihr sei, daß fie einen Widerwillen habe gegen die Unwahrheit, daß fie überal suche und liebe und sich nur daran erfreue, was wahr ist.

Aber demungeachtet wird es dabei bleiben, daß das Verder: Ben der menschlichen Natur ein tiefes und allgemeines ist; und eben so wird auch das wahr bleiben, daß das Bewußtsein der Sünde in dem Menschen lebendig geworden sein muß, wenn ein Verhältnis zwischen ihm und dem Erlóser entstehen soll. Wie nun dieses Bei: des sich mit einander vertrågt, m. g. Fr., darüber giebt uns der Apostel Paulus einen deutlichen und sehr bestimmten Aufschluß in dem Briefe an die Römer, indem er in einem sehr bekannten Ab: schnitt desselben *) den ganzen Zustand des wohlgesinnten natürlichen

*) Cap. 7, 7-23.

Menschen darstellt, den er so redend einführt, Ich habe ein Wohlgefallen dem innern Menschen nach an dem Billen Gottes; aber was ich will, das bin ich unvermögend zu thun, hingegen muß ich immer das thun, was ich nicht wil. Ich finde ein Gerez in den Gliedern, das meinen Willen gefangen nimmt, so daß ich das nicht volbringen kann, woran ich das innigste Wohlgefallen habe. Ist das nicht die Stimme der Wahrheit, nicht die Stimme eines Menschen, in dem kein Falsch ist? und doch die Stimme eines sol: chen, der sich bewußt ist, daß er nicht vermag aus eigenen Kräften fich dem Berderben zu entziehen, daß er úber dies innere Wohlge: Fallen als ein doch leeres, nur můßiges, eigentlich thatenloses aus eigenen Kräften sich nicht erheben kann, daß was er volbringt nur seinen Grund hat in der Gewalt, welche das Gesez in seinen Glies dern über ihn ausübt? Und was wollen wir sagen, wenn Nathas nael wirklich eine solche Seele ohne Falsch gewesen ist, eins von diesen seltenen menschlichen Gemüthern, welche das Herz haben in ihr Inneres hineinzuschauen und jede Unwahrheit hinwegzuräumen, die ihnen ihr Inneres verbergen könnte: sollte er nicht zu eben dies sem Bewußtsein der Sünde und des Unvermögens, wie es der Apostel Paulus dort ausspricht, gekommen sein? Das, m. g. Fr., dürfen wir nicht bezweifeln! nicht die Wahrheit ist es, die dem Menschen sein inneres Unvermogen verbirgt, sondern eben nur die Lúge bewirkt dieses, die Unwahrheit welche ihm gleichsam mit Gewalt das Auge verschließt. Denn dem klaren Auge, wodurch der ganze Leib Licht wird, dem hellen Schein der Wahrheit kann das menschliche Verderben, dieses leider nicht abzuschüttelnde Soch, an keinem Lage, zu keiner Stunde verborgen bleiben. Wenn sich also Beides wohl mit einander vertragt, wenn wir nun aus den Wor: ten des Erlósers felbst diesen Ruhm der menschlichen Natur beiles gen müssen, daß, wie tief sie auch in das Unvermögen hinabgesunfen sei, fie doch noch die Fähigkeit besizt in der Liebe zur Wahrheit auch sich selbst in ihrem Unvermögen und in ihrem Verderben zu erkennen, und durch diese Erkenntniß zur Sehnsucht nach einer Kraft, welche ihr fehlt, erwekkt zu werden; wenn dies Beides so genau mit einander zusammenhängt: nun so können wir uns vou: kommen hierüber beruhigen; das Bewußtsein der Sünde, welches dem Nathanael nothwendig war, um ein Jünger des Herrn zu werden, ist, nicht etwa ungeachtet dessen daß er eine Seele ohne Falsch war, sondern nur um so mehr als er dies war, in ihm lebendig gewesen.

II. Sehen wir nun weiter, m. g. Fr., und sehen zweitens auf welche Weise dies Verhältniß, was der Erlöser durch solchen lobenden Ausspruch anknüpfte, sich befestigt habe: so finden wir wiederum nicht wenig Ursache, uns über so Manches dabei zu wundern. Bei dieser Liebe zur Wahrheit, bei dieser Args losigkeit des Gemüthes, welche der Herr an dem Nathanael rühmt, und da dieser von vorne herein mehr entschlossen war, den Glaus ben seines Freundes zu prüfen als selbst Christo näher zu treten, müssen wir das freilich wohl von einer Seite angesehen natürlich finden, daß er so unbefangen, so daß ich es heraussage - dreift und kühn sich dem Erlöser gegenüberstellt, und ihn fragt, Du, der du so von mir redest, woher kennst du mich denn? Nun ist uns hieraus zugleich ganz klar, daß er dies Zeugniß des Erlösers an: nahm, und es sich zueignete; denn wenn das nicht wäre, so håtte er ihn nicht fragen können, woher Jesus ihn kenne, sondern hätte ja daraus gleich bestimmt ersehen, daß er ihn nicht kenne, und würde ihn auf seinen Irrthum zurükkgeführt und dadurch zugleich den Philippus in seinem Glauben wankend gemacht haben. Er nimmt es also an, und fragt den Erlöser gleichsam um sich dieses Lob bestätigen zu lassen, weil er nåmlich eben deswegen, weil kein Falsch in ihm war auch kein unbegründetes Lob von Jemanden annehmen und festhalten wollte, deshalb fragt er den Erlöser nach dem Grunde seines Ausspruchs. Wie es nun mit diesem zusam: menhångt, davon wissen wir nichts; wie viel wunderbares, sei es nun nur außerordentlich oder sei es übernatürlich zu nennen, darin war, daß der Erlöser zum Nathanael sagen konnte, Ehe dich Philippus rief, da du unter dem Feigenbaum wareft., sah ich dich; was er da von ihm gesehen hatte, oder was da in ihm und mit ihm vorgegangen war, so daß die Erinnerung daran dem Erlöser zur Rechtfertigung dienen konnte, daß sein Ausspruch wahr sei und wohlbegründet, das Ques können wir nicht übersehen. Aber nun legt Nathanael sogleich das Bekenntniß seines Glaubens von Jesu ab und sagt, Wahrlich du bist der Sohn Gottes, von dem Philippus mir gesagt hat, du bist der König von Israel, den wir alle erwarten. Wenn nun, m. g. Fr., mit diesem Bekenntniß, wie wir das vorher schon vorausgesezt haben in seinem Innern das Bewußtsein seiner Sündlichkeit und seines Verderbens verbunden sein mußte, wenn doch sein Glaube der rechte war: müssen wir nicht ein ein ganz anderes Betragen von ihm erwarten? Wie, wenn er nun sich gegenüber den, der mit ihm redete, als den Sohn

Gottes erkannte, mithin nicht nur als den, der eben deswegen noch in einem ganz andern Sinn und in einer andern Weise die Wahr: heit sein mußte, als er ihm das Zeugniß davon gab, sondern auch als den, der für Uưe die Quelle eben des höheren Lebents werden mußte, welches in sich selbst hervorzurufen und zu fördern er ver: moge seiner Liebe zur Wahrheit sich für völlig unvermogend erkannt haben muß: können wir nicht billig erwarten, daß, ehe er ohne weiteres die Jüngerschaft Christi annimmt, er zuerst noch ein ganz anderes Bekenntniß vor dem Erlöser abgelegt, daß er zuerst, wie jener andere Jünger gesagt haben werde, Gehe hinaus von mir, Herr, ich bin ein fündiger Mensch! es ist zwar etwas wahres an dem, was du von mir gesagt, aber weil du doch weißt, wie wes nig ich vermogend bin, wie auch in mir das Gesez in den Glie: dern lebt, und das Wohlgefallen an dem heiligen Willen Gottes nur ein untüchtiges ist, o so wage ich nicht, dir zu sagen, was gleichwohl die Wahrheit meines Herzens ist, so wage ich nicht als ein fündiger Mensch solch Verhältniß mit dir anzuknüpfen? Uber nichts davon! sondern ohne alle Spur von Zerknirschung mit der gleichen Unbefangenheit, mit dem gleichen heitern Muth, wie er das Lob des Erlófers hinnahm, legt er nun auch das Bekenntniß feines Glaubens an ihn ab. Widerspricht das nicht allem, was wir bei der Bekehrung des Menschen fordern ? Nun finden wir allerdings in den weitern Worten des Erlósers eine leise Spur von Unzufriedenheit mit dem Nathanael: aber doch nicht so, als ob der Erlöser berlange, er solle ihm mit dem Ausdrukt der Selbstvernicha tung oder Verzweiflung eben dieses Unvermogens wegen entgegen gekommen sein. Dies vielmehr scheint er nicht zu vermissen nach seinen Leußerungen. Hierbei, m. g. Fr., lasset uns einen Augen: blike verweilen und daraus die Folgerung ziehen, daß wir nicht vergeblich sollen die Gemüther der Menschen ångstigen auf eine Weise, wie der Erlöser selbst es nicht that. O o es giebt unstreitig Biele, die nicht anders zu einem frohen Genuß des Heils, welches uns in Christo zugesichert ist, kommen mogen, als bis sie durch solchen der Selbstvernichtung nahen Zustand des Gemüthes hin: durchgegangen sind; aber daß wir nur das nicht aufstellen als eine allgemeine Forderung, als ein Zeichen, welches Jeder müsse aufweijen fónnen, wenn er selbst seiner Gnadenwahl sicher sein, und wenn Andere in ihm einen Bruder und Genossen ihres Glaubens erkens nen sollen! Denn wie náhme sonst der Erlöser hier diesen Einen gleich in den vertrautesten Kreis seiner Junger auf, ohne daß auch

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