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Punkten sehr nahe gebracht. Wir haben bereits eine erkleckliche Anzahl höchst eigentümlicher, höchst selbständiger Gedanken kennen gelernt, eingekleidet in eine frische, mitunter hyperbolische Bildersprache, in welcher der Mann seine engere Nationalität nicht verleugnet. Wir haben die rein logische, ja, wissenschaftliche Wahrheit dieser Gedanken bereits zum Teil verstanden und sehen sogar einen gewissen inneren Zusammenhang, Bruchstücke eines ,, Systems“ zwar nicht, aber einer in sich ausgerundeten Weltanschauung, welche zahlreiche Einzelworte und Einzelreden hervorbrachte, die mit merkwürdiger innerer Übereinstimmung, wie die Magnetnadel nach Norden weist, auf den wahren Pol der Einheit der Jesugedanken hinwcisen.

Sechftes Kapitel. fortsetzung der Matthäus-Betrachtung. Das höchste Wesen als der Verborgene. Das Menschheitsgebet. – Die Vergebungslehre dermenschlicht. – Jesus und

Ezechiel als Gegner des Erbsändenbegriffes.

Nachdem wir bis zu obigem Punkt gelangt find, dürfen wir den ursprünglich eingeschlagenen Weg wieder betreten, nämlich zunächst in einer wörtlichen Verfolgung aller Jesusreden in den vier Evangelien rein induktiv zu verfahren, wobei wir von jeßt ab den eigentlichen Sinn dieser Reden aus einigen bereits gewonnenen allgemeineren Jesusgedanken herleiten dürfen.

Nach Beendigung dieses Geschäfts wird dann noch einmal zusammenzufassen sein, was den allgemeinen Zusammenhang der Lehre Jesu vollendet, so weit es möglich ist aus den vorhandenen Bruchstücken und aus der Kenntnis dessen, was andre gedacht vor Jesus, zu einer gewissen Sicherheit zu gelangen.

Wir kehren zu den Kapiteln der Matthäussprüche zurück, die im Ideal der „Vollkommenheit“ der „Gottesföhne“ den Begriff der Menschenliebe“ soweit umschreiben, daß sie fordern „Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen.“

Wir sehen in der Allegorie vom Menschensohn die logische Ursache dieser Forderung, denn liebe ich meinen Feind, so tue ich auch dieses Gute der Menschheit und ihrer sittlichen Einheit an, da mein Feind ja auch zu dieser Einheit gehört. Ja, ich liebe ihn, damit auch er andere liebe, wie ich ihn geliebt habe, damit er den Menschensohn, den einzelnen Menschen und die Menschheit in ihm liebe. Wir verstehen, wieso hierin ein Vollkommenheitsbegriff ist, der da gestattet, uns als Gottes Söhne zu charakterisieren.

Dagegen hat Jesus nicht gelehrt: „Gott ist die Liebe.“ Das ist nur der Zusaß eines späten Briefschreibers, des JohannesBriefschreibers, der gerade in diesem Saße bewies, daß er die eigentlichen Jesusgedanken nur halb verstand und sicher nicht identisch ist mit dem Johannes, nach dessen Aufzeichnungen das heutige Johannesbuch gearbeitet ist.

Schwerlich würde Jesus jemals eine solche Definition vom Gottbegriff oder vom Wesen Gottes gegeben haben, weil er just der Ansicht war, daß wir Gott eben nicht kennen.

Vielmehr, weil wir ihn nicht kennen, bleibt uns nichts übrig, als eben durch die Liebe und die Darstellung der Brudereinheit der fittlichen Gemeinschaft – von der Kirche in richtiger Ahnung der Jesusansicht „Gemeinde der Heiligen“ genannt Ersaß für unsere Nichtkenntnis des Wesens Gottes zu schaffen.

Wir sehen auch, daß diese Lehre von der Liebe das sogenannte „Mitleid“ eigentlich nur nebenbei predigt; über diesen buddhistischen ethischen Begriff als Grundbegriff ist sie zweifellos hinaus. Nicht

Mitleið“, das ja nur eine Reflererscheinung des Seelenlebens ist, nein, volle Liebe und zwar im Sinne dieser grandiosen Züchtung eines neuen Geschlechts, das ein Menschheitsgeschlecht ist, wo jeder einzelne das Bewußtsein des Menschheitsgeistes (des Hyios tu Anthropu) und des in ihm konzentrierten Unendlichen (der Basileia ton uranon) als sittlicher Mikrokosmus — in fich trägt – solche großartige und wahre Auffassung also, solche Züchtungsherrlichkeit des sich liebenden Daseins predigte Jesus.

Wie arm erscheint dagegen die Philosophie unsres jüngsten Philosophen, Niepsches, mit seinem Übermenschen, der nichts ist, als der Abklatsch einiger vor Jesus entstandener Sophistenideen, vermischt mit halbverstandenen Jesusideen.

Jesus fährt fort, nachdem er das Ideal der Vollkommenheit aufgestellt hat: (Matth. Kap. 6.)

Kirchbach, Was lehrte Jesus?!

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„Seht darauf, daß ihr euer Gerechtigkeitswerk nicht aus dem Grunde vor den Menschen tut, damit sie es bestaunen, denn sonst werdet ihr bei eurem Urgrund im Al feinen Lohn davon haben.“ (trapà tớ natgí) Also, wenn euer sittliches Leben und Tun nur auf Eitelkeit und Ruhmsucht beruht, so hat es feinen Wert bei Gott. „Lohn haben“ ist nach allen andren Jesusanschauungen nur ein Bild, denn daß Gott es lohnen würde, ist nicht die Meinung. Vielmehr heißt es richtig überseßt: bei dem Urgrund im All ist es kein Verdienst, d. h. es gehört nicht zu dem Gesamtgut, das wir gewissermaßen im Al aufspeichern, niederlegen, deponieren beim All-Sittlichen im innersten Grunde der Welt. „Und wenn du nun Mitleid übst, so posaune es nicht vor dich aus wie die Heuchler auf den Gassen, damit sie bei den Menschen etwas gelten.“ Die Rechte foll nicht wissen, was die Linke tut: „Damit dein Mitleið im Verborgenen bleibe.“

Wir haben hier nicht lediglich ans Almosengeben zu denken, sondern es handelt sich um eine Wertung des Mitleids selbst. Wenn es an andrer Stelle geheißen hatte, daß man sein Licht nicht unter den Scheffel stellen solle, daß die guten und schönen Werke gerade „offenbar“ werden sollen, so handelt es sich hier darum, den Beweggrund sittlichen Tuns nicht in den Ehrgeiz, die Eitelkeit zu stellen, weil ja ein weit höherer Beweggrund erfordert wird. Das Mitleid aber ganz besonders soll ,,en to frypto" bleiben; es soll lediglich in der Verborgenheit des Herzens bestehen, eben damit es nicht Eitelkeit oder Sentimentalität sei. „Und dein Vater, der Schauende, wird's im Verborgenen dir zu eigen machen *) (nicht wie Luther sagt: „in das Verborgene sieht). Nach einigen Lesarten: „zueignen im Offenbaren.“

Wir begegnen hier einer weiteren Ansicht des Jesus, die damit

*) Das griechische anodidwui heißt nicht nur vergelten, sondern „zus eignen“, zum Befiße machen. Da Jesus eben, wie auch bei Lutas, nichts von „Vergeltung“ wissen will, so müssen wir es, in andrer Sonstruktion als Luther, mit „zueignen im Verborgenen“ überseßen. (Vergl. Matth. 5, 33.)

übereinstimmt, daß niemand Gott je gesehen hat, nämlich, daß der „Vater“, „Urgrund“ „im Verborgenen“ lebt. Es heißt nicht „er sieht in das Verborgene“, sondern er ist im Verborgenen. So heißt es (V. 6) bete zu „deinem Vater, dem Verborgenen“, Vers 18 wird er abermals der „Versteckte" genannt, „, der im Verborgenen“. Schon Jejaia (45, 15) nennt ihn mit demselben Worte einen „verborgenen Gott“.

Es ist nur die folgerichtige Bezeichnung aus der ganzen Jesusauffassung, daß wir von Gott nichts wissen, wenn es heißt, Gott ist der „Verborgene". Ja, im Griechischen hat das Wort noch einen tieferen Beigeschmack, indem das substantivierte Eigenschaftswort ,en to kryphaio“ soviel ausdrückt wie das „für uns Verborgene", das, was uns „absolut dunkel“ ist. Also wir erkennen an der abstrakten Wendung eine philosophische Meinung des Jesus und es ist sehr interessant, daß derartige Jesusausdrücke, die solche Spuren tragen, zumeist in einer gehäuften Wiederholung auftreten, wie hier die Vorstellung vom verborgenen Gotte, oder vielmehr „Vater“ fich fortwährend wiederholt in Verbindung mit den richtigen Beweggründen unseres sittlichen Lebens. Es ist der Refrain eines aramäisch-gnomischen Lehrgedichtes, das wir durch Herausstellung der betreffenden hier zusammengehörigen Säße noch ganz unversehrt wieder herstellen können. *)

Der „Sehende“, „der Schauende“ wird unser Guthaben zueignen, d. h. er eignet uns zu. Die Zukunftsform der Rede ist hier nicht die Verweisung auf eine transzendentale „Zukunft“, sondern lediglich Folgerungsform. Daß Jesus es so meint, werden wir an einer Stelle sehen, wo die grammatikalische Redeform von ihm selbst (Bittet so wird euch gegeben werden: denn der Bittende empfängt,) erklärt wird im Sinne der inneren Einheit seiner Lehre.

Wenn also diejenigen, die aus eitlen Beweggründen handeln, „ihren Lohn dahin haben, weil die Befriedigung ihrer Eitelkeit ihr gemeiner Lohn ist, so ist die Gerechtigkeit und das Mitleid, *) Bergl. Buch Jesus (S. 19, Boltsausgabe).

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