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Einleitung.

Durch die vielfachen religiösen Kämpfe der Gegenwart ist uns das Reformationszeitalter bedeutend näher gerückt und uns auch in denjenigen Parthien verständlicher geworden, welche noch zu Anfang dieses Jahrhunderts als ewiger Vergessenheit anheimgegeben betrachtet wurden.

Wie man nun immer über das wiedererwachte Interesse an den confessionellen Streitigkeiten urtheilen und welche Stellung man persönlich zu denselben einnehmen möge -- so viel ist gewiß, daß eine genaue und gründliche Kenntniß der Geschichte des reformatorischen Zeitalters, namentlich eine auf eigene Anschauung beruhende Kenntniß des Lebens und der Schriften der Reformatoren die unumgängliche Bedingung ist, unter welcher allein das Mitreden und Mithandeln in diesen Streitigkeiten als ein berechtigtes erscheinen kann. Wer nicht mit vorgefaßten Meinungen sich begnügen, sondern ein eigenes Urtheil sich bilden will, der wird sich, auch wenn er nicht Theologe von Beruf ist, zu diesen geschichtlichen Studien in irgend einer Weise entschließen müssen. Es kontmt hier alles darauf an, diese Studien auch denen zugänglich zu machen, die mehr aus rein kirchlichem, als wissenschaftlich theologischem Interesse, sich dabei zu betheiligen berufen sind. Eine bloße Geschichte der Lehrstreitigkeiten, eine Auseinanderseßung der verschiedenen Differenzpunkte, würde in dieser Beziehung eher verwirren, als zurecht leiten; ein bloßes Segeneinanderkehren der dornichten Spißen könnte höchstens dazu dienen, edlere Gemüther von solchen Studien abzuschrecken oder dem streitsüchtigen Parteigeiste eine Waffe in die Hand zu geben, deren er sich nur mit dem größten Ungeschick bedienen wird; denn daß jene Differenzen nur verstanden werden können, im Zusammenhang mit der ganzen reformatorischen Lehrentwicklung, und diese wiederum nur im Zusammenhang mit der ganzen Reformationsgeschichte überhaupt, liegt auf der Hand. Zudem aber kann es ja nicht die Absicht der evangelischen Kirche sein, ihre Glieder nur für das Verständniß des in ihr noch immer obwaltenden Streites empfänglich zu machen, weit mehr muß ihr daran liegen, ihnen einen Einblick in den Neichthum des vom Geiste Gottes erwegten Lebens zu verschaffen zu ihrer eignen Erbauung und Erhebung mitten in einer von Unglauben und religiösem Saltsinn erfüllten Zeit. Nicht durch den todten Buchstaben, wie er vom Leben losgerissen als eine hohle larve uns anstarrt, sondern durch lebendige Gestalten, in denen ein menschliches Herz für göttliche Dinge schlägt, dürfen wir hoffen, Sympathien für eine Zeit zu erwecken, die wir nicht mit all ihren Besonderheiten wieder heraufbeschwören wollen, auf deren Grundfesten aber wir jeder Zeit wieder hinzuweisen uns gedrungen fühlen, so oft von Wiederbelebung und Erneuerung unserer Kirche die Rede ist.

Daß in vorliegendem Werke nur die Reformatoren der reformirten Kirche auftreten, hat allerdings darin seinen Grund, weil es den Herausgebern daran liegen muß, daß einmal ein rechtes und lauteres Verständniß der reformirten Lehre, wie sie geschichtlich vorliegt, gewonnen werde, gegenüber den absichtlichen und unabsichtlichen Entstellungen, die sie sich bis auf diesen Tag auch von Leuten hat müssen gefallen lassen, denen man eine bessere Einsicht zutrauen sollte. Allein damit soll keineswegs eine confessionelle Ausschließlichkeit einer andern entgegengestellt, es soll nicht einmal eine absolute Vorliebe für die Persönlichkeiten dieser Kirche und ihrer Ansichten ausgesprochen sein. Vielmehr kann es uns nur freuen, wenn auch die großen Charaktere der lutherischen Schwesterkirche in ähnlicher Weise dem christlichen Volke vorgeführt werden, wie 3. B. dies noch unlängst in Absicht auf die Prediger der lutherischeir Kirche von Beste geschehen ist. Je mchr man indessen beobachten kam, daß gerade der reformirten Reformatoren Leben und Schriften bisher in der Pflege kirchenhistorischer Wissenschaft verhältnismäßig zurückgetreten sind, desto dringender wird man das Bedürfniß fühlen, diese Lücke auch schon im literarhistorischen Interesse auszufüllen. Jeder thue hier das Seine, Jeder thue es nicht nur im Dienst seiner confessionellen Kirche, der er allerdings zunächst angehört und für die zu sorgen er zunächst verpflichtet ist, er thue es im Dienste der evangelischen Gesammtkirche, im Dienste der Wahrheit und der Liebe, im Dienste des Herrn, dessen Namen über allen menschlichen Namen zu verherrlichen allein unser Beruf sein kann.

Was nun die Einrichtung des Werkes betrifft, so rechtfertigt sich diese wohl durch sich selbst. Einmal konnte es nicht in der Absicht der Herausgeber liegen, die sämmtlichen Theologen der reformirten Kirche, selbst wenn ihnen der Name von „Reformatoren“ beziehungsweise zukommt, den Lesern vorzuführen; das Buch soll nicht eine Literargeschichte des 16. Jahrhunderts sein. Aber ebensowenig durften sie sich begnügen mit den sogenannten Reformatoren ersten Ranges, einem Zwingli und Calvin. Es mußten auch Männer zweiten Ranges, solche, die in bescheidenern Kreisen wirkten, neben die Heroen der Kirche hingestellt werden, schon um dieser selbst willen, zu denen sie die nothwendige Ergänzung bilden, und dann auch, um an Beispielen zu zeigen, wie derselbe Geist Gottes in verschiedenem Maaße und oft in einem reichern Maaße, als man's erwarten sollte, auch in den geringern Gefäßen gewirkt hat.

Sonach gruppiren sich um den deutschen Schweizer Reformator Zwingli einerseits die wieder eigenthümlich dastehenden Basel'schen Reformatoren Decolampad und Myconius, anderseits die ihm zur Seite stehenden Bullinger und Leo Jud, die auch nach seinem Tode sein Werk in Zürich fortsetten, während ein Vadian in St. Gallen, ein Sebastian Hofmeister in Schaffhausen, ein Berthold Haller in Bern in weitern Kreisen derselben Gruppe sich anschließen; doch so, daß Jeder wieder in seiner Eigenthümlichkeit dasteht, ohne von Zwingli irgendwie in derselben gestört zu werden. Frren wir nicht, so ist überhaupt das Verhältniß der Schweizer Reformatoren zu Zwingli ein freieres gewesen, als das der deutschen, namentlich der fächsischen zu Luther. Capito und Bucer bilden, wie zum Theil auch schon Decolampad und Myconius, ein Mittelglied zwischen der schweiz zerischen und der deutschen Reformation.

Dagegen haben die Reformatoren französischer Zunge ihren Mittelpunkt in Calvin, der einen Farel und Viret, einen Theodor Beza und Peter Martyr, theils zu seinen Vorgängern, theils zu seinen Mitkämpfern und Nachfolgern hat. Als ein eigenes Glied in dem Organismus der reformirten Kirche erscheinen dann endlich die füddeutschen Reformatoren, Ambrosius Blaarer und feine Genossen, ein Lambert in Hessen, ein Johannes Lasky und seine Mitreformatoren in Friesland und den Rheinlanden, sowie die Verfaffer des Heidelberger Katechismus, Caspar Dlevianus und Zacharias Ursinus.

Bei der Anordnung der Bände des Werkes schien es indeffen nicht wohlgethan, nach einem allzustrengen systematisch gehaltenen Schema zu verfahren. Ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis wird zeigen, daß bei dieser Anordnung auch Rüdsichten auf eine wohlthätige Abwechslung des Stoffes und auf äußere Gründe gewaltet haben. So wird es z. B. nur gebilligt werden können, daß die kleinern Reformatoren, wie wir menschlicher Weise fie nennen möchten, in einem Schlußband zusammengebracht sind, während den größern, die ganze Richtungen repräsentiren oder wesentlich mit repräsentiren helfen, ein größerer Raum gegönnt ist. Auch die Einrichtung, wonach die Biographie der Männer vorausgeht und dann ein Auszug aus ihren Schriften folgt, hat ihren wohlerwogenen Grund; denn so gewiß es auch ist, daß jene Männer in ihren Schriften selbst gelebt und einen Theil ihres Lebens darin niedergelegt haben, so daß es scheint, es laffe sich Eins vom Andern nicht wohl trennen, so gewiß ist es doch, daß der Strom der Erzählung unnatürlich gehemmt wird durch das Einschalten zu großer Abschnitte aus den schriftlichen Werkeut eines Mannes. Diesen Eindruck wird z. B. jeder erhalten bei der sonst so verdienstvollen Biographie Calvins von Henry. Nun aber wird durch das Lesen der Biographie erst die Lust gewect,

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