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man der nordischen Mythologie „dieselbe Pietät schulde, die einem Sohne, wenn er kein Bild seiner seligen Mutter besäße, geziemen würde vor dem Bilde ihrer Schwester" (W. Jordan), sondern übertrug „mit einem argen Anachronismus von beinahe tausend Jahren die Aufzeichnungen aus dem 13. Jahrhundert über das nordische Heidentum ohne Besinnen ins germanische Altertum" (W. Scherer

E. Mogk). Eine philologische Kenntnis und Beurteilung der Quellen, aus denen die Wissenschaft den Aufbau der germanischen Mythologie versucht, ging diesen Werken meist völlig ab; sie kannten kaum die so bedeutsamen altnordischen Sagas und hatten so gut wie keine Ahnung von den Kämpfen, die seit den letzten zwanzig Jahren um die germanische, besonders die nordische Mythologie entbrannt waren. Ebenso traurig stand es mit dem, was den höheren Lehranstalten, Lehrern wie Schülern geboten wurde: eine lehrreiche und ergötzliche Aufzählung der verschrobenen Auffassungen, unmöglichen „Deutungen“ und phantastischen Kombinationen, mit denen noch heute ein großer Teil der gebräuchlichen Lehrbücher unsere Schüler versorgt, gibt das Programm von Warnatsch („Beiträge zur germ. Mythologie", Beuthen 1895; vgl. außerdem die Programme: Mogk, in der Einleitung zu „Kelten und Nordgermanen im 9. und 10. Jhd.“ Leipzig 1896, und Ewald Frey „Nordische Mythologie auf höheren Schulen“ Berlin 1902).

Nicht ein Lehrbuch, wohl aber ein Buch für die weiteren Kreise der Gebildeten und die Schule, gegründet auf die streng wissenschaftlichen Arbeiten der letzten Jahre, ist von nöten. Es galt dem Verfasser nicht, Neuland zu bestellen, wenn darum auch nicht verboten war, an einigen Stellen den Pflug selbst in die Hand zu nehmen, sondern das Feld so herzurichten, daß es ferner Stehende zum Beschauen und wo möglich zum Betreten anzureizen vermöge. Obwohl literarische Wegweiser und Warnungstafeln in dem Buche fehlen, so ist die Anlage doch so getroffen,

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daß ein völliges Verirren ausgeschlossen erscheint. Der Verfasser hat sich bemüht, noch unbefangener als in seiner Deutschen Mythologie vorzugehen. Wohl wissend, wie schwer auf diesem schlüpfrigen Gebiete greifbare Ergebnisse zu erreichen sind, hat er sich oft darauf beschränkt, möglichst klar und unpartejisch die Probleme zu stellen und die Wahrscheinlichkeiten abzuwägen, die dieser oder jener Versuch ihrer Lösung beanspruchen darf.

Das Quellenmaterial ist vielleicht nicht vollzällig, aber doch in dem Umfange verzeichnet, daß das Angeführte zur weiteren, selbständigen Vertiefung ausreicht und wohl auch Eingeweihten zum raschen Überblicke dienen kann. Ohne auf selbständiges Durchdringen des Stoffes zu verzichten, hat der Verfasser danach gestrebt, schlicht und einfach zu erzählen und wo möglich die Quellen, sinngemäß, wenn auch nicht immer wortgetreu übersetzt, selbst reden zu lassen. Die Besprechung der Eddalieder wünscht wiederholt nicht eine bloße Inhaltsangabe zu sein, sondern möchte den Leser veranlassen, sich weiter mit der Poesie des Nordens zu beschäftigen, zumal durch Gerings meisterhafte Übertragung (Leipzig 1892) der Zutritt so leicht und verlockend gemacht ist. Wiederholungen sind nicht ängstlich vermieden, Der Verfasser will lieber den Vorwurf übergroßer Deutlichkeit als den der Unklarheit auf sich nehmen: das Wiederaufnehmen von früher Gesagtem und das Zurückgreifen auf bereits Erörtertes soll das Wichtigste um so fester einprägen und den Leser in einer ihm fremden Welt heimisch machen. In der Gesamtdarstellung haben N. M. Petersen, Nordisk Mythologi (2. Aufl. Kopenhagen 1863) und Axel Olrik, Danske Heltesagn (Kph. 1901) als Vorbild vorgeschwebt, und um den richtigen Ton zu treffen, bat Vf. es nicht verschmäht, von nordischen Schulbüchern zu lernen, wie von Siegwart Petersen ,,Vore Forfaedres Gudesagn“ (2. Aufl. Kristiania 1891). Auch die eigene, aus wiederholten Reisen, abseits von der Heerstraße der Touristen, gewonnene Kenntnis des Landes wird manchen Teilen zu Gute gekommen sein: gerade der Mythologe muß sich Goethes Wort vergegenwärtigen:

„Wer den Dichter will verstehen,
Muß in Dichters Lande gehen.“

Für Island mußte er sich auf die Beschreibungen und Reiseerinnerungen von Baumgartner, Heusler, Kahle, Kålund u. a. verlassen.

Die Berechtigung endlich, die Deutsche und die Nordische Mythologie gesondert in zwei gleich starken Bänden darzu. stellen und bei der letzteren zu unterscheiden zwischen dem, was jedem einzelnen der nordischen Stämme zukommt, ohne doch das Gemeinsame aus den Augen zu lassen, ist mir durch Chantepie de la Saussaye „Geschiedenis van den Godsdienst der Germanen“ (Haarlem 1900) erbracht worden (vgl. denselben über Herrmann, D. M. im Museum, Maandblad voor Philologie en Geschiedenis VII. Jahrg. No. 10). So grundverschieden unsere Bücher in der Anlage wie in der für ein völlig anderes Publikum berechneten Darstellung sind, so haben wir uns doch beide Müllenhoffs Hauptsatz zur metho. dischen Richtschnur gemacht: die Zeugnisse der Sage und des Mythus nicht von der Stelle zu verrücken, an die die Überlieferung sie setze und nordische und deutsche Gottheiten nur nach bestimmten Anzeichen und nicht ohne weiteres zu identifizieren (Müllenhoff bei Mannhardt, Mythologische Forschungen. Straßburg 1884, X, XI). Zugleich stellt der holländische Gelehrte, eine anerkannte Größe auf dem Gebiete der allgemeinen Religionsgeschichte, die Forderung auf, daß in der Mythologie nicht nur der Philologe, sondern auch der Religionsforscher, der Ethnologe und Kulturhistoriker, in gewissem Sinne aber auch der Historiker und Literarhistoriker, wie der Naturforscher und Psychologe mit zu reden haben.

So hoffe ich mit dem Wunsche schließen zu dürfen, daß die Anerkennung, die Anton E. Schönbach meiner Deutschen Mythologie gespendet hat, auch dem vorliegenden Teile nicht fehlen möge (Allgemeines Literaturblatt, Wien 1. Mai 1900): „Die deutsche Mythologie darf als eine jener glücklichen Disziplinen gelten, die nicht bloß von innen heraus fortwachsen, sondern denen auch allzeit neues Material zugeführt wird. Es ist dankenswert, wenn Bücher zum Vorschein kommen, die geeignet sind, unter den Gebildeten teilnehmende Begleiter, unter dem Nachwuchs begeisterte Mitarbeiter der Forschung zu werben. Als ein solches darf das vorliegende Werk von Herrmann bezeichnet werden, dem man es wünschen darf, daß es weit verbreitet und reichlich gebraucht werde.“

Torgau, Ostern 1903.

Erläuterungen.

ags. =

ahd. althochdeutsch.
as. = altsächsisch.

angelsächsisch.
mhd. = mittelhochdeutsch.
an. = altnordisch.
germ. = germanisch.
urgerm. urgermanisch.

Ein Stern (*) bedeutet, daß das Wort nicht bezeugt ist, aber auf Grund sprachgeschichtlicher Tatsachen als möglich zu gelten hat.

In den altnordischen Namen ist þ mit th, đ mit d, v mit w, ? mit ö wiedergegeben; die Nominativ-Endungen sind beseitigt (also : Egil, Gretti, Odin); i unde der Endsilben ist beibehalten.

Für die Eddalieder ist die Ausgabe von Sijmons zu grunde gelegt (Halle 1888, 1901), für die Snorra-Edda die von Finnur Jónsson (København 1900); die Zitate sind, dem populären Zwecke des Buches entsprechend, nach der Vers- und Kapitelzählung von Hugo Gerings Edda - Übersetzung gegeben. Für die Skaldenlieder ist Wisén, Carmina Norroena (Lund 1886) benutzt; von Bogen 19 an konnten noch Heusler - Ranisch, Eddica Minora herangezogen werden (Dortmund 1903). Die Abkürzungen für die einzelnen Sögur verstehen sich von selbst. Soweit wie möglich, sind die neuesten Ausgaben zitiert; da der Verfasser aber allein auf seine eigene Bücherei angewiesen war, mußte er sich auch der älteren bedienen: z. B. der Sturlunga Saga 1817--20; der Heimskringla 1868 (nur Bd. I nach der Ausgabe von Finnur Jónsson) u. a.

Bei volkskundlichen Zeugnissen ist D. = Dänemark, F. = Färöer, Isl. Island, N. Norwegen, s. = Schweden. Am. = Atlamól.

Baldrs dr. = Baldrs draumar. Atlakv. = Atlakvipa.

D.S.= Grimm, Deutsche Sagen 1816.

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