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bei der Beschwörungszeremonie.

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werden dann Räucherbecken aufgestellt, Lammopfer dargebracht, jedesmal von neuem „Mundwaschung“ und „Mundöffnnng“ vollzogen. Der Schluß der Tafel fehlt.

Von der Art und Weise, wie solche Götterbilder im Dienste der Beschwörung Verwendung fanden, erzählt ausführlich ein zweisprachig erhaltener, als „Beschwörung“ bezeichneter Tert“, in dem der Beschwörer redend auftritt. Da wird das Bild des Nergal dem Nranfen zu Häupten, das Bild des Nusku zu Häupten an das (mit dem?) Kohlenbecken gestellt. Zwei Bilder von zusammengefügten Zwillingen von vollendeter Bildung, die den böjen Gallu-Dämon stürzen“, werden zu Häupten des Aranfen rechts und links, ein Bild des Lugal-girra, in den Verschluß des Hauses, Bilder des Schitlamtaea (Nergal) und der Narudu zu Füßen des Bettes gestellt. „Auf daß nichts böses naht, stellte ich den „Honiggott“ und den Latarag ins Tor, um jegliches Böse zu vertreiben, stellte ich das Chulduppu gegenüber dem Tor, kämpfende Zwillinge aus Gips bildete ich inmitten des Tores, fämpfende Zwillinge, zusammengefoppelte (?) aus Asphalt stellte ich an den Pfosten des Tores rechts und links auf, 2 Bilder von Wächtern, von Ea und Marduk, stellte ich inmitten des Tores rechts und links auf.“ 2 ,,Die Beschwörung ist die Beschwörung Mardufs, der Beschwörer ist das Mardukbild.“

Verhältnismäßig seltener findet sich die Verwendung von Bildern als Stellvertreter der Kranken und Besessenen bei der Entjühnungszeremonie. Im allgemeinen galt wohl die Regel, daß der Hilfesuchende persönlich sich der Manipulation des Rituals unterziehen mußte. Ob es Zufall ist, daß ein Ritual, in dem die Verwendung von Bildern der zu Entfühnenden vorgesehen ist, speziell für Vornehme bestimmt ist, läßt sich nicht bestimmt sagen. In diesem Fall wäre es als ein Vorzug anzusehen, wenn man sich beim Ritual durch sein Bild vertreten lassen durfte. Dieses Ritual 3 enthält auch sonst Bemerkenswertes. Der Anfang ist abgebrochen, wie überhaupt der ganze Tert sehr verstümmelt ist. Es muß zuerst von der Herstellung von 2 Bildern, dem eines Mannes und dem eines Weibes die Rede gewesen sein, außerdem scheint am Anfang die persönliche Gegenwart des zu entsühnenden Vornehmen bei einer Zeremonie ,,im Tore“ vorausgeseßt zu sein. Die erhaltenen Zeilen des Textes beginnen mit einer Anrede des Beschwörers an die unbefannte Sämonische Macht, die den Vornehmen besessen hat: 1) Zimmern, Beiträge S. 168f.

2) Worte des Beschwörers. 3) Zimmern, Beiträge S. 49. Vgl. auch S. 50.

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Ihr da, alles Böse, alles Ungute, das den NN1 Sohn des NN1 ergreift, ihn verfolgt: wenn du männlich bist, so sei dies dein Weib, wenn du weiblich bist, so sei dies dein Mann!“

Vorausseßung dabei ist natürlich, daß entsprechende Bilder bei der ganzen Vorrichtung aufgestellt waren. Das unmittelbar sich anschließende, aber durch einen Strich als besondere Vorschrift vom vorhergehenden abgetrennte Ritual erzählt diese Zurüstung: In der Frühe follen vor Ea, Samas, Mardul 7 Altäre aufgestellt, 7 Räucherbecken mit Zypressen hingeseßt, 7 Lammopfer geopfert werden. Die 3 bestimmten Fleischstücke, die Weinspende sollen dargebracht werden. Dann sollen Bilder hingestellt werden und zwar in einem Abstand von 7 Ellen von der Vorderseite der Opferzurüstung, darnach das [Bild?] eines Mannes und eines Weibes neben sie geseßt, Totenspende dargebracht und eine bestimmte Formel rezitiert werden. Wenn ich den ichwierigen Zusammenhang richtig verstehe, so handelt es sich bei den erstgenannten Bildern um Götterbilder, und neben diesen um Bilder eines Mannes und eines Weibes, also um eine kombinierte Anwendung der Vikariatsidee. Meineswegs ohne weiteres klar ist auch die Beziehung des Mannes und des Weibes, wie sie in der zuerst mitgeteilten Stelle erscheinen, zu dem Vornehmen, um dessen Entsühnung es sich doch in dem ganzen Text zu handeln scheint. Offenbar vertreten sie das unreine Element in dem zu Entsühnenden und zwar in Gestalt eines Weibes für den Fall, daß der unbekannte Dämon des Besessenen männlichen, in Gestalt eines Mannes für den Fall, daß er weiblichen Geschlechts ist. Dadurch, daß die in dem Bild konkret gefaßte Unreinigkeit des Kranken dem entsprechenden Dämon zur innigsten Gemeinschaft überantwortet wird, wird gleichzeitig die Befreiung des Kranken vollzogen. Vielleicht darf man aber auch an die Teufelaustreibung Jesu Marc. 4 denken, wo die Teufel aus den Kranken in eine Herde Säue fahren. Dann wäre anzunehmen, daß die Beschwörung des Priesters bewirkte, daß der Dämon den Menschen verließ und je nach seinem Geschlecht in das bereit gestellte männliche oder weibliche Ebenbild des Kranken fuhr. Die notwendige Folge wäre freilich die daran sich anschließende Vernichtung des nunmehr in dem Bild verkörperten Dämons durch Zerstörung des Bildes (vgl. S. 25f). Für diese Möglichkeit der Erklärung darf

1) Diese Form findet sich sehr häufig in Beschwörungstexten. Sie beweist, daß das Ritual und die Beschwörungsformeln immer erst durch Einfügung der Namen den speziell Fal angepaßt wurde.

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bei der Beschwörungszeremonie.

wohl auch daran erinnert werden, daß es von dem Besessenen im Evangelium ausdrücklich heißt, sie seien von den Gräbern gekommen, und daß hier in der unmittelbar folgenden Ritualvorschrift Totenspenden angeordnet werden.

Ich habe dieses Beispiel auch deswegen ausführlicher erörtert, um an ihm zu zeigen, wie sehr wir, troß der Menge von Einzelheiten, die die Texte uns vermitteln, noch auf Vermutungen angewiesen sind, wenn wir dem tieferen Sinn einzelner Ritualvorschriften näher kommen wollen. Fast entmutigend ist auch hier wieder die Tücke des Zufalls, die gerade da, wo wir am begierigsten sind genaueres zu erfahren, den Text abbrechen läßt. Der Text reicht oft gerade so weit, daß wir erkennen können, daß er uns die interessantesten Aufschlüsse verspricht, um uns aber alsbald im Stiche zu lassen, wenn wir der Aufschlüsse selber uns bemächtigen wollen. Einzelheiten, die wir längst wissen, müssen wir immer und immer wieder lesen, und wenn es dann den Anschein hat, daß ein Text uns auch einmal die Möglichkeit an die Hand gibt, die Einzelheiten zum Ganzen zu fügen und ihren Plaß im Organismus zu bestimmen, wenn unser Interesse am höchsten angespannt ist – wie oft ist gerade dann der Text abgebrochen.

Besser sind wir über die dritte Art der Verwendung von Bildern im Beschwörungsritual unterrichtet, bei der das Bild den zu befämpfenden Dämon repräsentiert und zur Andeutung des fich vollziehenden Strafgerichts vernichtet wird. Auch hier ist aber fests zuhalten, daß es nicht immer möglich ist streng zu unterscheiden, ob es sich um ein direktes Bild des Dämon oder aber um ein Bild des Kranken handelt, selbstverständlich nur in dem Sinn, daß das Unreine an ihm konfret in ein Bild gefaßt wird. Sachlich kommt das schließlich auf dasselbe hinaus, als wenn unmittelbar ein Bild des Dämon hergestellt und verwendet wird. Für die religionsgeschichtliche Beurteilung der Zeremonie ist es freilich nicht ganz dasselbe. Stellt das Bild den Dämon selbst dar, so ist er der einzige Träger der Verschuldung, des Bösen im Kranken, seine Vernichtung trifft das Böse, nicht aber den Menschen, der mit ihm behaftet war. Für die etwaige Verschuldung, die den Zustand der Besessenheit im Gefolge gehabt hat, wird dieser selbst nicht zur Rechenschaft gezogen. Der Mensch wird von dem Dämon befreit, damit auch alle Verschuldung materiell von ihm genommen, ohne Strafe. Ist aber das Bild, das vernichtet wird, der Repräsentant des Kranken und Besessenen, so seßt das eine völlig verschiedene

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Verwendung von Bildern

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Vergeltungstheorie voraus, denn dann trifft den Bejesjenen die volle Strafe für seine Verschuldung, wenn auch nur in effigie. Man wird ohne weiteres annehmen wollen, daß die leßtere Auffassung, die sich in dem Grundgedanken mit der biblischen Vergeltungslehre berührt, für Babylonien geringere Wahrscheinlichkeit hat als die erstere; aber troßdem wird man sie im Auge behalten müssen. Sicher ist, daß in dem bezeichneten Sinn das Dämonenbild vernichtet wurde. Dafür, daß auch hin und wieder an dem Ebenbild des Kranken das Strafgericht vollzogen wurde, können folgende Stellen geltend gemacht werden: Möge Marduk mein (stellvertretendes) Abbild, das angefertigt worden ist, ann[ehmen]? Oder: Über ihm (dein Menschen) zerbrich es (das stellvertretende Bild) und es lei jein Stellvertreter. Daß diese beiden Stellen - andere sind mir nicht bekannt - die symbolische Vollziehung der Strafe an dem Ebenbild des kranten Menschen zu beweisen nicht ausreichen, liegt auf der Hand.

In der Beschwörungsserie Maqlu-,Verbrennung“ ist von einer andersartigen eigentümlichen Verwendung von Bildern die Rede, die noch erwähnt werden muß, von Bildern des Kranken, die von der Here, gegen welche die Beschwörungen dieser Serie in der Hauptsache gerichtet sind, angefertigt sind, um mit ihnen allerlei symbolische Handlungen vorzunehmen, die zum Unheil des Originales ausschlagen sollen: die Here fißt im Schatten der Mauer, bereitet die Beherung ihres Opfers vor, indem sie ein Bild von ihm anfertigt. Diese Bilder begräbt sie bei den Toten, versteckt sie in Särgen, legt sie auf Türschwellen, Torwege, Brücken, damit die Leute sie zertreten, wirft sie ins Wasser, verbrennt sie, überantwortet fie Dämonen – alles in der Absicht, daß dasselbe Schicjal am Original des Bildes sich vollziehe. Unwillkürlich erhebt sich hier die Frage, ob nicht hier eine symbolische Handlung, die zu den Funktionen des Beschwörungspriesters gehört und eigentlich gegen die zu Beschwörenden gerichtet ist, sekundär diesen selber zugeschrieben wird. Es dürfte eher das umgekehrte der Fall sein, daß das Ritual an den Glauben vom Treiben der Heren und Dämonen anknüpfend vorschreibt, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, sie mit denselben Mitteln zu bekämpfen, deren sie sich bei der Verfolgung der Menschen bedienen. Dafür spricht, daß auch andere Mittel des Beschwörungsrituals der Here zu Gebote stehen, wie die Zauberschnüre und

1) Das legte Wort ist nur zum Teil erhalten, vgl. Thompson II S. 2 a b.

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durch die Here.

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-knoten, vor allem aber, daß sich „die schwarze Kunst“ dieses Mittels zur Bezauberung von Personen auch noch im spätesten Mittelalter bei den nabatäischen Zauberern am untern Euphrat bediente, es fann sich hier also nur um einen tief eingewurzelten Volksglauben handeln. Um zu zeigen, wie zäh sich derartige rituelle Bräuche erhalten, teile ich hier die einschlägige Aufzeichnung des im 14. Jahrh. n. Chr. lebenden arabischen Schriftstellers Ibn Chaldun nach Lenormant, Magie p. 73 f., im Wortlaut mit":

Wir haben mit eigenen Augen gesehen, wie einer dieser Schwarzfünstler das Bildnis einer Person herstellte, die er bezaubern wollte. Diese Bildnisse bestehen aus Stoffen, deren Qualität sich je nach den Absichten und Plänen des Zauberers richtet und deren symbolische Bedeutung mit dem Namen und dem Stande seines Opfers gewissermaßen harmoniert. Nachdem der Zauberer das Bildnis, welches die zu bezaubernde Person tatsächlich oder sinnbildlich darstellt, vor sich aufgestellt hat, und einige Worte darüber gesprochen, speit er einen Teil des im Munde gesammelten Speichels gegen dasselbe, während er gleichzeitig die Organe bewegt, mittelst deren die Buchstaben der verhängnisvollen Formel ausgesprochen werden; endlich spannt er über diesem symbolischen Bildnis eine bereit gehaltene Leine, in welcher er einen Anoten macht, womit er eben andeuten will, daß er mit Entschlossenheit und Beharrlichkeit handelt und mit dem Dämon, der iin Augenblick des Ausspeiens seine Handlung unter: stüßte, einen Bund schließt und beweist, daß er die feste Absicht hegt, den Zauber unlösbar zu machen. Ein böjer Geist, der, im Speichel verborgen, dem Munde des Zauberers entfährt, nimmt an diesen unheilvollen Handlungen und Worten teil, während allmählich noch andere böse Geister hinzutreten, sodas der Zauberer vollkommen imstande ist, seinem Opfer das Böse anzutun, das er ihm angewünscht hat.

Von der Anwendung der geknoteten Schnur durch die Here — sie war auch bei den priesterlichen Beschwörungen üblich – war schon die Rede. Auch in der Auswahl der Stoffe zur Herstellung des Bildes scheint sich eine gute Tradition erhalten zu haben. Wir erfahren, daß die Here dazu benußte: Wachs, Erdbronze, gewöhnliche Bronze, Honig, Ton, Asphalt, Sesam, Mehl, mit Gips überzogenen Asphalt, mit Wachs überzogenen Ton, Binu- und Zedernholz — lauter Stoffe, die im Ritual überhaupt eine Rolle spielten, auch von den Priestern zur Herstellung der Götter- und Dämonenbilder verwendet wurden, deren rituelle Bedeutsamkeit und transzen= dentale Beziehung außer Frage steht. Man sieht, daß auch hier das überirdische Urbild in der irdischen Wirklichkeit peinlich sorgfältig kopiert worden ist.

1) Ein Beispiel für die Übung desselben Brauchs bei den Lappen zitiert Tallquist, Maglu S. 18 a. b.

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