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Wolke zum Fliegen benutzt. Aber merkwürdig ist sein Aufsteigen aus dem Meere. GUNKEL (zu IV Esra 1352) meint: »Wenn der Stoff mythologischer Art ist, so liegt der Gedanke an einen Gestirngott nahe, der aus dem Meer auftaucht, zum Himmelsberg emporsteigt, seine Feinde mit seinen glühenden Strahlen verbrennt und dann sein Friedensreich stiftetc. Zunächst ist so scharf wie möglich zu betonen, daß hier im IV Esra von einem Gestirngott nicht mehr die Rede sein kann. Denn wenn der Sonnengott auch aus dem Wasser emporsteigt, so wird er doch niemals durch einen Sturmwind daraus heraufgeführt. Noch weniger reitet er auf der Wolke oder schlägt sich einen Berg los. Eine andere Frage ist die, ob die dem eschatologischen Menschen zu Grunde liegende, außerjüdische Gestalt ein Sonnen- oder überhaupt Gestirngott war. Diese Möglichkeit soll nicht geleugnet werden, weil es sich auch im IV Esra (wie im Daniel) um ein Lichtwesen handeln muß. Aber ein strikter Beweis ist nicht vorhanden. Das Aufsteigen aus dem Meere, das überdies nur einmal erwähnt ist und nicht ganz mit dem Fliegen auf den Wolken sich reimen läßt, würde sich auch erklären, wenn dieser Zug sekundär und erst von den Tieren (Dan 72f.) entlehnt ist, die durch vier Winde aus dem großen Meere aufgestört werden. Wir würden dann, wie so oft in der Apokalyptik, eine Vermischung zweier Traditionen annehmen müssen.

Jedenfalls aber haben wir eine feste Überlieferung vor uns, die nicht erst von dem Verfasser des IV Esrabuches geschaffen sein kann, die vielleicht schon ihm in verdunkelter Gestalt vorlag. Wir lernen in seiner Eschatologie einen himmlischen Heros kennen, der dieselben Funktionen ausübt, die nach der prophetischen Eschatologie von Jahve verrichtet werden. Beachtenswert ist die verschiedene Nüanzierung in der Auffassung von der Aufgabe des eschatologischen Menschen, die uns hier an manchen Stellen entgegentritt. Während in der Vision Esras das Amt des Weltrichters im Vordergrund, das des Welterlösers im Hintergrund steht, so ist es in der Deutung grade umgekehrt. Das Richten fehlt zwar nicht, aber es verschwindet hinter dem Erlösen. Im Wesen des Menschensohnes sind also beide Seiten vereinigt; je nach der Stimmung wird bald auf die eine bald auf die andere das Hauptgewicht gelegt. Aus

dem Buche Daniel konnten wir nur feststellen, daß der Mensch als Weltherrscher angesehen wurde. Jetzt können wir ergänzend hinzufügen, daß er nicht nur Weltherrscher, sondern auch Weltordner, Welterlöser und Weltrichter ist. Gott selbst zieht sich völlig zurück, er wird immer transzendenter und überläßt alles, was mit der Welt zu tun hat, seinem höchsten Engel, dem Menschen.

So tritt die eschatologische Gestalt der Apokalyptik in immer deutlicheren Umrissen hervor. Wie sehr die Schilderung Daniels sich auch decken mag mit derjenigen Esras, so ist doch ohne weiteres klar, wie sehr diese zugleich über jene hinausragt. Von einer Weiterentwicklung danielischer Gedanken kann keine Rede sein, sondern nur von einer Ergänzung fehlender Glieder, von der Ausfüllung einer lückenhaften Überlieferung, ohne daß freilich alle Rätsel gelöst, alle Fragen beantwortet würden. Vor allem ist noch immer die Entstehung der Gestalt des Menschen selbst in tiefes Dunkel gehüllt. Die Figur ist vollkommen fertig, wo sie das Licht der Geschichte erblickt. Obwohl es sich um ein himmlisches, engelhaftes Lichtwesen handelt von so gewaltiger Größe, daß Prädikate und Eigenschaften Gottes ihm beigelegt und göttliche Funktionen von ihm verrichtet werden, wird es dennoch beschrieben wie ein Mensch. Zwar gilt dasselbe von dem Gotte Ezechiels (126), sodaß seine gleichsam göttliche Natur nicht geleugnet werden kann, aber der Name dieser eschatologischen Gestalt ist eben nicht Gott, sondern der Mensch. Denn das Pronomen ille oder ipse (homo) ist weiter nichts als der (aramäische) Artikel.

§ 35. Der »Mensch« im Henochbuche. Von den äthiopischen Namen des Menschensohnes können wir absehen, da sie nicht originell, sondern nach einer fremden Sprache gemodelt sind. Auch hier ist zu betonen, daß das Pronomen dieser oder jener, wie gewöhnlich übersetzt wird, nur den Artikel vertritt. Der zu Grunde liegende Terminus lautete hier wie im IV Esra xv na der Mensch, und nicht etwa ein Mensch, was aus der Beschreibung wie ein Mensch gefolgert

1. Um sich davon zu überzeugen, lese man ein beliebiges Stück, 2. B. c. 67 FLEMMING.

werden könnte. Für Daniel läßt sich diese klare Benennung zwar nicht belegen, sie muß aber vorausgesetzt werden, da der Christusmensch des Henochbuches ebenso wenig wie der des IV Esra im Anschluß an die Danielstelle entstanden sein kann. Alle drei schöpfen vielmehr aus derselben Quelle, aus der gemeinsamen apokalyptischen Überlieferung.

461 heißt es, zunächst in Übereinstimmung mit Dan. 7: Und daselbst sah ich einen, der hatte ein Haupt der Tage, und sein Haupt war weiß wie Wolle; und bei ihm war ein anderer, dessen Gestalt hatte das Aussehen eines Menschen, dann aber fährt Henoch fort: und sein Antlitz war voll Anmut gleich dem eines heiligen Engels. Aus der Schilderung Daniels und Esras schlossen wir, daß es sich um ein himmlisches, engelgleiches Lichtwesen in menschlicher Gestalt handeln müsse. Hier wird ausdrücklich bestätigt, daß es, obwohl den Menschen, dennoch auch den Engeln ähnlich sei.

Im Anschluß an Dan. 7 vermuteten wir ferner, daß der Heilige (des Höchsten) vielleicht ein Prädikat des bar ’naša gewesen sei. Im Henoch erhält er zwar nicht dasselbe Attribute wohl aber sachlich entsprechende Epitheta: der Gerechte (536), der Auserwählte (405. 453f. 492. 4. 513. 5. 526. 9. 536. 554. 615. 8. 10. 621), der Auserwählte der Gerechtigkeit und Treue (396). Seine Genossen heißen nicht nur die Gerechten oder die Auserwählten, sondern auch die Heiligen (501. 628).

Wie er im IV Esra als Sohn Gottes gedeutet war, so wird er im Henoch völlig analog als der Gesalbte (Messias, Christus) bezeichnet (4810. 524). Als solcher verrichtet er einmal wie im IV Esra die Funktionen des Weltrichters: Er tötet alle Sünder und Ungerechten mit der Rede seines Mundes (622), er wird die Könige und die Mächtigen aufscheuchen von ihren Lagern und die Gewaltigen von ihren Sitzen, und er wird die Zäume der Gewaltigen lösen und die Zähne der Sünder zermalmen. Und er wird Könige von ihren Thronen und aus ihren Reichen stoßen (464f.). Die Summe des Gerichts ward ihm, dem Menschensohn, übergeben, und er läßt verschwinden und vertilgt die Sünder vom Antlitz der Erde und die (Dämonen), welche die Welt verführt haben (6927). Ebenso vernichtet er den Azazel und seine ganze Sippschaft und sein ganzes Heer im Namen des Herrn der Geister (554). Zweitens ist der Mensch

nicht nur Weltrichter, sondern auch Weltherrscher. Wie ihm nach Dan. 7 Macht, Ehre und Herrschaft in alle Ewigkeit verliehen wird, so sitzt er nach dem Henochbuche auf dem Thron der Herrlichkeit (554, 625. 6927. 29), der ursprünglich dem Hochbetagten zukommt (473. 602. 622). Das Haupt der Tage gibt sein Regiment ab an den Menschen: Und der Herr der Geister hat seinen Auserwählten auf den Thron der Herrlichkeit gesetzt, und er wird alle Werke der Heiligen oben im Himmel richten, und ihre Taten werden auf der Wage gewogen werden (618). Und der Auserwählte wird in jenen Tagen auf meinem Throne sitzen, und alle Geheimnisse der Weisheit werden den Gedanken seines Mundes entströmen; denn der Herr der Geister hat es ihm gegeben und hat ihn verherrlicht (513). Fortan rufen alle Engel mit einer Stimme: Gepriesen sei er, und gepriesen sei der Name des Herrn der Geister immerdar und bis in Ewigkeit (6111). Anderswo wird der Auserwählte ebenfalls vor dem Herrn der Geister genannt: Es werden niederfallen vor ihm (dem Menschensohne) und anbeten vor ihm alle, die auf Erden wohnen, und sie werden preisen, rühmen und lobsingen dem Herrn der Geister (485). Was wir schon aus Daniel und deutlicher aus IV Esra gelernt haben, wird hier noch einmal in voller Schärfe zum Ausdruck gebracht: Gott wird gänzlich transzendent und tritt zurück, während der Christusmensch als Weltrichter des alten und als Weltherrscher des neuen Äons in den Vordergrund tritt.

So weit reicht die Übereinstimmung mit Daniel und IV Esra. Im Buche Henoch kommen einige neue Züge hinzu, die wir bei jenen entweder gar nicht oder nicht klar ausgesprochen finden. Dahin gehört vor allem die Präexistenz des Menschen. Bevor die Sonne und die Zeichen geschaffen wurden, bevor die Sterne des Himmels gemacht wurden, ist sein Name vor dem Herrn der Geister genannt worden (483). Sein Name heißt seine Person, wie aus 701ff. hervorgeht: Und darnach geschah es, daß sein (Henochs) Name bei seinen Lebzeiten zu jenem Menschensohne und zu dem Herrn der Geister erhöht wurde, hinweg von denen, die auf Erden leben. Der Mensch ist also das erstgeschaffene, vor aller Welt existierende Urwesen. Da er sich durch Gerechtigkeit und Treue ausgezeichnet hat (396), so ist er dem entsprechend belohnt worden.

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Menschensohn, der die Gerechtigkeit hat und bei dem die Gerechtigkeit wohnt, und der alle Schätze des Verborgenen offenbart, weil der Herr der Geister ihn auserwählt hat, und dessen Los vor dem Herrn der Geister den Sieg davongetragen hat durch Gerechtigkeit in Ewigkeit (463). Um seiner Gerechtigkeit willen ist er auserwählt und verborgen worden vor ihm, ehe die Welt geschaffen wurde und bis in Ewigkeit (486). Seine Herrlichkeit währt von Ewigkeit zu Ewigkeit, und seine Macht von Geschlecht zu Geschlecht. Und in ihm wohnt der Geist der Weisheit und der Geist, der Einsicht verleiht, der Geist der Lehre und der Kraft (49 2f.). Er wird für die Gerechten ein Stab sein, daß sie sich auf ihn stützen und nicht fallen (484). Weil er gerecht ist, darum eignet er sich vor allem zum Weltrichter.

Seit Ewigkeit präexistent, ist der Mensch von Anfang an verborgen (627) und beherrscht alles Verborgene (626). Wo haben wir uns das Verborgene zu denken? Der Engel, der den Henoch führt, zeigt ihm, was im Verborgenen ist: das Erste und das Letzte, im Himmel hoch oben und unter der Erde in der Tiefe, an den Enden des Himmels und an den Grundfesten des Himmels (6011). Da der Apokalyptiker den Menschen beim Herrn der Geister sieht, so kommt die Gegend unter der Erde nicht in Betracht. Nur der Himmel kann der Ort sein, wo der Mensch verborgen wird. Genauer ist es vielleicht da, wo die Wohnungen der Heiligen und die Ruheplätze der Gerechten sind (395f.), wo die Erzväter und die Auserwählten von uralten Zeiten her weilen, wohin auch Henoch entrückt wird (701. 4), wo die Quelle der Gerechtigkeit, umgeben von vielen Quellen der Weisheit (481f.) und wo der Garten des Lebens (61 12) liegt. Dort ist der Mensch vor dem Herrn der Geister verborgen, um erst am Ende der Tage offenbar zu werden. Nur einigen Auserwählten ist er bereits bekannt (487. 627). Frommen Männern wie Henoch war es schon in diesem Leben vergönnt, auf ihren Himmelsreisen ihn zu schauen, die Patriarchen und heiligen Urväter sind gleich nach ihrem Tode zu ihm entrückt (70), aber in die Erscheinung tritt er erst nach dem Verlauf dieses Äons, um die Gerechten zu belohnen und die Gottlosen zu strafen und dann an der Stelle des Herrn der Geister die Weltherrschaft zu übernehmen.

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