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schon festgestellten „Evangelien“ niedergeschrieben haben, um der beginnenden „christlichen“ Partei ein Gegenwicht zu schaffen und die Lehre vor dem drohenden Mißverständnis zu retten: wir werden in einem neuen Sinne, der nur der uralte eigentliche Sinn ist, verstehen, warum man auch dieses Wort rettete:

„Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Gedanken werden nicht vergehen!“

Nchtzehntes Kapitel.
Natur und Naturwiffenschaft in der Bibel. Jesu Derhältnis dazu.

Schon seit mehreren Jahrhunderten spielt in der europäischen Schulgelehrsamkeit ein ganz wunderlicher Kampf zwischen Bibel, Bibelauslegung und Naturwissenschaft. Er begann schon sehr heftig aufzuflammen, als Kopernikus mit seinem neuen System auftrat, welches den alten astronomischen Gesichtspunkt der Chaldäer, des Aristoteles und des ptolemäischen Systems veränderte. Neue Nahrung erhielt dieser Kampf, als in unserem Jahrhundert Darwin die alten Entwickelungslehren seiner Vorgänger Lamarck, Goethe, Hegel auf eine neue Grundlage stellte. In manchen Zwischenstadien der naturwissenschaftlichen Entwickelung hatte man sich ganz gut miteinander vertragen, man fand Bibel und Wissenschaft recht wohl im Einklang. Zum Teil hatte man sich gegenseitig überhaupt nicht die Kreise gestört; zum Teil war die Theologie wissenschaftlich genügend aufgeklärt, um zu wissen, daß in der Tat alte Naturwissenschaft in einigen alttestamentarischen Schriften enthalten ist, die nur in Nebenpunkten von den Grundanschauungen der fortschreitenden Naturwissenschaft abweicht. Erst in den Zeiten, da die sogenannte Buchstabengläubigkeit Macht gewann auf beiden Seiten, entbrannten jene Fehden, als deren namhafteste Angriffspunkte Galiläi und Darwin gelten. Viele andere Naturforscher sind niemals jener heftigen Befehdung ausgeseßt gewesen, obwohl sie im Grunde weit mehr von der biblischen Naturwissenschaft abwichen.

Heutzutage ist es so weit gekommen, daß man auf beiden Seiten überhaupt nicht mehr weiß, was in den Büchern des alten Testamentes steht. Schon auf vielen Schulen wird dafür gesorgt, daß eigentlich nur immer um des faisers Bart gestritten wird.

Die sogenannten Buchstabengläubigen lesen die Bibel überhaupt nicht mehr, sondern citieren einzelne Stellen, von denen sie eben nicht einmal die Buchstaben verstehen, da sie hebräisch nicht kennen und den eigentümlichen grammatischen Charakter dieser Sprache und ihrer rednerischen Vortragsart nur in sehr seltenen Fällen wissen. Die Naturforscher sind im gleichen Falle, halten die Unkenntnis der Buchstabengläubigen für die richtige Auslegung der Bibel, lesen sie eben deshalb auch nicht, und das Ergebnis ist ein wechselseitiger Kampf mit Windmühlen, der nie enden kann, weil er auf beiden Seiten mit dem größten Aufgebote von Unwissenheit gefämpft wird.

Als man seiner Zeit Kopernikus’ System und Galiläi angriff, lag noch ein gewisser erafter Sinn darin, denn man glaubte in der Tat auf einem naturwissenschaftlichen Boden zu stehen; man war sich ganz bestimmter, wissenschaftlich ernst zu nehmender Auffassungen der Bibel und der alten Wissenschaft überhaupt bewußt. Heutzutage aber ist auf beiden Seiten der Stampf nur ein mutwilliger. Wir werden es sogleich im einzelnen sehen.

Abgesehen von verschiedenen verstreuten Stellen finden wir die Naturbeobachtungen und die bereits festgelegte Naturwissenschaft der alten Ebräer am meisten im Buch Hiob, Kap. 38—43, in einer ganzen Anzahl von Psalmen (z. B. Psalm 19, Psalm 104, Psalm 148) und in der sog. mosaischen Schöpfungsgeschichte des ersten Kapitels im I. Buch Mose. Nur dieses erste Kapitel kann als eine wissenschaftliche Kosmologie gelten, innerhalb seines allgemeinen poetischen Vortrags; schon das zweite Kapitel, wo das Weib aus der Rippe des Menschen entsteht und der „Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen“ aufgestellt wird, trägt durchaus das Gepräge allegorischer Darstellung. Es wird wohl selbst unter den strengsten Buchstaben

gläubigen nicht einen geben, der den „Baum der Erkenntnis“ als einen leibhaftigen, nach Linné klassifizierbaren wirklichen Baum auffaßt. Soviel gibt er auf alle Fälle zu, daß solche Bäume in Wirflichkeit nie gewachsen sind. Er weiß, daß der nicht näher klassifizierte Baum hier ein Sinnbild ist und daß der „Baum der Erkenntnis" eine Allegorie bedeutet, ebenso wie die tiefsinnige Allegorie, welche das Weib aus der Mannesrippe entstehen läßt, um den sittlichen und mythisch-naturphilosophischen Gedanken zu begründen, daß Mann und Weib ,ein Fleisch" seien. Auch die weiteren Stapitel von den ersten Menschen bis zu Noah sind sinnbildlich und tragen in den hebräischen Urkunden symbolische Namen, wie ja denn auch das Wort ,, Adam" nur so viel wie ,, Mensch" bedeutet und der Name Eva (Heva) in der Urkunde selbst als „Mutter aller Lebendigen“ ausgelegt ist. „Noach“ heißt der „Übriggebliebene“, „Abraham“ soviel wie „Völkerwater“. In der Erzählung von Noah und der Sintflut aber spielt augenscheinlich in gleicher Weise alte Naturwissenschaft und fabelbildende bewußte Symbolik ineinander. Die Sage als solche ist bei den alten Ebräern, wie bei vielen anderen Völkern, augenscheinlich aus paläontologischen Funden entstanden. Man fand Muscheln, Versteinerungen und Abdrücke von Pflanzen und Tieren zu jenen Zeiten noch viel reichlicher wie heute. Abdrücke von Ichthyosauren und anderen Sauriern mochten Anlaß zu den Vorstellungen von Drachen und Lindwürmern überall geben; das Vorkommen von Muscheln und Muschelversteinerungen auf hochgelegenen Dünen und in hohen Kalkgebirgen mußte die Finder sehr bald auf die Vermutung einer allgemeinen großen Hochflut bringen, die allein solche Funde erklären konnte. So finden wir die Analogie der Noahsage denn auch in babylonischen Reilschriften.

Denn wir sehen auch sonst aus den Schriften des alten Testamentes, daß diese alten Ebräer außerordentlich gute und scharfe Naturbeobachter waren; sie geben darin Homer nichts nach, sondern stehen weit eher auf einer noch höheren Stufe der rein realistischen Beobachtung. Sie benußen diese Beobachtungen zu den großartigsten Bildern von der Macht Gottes, in alter Zeit Jehovas, ein Ewigfeitsbegriff von der Gottheit, der sich im Laufe der Entwickelung immer mehr vertieft und in dem Psalm 139, der die Bilder braucht „nähme ich die Flügel der Morgenröte“ „Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mir in der Unterwelt, siehe, so bist du auch da“ bereits zum ausgeprägten ethischen Pantheismus gelangt ist. ,,Er rühret die Berge an, so rauchen sie“, „er schauet die Erde an, so bebet sie" singt ein Psalm. Vulkane und Erdbeben sind hier wie im Buch Hiob wohlbekannte Erscheinungen, welche in poetischer Weise zum Preise der Gottheit eine rhetorische Benußung finden.

In diesen Psalmen, in Hiob und in der mosaischen Schöpfungsgeschichte finden wir nun vor allem die Anschauungen der Ebräer vom Weltall, vom Weltraum mit seinen Himmelserscheinungen überall poetisch verwertet und zum Teil zu ganz unübertrefflich großartigen Bildern benußt. Es ergibt sich, daß diese alttestamentarischen Anschauungen sich vollständig decken mit den Anschauungen der babylonischen Chaldäer von der Unendlichkeit des Weltraums, von der unendlichen Zahl von Welten und Sternenwelten. Es ist zweifellos, daß zu den Zeiten der sogenannten babylonischen Gefangenschaften, wo viele Juden nach Babylon angesiedelt wurden, wo Dichtungen wie ein Teil der Jesaiasdichtungen in dieser alten Millionenstadt entstanden, ebräische Männer auch Teil nahmen an den Forschungen der dortigen astronomischen Chaldäer. Diese selben Chaldäer haben zur Zeit des Xerxes ihre Anschauungen von der Schwere, von der Kugelgestalt der Erde, von Sonnenfinsternissen, Erdschatten und Mondschatten samt der Unendlichkeit des Weltraums auch nach Griechenland getragen, wie die Forschungen Wilhelm Foersters ergeben haben. Nach dem Bericht des Herodot wurde Demokrit, der Begründer der modernen Atomenlehre und des wissenschaftlichen Materialismus, von solchen babylonischen Chaldäern unterrichtet. Bei ihm finden wir denn auch die Anschauung von der Unendlichkeit der Welträume, die wir noch teilen.

Nur so wird uns erklärlich, wenn wir im Buch Hiob, Kap. 38,

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