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Vorwort.

Die fünf Bände, „Deutsche Litteraturgeschichte von Leibniz bis auf unsre Zeit“, von denen die beiden ersten sofort, der dritte in den nächsten Monaten, die beiden legten im Lauf des Jahres erscheinen werden, treten an die Stelle zweier älteren Werke: „Geschichte des geistigen Lebens von Leibniz bis auf Leffing's Tod" 2 Bde. und „Geschichte der Deutschen Litteratur von Lessing's Tod bis auf unsre Zeit“ 3 Bde. Ich habe sie nicht als sechste Auflage bezeichnet, weil die gegenwärtige Bearbeitung ein völlig neues Werk ist und als solches aufgefaßt zu werden wünscht.

Die erste Ausgabe, die 1853 erschien - es ist ein Menschenalter her! – ging hauptsächlich aus Essays über Deutsche Schriftsteller von 1805 bis zur Gegenwart hervor, die ich in den Jahren 1847-1853 veröffentlicht hatte, überwiegend kritischer Natur. Wenn ich bei jeder neuen Auflage mich rückwärts bewegend eine neue Periode der Litteratur in den alten Rahmen einwebte, und endlich bis zu Leibniz vordrang, so blieb immer etwas von der alten Fassung zurück. Die neue Ausgabe ist nun streng historisch entworfen: sie will weniger urtheilen, als erzählen und darstellen; sie beginnt mit Schilderung der Deutschen Zustände in der Mitte des fiebzehnten Jahrhunderts, und sucht in ihrem Fortgang Grund und Folge deutlich hervortreten zu lassen. Zwischen ihr und der nächst vorhergehenden liegen nun auch bereits zwanzig Jahre, in denen ich unablässig an dem Werk gearbeitet habe, um wenigstens mich selbst zu befriedigen.

In diesen Jahren hat sich die Fülle des Materials unglaublich erweitert, es sind Monographien von erstem Rang erschienen, und auch gleichgültige Partieen sind sorgfältig durchstöbert. Ein wesentlicher Nußen dieser letzteren Detailforsdjungen ist, die eigentliche Geschichtschreibung zu entlasten. Es giebt Perioden, die durch die Massenhaftigkeit ihrer Production Erstaunen erregen, und doch ohne bleibenden Gehalt sind; gegen diese ist ein summarisches Verfahren gerechtfertigt: der Geschichtschreiber foll soviel wegwischen als möglich, damit das Auge des Lesers sofort sinnlich den Gegensaß zwischen leeren und vollen Perioden wahrnehme. Die Hauptaufgabe der historischen Kritik ist, zu ermitteln, welche von den Erscheinungen, die ihr gegenübertreten, lebendig waren und wirkten; das Unlebendige und Wirkungslose hat sie wegzuräumen, um dem Lebendigen Licht und Luft zu schaffen; nur das Lebendige gehört der Geschichte an. Die wirkjamste Kritik des Unlebendigen und Unechten ist das Echte und Lebendige hervorzuheben.

Zu den leersten Blättern der gewöhnlichen Lehrbücher rechne ich die umständlichen Berichte von den Zänkereien der Gelehrten: die Polemik gehört nur dann in die Geschichte, wenn sie productiv ist, wenn sie neue Grundfäße des Guten und Schönen an's Licht bringt, und damit das geniale Schaffen fördert.

Durch Ausmerzung dieser und ähnlicher Dinge habe ich, bei allem Neuen, das dazugekommen, soviel Raum gewonnen, daß die gegenwärtige Ausgabe erheblich geringern Umfang hat als die vorige.

Die Form, in der gegenwärtig das Buch erscheint, ist für mich die endgültige, die „Ausgabe leßter Hand": bei den manchen Wandlungen, die es vorher durchgemacht, halte ich für Pflicht, das auszusprechen. Freilich Niemand fühlt stärker, als wer selbst den Versuch unternimmt, wie wenig er hoffen darf, das Ideal, das ihm vorschwebt, auch nur annähernd zu erreichen.

Die Deutsche Litteratur von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis zur Gegenwart läßt sich in zwei verschiedenen Formen darstellen: entweder als Segment der Deutschen Nationallitteratur vom ersten historischen Auftreten unsers Volks an; oder als Segment der allgemeinen Europäischen Culturbewegung während jener Jahrhunderte.

Bei jener Form ist der Hauptzweck, die Einheit des Deutschen Volksgeistes von seiner ersten Erscheinung an nachzuweisen; in den dürftigen Denkmalen des Deutschen Alterthums die nämliche Art des Empfindens und Denkens aufzusuchen, die uns an unsrer claffischen

Periode entzückt, und Ulfilas, den Heljand, Wolfram und die Minne-
lieder, die Nibelungen und Parcival, Hans Sadys und Dpit, Klopstock,
Goethe und Schiller, in eine gegliederte Reihe zu verbinden, die an eine
Familienchronik erinnert.

Mein Werk gehört der zweiten Form an. Die Deutsche Litteratur hatte einen Moment, in welchem der alte Geist ermattete und verkümmerte, die Zeit nach dem dreißigjährigen Krieg. Der wunderbare Aufschwung des 18. Jahrhunderts hängt nur in geringem Maaß mit den vergangenen Schöpfungen der deutschen Litteratur zusammen; die Erinnerung an sie wird erst ziemlich spät wieder wad), und tritt nur als einzelnes Motiv in das neue geistige Leben Deutschland's ein. Von weit größerem Belang ist die Einwirkung der früher gereiften Culturvölfer, der Italiener, Spanier, Engländer und Franzosen. Von den geistigen Elementen unsers goldnen Zeitalters ist nur die Reformation echt Deutschen Ursprungs; selbst das mittelalterlich Nordische ist uns Modernen eher durch Shakespeare als durch unsre eignen Vorfahren aufgegangen, das Alterthum durch die Italienische Renaissance vermittelt; in der allgemeinen Weltbildung traten wir in die Fußtapfen der Franzosen.

Den Zusammenhang dieser verschiedenen Bildungsmotive Re: naissance, Reformation, Gothik und Classicismus unter einander, und ihren Einfluß auf unsre Litteratur seit Leibniz in möglichst starken Strichen anzudeuten, ist der Zweck der Einleitung, die ich meinem Buch vorausgeschickt habe: sie sollte zeigen, daß die moderne Deutsche Culturbewegung ein integrirender Theil der allgemeinen Europäischen ist; daß die Bewegung der Ideen in unserm goldnen Zeitalter sich unmittelbar der europäischen Bewegung anschließt, die demselben vorausging.

Ich hätte für meine neue Bearbeitung den alten Titel „Geschichte des geistigen Lebens" beibehalten, wenn nid)t der Titel „Litteratur: geschichte“ kürzer und handlidher wäre. Dod) muß ich daran erinnern, daß ich ihn etwas anders auffasse, als es gewöhnlich geschieht.

Was heißt eigentlich Litteratur? – Inbegriff dessen, was zu einer bestimmten Zeit geschrieben, respective gedruckt wurde? – Es wird doch manches geschrieben, was schlechterdings nid)t zur Litteratur gehört: man darf nur dasjenige Geschriebene, Poesie oder Prosa, dazu rechnen, in dem sich geistiges Leben abspiegelt.

In der Regel beschäftigt sich die Litteraturgeschichte ausschließlich

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mit der Dichtung, selbst in Zeiten, wo diese an Kraft und Reichthum von der Prosa weit überflügelt wurde. Das Bild solcher Perioden, wie die Leibnizische, wird dadurch ganz verschoben: die Dichtung selbst verliert ihren Boden und damit ihre Realität, wenn man sie auf den Isolirschemel stellt. Die echte Dichtung kommt in der Geschichte viel mehr zu ihrem Recht, wenn man in Zeiten, wo sie erlahınt, die andern geistigen Functionen zu Wort kommen läßt und ihr Muße verstattet, fich zu neuem Leben zu sammeln.

Wie lückenhaft das Bild unsers claffischen Zeitalters ausfallen würde, wenn man es auf die Litteratur einschränkte, ergiebt sich sofort aus zwei wichtigen Thatsachen.

Die Litteratur jener Zeit ist, wenig Ausnahmen abgerechnet, ausschließlich von Protestanten besorgt, und in protestantischem Geist gehalten, obgleich die Hälfte Deutschlands katholisch geblieben ist. Zur Erklärung dieser auffallenden Thatsache reicht die blos litterarische Analyse nicht aus.

Sodann ist der wahrhaft emporstrebende Geist unsrer Dichtung zugleich ein Aufstreben aus dem Pfahlbürgerthum heraus: entweder von der Sehnsucht nach einem wirklichen Vaterland, oder von der Sehnsucht nach einem ästhetischen Ideal erfüllt. Dieser entscheidende Grundzug unsrer classischen Bildung wird nur verstanden, wenn man die politischen Zustände Deutschlands im Auge behält: mehr als bei irgend einem andern Volk geht bei uns das erwachende politische Leben mit der erwachenden Poesie Hand in Hand; deutlicher als irgendwo anders zeigt sich die Wechselwirkung zwischen beiden. Die großen Dichter der Engländer, Spanier und Franzosen, auf welchen die Blüthe der Litteratur beruht, fanden ein Vaterland vor; die schwere Aufgabe und das Verhängniß unsrer Dichter war, eines suchen zu müssen. Erst aus der Vergleichung des patriotischen Ideals mit der Wirklichkeit erkennt man die Berechtigung desselben, und wie weit es echt war.

Nicht minder aber als Politik und Religion, kommt bei dem Verständniß der Poesie Recht und Sitte in Betracht. Jede echte Poesie zählt unter ihre würdigsten Gegenstände die Verwickelungen des Ehrbegriffs, und das Verhältniß zwischen Mann und Weib. Das ewige Lied der Liebe von individuellen Dichtern gesungen, haucht doch nur wieder, was in der Volksseele athmet; auf diesen Athem zu lauschen,

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