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bekannt gewesen, es wäre zweifellos ebenfalls in die Liste ägyptischer Eroberungen gekommen.

Ungeheuerliche, chauvinistische Prahlsucht der Ägypter daraus zu schließen, ist nicht ganz gerecht. Das würde mehr friegerischen Sinn vorausseßen, als sie besaßen. Die Priester der Spätzeit haben einmal von den in den alten Prunkinschriften erwähnten Länder- und Völkernamen sehr wenig mehr verstanden und sie unrichtig mit Namen des in der Perser-, Griechen- oder Römerzeit wesentlich erweiterten, geographischen Gesichtskreises identifiziert. So konnte denn in den bei den Ägyptern zu allen Zeiten sehr beliebten historischen Romanen (oder besser Märchen mit ein paar historischen Namen als Staffage), die ja ursprünglich keine Geschichte sein wollten (obwohl sie schließlich wie alles Derartige bei den späteren Lesern zum historischen Dokument wurden), die poetische Freiheit manchem alten König mehr Ruhm andichten, als selbst dessen fühnster Hofpoet erdacht hätte. Außerordentlich viel bei jenen Übertreibungen fällt aber weiterhin doch wohl der üppigen griechischen Phantasie zur Last. Viele der übertreibungen lassen sich dann wohl aus einem noch heute giltigen Geseg fremdenführender, orientalischer Höflichkeit erklären. Wenn der wißbegierige Fremdling, der sich so lebhaft für einen alten König interessierte, dem Dolmetscher oder Priester eine Reihe von ihm bekannten Ländern aufzählte und bei jedem fragte: ist er auch bis dahin gekommen? hat er auch das Volk unterworfen? – so schien es ratjam und höflich, Ja zu antworten. Um so dankbarer war der Fremde, gerade wie der moderne Drientreisende gewöhnlichen Schlags das Trinkgeld für den „Dragoman“ um jo reichlicher bemißt, je erstaunlichere und interessantere „Tatsachen" ihm dieser mitteilt. Diese Sucht, den trinkgeldspendenden Fremdling zufrieden zu stellen, hat z. B. ihre deutlichen Spuren bei Herodot hinterlassen. Seine Führer berichteten ihm von ganz beträchtlichen ägyptischen Eroberungen in Osteuropa (oder ließen ihn daran glauben, 1. o.), für die er besonderes Interesse hatte, aber Griechenland selbst wagten sie nicht in den Bereich dieser Eroberungen zu ziehen. Der Fremde hätte das in nationalem Stolz übel nehmen können!

Indessen mußten die modernen Gelehrten alle diese trügerischen Angaben als Wahrheit hinnehmen, so lange ihnen deren inschriftliche Nachprüfung nicht möglich war. Die ersten Pioniere der Ägyptologie glaubten, auf den von ionen unvollkommen verstandenen Denkmälern die volle Bestätigung zu finden, ja jogar über Herodots

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und Diodors Berichte hinausgehen zu können. Sie fanden ja auf den Tempelmauern jiegreiche Kämpfe mit blauäugigen und blondhaarigen Barbaren (Libyern!) abgebildet, bei denen der nicht Hieroglyphenkundige natürlich zuerst immer an Germanen, Kelten und ähnliche Nordeuropäer denken mußte. Andere besiegte Stämme werden ähnlich abgebildet, als rein kaukasische Typen, aber in seltjamer Tracht, mit Federkronen auf dem Kopfe. Champollion und seine Zeitgenossen durften recht wohl bei diesen an indische Völkerschaften arischer Abkunft denken – in Wahrheit waren mit jenen abgebildeten Feinden kleinasiatische Seeräuber gemeint. Wieder andere Völker schienen in der Tracht und dem ethnologischen Typus entfernt an turanische Stämme zu erinnern, und die älteren Ägyptologen dachten darum, daß der Schauplaß des Kampfes gegen sie in Baktrien oder noch nördlicher zu suchen jein müsse, während wir jeßt wissen, daß der Krieg gegen jene fremdartig aussehenden Feinde (die Chetiter oder Hethiter, vgl. der Alte Orient IV, 1) nicht allzuweit von der Nordgrenze Palästinas sich abspielte. Man versteht aber, wie die Bilder allein den Betrachter täuschen mußten. Noch ein anderer Trugschluß entsprang den unverstandenen Denkmälern. Genau wie die Griechen schlossen die älteren Orientalisten von der Menge der Schlachtenbilder an den Tempelwänden auf die Menge und Bedeutung der Siege der einzelnen Könige. Es läßt sich leicht an alten und modernen Analogien zeigen, daß die Denkmäler eines Herrschers nicht immer einen Maßstab für seine kriegerischen oder friedlichen Verdienste bilden. Gerade wie wir es bei* römischen Kaijern u. 1. w. beobachten können, die Ruhm bei den Zeitgenossen und der Nachwelt mit geradezu schwindelhaften Mitteln künstlich zu schaffen juchten, hat so mancher ägyptische König ein unbedeutendes Gefecht an der Grenze oder die Bestrafung eines ungehorsamen Städtchens mehr aufgebauscht und bildlich verherrlicht, als mancher tüchtige Feldherr einen bedeutenden Krieg. Die Griechen scheinen durch die zahlreichen Abbildungen einer und derselben ziemlich unbedeutenden Schlacht (der Ramses II. bei Kadesch s. u.) am meisten zu ihren Sesostrislegenden angeregt worden zu sein. So ist denn jener Schluß aus den Denkmälern unzulässig für die einzelnen Könige wie für das Volk der Ägypter im allgemeinen.

Je mehr die Hieroglypheninschriften dem Verständnis erschlossen wurden, um so mehr verengerte sich der Kreis, auf dem man die ägyptischen Heere fämpfend und erobernd sich bewegen sah. Lange Zeit hindurch ließen die Gelehrten sich dadurch täuschen, daß auf

feninjchriften er Kreis, aut n jah. Lange

Prunfinschriften alle überhaupt den alten Ägyptern bekannten Länder als „unter den Füßen Pharaos liegend, vor ihm sich beugend" u. 1. w. angeführt oder gar abgebildet zu werden pflegen. Z. B. Assyrien erscheint ziemlich regelmäßig auf solchen Prunkinschriften jeit dem 16. Jahrhundert v. Chr., obwohl niemals ein ägyptisches Heer bis in sein Gebiet vorgedrungen ist, und überhaupt jenes zuerst jehr unbedeutende und deshalb noch weit entfernte Königreich vor dem 8. Jahrhundert v. Chr. (oder noch später) nie in feindliche Beziehungen zu Ägypten trat. Es ist ebenso falsch, dergleichen Angaben im modernen Sinn wörtlich zu nehmen, als daraus die ruhmredige Verlogenheit der Pharaonen zu folgern. Solche Behauptungen, die, wohlgemerkt, stets nur in Inschriften allgemeinster Art, an den Außenwänden der Tempel zum Besten der großen Menge angebracht, vorkommen, besagen, in moderne Ausdrucksweise überjeßt, recht wenig. Man dünkte sich vollkommen berechtigt, von einem fremden Herrscher zu sagen, daß er sich ehrfurchtsvoll ,vor dem gewaltigen Geist Pharaos beugte“, daß er „Gaben vor ihn brachte, ihn zu besänftigen und sich mit Zittern von dem guten Gott (d. h. dem König) den Lebenshauch erbat“ 2., wenn er mit Ägypten in diplomatischem, natürlich stets von Geschenkeaustausch begleiteten, Verkehr stand. Da aber ein solcher Verkehr bis nach Babylonien, vermutlich sogar auch nach lam, Armenien, Kleinasien und Griechenland hin, ziemlich regelmäßig stattfand, 1 jo glaubten die Pharaonen sich berechtigt, fast ganz Vorderasien als „zu ihren Füßen liegend" anzugeben. Wenn aber ein Land unhöflicher Weise feine „Boten ichickte vor den Pharao, sein Wohlwollen zu erbitten“, jo genügte doch wenigstens die Tatsache, daß es kein Heer feindlich nach Ägypten brachte, um daraus zu schließen, daß „die Furcht vor Pharao in seinem Herzen weilte und seine Glieder vor ihm bebten“. Kurzum, auf die eine oder andere Weise konnte der loyale Schreiber immer beweisen, daß der Einfluß Ägyptens in fast der ganzen bekannten Welt zu fühlen sei und sie beherrsche, ohne daß wir, wie gesagt, darin mehr zu sehen brauchen als die moderne Zeitungsphraje: im Konzert der Nationen nimmt das Land Ägypten eine geachtete Stellung ein. Ein Fall, daß ein ägyptischer König sich ausdrücklich und bewußter Weise Feldzüge und Eroberungen lügnerisch zuschrieb, läßt sich wirklich nicht nachweijen. Die Steinmeßen und Tempelschreiber haben öfter manche alte Prunkinschrift gedankenlos

1) Vgl. die Amarnatafeln (Der Alte Orient, I, Heft 2).

kopiert und so Ruhmestitel eines Königs auf einen anderen übertragen. Das icheint aber meist geistige Faulheit, kein bewußter Betrug, und kommt dazu nur in Prunkinschriften vor, die nicht allzu ernst genommen zu werden brauchen, s. D.

Mit moderner philologischer Kenntnis und Kritik läßt sich also feststellen, daß Ägypten, soweit unsere Kenntnis reicht, nie einen Alerander oder auch nur einen Sieger wie die größten assyrischen Könige es waren, hervorgebracht hat. Wir dürfen aber sogar getrost annehmen, daß auch in der Vorzeit es sich nie eines solchen rühmen konnte. Die Agypter bilden einen der merkwürdigsten Belege dafür, daß manche Völker mehrfach Herrscher, Religion, ja jogar die Sprache wechseln können und dabei doch stets denselben Charakter durch alle Jahrtausende beibehalten. Der ägyptische Bauer trägt heutzutage den Turban, schwört beim Propheten Muhammed und glaubt, von einst aus Arabien eingewanderten Vorfahren abzustammen, aber er lebt und arbeitet im übrigen genau so wie seine Vorväter vor 5000 Jahren, und auch sein Denken weicht von dem der armen Bauern, welche die Steine zum Bau der Cheopspyramide ichleppen mußten, nicht viel ab. Zu den am treusten bewahrten Charakterzügen gehört aber der gänzliche Mangel an friegerischem Geist. Der Fellache läßt sich leicht zu einem ausgezeichneten Paradesoldaten abrichten, im Krieg aber schlägt er sich troß seiner großen und starfen Glieder und troß aller Peitschenhiebe ganz erbärmlich.

So finden wir es zu allen Zeiten.3 Agyptische Herrscher haben manchmal militärische Erfolge erzielt, aber stets mit nichtägyptischen

Truppen. Albanesen und Neger haben in diesem Jahrhundert die ägyptischen Fahnen zu Ehren gebracht, Türken, Kurden und Ticherfessen im Mittelalter, Griechen unter den Ptolemäern, Karer, Griechen u. 1. w. unter den legten nationalen ägyptischen Dynastien, und so weit wir auch zurückgreifen, überall finden wir fremde Soldtruppen mindestens als Rückgrat des ägyptischen Heeres. In der

1) In dieser Beziehung haben die ägyptischen Schreiber und Bildhauer jehr Schlimmes geleistet. Dazu bedenke man aber, daß das Altertum überhaupt den Begriff des „geistigen Eigentums" kaum kannte, so daß solche Fälle von geistigem Diebstahl auch nicht ins Gebiet des Betruges fallen.

2) Vgl. Wiedemann in: Der Alte Orient III, H. 4, S. 32.

3) Diese Tatsache in voller Schärfe ausgesprochen zu haben, ist das Verdienst u. Erman's (Ägypten II, 687). Schon Strabo hatte das vortrefflich festgestellt nnd spöttisch ausgeführt, daß ein paar hundert römische Soldaten in seiner Zeit das große, dichtbevölkerte Land im Zaum hielten.

Pyramidenzeit waren die kriegerischen Negerstämme Nubiens unentbehrlich, und die halbnubischen Markgrafen von Elephantine, welche die Anwerbungen der schwarzen Bogenschüren vermittelten, scheinen den Erfolg aller auswärtigen und inneren Ariege in etwas bedenklicher Weise in der Hand gehabt zu haben. In noch älterer Zeit reichte das Gebiet, in dem nubische Sprache und Sitte herrschte, ein gutes Stück nördlicher, und es scheint, als wäre die älteste Hauptstadt Oberägyptens, nahe bei dem modernen El-kab, noch auf dem Gebiete gelegen, aus dem das Söldnerheer sich rekrutierte,

Abb. 1. Schwarzer Bogenschüße aus dem 20. Jahr

hundert v. Chr. 1

jo daß schon die Zeit vor Menes eigentlich mehr oder weniger eine Periode nubischer Herrschaft gewesen wäre. Allmählich wurden diese Grenzlandschaften ägyptisiert und deshalb jüdlichere Gegenden Nubiens zur Lieferung von Söldnern herangezogen. Schwarze Regimenter fehlten überhaupt in feiner Stufe der ägyptischen Geschichte. In den inneren Kämpfen des mittleren Reiches (um 2000 v. Chr.) sehen wir dann asiatische, wahrscheinlich den Beduinenstämmen Nordwest

1) Aus einem Grab von Beni-Hasan. Dieser angesichts der Feinde einen Ariegstanz ausführende und seine Pfeile mit Feuersteinspißen drohend schwingende Barbar entstammte wohl dem friegerischen Stamm der Mazai am unteren blauen Nil, der später regelmäßig die Truppen für die Polizei lieferte, sodaß Mazai die Bedeutung „Polizist“ erhielt und bis ins Koptische (matoi , Soldat“) behauptete.

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