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fahrungen und Anforderungen, die der Frau in ihrem spezifischen Lebenskreis entgegentreten. Aber wir schließen aus dieser Tatsache gerade das Gegenteil wie unsere Gegner. Wir behaupten, daß die Interessen der Frauen nicht von Männern vertreten werden können, so wenig, wie umgekehrt die Interessen der Männer von Frauen vertreten werden können. „Wenn es keine Geschlechtsverschiedenheiten gäbe“, sagt Thomas Higginson in seinem Buche ,Common Sense about Women', ,so würde das Unrecht, das den Frauen durch ihre politische Rechtlosigkeit geschieht, weit geringer sein. Gerade weil ihr Wesen, ihre Gewohnheiten und Bedürfnisse von denen des Mannes verschieden sind, wird sie nicht gerecht durch ihn vertreten, wurde es nie und kann es und wird es nie werden. Je mehr Nachdruck man auf die Tatsache der Geschlechtsverschiedenheit legt, um so stärker wird unser Argument. Wenn der Weiße den Neger nicht gerecht vertreten kann, wie unmöglich ist es dann, daß ein Geschlecht für das andere in der Gesetze gebung eintritt. Alle Theorien über Ritterlichkeit, Großmut und Stellvertretung brechen vor der Tatsache zusammen, daß die Frauen von den Männern auf das gröbste geschädigt worden sind.“ 1) Wenn Higginson diesen scharfen Ausdruck gebraucht, so will er damit auf die direkten Benachteiligungen der Frau hinweisen, die sich z. B. in den früheren Stadien der Ehegesezgebung, in der Regelung der Prostitution und auf manchen anderen Gebieten finden. Aber wer will die Summe der feineren Schädigungen bestimmen, die dadurch entstehen, daß der Mann Art und Maß der Frauenbildung bestimmt, daß er in vielen anderen Lebens- und Kulturfragen für sie, und mit unvollkommener Berüksichtigung ihres wahren Interesses, das er nicht kennt und nicht nachempfinden kann, entscheidet.

Daß das von Männern übersehen wird, wäre weiter nicht verwunderlich. Merfwürdig berührt es aber, wenn Frauen - wie das in dem Programm der vielbesprochenen englischen Antistimmrechtlerinnen geschieht — sich über diese Tatsachen täuschen; doppelt seltsam in einem Staat mit so eingebürgertem und intensivem parlamentarischen Leben wie England. Zwar hatte sich früher schon einmal eine Anzahl von Frauen zu einem Protest gegen das Frauenstimmrecht zusammengetan; die Prüfung der Unterschriften zeigte, daß sie meistens Schichten angehörten, qui se sont donné la peine de naître. Diesmal handelt es sich um eine Organisation, die den günstigen Moment benutzte, wo die Suffragettes die Geduld der englischen Nation so ziemlich erschöpft hatten, und die unter der Führung von Mrs. Humphrey Ward mit der Parole „Men are men and women are women“ oder zum Unterschied „Women are not men and men are not women“ den Stampf gegen das Frauenstimurecht aufgenommen hat. In einem klassisch knappen Artikel der Monatsschrift The English Woman schlägt die Führerin der englischen Frauenstimmrechtsbewegung, Mrs. Garrett Fawcett, den Gegnerinnen die Waffe aus der Hand und wendet sie gegen sie selbst. „Die weiseren Frauen", so läßt sie ihre Gegnerinnen argumentieren, „realisieren diese gewichtige Tatsache" nämlich, daß Frauen keine Männer und Männer keine Frauen sind

,, aber die

!) Diese Argumentation, die ja für alle Staatsformen Geltung hat, habe ich schon in dem 1896 in der „Sosmopolis" erschienenen Aufiat „Frauenwahlrecht" herangezogen (als Separatdruck in der Broschüre: , intellektuelle Grenzlinien zwischen Mann und Frau. Frauen Wahlrecht", bei W. Moeser, Berlin, 2. Aufl. 1899, erschienen).

irregeführten und anarchistischen Frauen, die da verlangen, daß das Ziel der Volksvertretung die Vertretung der ganzen und nicht der halben Nation sein sollte, vergessen sie und stemmen sich gegen eine der einfachsten Tatsachen des täglichen Lebens. Diese seltsam perverse Auffassung der Antistimmrechtlerinnen", fährt Mrs. Fawcett fort, zeigt, daß sie ihren Verstand nicht genügend gebraucht haben, um auch nur die Grundzüge des Systems der politischen Vertretung zu erfassen. Sie wiederholen ihr Schlagwort, daß Männer Männer und Frauen Frauen sind, womit sie sagen wollen, daß die Gesichtspunkte, die Lebenserfahrungen, die Tätigkeitssphäre der Frauen in vielen wichtigen Beziehungen von der der Männer abweichen; sie sehen dabei nicht, daß diese Tatsachen selbst zu den stärksten und unwiderleglichsten Gründen für die Behauptung gehören, daß kein Repräsentativsystem vollständig oder wirklich national ist, das die Vertretung der Frauen ganz ausläßt. Die Frauen, sagen sie in einer ihrer Veröffentlichungen, haben andersartige Fähigkeiten; die der Frau liegt in der Sphäre des Heims, der Gesellschaft, der Erziehung, der Wohlfahrtspflege. Man sollte meinen, der in die Augen fallende Schluß daraus müßte sein, daß, wenn das Parlament mit geseggeberischen Fragen zu tun hat, die das Heim, die Gesellschaft, die Erziehung oder die Wohlfahrtspflege betreffen, es gut wäre, wenn es ein konstitutionelles Mittel gäbe, den Einfluß und die Erfahrung der Durchschnittsfrau der Nation zur Geltung zu bringen.“

In der Tat muß diese Betonung der Differenz der Geschlechter heute ganz an die Stelle der Naturrechtstheorieen treten, mit denen man im ersten Stadium der Bewegung das Recht der Frau auf volle Vertretung im Staat stüşte. Bei uns wenigstens zieht sein Pathos nicht mehr. Die Déclaration des droits de la femme, die amerikanische Declaration of sentiments, die auf diesem „Menschenrecht“ der Frau fußen und den bewußten bösen Willen des Mannes für die Interdrückung der Frau verantwortlich machen, haben nicht mehr mitzusprechen in einem Staatsleben, das man als einen Organismus anzusehen gelernt hat. Aber eben aus dieser Anschauung erwächst der Frau jene neue, weit wirksamere Begründung ihres Rechts: Jhre Ausschließung vom öffentlichen Leben schaltet Gesichtspunkte und Fähigkeiten aus, die schlechterdings von niemand anders zu erseßen sind.

Und die nicht entbehrt werden können, wenn unser politisches Jdeal ein Staatswesen ist, in dem jedes Kulturinteresse mitbestimmend werden soll. In der Kölnischen Zeitung hat vor einigen Jahren einmal der Historiker Lamprecht ausgeführt, die Aufgabe unserer Zeit sei nicht eine weitere Demokratisierung des Wahlrechts, sondern eine innere Politisierung der Gesellschaft durch Erziehung der überpersönlichen, auf die Gemeinschaft gerichteten Interessen. Er würde wohl aus diesem Grunde den Gedanken an das Frauenwahlrecht in irgendeiner Form weit von sich weisen, aber damit einverstanden sein, daß auch die Frauen dazu erzogen werden, Gemeinschaftsinteressen zu pflegen und Gemeinschaftsaufgaben in Angriff zu nehmen, damit sie ihrerseits als Mütter und Erzieherinnen, aber auch als soziale Arbeiterinnen an der Verstärkung des nationalen Pflichtbewußtseins — jener lebendigen Seele, die den Volkskörper erfüllen muß, wenn er nicht faulen soll mitarbeiten. Wir Frauen aber behaupten, daß das eine ohne das andere nicht möglich ist. Wenn das Interesse der Frauen in der Tat sich heute nicht mehr in der Familie und den Angelegenheiten des persönlichen Lebens erschöpfen, wenn es die Volksgemeinschaft bewußter, tatkräftiger, unmittelbarer als früher umfassen Foll, so muß den Frauen auch ein Stück der gemeinsamen Verantwortungen über-
tragen werden. Man wächst nur mit solchen Lebensgebieten wirklich fest und
dauernd zusammen, auf denen man mit Verantwortung tätig ist. Heißt die Parole
heute, durch Steigerung des bürgerlichen Pflichtbewußtseins den nationalen
Zusammenhalt festigen, jeden einzelnen aus dem Salas y Gomez seines Privat-
lebens für die Gemeinschaft zu gewinnen, so ist das nicht durch patriotische
Gesinnungspflege, sondern nur dadurch zu erreichen, daß alle individuellen Kräfte
dem Ganzen mitschaffend und mitbestimmend angehören dürfen. Es heißt also
die Frauen in allmählicher Erweiterung ihrer Lebenssphäre, stets aber
so, daß sich Pflichten und Rechte die Wagi chale halten, in das volle
Bürgertum einzuführen.

Die Frau als Bürgerin warum klingt das nur der Mehrheit unseres
Volfes immer noch so fremd ?

Der äußere Grund liegt zweifellos in der Unfähigkeit so vieler Menschen,
das formale Recht vom materialen Inhalt zu trennen. Jedes Recht ist formal; es gibt
nichts weiter als einen Raum zur Betätigung. Das Wie der Betätigung ist eine
Sache für sich. Weil nun aber gewisse Rechte bisher nur von Männern ausgeübt
sind, so sind sie für viele zu männlichen Rechten geworden, die der Frau nicht
anstehen wie im Orient z. B. das Recht der freien Bewegung in den Straßen -
und man denkt nicht daran, daß sie ja doch im weiblichen Sinne, in der Vertretung
weiblichster Interessen, Erfahrungen und Sachkenntnisse ausgeübt werden können.
So ist denn auch bei uns der Ruf „men are men and women are women oft
genug erklungen, als die Frauen langsam die Marterstationen der Bildungs- und
Berufsfreiheit hinanstiegen, deren Höhe sie ja immer noch nicht erreicht haben.

Der tiefere Grund aber, der den Mann vielfach einen so leidenschaftlichen
Widerstand gegen die bürgerliche Befreiung der Frau leisten läßt, der ihn andrer-
seits immer noch an der Fiktion festhalten läßt, daß die Vertretung der Frau
ihm zukomme und von ihm auch durchgeführt werden könne, dieser tiefere Grund
liegt doch in der Jahrtausende alten Gewöhnung an das Mundium, in der Gewöhnung
daran, die Welt als seine Welt zu betrachten, deren Ausgestaltung einzig von seinem
Wunsch und Willen abhängt und in die die Frau sich hineinzufinden habe. Diese Auf-
fassung hat ja am naivsten ein heute ganz Vergessener vertreten, der einstmals so viel
genannte Hofrat Albert in seinem 1895 erschienenen Buch „Die Frauen und das Studium
der Medizin“. Wenn er darin die Welt, wie sie heute steht, mit all ihren intellektuellen
und technischen Errungenschaften als Männerwerk bezeichnet, so ist ihm das Recht dazu
nicht abzusprechen, sobald man nur die äußere Struktur ins Auge faßt und die tief
in die Erde greifenden Wurzeln außer acht läßt. Aber wenn er dann mit dem „Es ist
alles recht gut“ des Schöpfers auf diese Welt hinweist, so dürfte sich doch der Wider-
spruch auch in den eigenen Reihen regen. Alkoholismus, Prostitution, sittliches
und soziales Elend in mannigfachster Form sind die großen dunklen Flecke auf
diesem Bilde, die jedem in die Augen fallen müssen. Aber auch abgesehen von
diesen großen Schäden - es ist doch auffallend, wie einmütig gerade die führenden
Geister in unserm Volke in der Überzeugung sind, daß wir trotz alles materiellen
Aufstiegs noch keine eigentliche Sultur haben. In den Osternummern der
Frankfurter Zeitung haben sich eine Reihe von Kulturkämpfern, Politiker, Künstler,
Dichter und Philosophen zu der Frage nach der Zukunft unserer Kultur geäußert
und ziemlich einstimmig ausgesprochen, daß wir um eine Stultur, die wir noch nicht besitzen, kämpfen müssen. Vielleicht ist auch anderen Frauen, die diese Reihe interessanter und bedeutsamer Äußerungen lasen, dabei der Gedanke gekommen, daß so manches, was da vermißt, so manches, was als kulturpolitische Aufgabe der Zukunft bezeichnet wird, vielleicht doch durch eine bessere Ausnußung des weiblichen Faktors geschaffen werden könnte. Eine Ausnutzung, die darin bestehen würde, daß man den Frauen an der Sculturpolitik einen selbständigeren, bewußteren, verantwortlicheren Anteil gibt. Wenn da beklagt wird, wie die kulturpolitische Tätigkeit des Staates in einen geisttötenden Schematismus ausarte, wie wir uns gewöhnt haben, die Vervollkommnung der Dinge an Stelle der Durchbildung der Persönlichkeit zu seßen, - wenn soziale Humanität, eine regere Vermittlung geistiger Güter an die unteren Volksschichten, die Verstärkung der intuitiven an Stelle der analytischen, verstandesmäßigen Kräfte in unserer Kultur gefordert wird, so wird in mancher Frau bei diesem Appell die Ahnung schlummernder Kräfte sich regen, die gerade diese Aufgaben ergreifen könnten.

Und damit komme ich zum Schluß meiner Ausführungen, zu der Frage: was nügt dem Staat die bürgerliche Befreiung, d. h. eine selbständigere, verantwortsichere Mitarbeit der Frau an seinen Aufgaben?

Die große Führerin der amerikanischen Frauenstiinmrechtsbewegung, Susan B. Anthoni), hat ihr unzählige Male ausgesprochenes Glaubensbekenntnis, das Leitmotiv ihres ganzen Lebens in den Worten niedergelegt: „Ich glaube fest und ganz an die Offenbarung, daß das Menschengeschlecht durch die Frau erlöst werden wird, und auf Grund dieses Glaubens fordere ich die unbedingte und sofortige Befreiung der Frau von jeder politischen, industriellen, sozialen und religiösen Hörigkeit“. Wer sie je gesehen hat, versteht vollkommen die tiefe religiöse Hingebung dieser Worte und den Grund, auf dem ihr diese Überzeugung erwuchs: aus einem selbstlosen, reinen Herzen, erfüllt von dem instinktiven Drang zu helfen, den man als Hauptinhalt des Wortes ,weiblich" zu denken gewöhnt ist.

Selbstverständlich ist von keinem Mann zu verlangen, daß er an dieses Wort glaube. Ja, wir selbst, wir Frauen eines Volkes mit größerer historischer Bildung, wir Menschen einer Zeit mit nüchternerem Blick für politische Realitäten, wir vermögen uns vom Frauenstimmrecht ebensowenig den Himmel auf Erden zu versprechen, als von irgendeiner andern politischen oder sozialen Reform. Troydem glauben wir an das Frauenstimmrecht. Wir glauben daran, daß die Frau imstande ist, Mitträger der gemeinschaftlichen Verantwortungen zu sein, wir glauben, daß es hieße, einen Schatz ungenützter Sträfte heben, wenn man sie dazu riefe, wir glauben, daß auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens, in der Gemeinde wie im Staat, eine Ergänzung der männlichen Kulturideen und Leistungen durch weibliche Art denkbar und notwendig ist und daß diese Ergänzung nur durch die in Gemeinde und Staat gleichberechtigte Bürgerin geschaffen werden kann. Wir glauben, daß unsre Politik dadurch - wenn auch nicht auf irgendwelche idealen Höhen geführt, so doch zu einem vollkommeneren Ausdruck des Kulturwillens, der Kulturkräfte unseres Volkes werden kann.

Richard Wagners Briefe an seine erste Frau.')

Von

Ika Freudenberg.

Nachdrud verboten.

Ŝ wird bereits darüber geklagt, daß unsre Zeit an Veröffentlichung von

Memoiren, Briefwechseln und sonstigen intimen Dokumenten bedeutender Persönlichkeiten des Guten etwas zu viel tue; sie lege damit einen nicht zu lobenden Mangel an Diskretion, eine Art kleinlicher Neugier und Spürsucht an den Tag. Der wahrhaft gebildete und aufs Große gerichtete Geschmack wolle es nur mit den Taten und Werken unsrer Heroen, nicht mit ihren Alltagsfreuden und -leiden zu tun haben.

Natürlich muß es eine Grenze für ein „Zuviel" geben, sowohl in jedem einzelnen Fall, als auch im allgemeinen. Nur ein kritiffähiger Sinn, nur feine und reine Hände sollten das Innerste eines Menschenlebens entschleiern dürfen, und nur ganz hervorragende oder typisch bedeutungsvolle Gestalten sollten das Necht haben, in dieser subjektiven Weise, gewissermaßen in geistigem und seelischem Rohmaterial, vor der Öffentlichkeit zu erscheinen.

Allein diese Einschränkungen vorausgeseßt, haben wir eigentlich alle Ursache, uns des Interesses zu freuen, welches unsern Großen auch persönlich nahe zu kommen sucht. Es ist wahrlich kein banaler Leserkreis, der von den Briefen zwischen Wagner und Liszt, zwischen Nieysche und Rohde, oder von denen Hans von Bülows angezogen wird. Hier handelt es sich doch um ein Miterleben, zu dem viel ernstlicher guter Wille und eine gewisse innere Verwandtschaft erforderlich ist; und wenn im Verlaufe einer durch Jahrzehnte sich hinziehenden Korrespondenz auch dem Alltäglichen sein reichliches Recht wird, so dient dies nur dazu, das Bild eines ringenden und strebenden, von tausend großen und kleinen Gewichten niedergezogenen Titanen menschlich noch ergreifender und verständlicher zu gestalten. Die Philisterweisheit: unsre vielbewunderten Geisteshelden seien in ihrem Privatleben nicht interessanter als andre gewöhnliche Menschen auch, dürfte nicht aus diesem Leserkreise stammen, sondern aus dem Lager der großen Mehrzahl, die sich mit solcher stark eigenartigen, einen ganz besonderen Anteil verlangenden und keineswegs bequemen Lektüre nicht abgibt.

Denn dies direkte Zu-uns-sprechen zwingt zu einer Art lebendiger Mitarbeit, wie es die mündliche Erzählung ja auch tun würde. Den Zusammenhang aller dieser zufällig aufeinander folgenden Erlebnisse aufzusuchen, ihrer inneren Ver

') Richard Wagner an Minna Wagner. Berlin und Leipzig bei Schuster und Cocjjler. 2 Bde.

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