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AD. VII, 3

Beschwörungsgebet an Sichtar.

21

Wie lange noch mein schmerzliches Herz, das roll ist von Tränen und Seufzern!

Wie lange noch meine kläglichen Eingeweide, die gestört und verwirrt sind! Wie lange noch mein bedrängtes Haus, das die Klagelieder in Trauer bringen!

Wie lange noch mein Gemüt, das gesättigt ist von Tränen und Seufzern! 50 Jrnini,

wütender Löwe, dein Herz beruhige sich; zorniger Wildochs, dein Gemüt erweiche sich! Deine gütigen Augen seien auf mich gerichtet,

mit deinem hellen Antlik blicke treulich auf mich, ja mich! Vertreib die Hererei, das Böse in meinem Leibe, dein helles Licht möge ich schauen! Bis wann noch, meine Herrin, sollen meine Widersacher nach mir trachten,

mit Aufhebung und Unwahrheiten Böses planen, foll mein Verfolger, mein Feind mir aufpassen? Bis wann, meine Herrin, soll der Elende (?), der Krüppel über mich kommen?

60 die Schwachen wurden stark, ich aber wurde schwach. Ich woge wie eine Hochflut, die einen höfen Wind erregt (?),

es fliegt, es flattert mein Herz wie ein Vogel des Himmels. Ich girre wie eine Taube, Nacht und Tag, bin niedergeschlagen und weine qualvoll;

65 von Weh und Ach ist schmerzvod mein Gemüt. Was habe ich getan,

mein Gott und meine Göttin, ich ? Als ob ich meinen Gott und meine Göttin nicht gefürchtet, ergeht es mir. Es tam über mich Krankheit, Siechtum, Verderben und Vernichtung;

es tam über mich Not, Abkehr des Antlikes und Zornesfülle. 70

Wut, Groll, Grimm von Göttern und Menschen. Ich muß sehen, meine Berrin, düstere Tage, finstere Monate, Jahre des Unglüds;

ich muß sehen, meine Herrin, ein Gericht der Verwirrung und Empörung;

es erfaßt mich Tod und Not. Verwüstet ist mein verwüstet mein Hausheiligtum,

75 über mein Haus, Tor und Gefild ist Verödung ausgegossent. Mein Gott: nach einem andern Orte ist sein Antlik gewendet,

aufgelöst ist meine Sippe, meine Hofmauer zerbrochen. Es merken auf dich, meine Herrin, es sind auf dich gerichtet meine Ohren, ich flehe zu dir, ja zu dir, löse meinen Bann!

80 Löse meine Schuld, meine Missetat, meinen Frevel und meine Sünde;

vergib meinen Frevel, nimm an mein Seufzen! Lodre meine Brust, schaffe mir Unterstüßung; Teite recht meine Schritte, daß ich fröhlich und frei unter den Lebenden

meinen Weg gehe! Befiehl und auf deinen Befehl wende der zürnende Gott sich wieder zu, 85

kehre die Göttin, die grollte, wieder zurüd! Mein finstres, rauchendes Kohlenbecken leuchte,

meine ausgelöschte Fackel werde angezündet! Meine aufgelöste Sippe sammle fich wieder, mein Þof werde weit, mein Stal dehne sich aus!

90 22

Klagelied an 3ichtar.

AD. VII, 3

105

Nimm an mein Niederwerfen auf das Antliß, hör auf mein Gebet,

blide treulich auf mich, (nimm an mein Flehen)! Wie lange, meine Ferrin, zürnst du, ist abgewandt dein Antliß;

wie lange, meine Ferrin, bist du grimmig. ist zornig dein Gemüt? Wende wieder zu deinen abgewandten Nacken, auf ein Wort der Gnade richte

dein Antliß! 95 Wie die aufgelösten Wasser des Flusses werde dein Gemüt aufgelöst! Meine Feinde möge ich wie den Erdboden niedertreten,

meine Hasser unterwirf und laß sie zu Boden sinken unter mir! Mein Gebet und mein Flehen möge zu dir gelangen, dein großes Erbarmen werde mir zu Teil!

100 Die mich erblicken auf der Straße, mögen großmachen deinen Namen, auch will ich bei den Schwarztöpfigen deine Gottheit und deine Macht ver

herrlichen! Ja, Fichtar ist erhaben! Ja, Jichtar ist Königin!

Meine Herrin ist erhaben! Meine Ferrin ist Königin!
Jrnini, die mächtige Tochter Sin's, hat nicht ihresgleichen!

In einem andern an Sichtar gerichteten Klageliede?, das sich aber im wesentlichen als einen Hymnus auf Ischtar als die Göttin des Venusgestirns darstellt, begegnen wir, wie auch sonst gerade in manchen Ischtarhymnen, der bemerkenswerten Erscheinung, daß, nachdem die Göttin zunächst in der gewöhnlichen Weise in der zweiten Person angerufen worden, sie alsdann in der ersten Person selbst sprechend auftritt: Um Vorzeichen zu geben trete ich auf, trete ich in Volkommenheit auf... Unter Jauchzen das mein Ruhm, unter Jauchzen das mein Ruhm,

unter Jauchzen ich, die Göttin, gehe ich hod) einher. Ischtar, die Göttin des Abends bin ich,

Jichtar, bie Göttin des Morgens bin ich. Sichtar, die den Verschluß der glänzenden Himmel öffnet, das mein Ruhm;

die Himmel lasse ich erlöschen, die Erde erschüttere ich, das mein Ruhm;

die die Himmel erlöschen läßt, die Erde erschüttert, das mein Ruhm. Die im Himmelsdamm aufleuchtet, deren Name in den Landen erstrahlt, das

mein Ruhm. „Himmelskönigin" droben und drunten werde verfündet, das mein Kuhm. Die Berge insgesamt werfe ich nieder, das mein Ruhm; der Berge große Mauer bin ich, ihr großer Verschluß bin ich, das inein Ruhm.

Ein Klagelied mit der Unterschrift „Klagepsalm von 65 Zeilen, für jeglichen Gott (geeignet)" 2: Daß doch das Toben im Herzen des Herrn zur Ruhe komme! Der Gott, den ich nicht kenne, zur Ruhe komme; die Göttin, die ich nicht kenne,

zur Ruhe komme! 1 Sm. 954.

2 IV R 10 (Zimmern, Bußpí. Nr. 4).

AD. VII, 3

Klagepjalm für jeglichen Gott.

23

Der Gott, den ich kenne, nicht kenne, zur Ruhe komme; die Göttin, die ich kenne, nicht kenne,

zur Ruhe komme!

5 Daß doch das Herz meines Gottes zur Ruhe komme;

das Herz meiner Göttin zur Ruhe komme!

Mein Gott und meine Göttin [zur Ruhe] komme! Der Gott, der auf mich zürnte, zur Ruhe] komme; die Göttin, [die auf mich zürnte, zur Ruhe komme!]

10 Die Sünde, (die ich getan), kenne ich nicht;)

den Frevel, [den ich getan), fenne ich nicht.) Einen guten Namen [möge mein Gott nen]nen;

einen guten Namen [möge meine Göttin nen]nen! Einen guten Namen [möge der Gott, den ich kenne, nicht kenne, ausspre]chen;

einen guten Namen [möge die Göttin, die ich kenne, nicht kenne, ausspre]chen! (keine) Speise [habe] ich (nicht] gegessen;

klares (?) Wasser [habe] ich (nicht] getrunken. Vom Greuel meines Gottes habe ich ohne zu [wissen] gegessen;

auf Unflätiges für meine Göttin bin ich ohne zu wissen getreten. 20

Herr, meiner Sünden sind viel, groß sind meine Vergehen. Mein Gott, meiner Sünden sind viel, groß sind meine Bergehen;

meine Göttin, meiner Sünden sind viel, groß sind meine Vergehen. Gott, den ich kenne, nicht kenne, meiner Sünden sind viel, groß sind meine

Vergehen; Göttin, die ich kenne, nicht kenne, meiner Sünden sind viel, groß sind

meine Vergehen. 25 Die Sünde, die ich getan, kenne ich nicht;

das Vergehen, das ich begangen, kenne ich nicht. Den Greuel, von dem ich gegessen, kenne ich nicht;

das Unflätige, auf das ich getreten, kenne ich nicht. Der Herr hat im Zorn seines Gerzens mich böse angeblidt.

30 Der Gott hat im Grimm seines Herzens inich feindlich getroffen;

die Göttin hat auf mich gezürnt, einem Stranfen mich gleich gemacht. Der Gott, den ich kenne, nicht kenne, hat mich bedrängt;

die Göttin, die ich kenne, nicht kenne, hat mir Schmerz angetan. Suchte ich nach Hilfe, so faßte mich Niemand bei der Hand;

35 weinte ich, so kam man nicht an meine Seite. Stoße ich Schreie aus, To hört Niemand auf mich;

ich bin doll Schmerz, überwältigt, fann nicht aufbliden. Zu meinem barmherzigen Gott wende ich mich, flehe ich laut; die Füße meiner Göttin füsse ich, rühre sie an.

40 Zu dem Gott, den ich kenne, nicht kenne, [flehe ich] laut;

zu der Göttin, die ich tenne, nicht fenne, [flehe ich laut.) Oferr, bl[ide auf mich, nimm an mein Flehen ;]

o Göttin, bli[de auf mich, nimm an mein Flehen 1!]

1 Ergänzung unsicher.

24

Klagelied an Belit.

AO. VII, 3

Gott, den ich kenne, (nicht kenne, blicke auf mich, nimm an mein Flehen?;] 45

Göttin, die ich kenne, (nicht kenne, blicke auf mich, nimm an mein Flehen 1!) Wie lange, mein Gott, [soll dein Nacken abgewendet sein";]

wie lange, meine Göttin, fioll dein Nacken abgewendet sein 1?] Wie lange, Gott, den ich kenne, nicht kenne, [soll dein] Zorn (nicht aufhören";] wie lange, Göttin, die ich kenne, nicht kenne, foll dein feindliches Herz

n[icht] zur Ruhe kommen? Die Menschen, da taub, verstehen nichts.

Die Menschen, so viele ihrer leben, was verständen sie ?

Ob sie schlecht, ob sie gut handeln: nichts verstehn sie. D Herr, deinen Knecht stürze nicht; in Wasser des Schlammes geworfen, fasse ihn bei der Hand!

55 Die Sünde, die ich begangen, wandle in Gutes;

das Vergehen, das ich verübt, führe der Wind fort;

meine vielen Schlechtigkeiten zieh (mir) aus wie ein Kleid! Mein Gott, sind meiner Sünden (auch) sieben mal sieben, so löse meine Sünden;

meine Göttin, sind meiner Sünden (auch) sieben mal sieben, so löse meine Sünden ! Gott, den ich kenne, nicht kenne, sind meiner Sünden (auch) sieben mal sieben,

so löse meine Sünden; Göttin, die ich kenne, nicht kenne, sind meiner Sünden (auch) sieben mal

sieben, so löse meine Sünden! Löse meine Sünden, so will ich dir huldigen! Dein Herz, wie das Berz der Mutter, die mich geboren, komme zur Ruhe; wie die Mutter, die mich geboren, der Vater, der mich gezeugt, komme

es zur Ruhe! 65 Klagelied an eine Göttin, wohl Belit, gerichtet. Der Anfang des Liedes fehlt; der Schluß enthält eine in ähnlichen Texten mehrfach gleichlautend wiederkehrende Litanei:

5

Schöpferin der Götter, die vollführt die Gebote [Bel's!] Die das Grün (prießen läßt, Herrin der Menschen;

Schöpferin von allem, die sämtliche Geburt zurecht bringt! Göttliche Mutter, an deren Seite kein Gott herantritt;

hehre perrin, deren Gebot überragend ist! Ein Gebet will ich sprechen;

was ihr wohlgefällt, tue fie mir! Meine Herrin, seit der Zeit da ich klein war,

bin ich gar sehr an Plage gebunden. (Speise] aß ich nicht, Weinen war mein Brot;

10 NO. VII, 3

[Wasser trant ich nicht, Tränen waren mein Getränk. [Mein Herz ist nicht fröhlich) mein Sinn nicht heiter;

hoheitsvoll [schreite] ich nicht seinher].

1 Ergänzung unsicher.

2 wörtlich: mit Namen benannt sind. 3 Haupt, Keilschr. 116 (Zimmern, Bußps. Nr. 2).

Klagepfalmen mit dialogischer Form.

25

ichmerzlich wimmere ich;
sind zahlreich (?), mein Sinn ist schmerzerfüllt.

15 Meine Herrin, erfahre mein Tun, schaffe mir Linderung;

entferne meine Sünde, gewähre mir Verzeihung! Mein Gott, der Beter, spreche ein Gebet zu dir;

meine Göttin, die Fleherin, richte Flehen an dich! Amurru, der Herr des Berges, spreche ein Gebet zu dir;

20 Aschrat, die berrin der Steppe, richte Flehen an dich! Ea, der Herr von Eridu, spreche ein Gebet zu dir;

die Mutter des großen þauses, Damkina, richte Flehen an dich! Marduk, der Herr von Babel, spreche ein Gebet zu dir; feine Gemahlin, Sarpanit, richte Flehen an dich!

25 Der hohe Bote, Nabu, spreche ein Gebet zu dir;

die Braut, die erstgeborene Tochter Jb's, richte Flehen an dich! Die hehre, die treue, Taschmet, spreche ein Gebet zu dir;

die hehre, die große, die Herrin Nana, richte Flehen an dich! „, Treulich blick auf ihn!" mögen sie zu dir sagen;

30 „deinen Nacken wende ihm (wieder) zu!" mögen sie zu dir sprechen! ,,Dein Herz beruhige sich!“ mögen sie zu dir sagen;

,, dein Sinn besänftige jich!" mögen sie zu dir sprechen! Dein Herz, wie das Herz einer Mutter, die geboren, komme zur Ruhe; wie eine Mutter, die geboren, ein Vater, der gezeugt, komme es zur Ruhe! 35

Speziell bei diesen Klagepsalmen begegnet auch öfter die dialogische Form, wonach bald der Beschwörungspriester, bald der Büßer sprechend auftreten. So in folgendem, wohl an eine männliche Gottheit gerichteten Tert', von dem freilich Anfang und Ende fehlen:

(Priester:) [In Bedrängnis] des Herzens, in schlimmem Weinen,

unter Seufzen fißt er da.
Mit schmerzlichen Schreien, Bedrängnis des Herzens,

in schlimmem Weinen, unter schlimmem Seufzen
girrt er wie eine Taube, voller Beschwer bei Tag und Nacht.

5 Zu seinem barmherzigen Gott brült er wie eine Wildkuh,

schmerzliches Seufzen stellt er an. Vor seinem Gott unter Flehen wirft er sich auf das Antliß nieder; weint, heult ohne Aufhören.

(Büßer:) Von meinem Tun will ich sagen, meinem Tun, das (doch) nicht zu sagen ist; 10

mein Reden will ich erzählen, mein Reden, das (doch) nicht zu erzählen ist. Von meinem Tun will ich sagen, meinein Tun, das (doch) nicht zu sagen ist; (mein Reden will ich erzählen, mein Reden, das (doch) nicht zu erzählen ist.]

Desgleichen in folgendem, nur fragmentarisch erhaltenen

1 IV R 26 Nr. 8 u. 27 Nr. 3 (Zimmern, bußpi. Nr. 7).

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