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3 weiter Abschnitt.

Die nationale Blüthezeit 3srael's.

1. Der nationale Aufsdwung. 1. Nasiräer und Seber; Samuel. Wenn wir wahrnehmen, wie gering die Früchte waren, welche Mose's große Geistessaat in nationaler wie in religiöser Hinsicht während der Richterzeit trug, so erscheint es räthselhaft, wie rasd fich Israel nun dennoch in dieser doppelten Bes ziehung ermannte und plößlidy als vollständiger Sieger da stund. In der That wäre dieses Resultat nicht erreichbar gewesen, wenn nicht seit Mose’s und Josua's Zeiten eine Reihe von Männern aufgetreten wäre, in welchen sich die alten mosaischen Gedanken mit unge dywächter Kraft lebendig forterhielten. Vor Allem fällt in die Augen, daß die neue Zeit des kraftvollen Aufschwungs durch zwei Nasiräer (Nasir = ein Geweihter), Simfon und Samuel, eingeleitet ist. Als geschichtlich ist zwar nur Samuel's Nasiräat zu betrachten; doch wenn die Sage auch Simson zu einem Nasiräer macht, so wird darin der gute Rest richtiger Erinnerung liegen, daß eben damals, am Ausgang der Richterzeit, dem Nasiräat eine hervorragende Bedeutung zukam. In der Geschichte werden Nasiräer weder vorher,

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noch nachher erwähnt, doch rechnet der Prophet Amos (2, 10.) ihr Auftreten unter die großen Segnungen, welche Gott seinem Volfe habe zu Theil werden lassen. In Bezug auf die Aufgabe, die sie sich stellten, wird zwar nur von gewissen Enthaltungen erzählt, sie ließen kein Scheermesser auf ihr Haupt kommen und enthielten sich des Weines, wie überhaupt der Frucht des Weinstodes; aber offenbar hatte fidh damals das Nasiräat eine ganz bestimmte Aufgabe in Beziehung auf das ganze Volksleben gestellt, und war noch nicht jene bloße Privatsache, als welche es im spätern Geseke ericeint.

Was das Geseß (4 Moj. 6, 1-21) über das Verhalten der Nasiräer bestimmt, bezieht sich auf die später aufgekommene Sitte, in rein persönlichem Interesse eine Zeitlang als ein Gott: geweihter zu leben. Dffenbar in der Absicht, in obschwebender Gefahr oder zur Verwirklichung eines Wunsches sich die Hülfe Gottes zu versichern, legten Männer und Frauen das Gelübde ab, eine Zeitlang (als Minimum nennt der Talmud 30 Tage) das Nasiräat auf sich zu nehmen. Außer den zwei erwähnten Enthaltungen war als dritte Pflicht vorgeschrieben, jede Be: rührung mit Todten, und wären es die nächsten Verwandten, zu meiden. Har durch Zufall oder eigne Schuld eine dieser Pflichten verlebt, so war Alles ungültig, und die Sache fing wieder von vorne an. Sehr genaue Vorschriften waren über den Abschluß der Gelübdezeit gegeben; die damit verbundenen Kosten für Unbemittelte zu übernehmen, galt als verdienstliches Werk. Ap.-Gesch. 21, 23-26.

Man darf die Vermuthung aussprechen, daß jene beiden Enthaltungen den Zweck hatten, die Zeit der Wüstenwanderung unter Mose in die Gegenwart zurückzurufen. In jene Zeit nämlidy, als in das wahre Vorbild der Volkseinheit und des begeisterten Jehovadienstes wandte sich sehnsüchtig der Blid der Patrioten, welche die Zerfahrenheit und Sdwäche der Gegenwart schmerzlich empfanden. Das einzige Mittel, um die drohende Gefahr des völligen Untergangs abzuwenden, erkannten sie darin, daß man Alles von fich ablehne, worin sich der Kulturzustand Kanaan's von der frühern Nomadensitte unterschied; solch' eine Rückkehr zu

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der alten, einfachen, kulturarmen, aber fraftvollen und begeisterten Heldenzeit suchten Einzelne an ihrer eigenen Person durchzuführen und für die Andern zu veranschaulichen, indem sie sich der Frucht des Weinstoces, der ja in der Wüste nicht vorkommt und eher von Baal als von Jehova gedenkt erscheinen konnte, enthielten, und im Gegensaß zul jeglichem Schmuck und Puß jenes wilde Aussehen vorzogen, welches Einem frei flatterndes Haar und unbeschnittener Bart geben kann. Die zwei genannten Enthaltungen wären demnach (halb sinnbildlich, halb ernst gemeint) ein Ausdruck des Strebens, das verweichlichte und zerfahrene Geschlecit der Gegenwart aus den Umarmungen des üppigen Kanaan's zur alten Kraft zurückzuführen und in der Erinnerung an die große Zeit der Wüstenwanderung dem entarteten Volk sein höheres Selbst wiederzubringen. Beispiele hiefür sind also Siinson und Samuel, weldie in verschiedener Riditung zwar, aber Beide mit nachhaltigem, feurigem Eifer der Volkswohlfahrt zu dienen bestrebt waren; in dem Einen äußert sich der nasiräisde Geist als ein unbändiger Trieb zur Bekämpfung der Volksfeinde; in dem Andern als gewaltiger Ernst und rücksichtslose Entschlossenheit in der Leitung der innern Angelegenheiten des Volkslebens. So mögen je nach der Zeitlage und der persönlichen Begabung der Einzelnen in verschiedener Weise Nasiräer an jener national-religiösen Kräftigung des Volkes mitgearbeitet haben, aus welcher schließlich der völlige Sieg über die frühern Einwohner hervorging.

Derselben Zeit, in welcher wir Nasiräer erwähnt finden, gehören auch die Seher an. Der Name kennzeidynet sie deutlich; es waren Solche, die fünftige oder verborgene Dinge zu enthüllen wußten, also Wahrsager. Wie alle Religionen des Alterthums im Besiße folder Kunst zu sein glaubten, wie die Griechen ihre Drakel hatten, wie die Römer aus dem Vogelflug den Rathschluß der Götter deuteten, so fanden sich auc, im ältern Judenthum öffentliche Einrichtungen zum Zwecke des Wahrsagens; Priester thaten

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den Willen Gottes kund vermittelst des heil. Loojes, das fie vor der Bundeslade, vor Altären und Jehovabildern warfen. Außerdem gab es aud; Privatpersonen, Männer und Frauen, welchen man ein höheres Wissen zutraute, ob fie dasselbe nun von Baal oder vori Jehova herrührend dachten. Diejenigen, welche im Namen fremder Götter die Wahrsagerkunst ausübten, wurden später (ohne Zweifel durdy Samuel's Einfluß) als Zauberer und Betrüger durch König Saul verjagt. Die es aber im Namen Jehova's thaten, blieben unter dem Namen Seher stetsfort in großem Ansehen. In ihnen und den Nasiräern zugleich haben wir die ersten Anfänge des Prophetenthums zu erkennen.

Wie nämlich Samuel Nasiräer und Seher zugleich war, jo ist es überhaupt wahrscheinlich und liegt in der Natur der Sache, daß sich die Seber zumeist in der Reihe der Nasiräer fanden ; wohl mochte ja das Volk von Solchen, die ihr ganzes Leben Gott geweiht hatten und die auch icon durch ihre persönliche Erscheinung den Eindruck des Ungewöhnlichen und Geheimnisvollen machten, vertrauensvoll ein höheres Wissen erwarten und willig Rath und Aufichluß annehmen, und sie selbst durch das Außerordentliche ihrer Lebensweise wie ihres Lebenszweckes in höhere Stimmung verseßt, mochten so gut an ihre Sehergabe glauben, wie die Priester an die Zuverlässigkeit ihres heil. Looses. Es lag überhaupt im Wesen der vorchristlichen Religionen, vom Gottesdienst einen praktischen Vortheil, eine Förderung des materiellen Lebens zu erwarten, und jo wäre es dem ganzen Alterthum unverständlich gewesen, warum die Gottheit nicht die Freundlichkeit haben sollte, denen, die sich auf besondere Weise ihr geweiht hatten, einen Blick in die Zukunft zu gewähren.

In dieser Doppelgestalt der Nasiräer-Seher liegt also die Kindheit des Prophetenthums. Einem aus ihrer Mitte ist es zil verdanken, daß die Unklarheit und Unreife, die dieser Erscheinung noch anhaftete, allmälig überwunden und

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die ihr innewohnende begeisterte Kraft und Energie fruchtbringender verwendet und auf höhere Ziele hingelenkt wurde; es ist dieß eine der gewaltigsten Gestalten des Alten Testamentes: Samuel, aus dem Stamme Ephraim.

Wie die Geburts: und Jugendgeschichte vieler andrer großer Männer ist auch diejenige Samuel's in der phantasievoll sym: bolisirenden Art des Alterthums in ein wunderbares Licht ge: rüdt. Sein Vater, Elkana, hatte zwei Frauen, aber die Geliebtere unter ihnen, Hanna, hatte keine Kinder. Im Heiligthum von Silo gelobte sie, wenn ihr ein Sohn geschenkt werde, ihn Jehova zu weihen; der Oberpriester Eli verhieß ihr die Erfüllung ihres Wunsches und nach Jahresfrist erblickte der ersehnte Knabe das Licht der Welt. Hierauf bezieht der Erzähler den Namen, den der Knabe erhielt, Samuel = von Gott erbeten, was aber eine nicht völlig klare, wohl etwas erkünstelte sprachliche Ableitung ist. (Unpassend ist das sog. „Loblied der Hanna“ (1 Sam. 2, 1 ff.] hier eingefügt, das spätern Ursprungs ist und das Kriegsglüd eines Königs verherrlicht.) Dem Gelübde gemäß wurde der kleine Samuel zu Eli nach Silo gebracht und verlebte feine Jugend: jahre als dienender Knabe am Heiligthum; alljährlich brachte ihm die Mutter ein neues Tempelkleid und im Gegensatzu Eli's Söhnen wuchs er heran zu Gottes und der Menschen Wohlgefallen. – Dienen alle diese Züge dazu, den künftigen Gottesmann und Erweder Jiraels würdig einzuführen, so ist sein späteres Wirken als Prophet noch mit besonderm Nachdrud vorgebildet in der Offenbarung, die er über das bevorstehende Schidjal des Hauses Eli erhielt. In völlig klarer Weise, als ob ein Mensch zum Menschen redete, vernimmt der junge Tempel: diener Jehova's Stimme: „siehe, ich thue ein Ding in Israel, daß, wer es hören wird, dem werden seine beiden Ohren gellen“, und den vernommenen Rathschluß Gottes, in einem großen Nationalunglüd zugleich Eli's Haus zu verderben, muß er diesem auf sein Andringen selbst verkündigen. Diese Erzählung ist gleich: sam das Titelbild zu Samuel's späterem Wirken; klarer als seine Vorgänger verstund er den göttlichen Willen, die Noth und das Bedürfniß der Zeit; seiner selbst und seiner Sache völlig gewiß, ging er ohne Schwanken auf seine Ziele los, als ob überall ein unzweideutiges Gotteswort ihn leitete; auch das Schwerste, was er später thun mußte, Dem, mit welchem er in Eintracht zu wirken gewünscht hätte, das göttliche Verwerfungs: urtheil anzukündigen, ist hier in seinem Verhältniß zu Eli vor: bildlich angedeutet.

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