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Der Absicht, nadden vorausgeschicten allgemeineren Betrachtungen auf das Einzelne einzugehen, bietet sich zunächst die schöne Zueignung dar. Sie ist, wie die ersten Zeilen andeuten, damals verfaßt zu denken, als der Dichs ter nach långerer Unterbrechung die früh begonnenen Anfånge des Faust wieder aufnahm, und den ersten Theil so weiter auszuführen fich ansdidte, wie er jeßt vorliegt. Das geschah in dem Jahre 1797. Sie steht aber erst vor der Ausgabe vom Jahre 1808, bei deren Redaction Goethe indeß Riemern versicherte, daß diese Stanzen schon sehr alt seyen, und ihre Entstehung feineswegs, wie manche zu glauben schienen, den Tribulationen der Zeit verdankten, mit denen er fich auf eine lustigere Wetse abzufinden pflege; s. Riemer's Briefe von und an Goethe, desgleichen Aphorismen und Brocardica. Leipzig 1846. 8. S. 323 fg. Jedenfalls sind die wehmüthig ernsten Gefühle bei Erinnerung an eine fernabliegende, schöne, reiche Vergangenheit in unnachahmlicher Einfachheit mit mildem, vollendetem Redezauber in diesen weichen Dctaven ausgesprochen. Goethe theilte in Kunst und Alterthum Bd. IV, Heft 2, S. 77 eine englische Ueberseßung dieser Zueignung mit, ohne den Verfasser zu nennen. War es etwa Melid (. Goethe's Werke Bd. IV, S. 115), der auch im Mai 1798 die Uebertragung von Hermann und Dorothea vollendet hatte? (S. Goethe an Schiller den 2. Mai 1798, Th. IV, S. 186.)

Bei dem nun folgenden Vorspiele auf dem Theater ist auf das bereits Mitgetheilte zurück zu verweisen. Es vergegenwärtigt uns den Zustand einer umherziehenden, auf Märkten und freien Plåßen, in Städten und Flecken aufgeschlagenen Bretterbühne, eines wandernden Theaters. Die Schauspieler sollen, wie es scheint und wie fichs geschichtlich nicht anders findet, aus der Fremde kommend gedacht werden, denn darauf deutet wohl im dritten Verse der Ausdruk: „in deutschen Landen“. Inter der lustigen Person ist natürlich der Handwurst verstanden, dem im Stúde felbft nur die Rolle des Mephistopheles (des Schalks) zuges wiesen werden kann, zumal da er auch im Vorspiel schon ganz in des

Mephisto Weise fich vernehmen låßt und am Schluß des Vorspiels sehr entschieden zur Mitwirkung aufgefordert wird. Der Dichter, wenn er überal im Stücke auftretend zu denken ist, spielt den Faust. Wenn Goethe den Dichter über seine entschwundene Jugend flagen låßt: ,,So gieb mir auch die Zeiten wieder“ u. f. w., so dachte er dabei an sich selbst und fein vorgerůctes Mannesalter, und dennoch hat er noch in dem Masfenzuge am 18. Decbr. 1818 in Weimar den Mephistopheles dargestellt (s. Werke Bd. IV, 81 u. 53 fg.). Wann ungefähr die Zeit der Darstellung vom Dichter gedacht sen, geht nicht allein aus dem 3. Verse, sondern auch aus dem 14., dem ,,foredlich viel gelesen" und besonders aus der spåtern Erwähnung der ,, Journale". hervor. Obs gleich die ersten fümmerlichen Anfänge des Zeitungswesens in Italien, England und Deutschland zu Ende des 16. Jahrhunderts fallen, so blieb doch ihr Einfluß und ihre Verbreitung felbft während des ganzen 17. Jahr: hunderts noch unbedeutend und die eigentlichen Zeitungen ftehen höchst vereinzelt da und waren weder allgemein verbreitet und gelesen, noch war ihr Inhalt von Bedeutung und von Einwirkung auf den Geift der Zeit. Erst im vorigen Jahrhundert hat sich allmählich ihre Bes deutsamfeit gesteigert und ist erst seit der französischen Revolution zu der vielföpfigen Hydra angewachsen, der man alle Tage die Köpfe abs reißt, ohne sie gewältigen zu können. Wenn also der Journallectüre im Faust Erwähnung geschieht, so verseßt uns auch dies in eine verhältnißmåßig sehr neue Zeit, etwa an den Anfang des vorigen Jahrhunderts, ehe sich nod; stehende Bühnen in Deutschland zu bilden ans gefangen hatten. Diese mehr oder minder bestimmte Färbung durch Zeits und Ortsgenauigkeit, diese Berücksichtigung gesdichtlicher Wahrheit findet sich bei Goetle durchgängig. Seine Gebilde schweben nicht bodenlos und unsicher in der Luft, sondern gründen sich überall auf den his storischen Entwickelungsgang der Nationen und deren Eigenthúmlichkeit.

Das Stůd selbst nun fou als eine Improvisation gedacht werden, wie sie bei den wandernden Volfsbühnen oft stattfand. Der Director sagt ausdrücklich: „Sie sißen schon mit hohen Augenbraunen gelaffen da", und ferner: ,,Drum fchonet mir an diesem Tag" u.s. W. Der Dichter fann also nur den Gang des Stücks und die Situationen angebend gedacht werden, so daß die Ausführung den einzelnen Acteuren überlassen bliebe. – Nun also beginnt der Prolog im Himmel, der unten mit Wolfenbecoration, mit Sonne, Mond und Sternen darüber, mit dem Gottesthron, den Erzengeln und himmlischen Heerschaaren, der Phantasie ein Bild giebt, wie man es auf alten Gemälden oft dargestellt finden. Auch eine Musik als Duvertüre soll vorausgehend ges dacht werden, um die Harmonie der Sphåren zu versinnlichen. Darauf

deuten die ersten Worte des Erzengels Raphael. Zu denen des Gabriel mag die Bemerkung vergönnt seyn, daß gerade zur Zeit des wirklichen Faust, die ja hier vergegenwärtigt erscheinen soll, vom Copernicus (geb. 1473) die Bewegung der Erde um die Sonne entdeckt und gelehrt wurde, während ja bisher der Glaube, daß die Erde ruhe, allgemein verbreitet war; daß jedod, dem Engel eine richtige Erkenntniß darüber ohnes hin zugeschrieben werden mußte, oder daß eine solche historische Prolepsis dem Dichter gar wohl verstattet werden módyte. – Die nun folgende Annäherung des Mephistopheles an den Gottesthron, welche in mancher Beziehung, wie oft bemerkt, an den Satan im Buche Hiob V. 6 er: innert, der auch unter den Kindern Gottes an dessen. Thron erscheint (f. darüber Goethe’s eigne Aeußerung bei Edermann Gespr. I, 192), beweist zunächst, daß er unter den vielen Geistern, mit welchen die Phantaste des Volfs die ideale Welt bevölkert hat, hier als ein schalfischer Dåmon gezeichnet ist, der sich zur Person Gottes wie ein Hofnarr zu seinem Kaiser verhålt. Einem solchen warð selbst in seinen Ingezogenheiten Nadsicht gewährt, und manch freies Wort war ihm erlaubt. Sagt doch auch Gott: „Von allen Geistern die verneinen ist mir der Schalk am wenigsten zur Last". In den legten Worten des Mes phistopheles, am Schluß des Prologs, bezeichnet dieser sich auch keiness wegs, wie es allerdings sdeinen könnte, als den einzigen Teufel, den Teufel im Firdlichen Sinne, sondern ,,dem" steht für ,,einem" und wird nur gebraudyt, weil Mephistopheles sich selbst darunter versteht. Nåmlich: Mit einem Teufel wie ich doch einer bin; mit mir, dem Teufel. Vorzüglich muß man dabei das Wort ,selbft" richtig verstehen, welches für „fogar" gebraucht ist. Wer dennoch zweifeln wollte, ob Goethe sich den Mephistopheles so gedacht, den muß die Stelle im II. Theile, Act IV, S. 282: „Ich werd' euch bei dem hohen Meister loben“, ganz entschieden überzeugen, wenn auch dagegen Th. II, S. 337 Mephistopheles selbst von den Engeln ,, der alte Satans-Meister" genannt wird, unter Bezugnahme auf seine S. 332 geschilderte Verzweiflung.

Wenn Goethe den Herrn ganz findlich und anthropomorphistisch schils dert, so hat er dabei sehr wohl erfannt, daß jede andere Darstellung desselben unmöglid), daß die erhabensten Dichter, wie Menschen und Vólfer im Vergleich zu dem unerfaßlichen Wesen immer Kinder bleiben, und daß die einzige dichterisch und zumal dramatisch zulässige Art der Behandlung durch ein Anschließen an die Vorstellungen des Volfsglaubens bedingt wird. Durch die, nun zwischen Gott und dem Mes phisto geschlossene Wette erhålt das Ganze eine eigenthümliche großartige Erhabenheit und beruhigende Kraft. Die schönen Worte des Herrn: „Wenn er mir jeßt aud nur verworren dient" u. s. w., lassen unstreitig

erkennen, daß das irdische Leben als eine Durchgangsperiode gefaßt und dargestellt werden soll, in welcher Verirrungen des Menschen als natürlich, ja unvermeidlich erscheinen, und Rettung und Seelenheil nidht ausídließen.

Beim Beginn der eigentlichen Tragödie nun erbliden wir den Doctor Faust, der seit 10 Jahren bereits Professor der Universitåt ges wesen, am Abend vor Ostern in seinem Museum oder Studirzimmer. In Bezug auf Faust's Genealogie muß hier bemerkt werden, daß Goethe, ganz abweichend von allen Faustbüchern, welche den Faust als einen Sohn armer, frommer Bauersleute einführen, den Vater als praktischen Arzt an derselben Universitätsstadt leben läßt. (Vgl. Faust’s Worte: „Du alt Geråthe, das ich nicht gebraucht, du stehst nur hier, weil dich mein Vater brauchte"; und spåterhin die Worte des alten Bauern: ,,Den euer Vater noch zuleßt der heißen Fieberwuth entriß“; besonders aber die Charakteristik (S. 58): „Mein Vater war ein dunkler Ehrenmann" u. f. w.) Faust hat die Tiefen menschlicher Wissens schaft durchmessen, die hödyften Ehren in allen 4 Facultaten erlangt, ohne Befriedigung seines Erkenntnißdranges gefunden zu haben, und er fühlt, da er eingesehen zu haben glaubt, daß alle Bücherweisheit und Gelehrsamkeit Gespinnste des menschlichen Hirnes sind, die den Kern der Dinge, die Wahrheit nicht erreichen, erschöpfen, aussprechen, das lebs hafteste Bedürfniß, mit der Natur in die unmittelbarste Berührung zu treten, und hofft jeßt, daß es ihm gelingen werde, durch Hülfe der Magie mit ihrem innersten Geheimnisse vertraut zu werden und so das ungeftume Verlangen seiner Seele zu ftillen. Wie fünstlerisch ges shift sind hier vom Dichter die Ueberlieferung der Sage, das Geheimnißvolle einer veralteten Magie, mit deren Zauberformeln fidh Goethe einst zu Frankfurt, nach seinem Aufenthalte in Leipzig, ehe er die linis versitåt Straßburg bezog, im Winter 1768/1769 angelegentlich beschäftigt hatte (f. Wahrheit und Dichtung, Werfe Bd. XXV, 200 fg.), die hiftorifdhe Fårbung jener hingeschwundenen mittelalterlichen Zeit, und die rein menschlichen, in jeder edlen Menschenbrust, in jedem strebenden Menschengelfte waltenden und ringenden Gefühle und Regungen in einander geflochten! Durch diese legteren Beziehungen wird das Ganze jedem Leser der Gegenwart so nahe gerůdt; dem unklar ins Algemeinste strebenden Jünglinge, den unbestimmte Sehnsucht noch ganz beherrscht, wie dem erfahrungsreichern besonnenen Manne, der unbefriedigt und schiffbrüchig, vou Ueberdruß am Weltwesen und den kleinlis dhen erbårmlichen Conflicten mit der Außenwelt auch den Faust im eignen Busen beherbergt. Nachdem Faust seinen jeßigen unseligen Zustand verwünscht, seine Sehnsucht nach Freiheit und Naturleben auss gesprochen, ergreift er des Nostradamus råthselhafte Schrift und bes

ginnt die Beschwörung der Geister aufs Neue, der Geister, die er schon so oft an sich heranzuziehen versucht hat. Nostradamus war der latinisirte Name des Franzosen Michael Notre Dame, der, von jüdischer Abstammung, im Jahr 1503 zu St. Remy in der Provence geboren, 1566 zu Salon verstarb. Er war Arzt und Astrolog, und schrieb Prophezeihungen in gereimten Quatrains, unter dem Namen Centurien, die durch ihre mystisdhe Dunkelheit großes Aufsehen erregten. Die ålteste Ausgabe ersdien zu Troyes, bei Pierre Chevillot, l'imprimeur du roi, unter dem Titel: Les prophecies de M. Michel Nostradamus. Am Schluß der Vorrede steht die Jahrszahl 1555. – Eine zweite Ausgabe 1556 zu Avignon. Spåter erschienen: Les prophecies de Michel Nostradamus. Lyon 1558. 8. in 4 Centurien; und vollståndiger: Les prophecies de Michel Nostradamus. 1568. Lyon, in 10 Cens turien. Noch spåter : Les vrayes centuries et propheties avec la vie de l'auteur. Amsterd. 1668. 12. Sowohl bei dem König Heinrich II. und dessen Gemahlin Catharina von Medicis, als auch bei Carl IX. galt Nostradamus sehr viel, und war der Leibarzt des leßtern. Vgl. Nostradamus Lebensbeschreibung in Adelung’s Geschichte der menschlichen Narrheit 1789. Th. VII, S. 105-164, und in der Biographie universelle. Paris 1822. tome 31, p. 400. Seine Prophezeihungen, die im Jahre 1781 noch vom Papste verboten wurden, weil der llntergang des Papstthums darin geweissagt wird, haben auch in unsern Tagen wieder Aufsehn erregt, und die Pariser haben die Ereignisse der Julirevolution darin vorausverfúndet erblickt, nadidem fie stattge: babt. Die in W. E. Weber's Sdrift über Goethe's Faust, S. 73, bemerkte dhronologische Ungenauigkeit, daß Goethe hier den jüngern Nostradamus zum åltern Zeitgenossen des Faust zu machen sdeine, welche dem Dichter ohnehin nicht zum Vorwurf gereichen würde, braudit aber nicht nothwendig angenommen zu werden; denn da Faust nach Widman erst etwa um 1549 starb, so konnte er gar wohl im handsdriftlichen Befig der Prophezeihungen feyn; und Goethe gebraucht ja auch den Ausdruck: „Von Nostradamus eigner Hand". Die Worte: „Die Geifterw elt ist nicht verschlossen, dein Sinn ist zu, dein Herz ist todt; auf, bade, Schüler, unverdrossen die ird's dhe Brust im Morgenroth!" scheinen rhythmische Nebertragung aus dem Nostradamus (f. die an seinen Sohn gerichtete Vorrede zu den Centurien) und beziehen sich offenbar auf das fogenannte Crepusculum matutinum (Morgendämmerung), welches auch im Volfsbuche vom Faust erwähnt wird. Dort heißt es: Fauft habe sich auf die aberglåubisden Charakteres gelegt und an hohen Festtagen, wann die Sonne früh Morgens aufging, das sogenannte Crepusculum matutinum gebraucht, wozu die üble Conversation mit leichts

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