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ab, ja, er schreibt sie sogar gedankenlos aus den verloren gegangenen Matthäusaufzeichnungen ab, weil er sie nur halb versteht. Und so kommt er dazu, arglos nach Matthäus, aus Matthäus zu berichten, daß Jesus den Christus aus dem Hause Davids leugnete, während er selbst, nicht nach Matthäus, sondern aus eigenem Mißverständnis beginnt: „Dies ist das Buch von der Geburt Jesu Christi, des Sohnes Davids“.

Auch andre Verwechselungen sind dabei geschehen. Ich vermute mit aller Bestimmtheit, daß Jesus unter seinen Gleichnissen, die er vom „Reich der Himmel“ erfand, auch eines vorbrachte, wo er eine Fabel erzählte von wenigem Brot und wenig Fischen, die fünftausend bezüglich viertausend Mann gespeist hätten. Er gab dazu auch die Deutung, welche in dem einen Evangelium noch heute durchblickt, daß nämlich diese Speisung der fünftausend ein Gleichnis vom „Reich Gottes“ ist. Sei’s durch die Verwechselung mündlicher Überlieferung, sei es aus sprachlichem Mißverständnis der ursprünglichen Aufzeichnungen, die ja aramäisch ges wesen sein müssen, da Jesus und seine Jünger aramäisch redeten, wurde bei den Bearbeitern aus dem von Jesus erzählten Gleichnis, das nach dem Vorbild des alten Manna-Gleichnisses erfunden war, ein Wunder, eine Wundertat Jesu gemacht. Derselbe Vorgang dürfte sich bezüglich der sogenannten Versuchungsgeschichte ergeben. Jesus erzählte in Form einer Allegorie eine Fabel, wie ihn der Satan, das heißt hebräisch: „der Widersacher“, versuchte, um eine ganz bestimmte und großartige Idee auszudrücken. Die „Moral“ dieses Märchens richtet sich gerade gegen den Wunderglauben. Denn Jesus war gleich Moses ein entschiedener Gegner des Wundertuns und all dieser „Regenmachereien“; er spricht es ganz deutlich aus. Die spätere Überlieferung macht einen geschichtlichen Vorgang aus dem, was in den Aufzeichnungen des Matthäus wahrscheinlich nur als eine Parabel erschien. Und so sind noch einige andere von den Wundern Jesu wahrscheinlich nur misverstandene Parabeln, Parömieen und Allegorieen. So z. B. sind alle Auserweckungsgeschichten von Lazarus und Jairi Töchterlein entweder aus den Uraufzeichnungen falsch überseşte Parabeln oder es sind spätere Legenden, welche die Auferstehungslehre des Jesus von Nazareth versinnlichten. Die Spuren ersterer Herkunft tragen sie auch an den Stellen, wo Jesus eine geistige Nußanwendung macht. Als Auferstehungswunder, als historische Handlung Fesu ausgefaßt, stehen sie im bodenlosesten Widerspruch zur Lehre Jesu selbst. Er trat auf gegen den Volksglauben von der Auferstehung, er wollte diesen unlogischen Glauben zerstören, ebenso wie den seichten Sadducäerglauben; er lehrte, daß ein „ewiges Leben“ nach dem Tode uns nichts angehe, sondern daß das „ewige Leben“ in der Erfüllung des ethischen Daseins liege; er lehrte in der äußersten Folgerung: „Ich bin die Auferstehung und das Leben“; das heißt: Nur in der konzentrierten ethischen Vernunft, in der praktisch-ausgeübten Sittenlehre Jesu, welche sich stets als ein rednerisches „Ich“ bezeichnet und definiert, ist Auferstehung. Diese ,, Auferstehung“ fragt nicht darnach, was nach dem Tode wird. Sie interessiert sich gar nicht dafür, was nach dem Tode wird, denn da wird man nicht „freien“ und sich „freien lassen“; sie sucht vielmehr lediglich eine geistige Auferstehung, welche in der Vergöttlichung des Menschen durch das praktisch geübte Sittengesek liegt.

Wer nun eine solche Lehre predigt und dafür in den Tod geht, wie Sokrates für seine Gedanken starb, der hat sicherlich kein Interesse daran gehabt, Tote, körperlich Tote wieder zum Leben aufzuwecken, selbst, wenn er es gekonnt hätte. Jesus hatte es nicht nötig den Lazarus, der schon „stank“, wieder lebendig zu machen, wenn er selbst die Auferstehung war, wenn in ihm das „emige Leben“ war und es dürfte die wörtliche Auferweckung des Lazarus eine spätere Erfindung sein, welche die Sinnbildlichkeit der Rede „Ich bin die Auferstehung“ nicht verstand. In Wirklichkeit würde Jesus die Martha, welche meinte Lazarus würde am jüngsten Tage auferstehen, damit getröstet haben, daß er gesagt hätte: Tröste Dich, er ist schon jeßt auferstanden in einem geistigen Sinne, er lebt in mir, denn ich bin die Auferstehung und das Leben, nämlich meine Lebensanschauung. Man lese das elfte Stapitel bei Johannes. Sollte es möglich sein, daß ein Mann, der da sagte: „Die falsche und ehebrecherische Art verlangt ein Zeichen“, (d. h. Wunder), so mit sich in Widerspruch kam, daß er seinen Gott doch um ein „Wunder“ (nämlich das Erwachen des Lazarus) anflehte, bloß damit man an ihn glauben sollte?!

Welcher äußerliche Glaube würde das gewesen sein! Nein, auch die Legende von der Auferweckung des Lazarus wird nichts Anderes, als die Umbildung irgend einer Gleichnisrede Jesu sein, welche anknüpfend an den Tod des Lazarus oder sonst etwas jene höhere Auferstehungslehre predigte, die Jesus an so vielen andren Stellen ausspricht nnd welche so wesentlich war, daß ja auch Paulus noch ganz unter dem Eindrucke derselben steht und überall die Spuren der ursprünglichen Jesusauffassung verrät.

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Zweites Kapitel. Sinnbildliche Redeformen Jesu. – Der Begriff des Himmelreichs“ als inneres

un und Herrschaft des Unendlichen.

Um die Lehren des Jesus von Nazareth richtig zu verstehen, ist es vor allem nötig, daß man die Fähigkeit habe in Bildern zu denken und die Kunst der Gleichnisdeutung zu beherrschen.

Die Evangelisten berichten selbst ausdrücklich, daß Jesus nie anders, als in Gleichnissen, d. h. in Parabeln, in Umschreibungen, in Allegorieen geredet habe. Es heißt: „Anders als in Gleichnissen redete er nicht mit ihnen" (Markus 4, 34). Johannes läßt Jesus sagen als Zusammenfassung der Gesamtheit aller seiner Aussprüche: „Solches habe ich zu euch durch Sprechformen (ểv trapopiais, *) d. h. durch gewisse rednerische Figuren, parabolische Sprüche) geredet, es kommt aber die Stunde, wo ich nicht in gnomischen Wendungen, sondern ohne Umschreibung über den Vater euch Kunde gebe." Das Wort, welches er dann ohne Umschreibung ausspricht, ist das: „Und ich sage euch nicht, daß ich den Vater für euch erbitten werde, denn er selbst, der Vater, liebt euch u. . w." Auf dieses Wort hin meinen die Jünger: siehe, jeßt brauchst Du keine Umschreibung. Und dieser Saß des Jesus stimmt ganz mit der Ansicht des Jesaias, welche den Heilandsbegriff leugnet.

*) παροιμια napaßoin im N. T. Ulfilas: în gajukôm in Gleichnissen (für nupouuia). Wir werden später sehen, welche besondere Sprechform indessen mit dem Namen der „Paroimia“ zum Unterschied von der „Parabel“ gemeint ist. Beide Ausdrücke find in der Septuaginta die Überseßung vom hebräischen „Maschal“, welches alle verschiedenen Dichtungsarten, Gleichnisse, Gnomen, poetische Satiren, kleine gymnen, Traumgesichte, Allegorieen u. 1. w. bedeuten kann. (Vergl. Gesenius S. 628.)

Wir haben also von vornherein, wenn wir in Jesu eigenem Sinne seine Reden und Äußerungen verstehen wollen, uns stets gegenwärtig zu halten, daß so ziemlich alles, was er sagt, in einem übertragenen Sinne gemeint ist. Die Worte: Parabel und Parömia stehen im Griechisch der Evangelienschreiber oft in ganz derselben Bedeutung da; sie sind metonymisch gebraucht, das heißt: diese beiden einzelnen Formen der Redekunst werden als Vertreter aller Formen der Redekunst eingeseßt, weil die spätern Bearbeiter nicht mehr das Bewußtsein der Besonderheit dieser Kunstformen hatten. Natürlich haben wir uns nicht vorzustellen, daß Jesus etwa fein Lebenlang nur in Gleichnissen gesprochen habe und hinterdrein den Schülern es „privatim ausgelegt“, wie Markus berichtet. Das ist eine kindliche Vorstellung späterer Schreiber. Jesus kleidete vielmehr seine Lehren in Gleichnisformen, legte sie aus und war auch sonst reich an bildlichen Ausdrücken im Gespräche und beim öffentlichen Vortrage.

Wir werden aber einer Stelle, welche die Evangelisten mit den Schülern ausdrücklich nicht als bildlich gemeint ansehen, besondere Aufmerksamkeit zu widmen haben. Und ist es nicht merkwürdig, daß sie gerade das Wort: „Und ich sage euch nicht, daß ich den Vater für euch bitten will“ für einen Ausdruck gerader Rede halten, der kein Bild enthält?

Sollten daher Stellen vorkommen, wo Jesus das Gegenteil zu sagen scheint, so werden wir ihn richtig verstehen, wenn wir diesbezügliche Äußerungen als sinnbildlich, als parabolisch anschen, und es fönnte sich ergeben, daß wir dabei eine so schöne innere Einheit seiner Lehre aus den Bruchstücken seiner Reden wiedererstehen sehen, wie man sie bei flüchtigem Lesen, insbesondere der mißverständlichen lutherischen Übersegungen, kaum geahnt hat. Eine hohe, eine wunderbare, rein menschliche, gänzlich unmythologische Lehre wird uns entgegentreten, von welcher wir glauben, daß sie

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