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der Magie losgesagt, und durch sich selbst, durch sein freies Streben, durch seine eigene geistige, zwedvolle Thåtigkeit hat er die so lange vers mißte Befriedigung gefunden, die dem Augenblick erst Werth verleiht und dessen Dauer wünschenswerth macht. Er hat die Vermittlung zwiidhen dem Unendlichen und dem Endlichen, welche die Künste des Mephistopheles ihm nicht zu gewähren vermochten, so weit fie von Sterblichen erreicht werden kann, selbstthåtig errungen.

Wie wenig Mephistopheles aber eine Ahnung davon hat, daß er feine Wette verloren, zeigen seine triumphirenden Worte; vor allem sein Ausdruck: ,,Es ist vollbracht". Er meint damit sein Bemühen um Fausts Seele und seinen eingebildeten Sieg. Deshalb wil er auch die von dem Lemurendhor gebrauchte Redensart: „Es ist vorbei, welche gewissermaßen das Gegentheil ausdrückt, und auch auf die Ends schaft seiner herrschbegierigen Einwirkung auf die Seele bezogen werden könnte, nicht gelten lassen. Nachdem nun die Lemuren den Leichnam Faufts in das offene Grab gelegt haben, stellt sich Mephistopheles auf die Lauer, um die ausschlüpfende Seele mittelft Vorzeigung des blutgeschriebenen Pactes zu bannen und zu fangen. Indem er Wadhe hålt, klagt er, mit Anspielung auf manche in neuern Zeiten aufgestellte Hypothesen über den Siß der Seele und ihren Zusammenhang mit dem Körper, so wie auf gemachte Erfahrungen über den Scheintod, daß die Schwierigkeiten feines sonst so einfach und leicht gewesenen Geshaftes immer mehr zunåhmen; und um sicherer zum Zweck zu gelangen, besdwórt er sich als Helfershelfer eine Schaar Did- und Dürrteufel herbei, und läßt den gråulichen Höllenraden selbst sich öffnen, in dessen qualmendem Feuerschlunde man die, von Dante (l'Inferno, Canto VIII, V. 68 fog.) geshilderte Flammenstadt erblidt. Aber gleichzeitig nahen fich auch in einer Glorie von oben, die himmlischen Heersdaaren, fingender, Rosen streuender Engelknaben. Die Situation erinnert an die, von Goethe in den zahmen Xenten Bd. IV, S. 374 benußte legende:

Ueber Moses leichnam stritten Selige mit Flud - Dåmonen" u. f. w. Ilmsonst feuert Mephistopheles feine Teufel an, långer Stand zu halten, denn von ihrem feurigen Broden haben sich die herabregnenden Liebes: rosen entzündet und treiben die Dämonen in die Hölle zurück. Mephis stopheles selbst aber, der nicht weichen will, und sich mit den flatternden Rosen herumsdlågt, die ihn bei jeder Berührung versengen und verbrennen, wird von ihnen und den herabschwebenden Engeln ganz in den Vordergrund gedrängt, empfindet aber, troß seiner Brandbeulen, seiner eingefleischten Teufelsnatur gemåß, ein unreines sinnliches Gelüfte zu den Engelknaben; und als er sich endlich faßt, um ihnen zu fludien, erheben sie sich, Faust’s Unsterbliches entführend, in die höhern Regionen, und lassen ihn getauscht und verzweifelnd allein zurück.

In der Schlußscene verseßt uns der Didhter in eine ideelle, etwa dem Athos, Libanon oder Montserrat vergleichbare Dertlichkeit, wie er fie åhnlich auch in seinem Fragment: die Geheimnisse (f. Werte Bd. XIII, 175 fgg. und vgl. auch Bd. XLV, 328 fgg.) schildert. Zwischen Klüften und bewaldeten Felsen in der Einode wohnen heilige Einsiedler, die, im Verein mit den heiligen Våtern, in Gebet und frommer Betrachtung die ewige Liebe feiern. An ihnen vorüber, aufwärts, tragen die Engel Fausts. Unsterbliches, das aber, noch nicht von allen Erdenresten gelautert, von ihnen einem Chor seliger Knaben übergeben wird, welche, um den Gipfel des Berges schwebend, die sich aus dem Puppenstande loss ringende Pfyche von den umgebenden irdischen Flocken reinigen. Zugleich verkündet der, in der höchsten Zelle im reinen Aether anbetende Heilige, in der Entzúdung einer Vision, die Annäherung der Himmelskönigin, die, umgeben von einer Schaar heiliger Bußerinnen; im Sternenfranze heranfdwebt. Vereinigt flehen diese zu der Gebenedeyten um Verzeihung und Gnade für die junge Seele, welche so eben die Bande des Irdischen abgestreift hat. Unter den Fürbittenden erscheint auch Grets chens verklärte Gestalt und wird auf ihr Flehen von der Mater gloriosa als Leiterin und Führerin des Geliebten zu höheren Sphåren ausersehen. Anbetung der Heiligen und ein mystischer Chorgesang schließen das wunderbar schöne Ganze, das im mittelalterlichen, christlichs kirchlichen Sinne gedacht, in seinen Einzelheiten mit der innigsten Zartheit und Tiefe ausgeführt ist. Der Chor der heiligen Anachoreten preist die Heiligkeit des erhabenen Ortes, welche von den Naturfråften selbst symbolisch durch ihr gesammtes Hinanstreben zu bemselben, und durch den Wiederhal. der Echo verherrlicht zu werden scheint. Der auf- und abschwebende Pater Ecstaticus haucht dann die heiße Liebessehnsucht seiner Brust zum Göttlichen, im Gefange aus, und fleht um Läuterung seines Wesens durch Schmerz und Qual. Wenn Goethe fich bei dieser Figur, und bei den folgenden, ganz bes ftimmte geschichtliche Individualitåten gedacht hat, wie nicht zweifelhaft erscheint, obgleich die Frage auch verneint worden ist

, fo durften es nur die, für die Entwickelung und Gestaltung des mittelalterlich kirchlichen Les bens bedeutendsten seyn, und deshalb scheint die Deutung des Pater Ecstaticus auf den heiligen Antonius, den Einsiedler, den Mitstifter des Klosterlebens, der im Jahr 356 starb, so wie die Beziehung des Pater profundus auf Bernhard von Clairve aur (clara vallis), den Stifter des Cistercienserordens (+ 1153), und die des Pater Seraphi

cus auf den heiligen Franciscus von Affifi, den Stifter der Frans cisfaner (+ 1226), den Vorzug zu verdienen vor jener andern Auslegung, welche den ersten dieser Våter auf Johann Roysbrody, den Prior des Klosters Grünthal bei Brüffel (1381), den zweiten auf Thos mas von Bradwardyne, Erzbischof von Canterbury († 1349), und den dritten auf Johannes 'Bonaventura, den General des Franciskanerordens (+1274), deutet. Eben so ist unter dem Doctor Marianus wohl der berühmte Scholastifer Johannes Duns Scotus (+ 1308) gemeint, dessen Beiname Marianus fich auf feine Vertheidigung der unbefledten Empfängniß der Maria bezieht; obgleich er irrthümlich mit dem, lichottischen Mönch und Chronikenschreiber Marianus Duns Scotus, der um die Mitte des 1lten Jahrhunderts lebte, verwechselt wors den ist. Die Betrachtungen des Pater profundus, der vom Dichs ter (vielleicht mit Anspielung auf die Vorliebe der Bernhardiner; fich in Thålern anzusiedeln) in die tiefere Region des Gebirgesi detlegt wird, haben die allmächtige Liebe zum Gegenstande, welche überall , die Natur bildend durchdringt, den Wasserfall vom Felsen herabstürzen låßt, um das Thal zu wåffern, den: Bliß entzündet, um die Luft zu reinigen; und daran knüpft sich ein Gebet um Entzündung und Ers leuchtung des falten, lichtbedürftigen Innern. + Der Pater Seraphicus aber, in der mittlern Bergregion, erblickt im Morgenhanche ein Wólfchen heranschweben, dessen Inneres die Geifter feliger, 'bald nach der irdisden Geburt verstorbener Knaben einschließt, deren zarte, uners fahrene Unschuld von ihm Belehrung über fich selbst und die Umgebung begehrt. Er nimmt fie in fich, und sie sdauen, durch feine Drgane belehrt, die Außenwelt an. Doch bald entlåßt er fte wieder auf ihr Verlangen, und fie freisen, fich in höhere Regionen erhebend, um die höchsten Gipfel des Gebirges. Ihnen naht fich der Engelchor, Fauftens Unsterbliches tragend, und jubelnd die Strophen fingend; in denen nach des Dichters eigner Aeußerung (f. Edermann's Gespr. II, 348) der Schlüssel zu Fausts Rettung enthalten tft, in Uebereinstimmung mit der christlich - religiösen Idee, daß der Mensch nicht durch eigne Kraft allein felig werde, sondern durch die sich erbarmende gotttiche Gnabe. Aber noch ist die gerettete Seele nicht ganz geläutert von allen irdischen Elementen und wird daher von den Engeln der feligen Knabenschaar übergeben, um von allen Flocken des Irdisdhen gereinigt zu werden. Während dieser Vorbereitung zu höherer Geister Gemeinschaft schaut der in der höchften, reinlichsten Zelle des Berges anbetende Heilige die glänzende Himmelskönigin, umgeben von einem Chor heiliger Bußerinnen, und ruft fte fürbittend um Gnade und Ver

zeihung für die sdwadzen, leidyt verführbaren Seelen an. In gleichem Sinne flehen für. Gretchens Seele, die auch imter den Bußenden einhers schwebt, Maria Magdalena, die Samariterin und die Aegyptis sche Maria. Die Beziehungen auf das leben der beiden erstern sind aus dem Evangelium Lucå 7, 36 und aus dem Evangelium Johannis 4 bekannt; weniger wohl die Geschichte der Aegyptischen Maria, welche nicht in der Bibel, sondern in den Actis Sanctorum Tom. I, pag. 67 -90, beim 2ten April, mitgetheilt wird, und deren Inhalt, so weit er zum Verständniß der vorliegenden Verse nothwendig ist, folgendermaßen lautet: Maria war in ihrem 12ten Jahre ihren Aeltern entlaufen und führte nun 17 Jahre lang in Alerandria den sündhaftesten Lebenswandel. Als zum Feste der Kreuzerhöhung in Jerusalem eine große Wallfahrt aus Aegypten dahin ftattfand, schloß fie fich derselben an, wurde aber, als sie in den Tempel eintreten wollte, von einer uns sichtbaren Gewalt zurůdgehalten, bis sie sich vor dem Muttergottesbilde zur Buße wandte. Eine Stimme gebot ihr, über den Jordan in die Wüste zu ziehen. Sie gehorchte willig, und brachte 47 Jahre reuig búßend in der Einóde zu. Dort traf der heilige Zosimas fie mehrmals, und ertheilte ihr das heilige Sacrament. Sie wollte ihm ihren Namen nicht entdecken; als er aber zum drittenmale fie aufsuchyte, fand er fte todt. Sie hatte ihren Namen und ihr leßtes Anliegen 'um Bestattung und Fürbitte in den Sand geschrieben. Als Zosimas sie beerdigen wollte, fam ein Löwe heran und grub ihr mit seinen Taßen die Ruheståtte.

Mit den Bitten jener drei heiligen Bůßerinnen zur Gottesmutter vereinigt auch Gretchens verklärte Seele die ihrigen, daß es ihr vergönnt seyn möge, den nun von allem Frdischen geläuterten Geist des Jugendgeliebten in die neue Seligkeit einzuführen und zu belehren. Ihr Flehen, dem die Himmelskönigin Gewahrung (denkt, erinnert in seinem Anfang mild versöhnend an jenes frühere Gebet (Th. I, S. 189) vor dem Bilde der Mater dolorosa, doch hat sich die Erdennoth jest in himmlisches Glück verkehrt. Auf dem Angesicht anbetend, preist der Doctor Marianus die rettende Huld, fordert zu Anbetung, Buße, Dank und Frömmigkeit auf, und der mystische Chor am Schluß feiert die Wunder des Himmelreichs, durch welche alle Råthsel geloft, das Jrdische ergänzt, alle Verheißungen erfüllt, die Versöhnung des Endlichen und Unendlichen vollzogen fey. Und zu diesen göttlichen Himmelsfreuden herangebildet und gezogen werde die mensdliche Seele durch das ewige Ideal der reinen, vollkommenen Weiblichkeit. Ein

får des Dichters zarte, tiefsinnige Sinnesweise höchst bezeichnender Ges danke, den er auch in einer Aeußerung (bei Riemer Mittheil. II, 713) dargelegt hat, wo er bekennt, daß er das Ideale nie anders als unter der Form des Weiblichen habe begreifen können, welchem aber hier, durch seine Stellung am Soluß der bedeutendsten Dichterschöpfung des Goethe'schen Geistes, noch ein ganz besonderes Gewicht beigelegt werden muß.

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