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Im Hochgefühl ihrer politischen Machtstellung wie ihrer Jahrtausende alten, hochentwidelten Kultur erblidten sie in der freieren hebräischen Lebensweise nur wilde Zügellosigkeit und häßliche Barbarei ; ein Volk, das auf ihrem Grund und Boden lebend, doch nicht an ihrem Glauben und ihrer Kultur theilnehmen wollte, schien ihnen kein andres Loos zu verdienen, als das der gänzlichen Rechtlosigkeit, der Sklaverei. So waren denn die Hebräer ein Volk von Sklaven geworden, gegen ihre Unterdrüder völlig wehrlos, unter einem Jodie seufzend, das Niemand ihnen erleichtern konnte. Wenn die Ueberlieferung erzählt, daß auf königlichen Befehl aller männliche Nachwuchs der Hebräer um: gebracht werden sollte, jo mag dieß als ein zutreffender populärer Ausdruck dafür gelten, daß die Aegypter auf dem Wege waren, die hebräische Volkskraft für alle Zukunft zu vernichten.

Auf großartige und doch rührend einfache Weise führt nun die Volksüberlieferung den Retter Israel's ein. Ein hebräischer Knabe, dem Tode geiveiht, in einem Schilfkästchen im Nil ausgeseßt, wird hier von einer ägyptischen Königstochter gefunden und am Hofe auferzogen. Zum Manne herangereift und von allem Glanze großstädtischer Kultur beschienen, bleibt er eingedenk seiner Eltern, seines Stammes, der verachteten hebräischen Sklaven, aus dem Palaste zieht ihn sein Herz zu ihren Schilfhütten und Zelten hin. Vom Unmuth übermannt, erschlägt er einen ägyptischen Aufseher und verliert durch diese unbesonnene That Alles, was er hatte, seine hohe Stellung, Reichthum und Heimat. Von der Blutrache bedroht, entflieht er in die Wüste, in die Thäler des Sinai und mischt sich als Hirt unter den midianitischen Nomadenstamm. Doch auch hier findet er keine Ruhe, an seiner Seele nagt immerfort der Schmerz um fein gequältes Volk; da endlid offenbart sidy ihm Gott im feurigen Busch und beruft ihn unter Verheißung seines Beistandes zum Erretter seiner Brüder.

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Der Name Moje hat die verschiedensten Deutungen er: fahren. Aus dem Roptischen überseşte man aus dem Wasser gerettet“, aus dem Hebräischen „der Herausziehende" d. h. A11: führer, Befreier, aus dem Sanskrit „der Entwender“, neuestens aus dem Aegytischen das Kind“. Nach der früher beschriebenen Beschaffenheit der A. Tlichen Geschichtsquellen ist vom historischen Standpunkte leider sehr wenig Sicheres über Mose zu sagen. Wir können aus späteren Jahrhunderten der israelitischen Religions: geschichte, die in hellerem historischen Lichte stehen, auf den Mann zurüdjchließen, der am Anfang der religiösen Entwidlung steht; wir fönnen aus der im Pentateuch enthaltenen ausführlichen Be: dreibung seines Werkes die großen, einfachen Grundzüge stehen lassen; wir können endlich unsre Renntniß des damaligen Aegyp: tens benüßen und durch Combination dieser drei Linien ein Dreieck herstellen, auf dessen Fläche uns das Bild des großen Volks: führers und Propheten mit annähernder Richtigkeit entgegen: treten wird. Nicht ohne Interesse find die Berichte über Mose bei ägyptischen, griechischen und römischen Schriftstellern. (Vgl. Dunker, Gesch. des Alterthums Bd. I, S. 193 ff. Weber, alig. Weltgesch. Bd. I, S. 516 ff.) Einige derselben lassen sich zwar durch ihren Judenhaß zu starken Uebertreibungen und Entstellungen verleiten, auch sind sie alle bedeutend jünger als die Bücher Mose, fte sind aber darum interessant, weil sie den religiösen Gegensat zwischen Aegyptern und Hebräern und den gegenseitigen Haß und Abicheu viel energischer hervortreten lassen, als es Erodus 1-15 geschieht, ferner darum, weil Mose dort als ein abgefallener ägyp: tischer Priester erscheint, übereinstimmend mit Apoft.-Gesch. 7, 22.

Ganz im Geiste der alttestamentlichen Geschichtschreibung (vgl. S. 24 ff.) wird Mose's Entschluß, sich als Befreier an die Spiße seines Volks zu stellen, auf einen direkten göttlichen Befehl zurücgeführt und mit demselben zugleid, eine höhere Gottesoffenbarung verbunden, Beides als das Werk eines Augenblics. Dagegen ist unser Bedürfniß auf die Erkenntniß einer wirklichen geistigen Entwicklung gerichtet; wir wissen, daß alles Große, was Gott dem Menschen zeigt, an menjdliche Arbeit gebunden ist und daß es für jede Gotterfülltheit eine psychologische Vermittlung gibt. Wollen wir uns diese innern Vorgänge veranschaulichen, so bietet den äußern Rahmen zu diesem Bilde die Erzählung von Mose's Aufenthalt in Midian. Vom Priesterfürsten Jethro

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freundlich aufgenommen und durch Zippora sein Schwiegerjohn geworden, weilte Mose's bei dessen Schaf- und Ziegenheerden. Die stille Muße, die er hier in großartiger Bergeseinsamkeit fand, war wohl geeignet, die anstürmenden Gedanken und den finstern Unmuth abzuklären zum planvollen Entschluß und zur befreienden That. Indem er der Noth seines Volkes gedachte, mußte er sich sagen, daß damit nicht geholfen sei, wenn nur Einzelne in persönlicher Entrüstung sich gegen die Bedrüder erheben, daß vielmehr etwas Großes, Gemeinsames geschehen müsse. Er gedachte an den Gott seines Volkes, der es ja auch nicht dulden könne, daß das Volt seiner Verehrer zum Dienste andrer Götter gezwungen werde. Aber bei allem Festhalten an dem Gott der Väter war es ihm doch nicht möglich, ihn in der Weise seines Volkes zu denken; so ausschließlich das Furchterregende in der Gottheit zu betonen, batte ihm die ägyptische Erziehung unmöglich gemacht. Wohl fand auch der Aegypter in gewissen Naturerscheinungen den zürnenden, schredlichen Gott; in Typhon (Set) sind alle schädlichen Wirkungen der Natur zusammengefaßt, der Gluthhauch der Wüste, der versengende Sonnenstrahl, die dürre Jahreszeit, das unheimliche Dunkel, das öde, salzige Meer im Gegensaß zum befruchtenden Nilwasser, aber diesem Gott des Verderbens stehen die segnenden Götter in ewiger Verjüngung kämpfend gegenüber; in ununterbrochener Regel kehrt die heilsame, rettende Gotteskraft des Nil zurück, den neuen Schmuck des Jahres bringend, so daß der Mensch vor aller Ungewißheit und Bangigkeit geschirmt ist, und der Himmel zeigt es durch den Stand der Gestirne an, wann der Nil austreten und wieder sinken werde, damit der Mensch den zu erwartenden Segen ausnüßen und vor Gefahr sich schüßen könne. So sah der Aegypter eine schöne Verknüpfung himmlischer und irdischer Dinge zum Zusammenhang eines großen Ganzen, er mußte eine göttliche Ordnung anerkennen, die dem Menschen alles Heil gewährt. Ist nun, wie oben gesagt, der althebräische Gedanke, daß die Gottheit in unnahbarer Majestät über

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der Natur und dem Menschenleben throne, ein Moment der religiösen Wahrheit, so nicht minder die ägyptische Anschauung einer Gottheit, die segnend und gnädig in der Natur und für den Menschen waltet und sorgt. Dieser leßtere Gedanke konnte an einem so reich angelegten religiösen Geiste, wie Mose, nicht spurlos vorübergehen, er drängte sich ihm um jo unabweisbarer auf, als die Noth seines Volkes zum Himmel schrie und keine Rettung zu erhoffen war, wenn nicht der gewaltige Gott seinen Arm ausreckte und seines armen Volkes sich erbarmend ihm zum Schild und Scuße wurde. Eine der folgenreichsten Umgestaltungen überlieferter religiöser Vorstellungen vollzog sich jeßt im Geiste Moje's. Noch war es der Gott der Väter, den er festhielt, der Gott, furchtbar an Majestät, unnahbar, ein verzehren: des Feuer. Hätte Aegypten ihm diesen Gott verweichlicht, jo hätten die Sdređen der Wüste ihm sein Untliß wieder gezeigt; in den finstern Granithöhen des Sinai, in der dunkeln Wetterwolke, die sich über ihm lagerte, im krachen: den Donner, im Zuden des Blisstrahls, im verzehrenden Gluthhauch des Wüstensturms, der durch die Schluchten brüllte, überall stund der Gott der Väter vor seinem Auge, der furchtbar Gewaltige, vor dem nidits Jrdisches besteht; aber in das Antliß des strengen Nomadengottes trat jeßt ein Zug von Güte. Mitten in die alte starre Gottes: vorstellung drang ein neuer, freundlicher Gedanke ein, gleid wie das blühende Gartenland Aegyptens die schreckhafte Gaftlosigkeit der Wüste durchbricht; der segnende Gott des Nils und der majestätische Geist der Wüste vereinigten sich in Mose's pochendem Herzen.

Fern von der Cultur der Städte, auf einsamem Bergpfad schweift ein träumender Hirt; eine Macht ist über ihn gekommen, die ihn nicht mehr freigibt. Denkt er den neuen Gott? Dder denkt Gott sich selbst in ihm ? Nicht Willkür des Menschen ist es ja, wenn er seine widerspruchsvolle Gedankenwelt in einer höhern Anschauung auszugleichen versucht, er fühlt, daß er nur das Nothwendige denkt und daß

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er sich einer Macht unterzieht, gegen die er nichts vermag. Dieß ist's, was die Bibel „Offenbarung“ nennt; durch das schmale Bett menschlicher Vorstellungen und Begriffe strömt die Unendlichkeit des Geistes und ringt nach einer Gestalt im endlichen Geiste. Darum erkennt der Mensch in der neu gefundenen Wahrheit eine freie Gabe von oben; so groß seine eigene Geistesarbeit dabei gewesen, er weiß, daß noch größer die in ihm wirkende Macht war, und tritt deßhalb in aller Demuth vor seinem eigenen Werke als vor einem Geschenke Gottes zurück. Und wenn er nun im Dienste dieser höhern Wahrheit öffentlich auftritt, so weiß er wieder von feinem eigenen Entschluß; wie sein Erkennen, so steht auch sein Wollen und Thun unter dem Einfluß jener Macht, die über ihn gekommen und ihn in ihren Dienst gestellt hat. So ist es eine, dem eigenen Bewußtsein Mose's völlig entsprechende Darstellung, wenn er einfach als das Werkzeug erscheint, dessen sich Gott zur Befreiung Israels be: dient habe. Von außen kommt ihm Er. 3,1-15 sowohl die neue Gotteserkenntniß als der Befehl, sein Volk in die Wüste zu führen; in der Weise der alten Vorstellung, als Feuer gibt sich ihm Gott zu schauen, aber der Busdı, in dem dasselbe brennt, wird nicht verzehrt, d. h. der strenge Gott der Väter kann auch gnädig erhalten und beschüßen, er ist nidyt nur ein Gott des Schreckens, sondern auch ein Gott des Segens und des Heils, und dieß eben will er jeßt bekunden, indem er unter Verheißung seines Beistandes Mosen beauftragt, das Volk aus der ägyptischen Sklaverei zu erretten und es zu ihm in die Wüste zu führen.

Von seiner Aufgabe erfüllt, kehrte Moje nach Aegypten zurück, um seinem Volke in neuer Weise den Gott der Väter zu verkündigen und in dessen Namen es zum Auszug aus dem Land der Knechtschaft aufzufordern. Es gelang ihm, die Gemüther zu entflammen und zu jedem Wagniß bereit zu machen. Sdwieriger war es, die Hindernisse zu überwinden, die von Seite der Aegypter dem Plane entgegentreten mußten. Zwar wurde nur um die Erlaubniß ge

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