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Widmung.

Frau S. K. Liebe Freundin! Liebe Verwandte! Eine jüdische Frau, die einen urgermanisch - christlichen Mann geheiratet hat, lebst Du seit langen Jahren in glüdlicher Ehe, ohne daß der Wunsch vonseiten der christlichen Deinen und der Angehörigen je laut wurde, daß Du den mosaischen Glauben Deiner Vorfahren gegen einen anderen vertauschtest. Reizende, liebe Christenkinder aber sind Eurem Bunde entsproffen. Und eines Tages teiltest Du dem Schreiber des nachstehenden Buches folgende Aufzeichnung aus Deinem Tagebuch vom 4. April 1894 mit:

,,Die Kinder sprechen bei Tisch mit mir über die biblische Geschichte und Hans, der 71/2 Fahr ist, frägt mich:

„Mama, bin ich jüdisch?“ — „Ei, was fällt Dir denn ein," sag ich, „Du bist evangelisch.“ Da sagt er: „Gelt, wir sind Christen?“ Ich antworte: „Ja.“ Plößlich frägt er troßdem: „Was bist denn Du, Mama?Ich bin überrascht und weiß nicht gleich zu antworten, aber da mein Mann und ich kurze Zeit vorher davon sprachen, daß, wenn die Kinder mich fragen würden, ich sagen sollte, daß ich Jüdin bin, antworte ich: „Ich bin Füdin.“

(Ich muß noch vorausschicken, daß mein Mann es den Kindern schon längst jagen wollte, aber es war mir nicht recht, da sie mir noch zu klein dazu schienen und da ich auch keine Wichtigkeit daraus gemacht haben wollte.)

Als ich sagte, ich bin Füdin, fingen die finderchen an: „Ach nein, Mama, das glauben wir nicht,“ und Mädi weint bitterlich. Darauf tröste ich sie und sage, hast Du mich denn nicht lieb und habt Ihr die Großmama und den Onkel Friß und alle nicht lieb? Das sind Juden!

„O ja," riefen sie alle.

„Ja, aber warum sind wir nicht wie Du?“ – Da sag ich: „Papa ist evangelisch und Papas Eltern waren auch evangelisch.“ Darauf sagt Hans: „Weißt Du, die Mädi weint nur, weil die Juden den Jesus gekreuzigt haben." Ich antworte: „Ja, aber das war doch schon vor bald zweitausend Fahren, das waren ja andere Fuden.“ Da meint er: „Fa, und Jesus war ja selbst ein Jude. Glauben denn die Fuden nicht an Jesus?" Ich erwidere: „O ja, aber sie glauben, er wäre ein Lehrer gewesen." — Da sagt er: „Aber nein, das ist ja schrecklich. Jesus ist ja Gottes Sohn gewesen.“ Er finniert weiter: Gelt, Mama, wenn Du auch Jüdin bist, deshalb glaubst Du doch an Jesus? Ja, und wiejo hat Jesus noch einen Vater gehabt, den Joseph? Er hatte also zwei Väter, wieso?! Ich wollte ihn nun beruhigen und sage: „Ja weißt Du, der liebe Gott schickte dem Joseph und der Maria Jesus und ließ es durch einen Engel verfünden. Euch brachte der Storch, aber Jesus wurde vom lieben Gott selbst geschickt.“ Mein Töchterchen gab sich nicht so schnell zufrieden und sagte: „Ach, Mama, hätte Dich doch der Hans nicht gefragt!“ Darauf sage ich: „Wißt Ihr was? Jeßt denkt Ihr nicht mehr daran und wenn Ihr älter seid, sprechen wir wieder darüber.“ Da sagt Mädi weinend: „Nein, Mama, ich spreche, so lang ich lebe, nicht mehr darüber und wenn ich einmal einen Mann heirate, dann muß er vorangehen.“ „Ja, wie meinst du das," sage ich. „Ja, wenn er jüdisch ist, dann werde ich's auch.""

Als Du mir diese rührende, wörtlich wahre kleine Kinderscene mitgeteilt hattest, versprach ich Dir für Dich und Deine Kinder einmal ein Buch zu schreiben, in welchem Du und viele Frauen, die in Deutschland, England, Amerika in der gleichen Lage sind, die rechten Worte finden solltest, mit denen nicht nur die verfänglichen Fragen der Kinder, sondern auch diejenigen der Alten über diesen Euren Stammesgenossen Jesus beantwortet sind. Und als ich bald darauf das Werk begann, zu dem ich nun seit zwanzig Jahren mancherlei studiert, fühlte ich, daß es mir ein großer innerer Segen wurde. Indem ich dem tiefsinnigen Spruche dieses Eures jüdischen Weisen vertraute: „Suchet, so werdet ihr finden,“ war es mir beschieden, etwas, was in einigen Teilen schon mancher ahnte, ganz klar und ganz unumstößlich festzustellen, was vielleicht in hundert Fahren, zweihundert Jahren unter allen Kulturvölkern der Erde solche Gespräche, wie Du sie mit den Kindern führtest, überhaupt unmöglich machen wird.

Eine jüdische Frau bist Du, die kleine „Christen“ zur Welt brachte, wie jene jüdische Maria, die auch einen „Christ“ unter dem Herzen trug nach der Meinung vieler. Du kennst jenes Wunderbild Eurer Maria, die den kleinen „Menschensohn“ mit den großen, weitgeöffneten Denkeraugen auf den Armen trägt, Laß diese tiefen Denkeraugen zu Dir reden aus dem raphaelischen Mutterbilde und lerne aus der Sprache Deiner Väter begreifen, was hinter dieser großen Knabenstirne einst reifen sollte!

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Vorwort für die Forscher.

Die folgende Schrift versucht eine innerlich zusammenhängende Ergänzung gewisser Ergebnisse der Evangelienkritik aus den letzten hundert Jahren. Ihre Besonderheit ist, daß sie nicht aus theologischen Streifen kommt, wie fast alles, was von Herder und Schleiermacher an bis zu dem ausgezeichneten Harnack geforscht und gesagt worden ist. Au diese vorzüglichen Geister waren und sind von Haus aus Theologen. Auch David Friedrich Strauß, auch Renan waren Männer, die zunächst von der Theologie aus zur Kritik kamen, zumeist einen inneren Kampf durchzumachen hatten und zum Teil nicht so unabhängig waren, daß sie nicht gewisse Lieblingsvorstellungen oder gewisse Abneigungen theologischer Art mit sich zu verarbeiten gehabt hätten. Je nach ihrer größeren oder geringeren Denkweite haben sie als stillschweigende Vorausseßungen ihres kritischen Forschens gewisse Annahmen zu Grunde gelegt, die in ihren nachmaligen Entscheidungen, in den Gruppierungen des Forschungsstoffes eine ziemlich bedeutende Rolle spielen.

David Friedrich Strauß kommt zu seiner fast vollständigen Ablehnung des sogenannten Johannesevangeliums aus einer Art von persönlicher Abneigung, welche eine ganze Reihe von Äußerungen des Jesus als menschlich wertloje Redensarten ansieht, deren Selbstüberhebung ihm überaus verdächtig erscheint. Daß es eine Denkweise gibt und geben kann, welche ein ebenso rein menschliches Verständnis der Grundgedanken des Johanneischen Jesus ungezwungen ermöglicht, wie Strauß bezüglich der Matthäusüberlieferungen es gelegentlich besaß, war ihm unverständlich.

So kam er dazu, fast alles, was Jesus hier sagt, zu gnostischen Ideenentwicelungen des späteren gnostischen Berichterstatters zu machen. Vieles tief Gedachte, durchaus nicht „Schwärmerische“, vieles, was den ursprünglichen Zusammenhang der Lehre ergänzt, manches, was das beste kritische Terpentin an die Hand gibt, um gerade den rein menschlichen Gehalt der Jesuslehre aus der dicken Firnisschicht der dogmatischen Übermalung herauszureiben, hat er damit fallen lassen. Umgekehrt haben Schleiermacher, der ausgezeichnete Baur und andere so mancherlei liebgewordene, rein theologische Vorstellung, troß des Scharfsinns ihrer Untersuchungen, nicht aufgeben mögen und, wie Strauß nach der ablehnenden Seite, sich ihr Geschäft nach der anderen Seite verwickelt.

Es ist daher vielleicht für diejenigen, welche überhaupt noch Interesse haben an der Erörterung dieser Fragen, nicht ohne Wert, eine Schrift zu lesen, welche aus dem Lager der Dichter und Schriftsteller kommt. Das Recht, daß ein Mann aus diesem Lager einmal mitrede, schöpft er gerade aus den Ergebnissen der modernen Evangelien- und Bibelkritik. Wenn das Hauptergebnis in der Tat ist, daß ein großer Teil der alttestamentarischen Schriften reine Dichtungen sind, andere unter die Gattung allegorischer Halbdichtung und politisch-religiöser Kedekunst gehören, wenn wiederum anderes in den Evangelien und im Alten Testament bewußte und unbewußte Mythendichtung und Mythenbildung ist, so wird jemand, dessen dauerndes Geschäft es ist, auch heutigen Tages in mythischen Formen zu sprechen und allen Formen der Redekunst zu verwenden, wohl auch ein natürliches Recht haben, ein Wörtchen mitzureden. Denn er wird ja wohl den Zweck und Sinn dieses Geschäftes einigermaßen verstehen. Er wird ja wohl wissen, warum und aus welchen geistigen Bedürfnissen Jejaia und Daniel, Salomo und Jesus und so mancher Andere dazu kamen, so viele Dinge in Ausdrucksformen zu sagen, die einer Deutung bedürfen oder auch ihre Deutungen in sich selbst tragen. Er wird in dem Streite der Theologen, wo der eine alles verdeutelt und der andere alles vereulenspiegelt, vielleicht eine natürliche Fähigkeit und Begabung haben, die rechte Mitte zu finden. Er wird so viele Sprünge der fragmentarisch schauenden Einbildungskraft, welche in der prophetischen Darstellungsweise herrschen, weit richtiger mitzutun wissen, auf Grund seiner Fähigkeit zu schauen. Und die Hauptsache: warum jene Meister ethischer Ideen, jene Volkserzieher und Seelenaufrütteler sich übertragener Rede bedienten, es wird ihm eine Frage sein, deren Beantwortung eben in der Fülle des ethischen Bes wußtseins liegt, welches allzuscharfé Grenzbestimmungen der Begriffe um des tieferen Weltgehalts und Seelengehalts dieser Begriffe willen meidet. Denn solche Gefäße erkannter Wahrheit schafft es, die jene Durchsichtigkeit, jene prismatische Transparenz des tiefsten Lebensgehalts haben, wie sie in mythischer und bildlicher Rede allein zu erzielen ist. Wohl mochte, bei der Kraft dieses Denkens, ganzen Zeitaltern eine solche Rede „prophetisch“ gelten oder „Offenbarung“ heißen; sie ist bis heute noch das tieffte Bedürfnis derer die die Summe der Beziehungen enpfinden, aus denen eine Wahrheit wird, daher sie auch nur in denjenigen Summen von Vorstellungsverbindungen ausgedrückt werden kann, welche den Überschuß des lebendigen Lebens über bloße ethische, metaphysische oder sonstige Begriffsunterscheidung enthalten.

Der Versuch einer solchen richtigen Auslegung der Jesuslehren von seiten eines „Nicht-Theologen" er ist freilich kein Laie, er kennt die Methoden wissenschaftlicher Forschung und ihre Ergebnisse der Versuch aus dem anderen Lager rechtfertigt sich vor allem aber auch dadurch, daß gerade literarische Beis träge zu den hier behandelten Fragen in jüngster Zeit viel von sich reden gemacht haben. Insbesondere hat das Buch des Grafen Tolstoi eine europäische Berühmtheit erlangt, aber nach unserer Ansicht auch so manchen europäischen Irrtum über Jesus und das Christentum geschaffen, der in unseren Untersuchungen stillschweigend berichtigt werden soll.

Mit diesem Werke ist nebenbei eine fast vollständige Neuüberseßung aller Reden und Lehren Jesu verbunden. Der Forschungsgrundsaß, der uns bei dieser Übersepung leitet, ist folgender:

Sind, was nicht zu bezweifeln ist, die Aussprüche und Lehren Jeju schon furz nach seinem Tode aufgeschrieben worden, so sind sie bei der raschen Verbreitung der Lehre, bei dem Umstand, daß die meisten gebildeten und handelns den Juden auch griechisch sprachen, zu einer Zeit ins Griechische überseßt, wo der gute alexandrinische Sprachgebrauch, die alegandrinische „Akademie", gleich der französischen, noch in voller Blüte stand. Wir lassen uns daher nicht durch die lateinischen Mißverständnisse der „Vulgata“ beirren, bei der sich Luther jo oft noch schlechten Rat holen mußte, noch weniger durch die künstlichen Lexika der Dogmatik, die das Unmögliche möglich zu machen suchen. Wir holen uns vielmehr Rat im guten Griechisch der Jesuszeit, denn die aus dem Aramäischen Überseßenden wollten denn doch vor allem auch bei den gebildeten Juden und Judengriechen verstanden sein. Dieje Juden aber schrieben, so wenig wie der Semit Lukianos, etwa ein schlechtes Griechisch, sondern in ihrer Zeit sehr gutes. Selbst die späten Evangelisten schreiben in der Fauptsache noch sehr gutes Griechisch. Das sogenannte „Juden-Griechisch“ ist nach vielen Richtungen lediglich eine Machenschaft der Theologie, die damit sehr vieles Unbequeme fich vom Halje schaffte, um auf eigene Faust zu philosophieren. Es ist eine ebensolche Machenschaft selbst noch Paulus gegenüber wie etwa die im Lauf der Jahrhunderte entstandenen Überschriften über die Stapitel der alttestamentas rischen Bücher, welche toll genug waren, sogar die sinnlichen, beinahe schlüpfrigen Lieder im „Hohen Liede“ als „Liebesgespräche Christi mit seiner Kirche“ zu betiteln.

Einer unserer vorzüglichsten Kenner des Griechischen, Ernst Eckstein, der geistvolle Verfasser der „Claudier“, „Kypariffos“, pflegte im vertrauten Kreise, wenn diese Dinge berührt wurden, schlankweg zu jagen: „Es gibt überhanpt kein neutestamentarisches Griechisch, es gibt nur ein Griechisch!" – Er hat in der Hauptsache völlig Recht.

Die Reden Jesu find nun allerdings Überseßungssprache, und wir müssen uns gelegentlich in den Wortbräuchen der Ebräer und Aramäer Rat holen, um manche Wendung zu verstehen. In der Septuaginta, der griechischen Überjeßung des Alten Testaments, die schon zu Jesu Zeit mehr als 150 Jahre alt war, finden wir fast alle Begriffe und Worte, Redensarten und Sprachwendungen wieder, welche Jesus griechisch braucht. Wir können daraus fast in jedem Falle rekonstruieren, was er hebräisch, bezüglich auf aramäisch jagte und bei jo manchem Worte auch, was er dabei denken mußte. Der Natur der hebräischen Urschriften geinäß finden sich in der Septuaginta natürlich viele hebräisch - poetische Wen

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