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Aber das Beste der Fesuslehre fennt dieser „Paulus“ zum Teil nicht, zum Teil scheint er sich für die laue Aufnahme, die er in Jerusalem gefunden hat, durch eine bald offene, bald versteckte Polemik gegen Matthäus und Johannes zu entschädigen.

Denn diese Jesusparoimieen und Sprüche, welche uns im alten Johannesbuch überliefert sind, kennt Paulus augenscheinlich auch etwa so halb und halb, wie er das alte Testament aus der Septuaginta citiert. Diese Urworte Jesu sind nicht nur von ihm teilweise misverstanden, sondern auch die sogenannten Johannesbriefe sind ja nichts anderes, als ein prosaisch-paraphrasierter Auszug von Stichworten und Gedankenbruchstücken aus der alten aramäischen Johannes-Urkunde. Daß diese auf alle Fälle aramäisch war, lehrt der Gebrauch von Worten wie „Söhne des Lichts“, der rein griechisch ganz unmöglich wäre. Und der bereits paulinisch-christliche Schreiber diese Johannesbriefe schmückt seinen Tert mit lauter poetischen und sonstigen Wendungen aus dieser alten Urkunde ziemlich zusammenhanglos, wie man sofort sieht beim Lesen des griechischen Tertes. Jedenfalls ist auch dieser Brief ein Beweis, daß die Jesusworte im Johannesevangelium einc vor Paulus und dem Johannesbriefichreiber vorhandene Urkunde find, die man ebenso benüßt, zum Teil aber auch polemisch angegriffen hat wie die Jesusreden im Matthäus. Wir befinden uns auf einem ganz festen, eraften, auf Schritt und Tritt zu kontrolierenden Boden. Wenn wir von zwei Urevangelien reden, welche aber augenscheinlich ursprünglich nur ein einziges waren, das Matthäus und Johannes gemeinsam zusammenstellten aus den Reden und Dichtungen ihres Meisters Jeschu-Jesus, so sehen wir aus der Benußung, welche die Stichworte der Jesus-Paroimieen in den späteren sogenannten Johannesbriefen finden, genau die allgemeine Bekanntheit dieser Urquellen. Und so konnten die noch späteren Evangelienschreiber sie denn auch benüşen und in ihre Darstellungen verweben. Die aramäischen Originale selbst hat entweder die Synagoge oder die bereits dogmatisierte Kirche vernichtet, falls man sie nicht noch

irgend wo auffinden sollte. Freilich ist wenig Wahrscheinlichkeit dazu vorhanden. Der Einfluß dieser Lehren und Bilder und Ges dichte aber hat sich nicht nur auf die christliche Kirche erstreckt. Manches davon hat das spätere Judentum selbst aufgenommen und talmudisch weitergebildet und benußt. Ebenso hat der spätere Buddhismus, ja, auch Mohammed noch aus den Weisheitslehren des Rabbi Josua von Nazareth geschöpft, sodaß sogar die Vorstellung aufkommen konnte bei einigen Forschern, das sei alles erst nachmalig zusammengetragen. Aber man trägt nicht so ein großartiges System zusammen, wie wir es mit Hülfe einer einfachen richtigen Überseßung erkennen. Jesus ist nicht nur ein Name, er ist eine historische Person und ein persönliches dichterisches Genie zugleich, wie die Jesaiadichter und so viele Nabihs*) des Hebräer- und Aramäervolfes waren. Die wirkliche Lebensgeschichte dieses Mannes zu erforschen, dürfte noch schwerer sein, als diejenige Shakespeares im einzelnen, der doch noch nicht so lange tot ist. Aber daß dieser Mann, der etwa achtunddreißig Jahre alt geworden sein dürfte, in Jerusalem mit Seilen und Holzpflöcken unblutig auf ein Kreuz gehangen wurde, um am Herzschlag nicht etwa sofortiger Verblutung durch Eisennägel – zu sterben wegen seiner neuen Ansichten, das dürfte so sicher sein, wie daß etwa Perikles an der Pest starb und Sokrates durch Gift. Und daß dieser Mann auch so ausgesehen hat, wie man seit den ältesten byzantinischen Bildern, seit den Zeiten der egyptischen Mumienporträts mit ihrer zum Teil sehr frappanten Kunst, sich Jesus vorstellt, nämlich mit den langen Locken des jüdischen Nabihs, bald bärtig, bald bartlos wie jeder Mensch zeitweilig wohl auch keinen Bart getragen hat – wobei aber ein ganz bestimmter Typus seit 1870 Jahren auch durch die verschiedenartigsten Auffassungen sich erhalten hat, das dürfte Kunstgeschichte und die Psychologie der Bildniskunst erweisen. Besißen wir doch von Sophokles und Sokrates ganz ähnliche Typen ficher hat schon vor und nach dem Tode des Jesus ein Bild dieses Mannes in der Art der egyptischen Mumienporträts oder der griechischen Bildnismalereien zirkuliert, wie etwa heutzutage in Arabien das Bild des 1884 verstorbenen Mahdis. Und uralte Tradition hat uns die Hauptzüge dieses Antlißes bis heute erhalten, wie wir fast die ganze Lehre dieses Weisen noch besißen.

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*) Nabih (Prophet, Dichter) bedeutet ein Wort-aussprudler, einen Mann, der sich also dichterischer, begeisterter Worte bedient, der den inneren Reichtum seiner Seele aussprudeln muß wie eine volle Flasche. (Vergl. Gesenius, S. 638.)

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Sehr bald, schon bei Lebzeiten Jesu bildete sich die Partei der sogenannten Christen, welche die neue Lehre im Sinne der Volkshoffnung vom Christus mißdeutete. Es war eine jüdische Partei. Wir haben erst im vorigen Jahrhundert mit der Philosophie Hegels erlebt, daß eine Denkrichtung schon bei Lebzeiten des Stifters ganz verschieden verstanden und binnen zehn und zwanzig Jahren in ihr Gegenteil verkehrt wird. Dieses historische Denkgesek zeigt sich auch zwischen Jesus und den Paulinern. Paulus lernte nur diejenigen Auffassungen kennen, welche von jener Partei kamen, und die geflügelten Jesusworte, die bei ihr aus der lebendigen Überlieferung umgingen. Er gab dieser Parteiauffassung die besondere philosophisch-theologische Form, wobei gerade die Forderung, daß dies sein Evangelium nicht nur für Juden im engeren Sinne sei, das Jüdischeste ist, nämlich der Ausdruck des Pan-Judaismus, der noch im vergangenen Jahrhundert einen der geistvollsten Juden sagen ließ, den Kanzler der Staiserin von Indien und Königin Englands, Lord Beaconsfield-Disraeli: „Christentum ist Judentum fürs Volk."

Er hätte aber sagen sollen: Paulustum ist Judentum fürs Volt, denn sowohl die sogenannte katholische, wie auch die protestantischen Kirchen, wenn sie auch in Nebenfragen gerade auf Grund von Paulus miteinander streiten, sind in allen Hauptsachen dieses Paulustum, dies Judentum fürs Volk geblieben. An Stelle des Hohenpriesters der Synagoge ist auf dem Umweg über den „Gesalbten" und Betrus der Bapst getreten, und dieses Volfsjudentum, das diejenigen Hebräer-Assyrer-Egypter-Abkömmlinge, diejenigen Phönicier-Abkömmlinge so viel verfolgt hat, die unter dem Namen der Synagoge bis heute zusammen geblieben sind, es hat nur immer bisher sich selbst verworfen und gehaßt. Babylon, Ninive, Jerusalem und Karthago sind zwar zerstört worden, aber wer jemals im britischen Museum zu London die steinernen Gebetbücher und die Grabmäler und alle Reste dieser Kulturen studiert hat, er weiß, daß die Reste der vertriebenen Rassen durch Notwendigkeiten der Geschichte zusammen getrieben, vermischt wurden und erst nach Jesus unter dem Namen „Iahve" eine Einheit fanden.

Innerhalb des alten Judentums, Hebräertums aber bildet sich bei Ebräern, bei Chaldäern und Aramäern schon 500 Jahre vor Jesus eine Denfrichtung aus, die durch die Namen Jesaia, Hesekiel, Daniel, Sirach bezeichnet ist, eine geistige Aristokratie von universellerer Natur, welche in ihrer leßten Folgerung zum Jesustum, zum Unterschied vom ,,Christentum“ und seinem ganzen System geführt hat. Es hat alles Edle, alles Wahrhaftige, alles vornehme, was in dem kraftvollen Hirtenvölkchen lebte, unter zum Teil wilden, verzweifelten Geisteskämpfen zu entwickeln gesucht. Denjenigen, der am vollendetsten die leßten Folgerungen dieses genialen Geisteskampfes zog, mußte das Hohepriestertum freuzigen, denn wer so dachte wie Hesekiel, daß „der Sohn soll nicht tragen die Missetat des Vaters“, der damit der Priesterkaste ihre einträglichsten Gerechtsame entzog, der mußte sich die Todfeindschaft der Kaste zuziehen. Diese Todfeindschaft hat später, nachdem man, seiner trüben Voraussagung gemäß, gerade auf seinen Namen hin ihn zu einem „Mittler“ gemacht hatte, auch darin ihren Ausdruck gefunden, daß man den Christen nicht einmal erlaubte, seine Lehren wirklich kennen zu lernen. Es bedurfte der mutigen Tat eines deutschen Mönchs, um zunächst diesen Bann zu brechen.

Und vierhundert Jahre sind vergangen, und es ist keine mutige Tat mehr weiter zu gehen und das volle, edle Standbild des Denfers zu enthüllen. Denn Jesuslehre ist durchgesickert in alle hellen Köpfe, hat bereits Staat und Gesellschaft, ja sogar viele neue Theologen und edle Menschen erleuchtet, und nun, da sie begonnen haben, nicht mehr „Christus“, sondern Jesus selbst zu suchen, fällt ihnen wie ein Geschenk des Himmels die Tatsache in den Schoß, daß Fejus nicht etwa verloren ist, sondern daß seine Lehre fast vollständig unversehrt, in fester Kunstform und in gewaltigem Denkaufbau in den beiden Ur-Evangelien aufbewahrt ist, die uns die glückliche Unkenntnis des Griechischen von seiten Roms und der Nachkommen der säugenden Wölfin gerettet hat. Eine Denkarbeit, Lebensarbeit, in welcher der Menschheitsgeist eine seiner allergrößten Taten vollbracht hat und in deren Zeichen er noch weit Kühneres vollbringen wird, wie ihr Lehrer selbst voraussagte, wenn erst alle begriffen haben, um was es sich eigentlich bei dieser Denkarbeit handelte, und welche gewaltigen Grundsäße der Mann hatte, der so oft von „seinem Vater“ sprach, von welchem ihr sagt, daß er ,,euer Gott“ sei. Wie sehr stellt er sich in Gegensaß zu diesem „euren Gotte“, was muß er durchdacht haben, daß er seinen Begriff unter einem anderen Namen (Vater) dem „Gotte“ entgegenstellte, der ihm ein Surrogat war, das jene hatten an Stelle seines tieferen Begriffes, seines tieferen Empfindens. Lernen wir von diesem wahrhaft guten Menschen, von diesem Feuergeist, der „um Geist bettelte“ und nach „Wahrheit“ lechzte, stärker als Plato und Aristoteles, da er augenscheinlich das volle Temperament seiner Rasse, wie wir es auch in Jesaia und Hesekiel schon sehen, mit einer griechischen Schönheit und Mäßigung vereinte.

überdenken wir noch einmal dieses ganze Doppelbuch in seinen zwei Teilen mit seiner festen Gliederung, seiner glänzenden Logit, seiner nicht etwa entsagenden, sondern emporstrebenden Weltanschauung, mit seiner schlagenden Fassung in wundervoll ciselierten Redeformen, wie es Matthäus und Johannes aus den von Jesus selbst gewiß

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