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Kreis freier, selbständiger Wirksamkeit und erklärt deßhalb als unantastbar sein Eigenthum, an dem Niemand sich vergreifen darf, weil er als eigner Herr darüber soll verfügen fönnen. Das neunte Gebot sagt, daß außer dem, was der Mensch besißt, auch das, was er bei Andern gilt, ein Gut jei, das nicht verleßt werden dürfe, und schüßt also seine Ehre vor falschem Zeugniß. Das Schlußwort endlich bekämpft das dem Andern schädliche oder feindselige böse Gelüsten, ob es auf krummen Wegen und durch geheime Ränke jein Ziel suche oder nur noch als verkehrte Gesinnung vorbanden sei.

Die hohe Anerkennung, die wir gegenüber der ägyptischen Sittenlehre aussprechen müssen, gründet sich auf verschiedene uns zugänglich gemachte schriftliche Denkmäler des alten Aegypten, hauptsächlich auf das sogenannte Todtenbuch. Es ist dieß ein Drama (etwa den kirchlichen Volksschauspielen des christlichen Mittelalters zu vergleichen), in welchem das Schicksal der abgeichiedenen Seele im Jenseits in Wechselrede und mit Chorgesang dargestellt wird. Für unsern Zweck kommt nur derjenige Abs jhnitt in Betracht, in welchem der Verstorbene vor Osiris und seinen 42 beisißenden Richtern erscheint; vor Jedem erklärt er sich von einer bestimmten Sünde frei, vor dem Einen sagt er: ich habe nicht gestohlen, vor dem Andern: ich habe nicht vor: jäßlich getödtet, vor einem Dritten: ich habe vor Gericht nicht gelogen, weiter : ich habe nicht die Ehe gebrochen .... ich habe die Elenden nicht unterdrückt .... ich habe keinen Sklaven ge: quält .... ich habe Niemanden Hungers sterben lassen .... ich habe Maß und Gewicht nicht gefälscht u. 1. w. Als die Ent: stehungszeit des Todtenbuches wird das 14. Jahrhundert, gegen dessen Ende Mose auftrat, angenommen; älter ist ein andres Schriftstüd, das als „Wort der Vergangenheit", d. h. als tra: ditionelle Weisheit z. B. folgende Gedanken ausspricht : ein Segen ist der Gehorsam eines gelehrigen Sohnes; es ist gut, aufzumerken auf Alles, was Liebe hervorruft, denn dieß ist das größte aller Güter; der Sohn, der auf das Wort seines Vaters hört, wird ein hohes Alter erreichen; das Herz regiert den Menschen im Gehorsam wie im Ungehorsam. Ist es nach all' dem unmöglich, zu verkennen, daß Moje aus der ägyptischen Kultur reichliche Anregung zu seinem Werke schöpfen konnte, so wird dadurch sein Verdienst um nichts geschmälert; die 10 Worte

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Ursprüngliche Gestalt des Detalogs.

bleiben gleichwohl eine gewaltige Riesenschrift; der helle Blid, der aus der langen Reihe ägyptischer Sittenregeln und Ermahnungen die wenigen Fundamentalsäße heraushebt, auf denen alles andre beruht, die Kraft, die diese Grundwahrheiten unver: wüstlich in das Bewußtsein eines unkultivirten Volfes einpfählte; beides bleibt groß und genial.

Von den 10 Worten (Dekalog) besißen wir Ex. 20 und Deut. 5 zwei Redaktionen, die namentlich in der Motivirung des Sabbatgebots von einander abweichen. Die in Er. 20 ist die jüngere, wiewohl sie am Anfang des alten „Bundesbuchs“ steht, sie hat offenbar die alte, ächt mosaische Redaktion, die hier stund, verdrängt. Wollen wir uns diese leßtere vorstellen, lo müssen wir alle Motivirung und Erklärung wie auch alle Drohung und Verheißung, die wir gegenwärtig sowohl Er. 20 als Deut. 5 im Terte finden, hinwegdenken, da der ursprünglichen Form jeden: falls jene sprachliche Gedrungenheit zukömmt, in der wir jeßt noch das sechste bis neunte Gebot besißen. Aber was ist Rommentar und was ist Tert? Ist nicht vielleicht das ganze Bilders verbot nur Kommentar zum vorangehenden: „Du sollst keine andern Götter neben mir haben" ? Und zwar ein erst in später Zeit hinzugekommener Kommentar? Wenigstens macht die Religionsgeschichte der Israeliten bis in die Rönigszeit durchaus nicht den Eindruck, daß fie ein Bilderverbot gekannt hätten; uns befangen erzählen die ältern Geschichtschreiber von Jehovabildern, die zu verschiedenen Zeiten seien errichtet worden, auch von Propheten wie Elia und Elisa werden dieselben nicht bekämpft, nur Er. 20, 24 (im Bundesbuch) erhebt sich eine Stimme das gegen. Lassen wir das Bilderverbot aus dem ursprünglichen Terte fallen, so rückt dafür das Anfangswort selbständig in die Reihe ein und macht die Zehnzahl wieder voll. „Ich, Jehova, bin dein Gott, der dich aus Aegypten ausgeführt hat“ ist zwar kein Gebot, aber das Ganze heißt ja auch nicht ,10 Gebote“, sondern ,,10 Worte", Dekalog; in der That wird benn auch von den Juden noch heute so gezählt, daß jener Eingang als das erste Wort gilt und das Bilderverbot nur als Anhang zum zweiten erscheint. Die ursprüngliche Form der zwer Tafeln mag also folgende gewesen sein:

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II.

VII. Du sollst keine andern Götter Du sollst nicht Ehe brechen!

haben neben mir!

III.
Du sollst den Namen deines
Gottes nicht leichtfertig nehmen!

VIII.
Du sollst nicht stehlen!

IV.

IX. Gedenfe des Sabbats, ihn zu Du sollst kein falsch Zeugniß heiligen!

reden!

V.

X. Ehre deinen Vater und deine Laß' dich nicht gelüsten nach dem, Mutter !

was deines Nächsten ist!

Vermittelst dieser einfachen Grundzüge einer fittlichreligiösen Geseßgebung gedachte Moje sein Volk Gott zum Eigenthum darzubringen, es als Gottesvolk zu konstituiren. Wie Gott die hülflose Menge ägyptischer Sklaven zur Freiheit geführt, sie zu einem Volk gemacht, und jeßt als Gefeßgeber zu ihm gesprochen, so sollte er auch für alle Folgezeit in Krieg und Frieden der König, Anführer und Richter sein, er allein der Inhaber aller Macht und Amtsehre: Jehova, Israel's Gott, der es schüßt und führt, Jsrael, Jehova's Volk, das ihm in Demuth gehorcht und vertraut. Dadurch wurde aus jenem fittlich-religiösen Volksverband zugleich eine volitische Verfassung: die Theokratie. Kein Zweifel, daß in dieser Verbindung der politisch-nationalen Ziele mit den religiösen Angelegenheiten, welche eben das Wesen der Theokratie ausmacht, eine gewisse Förderung und Belebung der einen wie der andern Seite lag; der religiöse Glaube

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äußert sich als Patriotismus, denn im Glauben an den Gott Israels liegt die Verheißung nationaler Wohlfahrt, und wiederum kann Reiner patriotisch fühlen, ohne ein Eiferer für die Religion zu sein, weil die Erreichung der nationalen Ziele vom Gehorsam gegen Gottes Gebote abhängt; man begreift auch, wie aus einem Ereigniß von ebenso großer nationaler wie religiöser Bedeutung, wie die Ausführung aus Aegypten es war, diese Idee der Theokratie hervorgehen konnte, aber ebenso wenig ist zu verkennen, wie gefährlich dieselbe wird, sobald sie praktisch im Volfsleben durchgeführt und auch in der Rechtspflege, in der Politik, in der Staatsverwaltung angewandt werden fol. Diese Gebiete lassen sich nicht nach religiösem Maßstabe messen, fie tragen ihre Gefeße in sich selbst, und ein entfcheidender Gottesausspruch ist hier um so bedenklicher, als es ja dod immer Menschen sind, die, vielleicht gar noch vom Zufall des Looses geleitet, den göttlichen Willen zu verkündigen haben. Die Theokratie ist ein zutreffender Ausdruck patriotisch-religiöser Stimmung, aber, wie die Geschichte Israel's uns zeigen wird, als politischer Grundsaß unbrauchbar.

Gerne würden wir etwas Genaueres über den Rultus wissen, der zu Mose's Lebzeiten ausgeübt wurde; aber Alles, was der Pentateuch in Beziehung auf Opfer, Feste, Priesterschaft 11. s. w. als mosaische Einrichtung erwähnt, datirt aus späterer Zeit (Vrgl. S. 36). Ueberhaupt macht man sich wahrscheinlich ein ganz falsches Bild von Mose's Stellung unter seinem Volke, wenn man sich ihn mit jener geseka geberischen Autorität ausgestattet denkt, kraft deren er sofort Religion und Kultus nach seinem Sinne hätte umgestalten können. Die Geschichtsdyreiber erzählen zu wiederholten Malen von Aufständen gegen ihn, von Abfall zum Gößendienst und wieder von foldhen Volksgenossen, die treu zu feiner Sache stunden, und eben diese Notizen zeigen, daß es mit Mose's persönlicher Autorität nicht die Bewandtniß haben konnte, die in vielen andern Schilderungen doch dann

Die Erfolge von Mose's Wirtjamkeit.

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wieder vorausgeseßt wird. Wie andre Religionsstifter, hatte wohl auch Mose seinen Jüngerkreis, der ihn verstund, der seine Gedanken und Ziele sich aneignete und sie einem spätern Geschlechte überlieferte, bis sie durch Samuel's thatkräftige Wirksamkeit sich mehr und mehr Bahn brachen und an einem kultivirteren Volke auch einen besseren Boden fanden. Aber allem Anscheine nac, gelang es Mose nicht, jene verschieden: artigen Völkerelemente, die unter seiner Führung Aegypten verlassen hatten, zu solch' einem Volksganzen zu verbinden, das wie in kriegerischen Unternehmungen, so auch in Religion, Kultus und Sitte vom Gefühl der Zusammengehörigkeit getragen gewesen wäre. Nach den ersten Zeiten freudiger Erhebung trat bald der demoralisirende Einfluß der ausgestandenen, fast ein Jahrhundert langen Sklaverei zu Tage; troßiger Eigensinn, roher, unbändiger Trieb nach Unabhängigkeit zerriß immer wieder das Band der Einheit, mit dem Moje die zusammengewürfelte Menge zu umschlingen trachtete (Vrgl. Amos 5, 25 f.). Den Gedanken aber, daß sie Ein Volk seien, durch den Einen Gott, der sie aus Aegypten errettet, national und religiös verbunden und ihm zu fittlichem Dienst verpflichtet, diesen Gedanken und die Aufgabe, ihn zu verwirklichen, hatte Mose mit solcher Gewalt ausgesprochen, daß er nicht wieder verloren ging, vielmehr troß der Ungunst der folgenden Zeiten, durch zwei Jahrhunderte völliger Zerfahrenheit hindurch in hodigestimmten Gemüthern sich aufredyt hielt, bis er unter Samuel, Saul und David seine segnende Kraft über ganz Israel bethätigen konnte.

Die Beschreibung der Kultusverhältnisse der mosaischen Zeit war für die Geschichtschreiber eine beliebte Gelegenheit, allerlei, was mehr ihre eigene Zeit als die Vergangenheit anging, anzu: bringen. So spiegeln sich im Bilde Aaron's, des Bruders Mose's, zwei ganz verschiedene Geistesrichtungen ab: Einerseits erscheint er als Priester im Gegensaß zu Mose, dem Propheten, 3. B. in der Erzählung vom goldenen Kalb (Ep. 32); in der schwachen Nachgiebigkeit, mit der er dort dem Volkswunsche wilfahrt, giebt sich das Priesterthum späterer Jahrhunderte zu er:

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