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Und nicht nur den Haustieren galt diese Schonung. Wenn du auf dem Wege findest ein Vogelnest auf einem Baum oder auf der Erde, mit Jungen oder mit Eiern, und daß die Mutter auf den Jungen oder auf den Eiern sißet, so sollst du nicht die Mutter mit den Jungen nehmen.“ (Moje 22, 6 und 7) wird als ein allgemeiner Saß des Mitgefühles mit dem Tierempfinden aufzufassen fein und auch so ausgelegt. Falls man aber Bedarf hat an den Vogel, so soll man jedenfalls die „Mutter fliegen lassen“, wenn man Eier oder die Jungen nehmen muß. In ähnlicher Weise entspricht einem Empfinden mit der Tierwelt das Ritualgebot (III. Moje 22, 27) „Wenn ein Ochse oder Lamm oder Ziege geboren ist, so soll es sieben Tage bei der Mutter sein“. Auch soll man die Dpfertiere und ihre Jungen nicht an einem Tage zusammen schlachten, weil das einem instinktiven Mitgefühl widerspricht. Ein bewußtes Gebot des Tierschußes aber sieht das alte Geseß darin, daß man Tiere nur mit einem scharfen Messer ohne Scharten töten durfte, und zwar von Amtes wegen, wobei das Blut ausrinnen mußte. (Schächten.) Es galt als die mildeste Todesart und hatte dabei noch einen tiefer gehenden Grund der Tierschonung, den wir im dritten Buch Mose, Kapitel 17, 11 bis 14, finden. welcher Mensch, er sei vom Hause Israel oder Fremdling unter euch, der ein Tier oder Vogel fänget auf der Jagd, das man isset, der soll desselben Blut ausgießen und in der Erde verbergen. Denn die Seele jedes Wesens ist sein Blut; und ich habe den Söhnen Israels gesagt: das Blut irgend welches Fleisches dürft ihr nicht essen, weil die Seele aller Wesen ihr Blut ist.“ Ich ents scheide nicht, ob der mosaische Geseßgeber mit diesen Anschauungen und dem Gebot des Schächtens physiologisch das Richtige getroffen hat; aber wir sehen, daß die Gründe dafür jedenfalls die ehrwürdigsten, die menschenwürdigsten sind, denn sie wollen die Seele jedes Tieres schonen. Gewiß wird niemand eine beabsichtigte Grausamkeit in diesen Ritualien sehen, die nur der Ausfluß des allerlebendigsten Mitgefühles mit allem Leben sind. Praktisch erreichte

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der mosaische Geseßgeber aber einen außerordentlichen Tierschuß
durch das Gesek über die Tiere, die zu essen verboten war. (III. Mose,
Kapitel 11). Man muß es nachlesen, um zu sehen, wie umfassend
dieser indirekte Tierschuß war. Weder „Hasen noch Kaninchen noch
Schweine" durfte man essen; nur das, was die Klauen spaltet
und wiederkäuet unter den Tieren“, durfte zur Speisung geschlachtet
werden. Der Begriff des „Unreinen“ bezog sich dabei nicht etwa
auf die Tiere, die man nicht töten durfte, sondern es war dem
Menschen „unrein“, es war eine Selbstbefleckung, wenn man etwa
eine Schwalbe, ein Schwein u. f. w. geschlachtet hätte, wie deutlich
in den Schlußgründen (Vers 43 u. f. w.) dieses Gesekes ausgesprochen
wird. In dem Gebot (II. Mose 34, 26) „Du sollst das Böcklein
nicht kochen, wenn es noch an seiner Mutter Milch ist", ist nur
ein Schußgebot für die Tiermutter zu sehen. Wenn es geboten ist:
„Wenn du deines Bruders Esel oder Ochsen siehest fallen auf dem
Weg, so sollst du dich nicht von ihm entziehen, sondern ihm auf-
helfen“ (V. Mose 22), so ist, wie schon der Wortlaut ergiebt, nicht
nur eine Hilfsbereitschaft gegen den Besißer, sondern auch für das
Tier selbst gemeint. Und zwar war diese Tierhülfe und Tierliebe
im Judentum so stark, daß der Talmud und spätere Zeiten sogar
das Gebot aufstellten: „Man darf nicht essen, bevor man seinem
Vieh zu essen gegeben.“ (Berachot 40 a. Gittin 62 a.) Nun, auch
ein christlicher braver Reitersmann ißt bekanntlich nicht, ehe er sein
Pferd gefüttert hat; und daß wir dem Pferd unseres Nächsten gern
„aufhelfen“, das lehren tausende von Straßenszenen in allen Städten
und Dörfern Europas jeden Tag. Das Jüdische, das Christliche,
das Menschliche sind denn doch troß gelegentlicher Roheit und
Grausamkeit – überall und zu allen Zeiten dasselbe.

„Welcher Mensch unter euch, der hundert Schafe hat und
ein einziges davon verliert, läßt nicht die neunundneunzig in der
Wüste zurück und macht sich auf, dem verlorenen nach, bis er es
findet? Und findet er's, so legt er es über seine Achseln und froh-
lockt, geht zu seinem Haus, ruft die Freunde und Nachbarn zu-

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sammen und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir, denn ich habe mein verlorenes Schaf gefunden.“ So lehrte der freundliche Stifter der Jesusreligion, dem es also selbstverständlich war, daß man auch dem Tier beispringe. In dem schönen Gleichnisliede (Evangelium Johannis 10, 11 bis 16) wird der „gute Hirt“ gepriesen, der seine Seele einjekt für seine Schafe, sein Leben für sie einjeßt und Jesus spricht von dem Mietling dagegen: „Er hat kein Herz für die Schafe." Wenn Paulus davon redet, daß die ganze Areatur mit dem Menschen der Erlösung harre, so wendet er nur in seine Sprache, was in positiver Weise, wie wir sahen, als lebendiges Mitgefühl durch das ganze Judentum geht. Wenn im Europäertum ein Mangel an Tierethik bemerkbar sein sollte, so wird man weder das Judentum noch das aus ihm erwachsene Christentum dafür verantwortlich machen dürfen, sondern im Gegenteil der Wahrheit gemäß bezeugen müssen, daß Schopenhauer die Ursachen an einer ganz falschen Stelle gesucht hat.

Nachwort.

Am Ende dieses Buches und nach voller Erkenntnis dessen, was Jesus nach seinen Vorgängern eigentlich lehrte, werden Laien und Theologen der verschiedenen Bekenntnisse die bekümmerte Frage aufwerfen: Ist nun dieser Jesus, dieses Jesustum überhaupt noch eine Religion? Können wir seine Lehre überhaupt noch zu Zwecken protestantischer, katholischer oder sonstiger Erbauung brauchen? „Unsterblichkeit“ der „Seele“ ist uns genommen was bleibt da noch?

Nun antworten wir: Genommen ist sie an sich nicht, denn Jesus war viel zu weise, etwa das zu leugnen, was Sokrates und Plato den unbestimmten Vorstellungen ihrer Landsleute als etwas Bestimmteres entgegenzuseßen suchten. Mag jeder, der da glaubt, es zu fönnen, sich hierüber einen wissenschaftlichen „Glauben“ bilden. Aber in die Kirche, die mit dem ganz Gewissen, mit dem Unbestreitbaren nach Jesus rechnen soll, gehört es nicht.

Es wird nur verlangt, daß nichts begründet werde auf diese unsicheren, ja, vielleicht unlogischen Vorstellungen. Und die Kirche muß, wenn sie noch eine Zukunft haben will, mit diesem Sicheren rechnen. Die europäische Menschheit ist in der Hauptsache soweit, daß sie nichts mehr durch die Form des „Glaubens" oder des Mythus bedarf; sie verlangt, daß auch die Religion nunmehr „Parrhesia“, „rein heraus“ spreche.

Man fragt: und kann dieses Jesustum überhaupt noch eine Kirche schaffen?! Eine Gemeinde?!

Wir antworten und jeder aufmerksame Lejer mit uns: Dreimal Ja! Die Kirche aller Kirchen, die wahrhaft katholische, die Menschheitskirche, die Kirche aller europäischen Denker, Naturforscher, ist merkwürdigerweise in dieser Jesuslehre enthalten. Es gibt keinen, der über das ABC des Forschens und Denkens hinaus ist, der nicht gerade die Gedankengänge des Nazareners unterschreibt, wobei es ihm unbenommen bleibt, auch noch ein Anhänger Kants oder Eduard v. Hartmanns zu sein. Selbst der dümmste Materialist“, wenn er nur etwas neuere Physik und Chemie kennt und nicht in der Alchymie von vor Liebigs Zeiten hängen geblieben ist, er wird die Augen aufreißen und sagen: Ja, wer hätte das gedacht! Und die tollsten Nießscheaner werden Hosiannah! rufen und sagen, da fönnen auch wir ja mittun.

Ihnen wird freilich der ungeheure Wahrheitssinn dieses Jesus im Namen ihres unglücklichen Meisters unheimlich sein, denn von „Wahrheit“ wollte ja dieser Tartar, dieser Attila, dieser Zarathustra nichts wissen. Im übrigen aber werden sie auch sagen: Jesus, wer hätte das gedacht! Da stehen ja die besten Sachen von Nießsche schon alle seit neunzehnhundert Jahren da. Nicht einmal mit dem übermenschen ist's etwas Neues.

Ja, „wüßtet Ihr, meine Freunde“, sage ich Euch nun, der Schreiber dieses Buchs, wie dieser Euer vielgeliebter Zarathustra gehaust hat, wie er bei Sophokles, bei Aristophanes, bei Aristoteles, bei Jesus vor allem wie ein Marder eingebrochen ist und nach seiner beliebten „Herrenmoral“ geraubt hat, was er konnte. Er mochte wohl denken, man fönne nicht mehr griechisch, und die neuesten deutschen Gymnasien arbeiten ja kräftig daran, daß man in immer fortschreitender Unkenntnis des Griechischen den Menschen von neuem Sand in die Augen streuen kann. Der Erste, der sich dieses Vorteils bediente, war Niebsche, er machte es genau so wie die alte Kirche: sie ließ die alten Urkunden liegen, überseşte falsch und aus dieser falschen Übersekung lehrte sie rückwärts Griechisch. Es gibt Leute, die genau nachweisen können, daß gewisse Herren

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