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sittlichen Verlustigkeit führt, wie schwer es ist zum Guten zu gelangen. Enge ist die Pforte, die zum Leben, d. h. zum höhern Leben führt.

Er warnt vor denen, die als Falschprediger kommen. An ihren Früchten erkennt man sie, das innerlich Gesunde, Echte erkennt man an seinen Früchten, wie man ja Trauben nicht von Feigenbäumen pflücken kann. Und alles, was nichts taugt an öffentlichen Lehren und Meinungen, das wird unbarmherzig von der Zeit überholt, wie ein fruchtloser Baum verfeuert. Und wenn ihr etwa denkt, solche Leute, die da weissagen, Teufel austreiben, oder gar auf den Namen „Adonai, Adonai“ „Herr, Herr“ (nämlich im Namen Jehovas) selbst hin Wunderheilungen (duvapeis) machen, die handelten in Jesu Sinne, so irrt ihr. Er erklärt, daß er diese Leute „nie gekannt haben will“ unter dem Bilde , jenes Tages“, den man auch manchmal den „jüngsten Tag“ nennt, der aber nur unser „Einst“ ist. Er bedient sich hierbei der geschilderten Redeform, daß die Lehre spricht: „Ich habe euch nie gekannt.“

Es ist alte hebräische Redefigur, wenn Jesus als Thora, als Lehre sagt, um seinen Widerwillen gegen alle diese Kurpfuschereien (Dynameis find solche Medizinmittel, wie Magnetismus, Wundersalben 2c. 2c.) auszudrücken, er werde diese Herren „einst“ ganz und gar nicht kennen, ebenso wie die Weisjager und andere Auguren, Haruspices und sonstige Teufelaustreiber. Er ist hierin vollständig auf dem Boden des mosaischen Gefeßes, dem (Moj. V, 18, 9—12) alle Wahrsager, Weissager (Propheten), Totenbefrager, Vogelbeschauer, Zeichendeuter ein „Greuel“ sind.

Auch hier kehrt die Hauptlehre wieder, daß Jesus ein Gegner aller Wundertaten ist. Statt all dieses alten Religionsspuks verlangt er zum Schlusse der Bergpredigt die praktische Erfüllung des Sittengeseßes, „die den Willen tut meines Vaters im Au“. Nur diejenigen werden selig sein können, gehören zu der großen Sittengemeinde. Das Gleichnis von dem Haus, das nicht im Sand,

sondern auf den Felsen gebaut ist, bekräftigt diese Lehre, daß nur das praktische sittliche Tun einen wahren Wert hat. Dieses Gleichnis aber ist, wie wir bemerken, in strengen Parallelworten unter feierlich-wörtlicher Saßwiederholung ausgeführt nach aramäischer poetischer Kunstform, um die ausgesprochene Ansicht ganz besonders zu bekräftigen.

#chtes Kapitel. Bemerkungen zu Matthäus, Kap. 8–13.

Hiermit sind die hauptsächlichsten praktischen Sittengedanken Jesu ziemlich erschöpft. Die meisten Reden und Gleichnisse im Matthäus und Lukas, soweit wir sie nicht bereits vorweggenommen haben, enthalten Ausführungen, Nußanwendungen, Erklärungen von ethischen und praktisch-religiösen Ansichten, die wir bereits kennen gelernt haben. Das Verhältnis der ersten drei Evangelien stellt sich, soweit es sich um die Benußung der Reden des Jesus handelt, dann so, daß Markus durchweg nur die Matthäussprüche bringt, vielfach zerschlagen und in andrem Redemosaik zusammengefekt und meistens mit gewissen kleinen Abschwächungen und Abflachungen des Ausdrucks, bei denen man oft merkt, daß er seine Quelle nur halb verstand. Nur ein einziges neues Gleichnis überliefert er (4, 26—29), das uns allerdings einen überraschenden Einblick in Jesu naturwissenschaftliche Anschauungen eröffnet.

Lukas dagegen bringt eine ganze Anzahl neuer Gleichnisse, welche fittliche Begriffe, die Jesus schon bei Matthäus aufgestellt hat, in sehr wesentlicher Weise ergänzen. Die Erzählung vom Aufschlagen der Fesaiaschrift (Luk. 4, 18) verrät in besonders schlagender Weise, daß Jesus im engeren Sinne ein Anhänger des Jesaia gewesen ist und mithin augenscheinlich die Heilandsidee nicht in die Person des Messias verlegt hat, sondern, wie so viele bereits citierte Aussprüche beweisen, mit Jesaia der Ansicht war, daß nur Gott selbst ein Heiland in sich sein könne. Es ist vollkommen logisch, daß er in den Johannesreden, in welchen immer betont wird, daß entweder der „Sohn“ oder der Menschensohn der einzige Weg des Heils oder der Gotterkenntnis sei, eben ausspricht, nur die „Gottessöhne“, d. h. die Vertreter des Sittengeseßes, nur die Menschheit, sofern sie sich als Gottessohnschaft charakterisiert, trage in sich selbst die Möglichkeit des Heils, die wir ja in seiner Auffassung von der Vergebung kennen gelernt haben.

Denn war schon Jesaia, gegenüber der alten Sündenlehre und dem Heilandtum in seinen verschiedensten priesterlichen und mythiîchen Formen, zu der Erkenntnis gelangt, daß „Jahwe“ allein Heiland sei, und ist Jesus entschieden ein Kenner des Jesaia gewesen, so verstehen wir auch den Schritt, den er weiter tat. Nachdem er selbst zur vertiefteren Erkenntnis gelangt war, daß Gott „ „im Verborgenen“ sei, wir also nicht einmal über sein Heilandtum etwas wissen können, so mußte der nächste Schritt sein, diese Retterschaft in die Menschheit, und zwar in die sittlich lebendige, zu verlegen, für welche der Name des „Gottessohnes“ gebraucht wird. Da er als Galiläer nicht gewohnt war, solche Abstrafta wie „Menschheit“ sprachlich zu bilden, da er für den Begriff, den wir etwa „höhere sittliche Erscheinungsart“ nennen würden, die grammatische Form „Gottes Sohn“, auch „Sohn“ schlechthin brauchen mußte, wie die Mensch- heit oder Mensch-lichkeit grammatisch als Mensch-Sohn bezeichnet wird (auch z. B. Ben Belial, der „Sohn Belials“ als Verderblichkeitssohn und Teuflischkeit zc.), so blieb ihm nichts übrig, als sich eben der Redeformen zu bedienen, die ihm gegeben waren. Und bedienen wir uns nun weiter dieser Grammatik, wie sie durch die griechische Grammatik hindurchleuchtet, lesen wir vor allem die griechische Grammatik richtig, so sehen wir nicht nur in Lukas, sondern in den echten Johannissprüchen, welche dem Johannesevangelium zu Grunde liegen, weitere wichtige Ergänzungen, in ähnlicher Art, wie die drei andren Evangelisten einen Grundstock haben, den sie nur in verschiedenem Mosaik benußen, zum Teil unter Wiederholung derselben Sprüche bei ganz verschiedenen Gedankengängen.

Da in diesen Johannessprüchen aber fast durchweg die Redeform angewendet ist, welche wir soeben auch einmal in der Bergpredigt fanden, die Form der personifizierenden Abkürzung des Ausdrucs, übernommen aus den alten Schriften eine Form, die auch im Talmud wohlbekannt ist, wie bereits ausgeführt wurde, so gilt es hier besonders aufmerksam zu sein, um nicht lauter Unsinu herauszulesen. Der Johannesbearbeiter selbst, der seinen gnostischen Logosbegriff, seinen Lichtbegriff auf die alten Jesusgleichnisse vom Lichte pfropft, hat selbst schon diese Redeform augenscheinlich nur halb verstanden. Wir müssen sein Werk lesen wie ein Palimpsest, wo unten eine schon halb verblichene Urhandschrift steht, über die er seinen neuen Tert mit andrer Tinte darüber geschrieben hat. In Kap. 17 verrät er sich selbst, indem er eine Redeform braucht, welche nur die Griechen und die nach ihnen gebildeten öffentlichen römischen Redner, aber kein alter hebräischer Dichter und Redner in dieser Art kannten: die Amplificatio, welche man auch mit dem französischen Worte „Resumé“ bezeichnen kann. Es werden noch einmal alle bereits erörterten Punkte zusammengefaßt und zu einer Glanzrede am Schlusse verarbeitet. Das ist so unecht und unhebräisch als möglich. *) Dagegen ist in Kap. 16 und allen vorangegangenen für die Aussprüche des Meisters augenscheinlich eine alte Quelle benußt, in der Jesus sich der echten rednerischen Ber

*) Er verrät sich aber vor allem darin, daß er in dieser confusen Glanzrede, die nur die vorangegangenen Worte ganz äußerlich zusammenseßt, den Jesus von sich selbst sagen läßt, sie sollten ihn „Iesus Christus erkennen“. Niemals nennt Jesus sich beim eigenen Namen Jejus in irgend einer seiner Reden. Diese dem Julius Cäsar de bello gallico entnommene objektive Form, von sich zu reden, ist ganz fremdartig, es ist lateinische späte Redekunst, wie das ganze Kapitel jedes echte hebräische Redegepräge vermissen läßt. Die Kirche hat dieser Schwierigkeit gegenüber einen Begriff von „apokalyptischer“ Redeweise erfunden, wonach Jejus fich auch als „Menschensohn“ bezeichnet, indem er in der dritten Person spricht. Diese Redeweise aber gibt es einfach nicht in der ganzen jüdischen Litteratur; nicht einmal die „Apokalypse“ des Johannes kennt fie, denn selbst dieser schaut seine Visionen als ein „Ich“. Die Kirche übt hier, meist ohne es zu wissen, frommen Betrug.

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