Ҿ˹˹ѧ
PDF
ePub

Anfang der Geschichtschreibung.

21

Andrerseits kann in einzelnen, für die Volksgeschichte weniger bedeutenden Partieen die Ueberlieferung bis auf einen leßten, armen Rest zusammengeschrumpft sein; nur ein Lied noch, ein Sprüchwort oder ein Ortsname hat sich erhalten und deutet räthselhaft und zur Lösung lockend auf irgend ein verklungenes Ereigniß hin, das ihm den Ursprung gegeben hatte. Hier entstehen nun die freiesten Gebilde der schaffenden Volfsphantasie; sie bemächtigt sich soldier legter Spuren und ist bemüht, zu jedem Spruch oder Lied, zu jedem bedeutsamen Namen die vergessene geschichtliche Veranlassung zu liefern. Da kann denn der geschichtliche Thatbestand bis zur Unkenntlichkeit verändert, von den farbigen Blumen und dem Blätterschmuck der Dichtung völlig um: ranft werden, so daß eine zwar reizvolle, hochpvetische, aber völlig ungeschichtliche Erzählung dasteht, wo in Wirklichkeit ein ganz einfadyer Vorgang stattgehabt hatte. Diese phantasievollen Gebilde der mündlichen Ueberlieferung läßt aber der spätere Geschidytschreiber nicht verloren gehen, er schöpft aus dieser Quelle so vertrauensvoll wie aus jeder andern; so sind die Erzählungen vom Stillstand der Sonne (aus einem Siegesliede), von einer Heldenthat Simson's (aus einem Ortsnamen), von der prophetischen Verzückung Saul's (aus einem Sprüchwort) und eine Menge anderer Geschichten aus Personennamen entstanden und in die Geschichtsbücher des Alten Testaments übergegangen, Jof. 10, 12. Ridt. 15, 14 ff. 1 Sam. 10, 10 ff. 19, 19 ff.

II. Die Gesdjichtschreibung. 1. Ihr Anfang. Es liegt in der Natur der Sache, und zeigt sich auch bei allen Völkern, daß der Gedanke und die Lust sdriftstellerischer Bearbeitung der Volksgeschichte erst dann entsteht, wenn ein Höhepunkt nationaler Kraftentfaltung und politischer Bedeutung errungen ist. Das auf Schlachtfeldern und an Siegebfesten erstarkte nationale Selbstgefühl, das sich ebenbürtig neben andere Völker stellt,

22

Anfang der Gedichtidyreibung.

schaut mit neuem Jnteresse auf die Vergangenheit zurück; dieselbe dient von jeßt an nicht mehr bloß zur anmuthigen Unterhaltung, zur Anregung der Phantasie und des Gemüths; das patriotische Pathos mischt sich in die Betrachtung ein; die Vergangenheit wird als das Fundament angeschaut, auf dem die Gegenwart fortzubauen hat; die Geschichte wird zur Lehrerin. Deßhalb will man auch Zusammenhang sehen; die in der mündlichen Ueberlieferung vereinzelten Geschichten sollen als Volksgedichte zusammentreten, und das Ganze ist nun ein würdiger Gegenstand, um die fdriftstellerisde Anstrengung der Besten herauszufordern. Eine solche Zeit nationalen Aufschwungs und patriotischen Hochgefühls, in welcher die Entstehung eines Geschidytswerkes denkbar ist, findet sich nicht vor David und Salomo; in der Richterzeit fehlte das nationale Einheitsgefühl und unter Moses und Jofua die zu driftstellerischen Unternehmungen nöthige Nube. Allerdings befißen wir unzweifelhaft ächte Stücke aus der mosaischen Zeit, nämlid): die zehn Gebote, die oben genannten Lieder (Er. 15, 21. Num. 21), den Segensspruch Arons über das Volk und über die Bundeslade (Num. 10), jo aud) aus der Richterzeit das Lied der Debora und die Fabel Jotbams; auch mögen einigen Spuren zufolge (Num. 21. Jof. 10. II. Sam 1) Sammlungen solder Lieder angelegt worden sein; aber für das Gedeihen eigentlicher Gesdichtsdyreibung war der frudytbare Boden erst durch die glänzenden Thaten und Errungenschaften der davidisch-salomonischen Zeit gegeben.

Ohne Zweifel bildete der Anbrudy dieser neuen Zeit, das Heldenthum Saul's und David's, auch den ersten Gegenstand, an welchem die erwachte schriftstellerische Darstellungskunst sich versuchte. In der That finden wir in den Büchern Samuel aus der Geschichte David's Abschnitte von so frischer Anschaulichkeit und so detaillirter Sach- und Personenkenntniß, daß wir nicht daran zweifelni können, hier jemanden erzählen zu hören, der jener Zeit

Literarijdie Beschaffenheit der Geschichtsbäder.

23

nodi fehr nahe stund. Erst nachdem diesem nächsten Bedürfniß genügt worden war, die Großthaten der jüngsten Vergangenheit durch schriftliche Denkmäler zu ehren, wandte sich der Blick der Geschichtsdireiber in frühere Jahrhunderte, zu den Anfängen des Volks zurück. So sind alio die ältesten Bestandtheile der Bücher Samuel zugleich die ältesten Er: zeugnisse der hebräischen Geschichtschreibung.

2. Die schriftstellerische Beschaffenheit der Geidiotsbücher. Mit Ausnahme der zwei kleinen Erzählungen Ruth und Either besißen wir kein hebräisches Geididytsbuch in der ursprünglichen Gestalt, die es aus erster band erhielt. Wie viel Fleiß und Kunst auch Einer auf die Abfassung eines Geschichtsbuches verwandt haben möchte, man respektirte diese persönliche Arbeit des Einzelnen wenig; das Buch galt als Gemeingut des Volfs und erfuhr jede Umgestaltung und Weiterbildung, die im Bedürfniß einer spätern Zeit zu liegen schien. Daß man sich erlaubte, in ein älteres Geschichtswerk Reflerionen und andere kleinere und größere Stücke cinzusdieben, war noch das Geringste, die Freiheit ging viel weiter. Wenn ein Gesd'ichtsabschnitt im Laufe der Zeit verschiedene selbständige Bearbeitungen erfahren hatte, so mocyten die Anschauungen der einzelnen Schriftsteller noch so weit auseinandergeben und der Widersprüche in den einzelnen Berichten noch so viele sein, die Bücher wurden später gleidywohl in eins verschmolzen; von einander abweichende Darstellungen ein und desselben Ereignisjes wurden entweder einfach neben einander gestellt oder in einander verschlungen und mit oft fihr geringer Sorgfalt die Fugen durch kurze Nebergänge verdeckt und die gar zu auffallenden Widersprüche ausgeglidyen.

So läßt sich nicht verkennen, daß über die Geschichtsbüdyer viele Hände gegangen sind; sie sind künstliche Zujammenseßungen, Compilationen früherer Werke, und oft sind auch dieje frühern Werke noch nicht die ursprüng'ichen, sondern bereits Ueberarbeitungen und Verknüpfungen von jolden. Aufgabe der wissenschaftlichen Untersuchung ist es

24

Religiöse Geschichtschreibung.

nun, diese zusammengeseßten Geschichtswerke wieder in ihre ursprünglichen Bestandtheile auseinander zu legen, um jo unterscheiden zu können, zu welcher Zeit eine gewisse Ges ichichte in dieser, zu welcher fie in jener Gestalt erzählt worden sei. Dieses mühsame Geschäft wird durdy jenen oben erwähnten Umstand erleichtert, daß die Geschichtszusammenseßer ihre Kunst oft sehr äußerlich betrieben und weder die Fugen gehörig überdeckten noch die Verschiedenheiten genügend ausglichen. Mit dieser schriftstellerischen Beschaffenheit der alttestamentlichen Gesdichtsbücher hängt endlich auch ihre durchgängige Namenlosigkeit zusammen, indem uns bei keinem einzigen die Person des Verfassers überliefert ist.

3. Die höheren Gesichtspunkte. Vor Allem aus unterscheidet sich die Geschichtschreibung des Alten Testaments von jeder andern Geschichtsliteratur durch jene Eigenthümlichkeit, in welder überhaupt die weltgeschichtliche Bedeutung des jüdischen Volkes besteht. Neben ganz anders begabte Kulturvölker gestellt, hatte das jüdische Volk die Aufgabe, die religiöse Wahrheit zu finden, den Willen und die Welt: regierung des Einen Gottes zu erkennen und damit den ewigen Bedürfnissen des Menschenherzens ein Genüge zu thun. Hatte der Grieche die Aufgabe, die Gebiete der Kunst und Philosophie anzubauen, sollte der Römer im Rechts: und Staatsleben die Fundamente legen, so war das jüdische Volk das Volk der Religion. Dieses Volkes eigenthümliche Begabung und Bemühung war es deßhalb auch in der Geschichtschreibung, an jedes wichtigere Ereigniß ausschließlich mit dem Lichte des göttlichen Rathschlusses heranzutreten, jo daß nicht nur aller blinde Zufall der Geschichte, sondern auch alle bewußte und freie That des Menschen ausgeschlossen war und Gott allein als derjenige erschien, der Etwas dadyte, wollte und that. So finden wir im Leben Noahs, Abrahams, Moses, Gideons, Samuels und Anderer eine Reihe von Erzählungen, in welchen der Mensch nur Werkzeug des göttlichen Willens ist, jeder menschlidie Entschluß seinen Grund Religiöse Geldjichtschreibung.

25

nicht in der eigenen Ueberlegung, sondern in dem vorausgegangenen ,,Gott sprach zu ihm“ hat, und jedes Ergebniß des gesdichtlichen Verlaufes von vornherein durch die göttliche Absicht festgestellt ist.

Diese Geschichtsauffassung tritt namentlid in folgenden drei Beziehungen an den Tag :

a. Das nationale Dasein Israel's, feine Sonder: eristenz unter den übrigen Völkern, sein Wohnen in Kanaan, jeine Wohlfahrt und zunehmende Blüthe, weit entfernt, das Resultat der natürlichen, geschichtlichen Entwicklung oder der Lohn eigener Anstrengungen, die That einzelner Helden und Könige zu sein, - ist vielmehr die freie Gabe Gottes, der um Abraham's willen dieses Volt fich auserwählt hat und, wie er es bisher beschüßt und gesegnet, es auch künftig zu immer größerer Macht und Herrlichkeit führen wird.

b. Ebensowenig kann religionsgeschichtlich von menschlichem Ringen nach Wahrheit, von menschlichen Geistesthaten die Rede sein; ohne Vermittlung des menschlichen Geisteslebens offenbart sid, Gott äußerlich dem Gehör, dem Gesicht und spricht seinen Willen aus, thut sein Wesen kund und ordnet die Art und Weise, wie er verehrt sein will. Weil die Offenbarung nur Gottes Sache ist, so ändert der Untersdied der Zeiten daran nid)ts, als Derselbe erscheint er vor Abraham, vor Moses, vor Samuel und den Propbeten. Was der Erzähler als die wahre Religion besikt, das schaut er als das anfänglich von Gott gegebene an, das sich audy seither unter allen Frommen unwandelbar er: halten habe. (Höchstens im Namen Gottes madt der eine Erzähler den Unterschied, daß Gott den Erzvätern als El Schaddai, ,,der Gewaltige," von Moses an als Jehova er: schienen sei (2. Mos. 6, 3), während ein anderer auch den Namen Jehova (dion von Seth an geoffenbart sein läßt (1. Moj. 4, 26).

C. Auch den Wechsel von Glück und Unglück, von nationaler Kraft und Schwäche, von fruchtbaren und

« ͹˹Թõ
 »