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und ägyptische Vorstellungen eine großartige Ausgleichung gefunden hatten, dadurch überhaupt über die einzelnen Volksgottheiten hinausgeführt, eine einzige göttliche Macht erfassen gelernt hatte; aber mit voller Bestimmtheit ist zu sagen, daß solch eine höhere Gottesidee in den Volksgeist nicht überging, daß sie sich vielmehr erst ein halbes Jahrtausend nach Moje in den Propheten des 8. Jahrhunderts zu gestalten begann. Der Mosaismus, wie er als geschichtliche Erscheinung uns vorliegt, kennt den Gott Israel's nur als Gott dieses Volkes; er verbietet, andern Göttern zu dienen, aber er gesteht denselben Eristenz und göttliche Macht zu. Vgl. 2 Moj. 15, 11. 18, 11. 4 Moj. 21, 29. Richt. 11, 24. 1 Sam. 26, 19. Dem entsprechend erscheint Gott auch als räumlich beschränkt; er läßt sich im heiligen Zelte nieder und zieht dem Volke in der Wüste voran (4 Moj. 10, 35 f.), er steigt zur Gefeßgebung vom Himmel herab auf den Sinai und wird Mose und den Aeltesten sichtbar 2 Moj. 24, 10-18. ,,Sie sahen," heißt es hier, den Gott Jsraels; zu seinen Füßen war es wie durchsichtiger Saphir und wie der Himmel selbst an Klarheit.“ Nach dieser Schilderung zu schließen, lag der Gottesvorstellung immer noch wie vor Alters eine Personifikation des Himmels 311 Grunde, aber es waren nicht mehr vorwiegend die Schreckenserscheinungen, die verzehrende Sonnengluth, der zermalmende Blizstrahl, der glühende Wüstensturm, es war jeßt die ruhig schöne Erhabenheit, die reine Majestät des Himmels, in der man das Wesen Gottes anschaute. Zwar schaut das Volk (V. 15 bis 18) seinen Gott auch noch als die feuersprühende Wetterwolke, die auf dem Sinai lagert, aber dieser schredhafte Anblid ist nur die Bedrohung der Widerspenstigen, gefahrlos für die, welche Gottes Willen thun; Mose schreitet ruhig in die Wolke hinein und verkehrt mit Gott von Angesicht zu Angesicht und aud von den Aeltesten heißt es: sie (dyauten Gott und er legte seine Hand nicht an sie, sie schauten ihn und aßen und tranken. In dieser ganzen schönen Schilderung spricht sich der nämliche

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Gedanke aus, welcher der Erzählung vom brennenden Busch zu Grunde liegt, daß nämlich Gott jeden Augenblic als der furchtbar Gewaltige, als ein fressendes Feuer sich offenbaren kann, das den Frevler jählings verschlingt, daß er aber Denen, die ihn ehren, barmherzig und gnädig ist, langmüthig , reich an Gnade und Treue und Tausenden seine Huld bewahrt; er ist der Himmel, der zwar die Wetterwolke und den Blißstrahl birgt, der aber lieber noch als unbewölktes Blau die Steppe und den Felskamm überwölbt und zu desjen Majestät das menschliche Auge frei und vertrauensvoll sich erheben darf. Darum tritt jeßt an die Stelle des alten Gottesnamens El Schaddai (S. 45) der neue: Jehova oder, wie man auch vokalisirt: Jahve, welcher Name wahr: scheinlich nichts anders bedeutet als : Himmel.

Vom israelitischen Gottesnamen sind uns nur die Ronsonanten überliefert : JHVH. Die Vokale e, o, a, die mit jenen Ronsonanten verbunden das Wort Jehovah bilden, gehören einem ganz andern Worte an, das „Herr“ bedeutet und an der Stelle des zur Aussprache zu heiligen Gottesnamens gelesen werden solte. Es fragt sich deßhalb, wie die Konsonanten Shvh zu pokalisiren seien und was das Wort bedeute. Aus 2 Moj. 3, 14 schließt man, es müsse eine Verbalform sein und zwar die dritte Person von Ehjeh, ,, ich werde sein“, und spricht demnach aus: Jahve; dabei stüßt man sich zugleich auf eine alte Nachricht, daß der Gott der Samaritaner Jabe geheißen habe. Was bedeutet aber Jahve? Nach den Meisten: ,,er wird sein“, oder also der Seiende, Ewige, Unveränderliche; nach den Andern causativ: „er macht sein", er ruft in's Leben, also der Schöpfer, Führer, Erlöser, der auch geistiges Leben wirft. So Schrader, dagegen stüßt fich Ewald auf 1 Moses 19, 24: „Jahve ließ Feuer fallen von Jahve her – vom Himmel" und stellt die sehr ansprechende Meinung auf, das fragliche Wort heiße nichts anders als Himmel. Vielfach kommt der Gottesname in menschlichen Eigennamen vor und heißt dann Jo, Jeho (wie Jo: nathan, Jehoram) oder Jahu (in Elijahu, Jechajahu – Elia, Jejaja), ein Umstand, der immerhin auffällig ist und nicht ohne Grund benußt wird, um die Richtigkeit der Aussprache Jahve in Zweifel zu ziehen. Bezüglich der Bedeutung des neuen Gottes: namens ist gegenüber der angeführten klassischen Stelle 2 Mos. 3, 14 noch zu bemerken, daß das Alte Testament von verfehlten

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Der sittliche Charakter des Mojaismus.

Tode verfallen ist, der Schrecken ist gegen den Frevler gerichtet, das fressende Feuer verzehrt das Unheilige im Volke.

In Folge dieser Verknüpfung des in ägyptischer Kultur gereiften sittlichen Gedankengehaltes mit der Energie und Strenge des eigenen Gottes erhielt Israel seine großartige religions- und kulturgeschichtliche Bedeutung. Nicht nur sich selbst hat es im langen Laufe der Jahrhunderte allmälig zu reiner und edler Sitte erzogen, die Weltgeschichte sagt uns, daß es auch der Sittenlehrer der Menschheit wurde. Aber allerdings waren mit jenem Ursprung des Mosaismus auch Schattenseiten verbunden. Da sich nämlich das Gebot nicht aus dem eigenen sittlichen Volksbewußtsein ergeben hatte, sondern einfach als Wille Gottes verkündigt worden war, so stund es dem menschlichen Willen als etwas Fremdes starr und äußerlich gegenüber; das sittlich Gute erschien nur als Gottes Sache, nicht als zum eigenen Wesen des Menschen gehörig, und wenn der Mensch sich darauf einließ, dieser Sache Gottes zu dienen, jo lag ihm als Beweggrund nahe genug die Aussicht auf Lohn oder Strafe. Aber nicht bloß äußerlich, sondern herb und streng stund das Gesek dem Menschen gegenüber, ja seine Handhabung macht uns vielfach den Eindruck der Leidenschaftlichkeit, der zornigen Wildheit. Die Todesstrafe, und zwar in der grausamen und ungestümen Form der Steinigung, ist im Strafgeseße für eine lange Reihe von Uebertretungen in Aussicht genommen und bei Verhängung des Bannes wurde nicht nur der Sduldige, sondern auch sein Weib und Kind, sein Haus und all sein Eigenthum dem Feuer preisgegeben. Aus derselben Wurzel, wie diese zornige Justiz, stammt auch jener auffallende Charakterzug, den so viele edle Gestalten des Alten Testamentes mit einander gemein haben, jener Zug von wilder Unbeugsamkeit und rüdsichtslosem Fanatismus im Kampfe für die Ehre ihres Gottes; es ist oft, als ob sie vom Wüstensturm gepackt auf ihren Posten eilten, als ob sie über Donnerkeile zu verfügen hätten, um den Gegner zu zermalmen. In diesem Ungestüm, von dem Gefeß und

Der fittliche Charakter des Mojaismus.

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Propheten getragen sind, thut sich nicht etwa bloß das Temperament der jemitischen Rasie kund, sondern unverkennbar klingt in ihm die geschichtliche Grundlage des Mojaismus, der strenge Gott der Väter nach; nur für die, welche ihm willig dienen, ist er der gnädige Schußherr geworden, wer ihm aber widerstrebt, für den ist er der alte idredhafte Eiferer, vor welchem kein Sterblicher besteht. Aber eben mit solcher unerbittlichen Energie mußte der sittliche Gedanke des Mojaismus in die Welt eintreten, wenn er sid in ihr erhalten wollte. Sollte das sittlich Gute nicht bloß als das Empfehlenswerthe, wie etwa bei den Aegyptern, nicht bloß als das Schöne und Wohlanständige, wie bei den Griechen, sondern als das unbedingt Seinsollende, als das absolut Verpflichtende fich in der Mensdheit Bahn brechen, so mußte es mit solch' ungeheurem Kraftaufwand auftreten, als die Donnerstimme eines eifrigen Gottes mußte es sich dem widerstrebenden Willen des Menschen ankündigen, damit er in Gehorsam und Demuth sich beuge vor dem höhern Willen. So ist der Mosaismus der Erzieher der Menschheit geworden; zeigt er auch vielfach ein finster drohendes Angesicht, so verdanken wir seiner gewaltigen sittlichen Zucht die größten Fortschritte der Kultur. Mit seiner Kraft ausgestattet, aber milder sie verwendend, trat in einem spätern Jahrtausend das Christenthum seinen Segensgang durch die europäischen Völker an; über die sittliche Verwahr: losung der römisch-griechischen Welt, wie über die rohe, unbändige Jugendkraft der germanischen Wanderstämme siegte es, indem es neben den Gekreuzigten den gewaltigen Zucht: meister Siraels stellte.

Fragen wir genauer nach dem Inhalt der mosaischen Gejekgebung, so steht die kleine, zur Zeit der ersten Könige verfaßte Gefeßessammlung, die wir das ,,Bundesbudy“ nennen, (Er. 20 bis 24), dein Geiste Mose's am nächsten, von ihm selbst aber haben wir nichts schriftlich Ueberliefertes, als die w zehn Worte“. Sicher sind sie, sagt ein Rechtsgelehrter unsrer Tage, das eigenste Werk dieses Mannes mit der

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idweren Zunge und den schwersten Gedanken; nur ein höchst genialer Mensch vermochte in so riesigem Style mit so wenigen einfachen Worten die Fundamentalsäße der göttlichen und menschlichen Ordnung auszusprechen und gleichsam aus granitnen Felsblöden einen Unterbau zusammenzufügen, der die Wandlung der Zeit aushält. *) Der Inhalt der zwei Tafeln ist folgender: In den zwei ersten Worten führt sich Gott als Schußherr und Eigenthümer Israels ein, der es aus Aegypten geführt und zu einem Volk gemadt, der deßhalb keine andern Götter neben sich duldet. Das dritte fordert heilige Scheu vor Gott in Wort und Wandel, indem es dasjenige nennt, worin die Verleßung dieser Scheu am leichtesten hervortritt, leichtfertigen Gebrauch des göttlichen Namens. Um diese Ehrfurcht vor der göttlichen Majestät stets rege zu erhalten, fordert das vierte, daß in regelmäßiger Wieder: kehr bestimmte Tage der Pflege jenes Gefühls gewidmet werden, Heiligung des Sabbats. Diesen freudigen Willen, sich zu beugen und unterzuordnen vor Gott, soll der Mensch -auch in irdischen Verhältnissen bethätigen, indem er auch in der Stellung der Eltern zu den Kindern eine göttliche Ordnung anerkennt, er soll in hohen Ehren halten seinen Vater und seine Mutter, wie das fünfte Gebot lautet. So weit die erste Tafel. Die zweite Tafel ordnet die rechtlich-fittlichen Beziehungen des Menschen zu Seinesgleichen. Da ist das erste, daß er die Eristenz des Andern als eine berechtigte anerkenne und, wie er das eigne Leben auf's äußerste vertheidigt und bewahrt, so auch das Leben des Andern als ein über alle Willkür erhabenes Gut betrachte; hierauf bezieht sich das sediste Gebot. Das siebente sagt, daß ihm auch das, was der Andere in den Kreis seines Lebens einschließt, also auch sein Weib, mit dem er Ein Leben lebt, unantastbar heilig gelte, daß also der Ehebruch an Verwerflichkeit dem Todidlag am nächsten komme. Das achte Gebot rechnet zum Leben des Menschen auch einen bestimmten

*) Bluntili, altafiatijdhe Gottes- und Weitideen, S. 108.

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