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dankens nicht nur wegen der sprachlichen Fassung, sondern auch wegen der inhaltlichen Bedeutung wichtig werden für den, der weiß, daß Worte und Ausdrücke einmal ein lebendiges Dasein geführt haben, und der im stande ist, ihnen dies ursprüngliche Leben wieder einzuhauchen. Es wird also unsere Aufgabe sein, bei jeder einzelnen eschatologischen Idee nicht nur auf den Sinn zu achten, den sie an den überlieferten Stellen hat, sondern auch darauf, ob sich aus der Tradition noch eine dahinter liegende, ältere Stufe erkennen läßt.

Dazu kommt ein weiteres wichtiges Hilfsmittel. Häufig wird bei einem späteren Schriftsteller ganz klar das ausgesprochen, was wir bei einem früheren nicht ausdrücklich genannt, wohl aber vorausgesetzt finden. In solchen Fällen ist es ein Recht und eine Pflicht des Exegeten, beide Äußerungen mit einander zu kombinieren und früher Geschriebenes durch später Bezeugtes zu illustrieren und zu erklären. Von dem Irrtum, als ob Ideen stets erst dann entstanden seien, wenn sie zum ersten Mal in der Literatur auftauchen, muß man sich frei zu machen suchen. Es ist GUNKELS Verdienst, diesen Gedanken immer wieder energisch betont zu haben. Als Methode fordert er speziell in diesem Falle, »die ihrem Ursprung nach oft fast unkenntlichen altprophetischen Schilderungen aus den viel deutlicheren spätprophetischen und apokalyptischen zu verstehen«1. Das ist freilich ein gefährlicher Weg, aber bei vorsichtigem Forschen wird es mitunter möglich sein, Rückschlüsse aus späterer Überlieferung auf frühere Traditionen zu machen. Wo die Verwandtschaft auf der Hand liegt und wo älteres unverstandenes Gut nur durch jüngere Zeugnisse einleuchtend erklärt werden kann, wird sich gegen das von GUNKEL vorgeschlagene Verfahren nichts einwenden lassen. Wo dagegen starke Unterschiede vorhanden sind und wo die ganze Vorstellungswelt eine andere ist, tut man natürlich besser, eine Lücke unseres Wissens zu bekennen als sie in falscher Weise auszufüllen. Bei alledem ist die Chronologie genau zu beachten und über der sachlichen Verwandtschaft die zeitliche Entfernung nicht zu vergessen. Hält man sich diese Vorsichtsmaßregeln stets vor Augen, so

1. Forschungen, Heft I, S. 24.

darf man die apokalyptischen Anschauungen ebenso gut wie die Ideen fremder Völker zur Erläuterung heranziehen.

Großer Beliebtheit erfreut sich die religionsgeschichtliche Methode. Dies Wort hat neuerdings einen eigenen Klang gewonnen. Es bedeutet so viel wie: Erforschung des Einflusses der einen Religion auf die andere und des geschichtlichen Zusammenhanges verschiedener Religionen, Gewiß müssen diese Probleme einmal aufgeworfen und zu lösen versucht werden, aber mir scheint, daß die Zeit des Abschlusses noch lange nicht gekommen ist und daß alle bis jetzt aufgestellten Behauptungen in dieser Beziehung einen stark hypothetischen Charakter tragen, den man nie aus den Augen verlieren darf. Wie will man denn entscheiden, ob z. B. die israelitische Religion auf die persische oder umgekehrt eingewirkt hat, solange man beide so wenig kennt, wie es heute der Fall ist? Vorläufig ist und bleibt unsere Hauptaufgabe, die israelitische Religion für sich allein klarer herauszuarbeiten, und bei jeder einzelnen Aussage zu prüfen, ob sie in Israel selbst entstanden oder aus der Fremde gekommen sei. Denn das Alte Testament darf nicht isoliert werden, analoge Glaubensvorstellungen fremder Völker sind zur Erläuterung und Vertiefung des Verständnisses heranzuziehen, und je mehr das geschieht, um so besser werden wir das religiöse Leben Israels begreifen lernen. Wenn man diese Art der Forschung religionsgeschichtliche Methode nennen will, so mag man das tun, obwohl diese Benennung eine einseitige und unnötige Verengerung des viel weiteren Begriffes » Religionsgeschichte« voraussetzt.

In ebenso großem, wenn nicht noch größerem, Ansehen steht die psychologische Erklärung von Tatsachen. Ich bin weit davon entfernt, ihre Berechtigung leugnen zu wollen, aber sie hat sich selbst genügend diskreditiert, da sie voreilig oft an unrechtem Orte angewandt wird bei Dingen, die psychologisch weder verstanden werden können noch dürfen, und da sie durchaus nicht immer leistet, was sie verspricht. So legt z. B. HUHN gleich im dritten Paragraphen seines Buches seine Ansicht dar über die psychologische Entstehung der messianischen Weissagung, ohne vorher untersucht zu haben, ob der Stoff eine solche Deutung überhaupt verträgt oder nicht. Eine derartige Erklärung hätte er frühestens geben dürfen am Schlusse seiner

Arbeit und dann vor allem die Frage aufwerfen müssen, ob seine Ausführungen auch den Zweck erfüllen, zu dem sie gemacht sind.

Aus der Anwendung der philologisch-historischen Methode ergeben sich zwei Folgerungen, auf die ausdrücklich aufmerksam zu machen am Ende nicht überflüssig ist. Abgelehnt wird damit erstens jede allegorische Interpretation, mit deren Hülfe man eine Reihe alttestamentlicher Stellen messianisch >gedeutet hat. Die Allegorese, die aus der Stoa durch die Vermittlung Philos und des Hellenismus in die griechische Kirche übergegangen und durch die Jahrhunderte fortgepflanzt ist, hat früher ihr gutes Existenzrecht gehabt, da sie allein die Möglichkeit bot, über die durch die Bibel veranlaßten Anstöße hinwegzukommen. Ihr verdanken wir die Erhaltung eines Schrifttums, das man ohne sie hätte verwerfen müssen. In der modernen Wissenschaft hat, wie nicht weiter hervorgehoben und dargetan zu werden braucht, die allegorische Auslegung keine Stätte, obwohl sie faktisch noch lange nicht ausgerottet ist und selbst von Männern wie WELLHAUSEN und DUHM gelegentlich noch geübt wird. Aus demselben Grunde müssen wir zweitens betonen, daß Jesu Stellung zur Eschatologie und speziell zur messianischen Weissagung des Alten Testaments für uns nicht einfach maßgebend sein kann. Denn er teilte die exegetische Methode der Rabbinen und das allegorische Verständnis seiner Zeitgenossen, und darum ist es für uns oft unmöglich, seiner Auslegung alttestamentlicher Zitate zu folgen. Seine Worte kommen für uns nur dann in Betracht, wenn es gilt, seine eigenen Anschauungen über die Eschatologie festzustellen. Für die Beantwortung dieser Frage wird es gewiß von Wichtigkeit sein zu beachten, welchen Sinn er in einzelnen eschatologisch gedeuteten Versen der Schrift findet und wie er sie für seine Messianität wertet. Unsere Interpretation des Alten Testamentes aber darf ohne Rücksicht auf die seine gegeben werden, da unsere Methode prinzipiell von der seinen abweicht.

Man könnte nun versucht sein, die vorhandenen Quellen, so gut es geht, chronologisch bei der ältesten anfangend bis zur jüngsten herab durchzunehmen, aus jeder das eschatologische Bild herauszuheben und nachzuzeichnen. Bleibt man hierbei stehen, wie es Huhn in seinen messianischen Weissagungen ge

tan hat, so wird man ein historisches Verständnis nicht gewinnen, da man nicht entscheiden kann, ob etwas individuell oder typisch ist an den einzelnen Bildern. Erst wenn man sie zu einem Gesamtgemälde zusammenstellt und mit einander vergleicht, wird es möglich sein zu sehen, ob und wie weit sie übereinstimmen oder auseinander gehen und welche Ideen sie voraussetzen. Diese zweite Arbeit der ersten folgen zu lassen, wäre gewiß ein gangbarer Weg. Aber er wäre sehr beschwerlich und auf die Dauer ermüdend, da nicht nur mancher Zug des Gesamtgemäldes in den speziellen Bildern allzu häufig, sondern da auch der ganze Einzelstoff bei der Zusammenfassung noch einmal wiederkehren würde. Es dürfte sich daher empfehlen, den Stoff in erster Linie nicht nach chronologischen, sondern nach sachlichen Gesichtspunkten zu ordnen, ohne jene deshalb aus dem Auge zu verlieren, mit anderen Worten: bestimmte Ideen, wie sie sich aus der Natur der Sache und dem Gang der Untersuchung von selbst ergeben, herauszugreifen und im Zusammenhange mit den Mitteln der philologisch-historischen Methode zu behandeln. Wir vermeiden damit von vornherein einen gefährlichen Irrweg, das Einzelne nur in der Vereinzelung zu betrachten und so in ein falsches Licht zu rücken. Freilich wird man sich auf der anderen Seite vor dem Fehler hüten müssen, über dem Typischen und Regelmäßigen das vielleicht vorhandene Individuelle und Einzigartige zu übersehen.

Besonders zu warnen ist endlich vor dem Ausdruck »messianisch«, der hier und da noch üblich ist, obwohl er den gewaltigen Irrtum in sich birgt, als drehe sich die israelitisch-jüdische Eschatologie im Wesentlichen um den Messias, als sei sie ohne ihn undenkbar. Man wird, um solchen Mißverständnissen a limine vorzubeugen, gut tun, das beanstandete Wort auf diejenigen Partieen zu beschränken, in denen wirklich von einem Messias die Rede ist, aber im übrigen es lieber zu vermeiden und statt dessen »eschatologisch« zu sagen. Ebenso falsch ist es, von einem Gerichtstage« Jahves zu sprechen, da diese Vorstellung in älterer Zeit nur vereinzelt nachweisbar ist.

Erster Teil.

Die Unheilseschatologie.

§ 3. Die Jahvetheophanien. Bei Amos begegnet uns zum ersten Male der Ausdruck Tag Jahves (1777) Di), um ein bevorstehendes, für Israel unheilvolles Eingreifen seines Gottes zu bezeichnen (518ff.). Ohne uns den vollen Inhalt und die Bedeutung dieser Phrase klar zu machen, betonen wir vorläufig nur so viel, daß diese Benennung dann allein einen Sinn hat, wenn sie auf ein irgendwie wirkendes Handeln oder auf eine irgendwie geschehende Offenbarung Jahves sich bezieht. Aus dem Buche des Amos erfahren wir bei oberflächlicher Betrachtung nichts Näheres darüber. Dagegen sehen wir, wie der Glaube das Walten der Gottheit mit manchen Dingen, sei es gegenwärtigen, sei es zukünftigen, verknüpft und wie in vielen eschatologischen Weissagungen direkt Javetheophanien beschrieben werden. Wenn wir diese Dichtungen genauer untersuchen und die Vorstellungen erforschen, die in ihnen ausgesprochen sind oder die ihnen unausgesprochen zu Grunde liegen, so werden wir vielleicht im stande sein, uns ein lebendiges Bild davon zu machen, was der Israelit bei einem > Tage Jahves« sich dachte.

Überblicken wir die Gesamtheit der Gotteserscheinungen und Gottesschilderungen im Alten Testamente, so treten uns verschiedene Typen entgegen, die bald klar auseinander gehalten sind bald ineinander übergehen. Teils wird Jahve vornehmlich als Spender des Unheils teils als der des Heiles charakterisiert, teils wird sein Walten in der Geschichte teils

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