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sonifikation und Abkürzung bedient, wie man sie schon in den salomonischen Sprüchen und Propheten kannte. Es ist eine ziemlich zusammenhängende Entwickelung, die in dem Saße gipfelt: „Ich habe die Welt überwunden“, der an sich schon ein innerer geistiger Abschluß ist. Und hier sind nun durchaus keine gnostischen oder neuplatonischen Begriffe, sondern jene bereits erwähnten vier, fünf und sechs Hauptgedanken, die eine so interessante Begründung und Harmonie der Matthäusethik ergeben, sowie man die Redeform als solche richtig entziffert. Zu reden scheint zwar oft der dogmatisierte

Gottesjohn", der fleischgewordene Mythus, und dieser redet dann freilich lauter Unsinn, an dem die Theologen schon seit 1500 Jahren kauen. Weiß man aber, was Gottes Sohn und Sohn schlechthin bedeutet, daß es immer nur der Mensch selbst ist, sofern gewisse ethische Charakteristik gemeint wird, liest man die Personifikation des aramäischen Redners richtig, so ergibt sich auch ein Gepräge innerer Echtheit und Wahrheit dessen, was Jesus sagt, daß wir auch hier den Rabbi wiedererkennen werden, der uns im Laufe dieser Darstellung so lieb geworden ist, weil er so klar, so folgerichtig denkt und empfindet.

Wir lesen das achte Kapitel des Matthäus, wo in die mythische Darstellung der Erfüllungsidee durch die Zuversicht noch die Bildrede eingeflochten ist, daß viele von Morgen und Abend neben Abraham im Himmelreich siken werden, während die Kinder des Reichs (d. h. die Israeliten) in die äußerste Finsternis verstoßen würden. Die Bildrede will lediglich sagen, daß allen Völkern die Herrschaft des Alls zugedacht ist, was ja in dem Begriffe an sich schon liegt. Daß es nicht leicht ist, in dieser Welt so hohe Gedanken zu hegen, fühlen wir aus der Rede (20), daß wohl die Füchse ihre Gruben haben, aber der Menschheitsgeist, der veredelte Mensch, der habe nicht, wohin er sein Haupt lege, und darum soll sich der Frager es nochmals überlegen, ob er ihm folgen wolle. Es ist ein Wehmutsausdruck, und wie viele edle, echte Menschen haben erfahren, wie heimatlos die Welt sie zu allen Zeiten behandelt hat.

In dem Spruche „laß die Toten ihre Toten begraben“ sehen wir das Wort „Toter“ bereits im übertragenen Sinne gebraucht. Diejenigen, die in der gewöhnlichen Auffassung des Lebens stehen, heißen ,,Tote“.

Wir überspringen den Mythus von den Säuen, in welche die Dämonen aus den Besessenen fahren. Es ist augenscheinlich eine unbewußte Symbolisierung, welche der christliche Volksgeist mit denjenigen Lehren und geflügelten Worten des Jesus vorgenommen hat, die von seiner sittlichen Reinigungsarbeit handelten. Er selbst wollte, wie wir wissen, von den Teufelsaustreibern gar nichts halten. — Er sprach selbst nur vom Austreiben der „bösen Triebe“ in uns.

Dagegen begegnen wir in Matth. 9 nach der Geschichte von Kapernaum und der bereits erörterten menschlichen Vergebungslehre einer sehr interessanten Ergänzung der Jesusideen. Die Evangelien erzählen übereinstimmend, daß Jesus gern und mit einer gewissen Absichtlichkeit mit den „Zöllnern und Sündern“, d. h. mit den verachteten Zollpächtern und den mit Religionsstrafen Belegten, auch wohl mit andren schlecht beleumundeten Personen verkehrt habe.

Auf die Frage, warum er das tue, folgen die übereinstimmend berichteten Worte: „Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranfen.“ Er erinnert an die Samuelstelle, wo schon der alte Jehova selbst sagt: Er habe Gefallen am Mitleid, nicht am Opfer. Dieser Sag des Judentums – und „Barmherzigkeit“ ist wesentlich jüdisch die buddhistische Betonung des Mitleids, statt des Dpfers, die wir hier finden, ist alte israelitische Religionstugend — wird von Jesus citiert, worauf er selbständig fortfährt, er sei nicht gekommen die Gerechten zur Sinneswandlung aufzurufen, sondern die Sünder, die Frrenden, weil sie die Kranken sind, die des Arztes bedürfen.

Dieser Idee sind ferner gewidmet die in Matth. 18, 11 u. ff. berichteten Reden und die von Lukas überlieferten Gleichnisse (Kap. 15) vom verlorenen Schaf und vom verlorenen Sohne.

„Zu retten das Verlorene“ sei der Menschheitsgeist, der Mensch überhaupt da.*) Der Hirt freut sich mehr über das eine verlorene und wiedergefundene Schaf, als über die neunundneunzig nicht Verirrten. Im Himmel werde über einen Sünder, der den Sinn umgewandelt hat, mehr Freude sein, als über neunundneunzig Gerechte, die nicht der Sinnesänderung bedürfen. (Luk. 15, 7.) Das Weib, das einen Groschen verliert und wiederfindet, endlich der verlorene Sohn, der zur Einsicht seiner Verlorenheit kommt und damit begrüßt wird, daß er „tot“ gewesen und wieder „lebendig“ geworden sei, illustrieren die Idee weiter. Bildlich wird von der Freude im Himmel" gesprochen (hier die Einzahl: v orgavo), indem Jesus in solchen Gleichnissen sich der Volksvorstellungen der jüdischen Religion bedient. Wenn er aber sagt, daß also Freude auch sein werde vor den „Boten Gottes“ über den, der sich selbst bessert, so brauchen wir hier durchaus nicht an ,,Engel" zu denken, sondern es konnten eben so gut alle Lehrer edler Worte gemeint sein nach dem syrischen Sprachgebrauch.

Hier ist mehr als bloßes buddhistisches Mitleid und etwa deshalb der Verkehr mit den Sündern. Eine sehr tiefe Wahrheit, eine Wahrheit andrer Art will Jesus aussprechen. Denn die Sinneswandlung, die sittliche Umwandlung unsres Bewußtseins, sie ist es, die den Sünder sozusagen ethisch interessant macht. Ja, die „lebendig“ Gewordenen, die erst , tot“ waren, die geistig erneuten Sünder, sie werden sogar in all diesen Gleichnissen und Sprüchen den Gerechten vorgezogen.

Wir erkennen schon an der ethischen Paradoxie, daß wir es hier jedenfalls mit einem echten Bestandteil der Jesusgedanken zu tun haben, denn das Paradoxe der Form ist für den Ethiker Jesus überall bezeichnend. Wir entkleiden den Gedanken der Gleichnissprache und finden die höhere Wertschäßung des umgewandelten Sinnes darin, daß die ethische Kraftanstrengung für diejenigen, die Fehlende waren, eine viel stärkere, die überzeugung vom Wert des neuerkannten Guten eine viel mächtigere ist, als sie sonst erreicht werden kann. Wer nie eine kleine oder große Sünde auf dem Gewissen hatte, kann auch gar nicht in so hohem Maße zur Erkenntnis, zur Wertschäßung des Guten, ja, der Herrschaft des Als, des Zustands der bessern Erscheinungsart gelangen, wie derjenige, der die negative Wirkung des sittlichen Fehls an sich erfahren hat. Und die große persönliche Liebenswürdigkeit Jesu trieb ihn in diesem Sinne mit seiner Lehre auch zu den Sündhaften, weil in ihnen das beste Material zum positiven Guten ist, wenn fie nur erst die Gesamteinsicht des sittlichen Zusammenhangs der Dinge die Lehre Jesu – und in ihr die (Metanoia) Sinnwandlung besißen. Wer die Kraft zur Sünde hatte, der wird erst recht die Kraft zum Guten haben, denn die Sinnwandlung ist selbst schon der Ausdruck einer allerstärksten Kraft der sittlich handelnden Seele. Und diese Kraft hat wiederum Beseligendes an fich; so werden gerade die Sünder selig. Nach dem Gleichnis vom ver, lorenen Sohn, sollen wir aber, fold die Gesellschaft, dem, der gefehlt und sich gebessert hat, auch seine Wiederaufnahme im menschlichen Kreise erleichtern, damit er ein neuer Mensch wird. Denn das ist der Sinn des väterlichen Verhaltens mit seinem liebevollen Entgegenkommen.

*) Der verwirrende Zusaß Luthers: „der Menschenjohn ist gekommen," das Reich Gottes ist nahe gekommen 2c. entspricht nicht dem Original. xx8V heißt nur so viel wie „er ist da".

Und da kein Mensch lebt, der nicht dies alles an sich erfahren hat, so sind gerade diese Reden und Gleichnisse so besonders beliebt. Die Freude über den gefundenen Groschen, das gefundene Schaf liegt ja in der großen Mühe, in dem Kraftaufwand, den man zum „Wiederfinden“ brauchte, womit auch die höhere Wertschäßung gegeben ist. Und so wird der verlorene Sohn mit dem ,,besten Kleid" und mit dem Ring geschmückt, nicht etwa bloß vergeben wird ihm, sondern er wird als ein Held gefeiert, wie sich jeder Mensch innerlich feiern darf, der sich selbst wieder gefunden, der die Kraft seiner fittlichen Neugestaltung in sich selbst entdeckt und sie ausgeführt hat.

Dieser Gedankentypus und Gleichnistypus ist jedenfalls echtes Eigentum des Jesus von Nazareth und wir wüßten nicht, wo er ernstlich von andern entnommen sein könnte. Er erhöht die ganze Lebensauffassung des Jesus weit über den populären Buddhismus oder etwa stoische Lehren. - Natürlich hat Jesus nie die Geschmacklosigkeit begangen den „Vater“ im Gleichnis zu „Gottvater“ zu machen, wie es von verblendeten Geistern geschieht, die damit den Gottbegriff soweit herabziehen, daß der „Vater“ Mastkälber schlachten würde bei solcher Deutung. Das Gleichnis ist rein menschlich gedacht; es ist ein menschlicher Vater wie in vielen ähnlichen Gleichnissen des Talmuds.

Wie sehr Jesus fich der Neuheit seiner Lehren bewußt war und wie gründlich er aufräumte mit den alten erstarrten Anschauungen der Priesterschaften, zeigt bei Matthäus (Rap. 9, 15) das weltberühmte, hundert Mal citierte Wort, daß man Most nicht in „alte Schläuche“ fasse; die alten Ceremonien wie „Fasten“ sind solche alte Schläuche; er aber, Jesus, braucht „neue Schläuche“, neue Gefäße für den Most seiner neuen Lehre. Denn flickt man ein altes Kleid mit einem Lappen von neuem Tuch, so reißt es doch wieder ab, der Riß wird nur ärger. Und so hat Jesus überhaupt mit den alten Überlieferungen nicht paktiert; sogar das „Gefeß und die Propheten" hat er durchweg sozusagen auf neue Ideenschläuche gefüllt. Vergleichen wir die Varianten und Zusäße, welche Lukas 5, 39 hierzu bringt: „Wer alten trinkt, mag keinen neuen; er sagt: der alte tut es auch“, so erhalten wir eine zusammenhängende und schön abgeschlossene gnomische Dichtung.*) Daß Jesus zu jener Tätigkeit „Arbeiter in seine Ernte“ erwünschte, daß er nicht viele fand, die ihm helfen wollten, überliefert ein Wort am Schluß des Kapitels. (9, 37–38.)

Die große Unterweisung, welche er an seine Schüler (Kap. 10) richtet, ist als solche gewiß nur ein Kunstfabrikat des Bearbeiters

*) Bergl. Buch Jesus.

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