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Stellvertretung

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Doch wieder zurück zu den Bildern, die als Repräsentanten von den Beschwörungspriestern verwendet worden sind! Sie wurden gebraucht, um das Strafgericht an den überirdischen oder mit übernatürlichen Kräften ausgestatteten Verursachern des den Menschen verfolgenden Übels in effigie zu vollziehen. Nirgends spielen sie eine so große Rolle, wie in den gegen Heren und Zauberer gerichteten Beschwörungen. Gleich im einleitenden Gebet erflärt der Kranke: „Ich habe ein Bild meines Zauberers und meiner Zauberin, meines Herenmeisters und meiner Here angefertigt!" Fast alle Beschwörungen dieser Serie rufen den Feuergott als Helfer an und gipfeln darin, daß das Bild des Zauberers und der Here verbrannt werde:

Zu dir, Feuergott, der du die Zauberer und Zauberinnen verbrennest, - - - Schaffe mir Recht, laß Entscheidung ergehen! Verbrenne die Zauberer und Zauberinnen!

Die zweite Tafel derselben Serie besteht aus 10 Beschwörungen, Anrufungen an den Feuergott, die Here zu verbrennen, und jedesmal wird ein Bild derselben aus anderem Stoff (vgl. oben) zur Verbrennung vorgeschrieben. Vgl. II, 134 ff:

Wie diese Bilder beben, zerfließen, zergehen, so mögen der Zauberer und die Zauberin beben zerfließen, zergehen!

(Ritualvorschrift:) Sage die Beschwörung mit flüsternder Stimme her! Ein Bild von Erdpech sei dabei!

Neben Bildern, die die Züge der zu beschwörenden Dämonen trugen, wurden auch Sinnbilder im Ritual verwendet – auch das ist dem von Ibn Chaldun beobachteten Zauberer offenbar noch geläufig gewesen. Die 5. und 6. Tafel der „Verbrennungs“serie Schurpu 1 enthält eine Reihe von Beschwörungen, bei denen eine Zwiebel, Dattel, Palmenrispe, ein Schaffell, Ziegenfell, Wolle, Samen im Feuer verbrannt werden, um anzudeuten, daß, wie diese Gegenstände vom Feuer verzehrt werden, so auch der Bann, die Arants heit, Schmerz, Sünde, Frevel vergehen sollen (vgl. Ž. B. S. 32).

Während es m. E. nicht möglich ist, den Beweis dafür zu liefern, daß an Ebenbildern des Kranken oder Besessenen das Dpfer als Strafgericht sinnbildlich vollzogen worden ist, ist es zweifellos, daß die Babylonische Vergeltungslehre das blutige stellvertretende Opfer in Form der Substituierung eines Opfertieres an Stelle des Menschen fennt.

1) Zimmern, Beiträge S. 28 ff.

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bei der Beschwörungszeremonie.

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So heißt es:1

Das Lamm, als Stellvertreter für einen Menschen, das Lamm gibt er (der Priester) für dessen Leben. Den Kopf des Lammes gibt er für den Kopf des Menschen, den Naden des Lammes gibt er für den Nacen des Menschen, die Brust des Lammes gibt er für die Brust des Menschen. (Die Fortseßung ist abgebrochen).

Oder:

Ein männliches Schaf, ein weibliches Schaf, ein lebendes Schaf, ein totes Schaf soll sterben, ich aber möge leben.

Neben dem Lamme fommt auch ein junges Schwein als stellvertretendes Opfer für den Menschen vor ::

Ein junges Schwein gib als Stellvertreter hin, indem du das Fleisch und Blut hingibst, mögen sie (die Götter) es annehmen, als ob es sein (des Menschen) Fleisch und Blut wäre.

Die Opferung eines Schweines, eines rituell unreinen Tieres, beruht auf dem Gedanken, daß gerade unreine Gegenstände die stärkste magische Kraft haben können. Andererseits spielt wohl auch die Vorstellung mit herein, daß als Stellvertreter eines „unreinen“ Menschen zunächst nur ein gleichfalls „unreines" Tier in Frage kommen kann. Das unreine Tier gilt dann als das Sinnbild des unreinen Menschen, 'wie ja auch dem ganzen Ritual bei der Verwendung von Bildern oder Tieren als Stellvertretern des Menschen der Gedanke zu Grunde liegt, daß die dem Menschen anhaftende Unreinigkeit auf seinen Stellvertreter übergehen soll. Auch hier kann man an die Teufelaustreibung Marc. 4 denten (vgl. oben S. 24).

Dieser komplizierte symbolische Apparat, der zur Befämpfung der Dämonen in Szene geseßt wurde, war wirkungslos, wenn ihn nicht das gesprochene, oder soweit die eigentliche Formel in Betracht kommt – nach Vorschrift des Rituals 4 – „geflüsterte“ Wort unterstüßte. Die Menge der Beschwörungsformeln, die dem Priester zu Gebote stand, muß eine ganz ungeheure gewesen sein. Schon die bereits veröffentlichten, und noch mehr die bereits ausgegrabenen Terte repräsentieren ein überaus stattliches Material. Einen Begriff von dem wirklichen Umfang des Formelinventars der

1) Thompson II, 50 f. 8. 41 ff. (vgl. Zimmern, Keilinschriften 11. Bibel S. 26 f.).

2) MVAG 1905. 3 S. 71.
3) CT XVII. 6. 10 ff. (Thompson II S. 18 ff.).

4) Von sonstigen rituellen Vorschriften über die Rezitation der Formel sei hervorgehoben, die sie oft dreimal wiederholt, daß sie dem Kranten ins Dhr, oder auf den kranken Körperteil hingesprochen werden sollen.

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Zwiegespräch zwischen Ea und Marduf,

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babylonischen und assyrischen Priesterkollegien bekommt man erst, wenn man bedenkt, daß von den unzähligen Formeln, die in den Ritualen vorgeschrieben und nach den Anfangsworten zitiert sind, nur ganz vereinzelte unter den uns bis jeßt zugänglichen Terten vorhanden sind.

Auch dem Inhalt nach sind die Beschwörungsformeln überaus mannigfaltig. Neben eigentlichen Beschwörungen, Apostrophen an den Dämon, finden sich überaus häufige Anrufungen, die an die Götter gerichtet sind, in Form von Gebeten, Hymnen und Litaneien, Rezitationen, die unmittelbare Begleitterte der unterdessen vorzunehmenden symbolischen Handlung sind; namentlich in den Einleitungsworten zu größeren Formeln wird häufig in poetischer Sprache das Treiben der Dämonen geschildert, ihre Herkunft, ihr Wesen erörtert, gelegentlich werden auch Stücke epischen Charakters in diese Einleitungen verwoben.

Ein stereotyper Bestandteil der Beschwörungsformel, der namentlich in gewissen Serien fast in jeder Beschwörung, wenn auch oft nur in abgekürzter Form wiederkehrt, ist das sog. Zwiegespräch zwischen Marduk und seinem Vater Ea: Marduk sieht, wie die Menschen auf der Erde unter dem Treiben der Dämonen zu leiden haben und begibt sich in das Haus seines Vaters Fa: „Mein Vater, ein böser Fluch hat wie ein Dämon einen Menschen befallen.“ Ausführlich berichtet er dann, meist wörtlich die in der Beschwörungsformel schon mitgeteilte Schilderung wiederholend, die Not des Menschen und bekennt, daß er nicht wisse, wodurch jener Mensch sich verfehlt habe und was seine Genesung ermögliche. Ea wehrt das in ihn gesepte Vertrauen, daß er wohl Rats wisse, mit echt orientalischer Bescheidenheit ab:

Mein Sohn! Was wüßtest du nicht, was fönnte ich dir noch mehr sagen, Marduk! Was wüßtest du nicht, was könnte ich dir noch weiter sagen? Was ich weiß, das weißt auch du. Geh' aber hin, mein Sohn Mardut!

Und er entläßt ihn mit ausführlichen Anweisungen zur Entfühnung und Heilung des Kranken.

Diese häufig vorkommende Szene zeigt deutlich, daß auf Ea, den Herrn der reinen Beschwörung, unter dessen speziellem Schuß der Beschwörungspriester steht, aller Erfolg der Beschwörung zurückgeht. Häufig wird auch eine „Beschwörung von Eridu“, d. i. der Kultort Eas, vorgeschrieben, ein Beschwörer jagt einmal direft von sich: „Der große Herr Ea hat mich gesandt, seinen Zauberspruch hat er mir in den Mund gelegt.“ Die Bedeutung Eas für das Be

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Götter des Beschwörungsrituals.

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schwörungsritual liegt in seiner Stellung in der Lehre begründet: Ea ist der Vertreter des Wasserreiches, er ist der Herr des Apsu, des himmlischen und des irdischen Ozeans (beachte die Rolle des „ reinen Wassers" im Ritual), er ist aber auch der Gott der Weisheit, der alles Wissen, namentlich das A und D aller Babylonischen Weisheit, die Kenntnis der Sterne, ihrer Bewegungen und ihre Deutung den Menschen kundtut, der Herr der Geschicke.

Der Vermittler zwischen den Menschen und Ea ist sein Sohn Marduk, in Eridu von ihm geschaffen, der „Sproß der Menschheit“, der Demiurg, der Adapa (Adam), der die Erde und die Menschen erschaffen hat und dessen Beruf es ist, seine Kreatur zu erhalten. Die spätere Theologie hat Marduk als Stadtgott von Babel zum Herrn aller Götter gemacht. In den Beschwörungsterten ist es aber immer der alte Marduk von Eridu, der Sohn Eas, der in Betracht kommt.

An Eriðu, an der Mündung der Ströme gelegen, knüpft ein viel diskutiertes mythologisches Stück an, das eine Beschwörung der Utukfi - Serie 1) eröffnet. Weitere mythologische Stücke gehören dem Kreis der Weltschöpfungserzählungen an, ein anderes, das die 16. Tafel der Utukfiserie einleitet, schildert anknüpfend an die 7 böfen Dämonen die Bedrängung des Frühjahrsmondes durch die Äquinoktialstürme und seine Befreiung durch die Frühjahrssonne.

Unter den Göttern, die vom Beschwörungspriester zur Unterstüßung seiner Handlung angerufen werden, ist gelegentlich fast die ganze Schar der oberen und unteren Götter vertreten. Aber schon im Ritual treten namentlich drei, Ea, Samas und Marduk, in den Vordergrund. Von Ea und Marduk war eben die Rede. Die Rolle des Samas erklärt sich jedenfalls aus seiner Stellung als „Richter des das oben und unten ist“. Das Beschwörungsverfahren trägt ja nicht selten direft das Gepräge eines hochnotpeinlichen Prozesses, in dem der betroffene Mensch auftritt gegen seine Peiniger, den Dämon oder den Zauberer und sein Recht sucht:

Es geschehe Lösung, o Samas, du Richter! Löse o Samas, Herr des das droben und das drunten, da du Leiter der Götter, König der Länder bist, geschehe Recht auf dein Wort!

In der Beschwörungsjerie ,,Maqlu“ = „, Verbrennung“ werden naturgemäß der Feuergott und zwar Gibil, Nusku oder Gischbar am häufigsten angerufen. Sie treten dann in der Rolle des Richters, die eigentlich Samas zukommt, auf:

1) Tablet „K", CT XVI, pl. 46, 3. 183 ff. Thompson I, S. 201 ff.

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Beschwörungsformeln.

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Zu dir, Feuergott der du die Zauberer und die Zauberinnen verbrennst, die Schlechtigkeit, den Samen des Zauberers und der Zauberin vernichtest, der du die Bösen vernichtest, rufe ich zu dir, wie zu Samas, dem Richter: Schaffe mir Recht, laß Entscheidung über mich ergehen! Verbrenne den Zauberer und die Zauberin. Friß meine Feinde, verzehre meine Widerfacher, dein schrecklicher Tag möge über sie kommen! Wie das Wasser im Schlauch durch Ausschütten, so mögen sie vergehen. Wie absplitternde Steine mögen ihre Finger abgehauen werden, nach deinem erhabenen Befehl, der unabänderlich ist, und deiner treuen unwandelbaren Gnade 1.

Beispiele von einleitenden Beschreibungen des Treibens der bösen Dämonen sind oben gegeben worden (S. 1411). Wir kommen nun zu dem wichtigsten Teil, der Beschwörungstexte, der eigentlichen Formel, die in direkter oder indirekter Rede sich an den zu beichwörenden Dämon richtet. Unter diesen sind einzelne von symbolischen Handlungen begleitet, auf die ihr Text anspielt, andere sind reine Beschwörungsformeln, deren Wirkung allein im gesprochenen Wort liegt. i Von der ersteren Gattung sind namentlich in der Serie Schurpu einige interessante Beispiele erhalten. Es handelt sich in der 5. und 6. Tafel um eine ganze Reihe symbolischer Verbrennungszeremonien mit begleitender Formel, so z. B.?:

Wie diese Zwiebel abgeschält und ins Feuer geworfen wird, der brennende Feuergott“ sie verbrennt, wie sie in ein Beet nicht mehr gepflanzt, mit Furche und Gräbchen nicht mehr umzogen wird, im Boden nicht mehr Wurzel schlägt, ihr Stengel nicht mehr wächst, das Sonnenlicht nicht mehr erblidt, wie sie auf den Tisch eines Gottes oder eines Königs nicht mehr kommt, so werde der Fluch, der Bann, die Pein, die Qual, Krankheit, Seufzen, Sünde, Missetat, Frevel, Vergehen, die Arantheit, die in meinem Leibe, meinem Fleisch, meinen Gliedern fißt, wie diese Zwiebel abgeschält! Heutigen Tages derzehre sie der brennende Feuergott“, der Bann weiche, ich aber möge das Licht schauen!

Unter ähnlichen begleitenden Formeln wird Dattel, Palmen rispe 2c. verbrannt (vgl. S. 28).

Ein anderer Text 3 der gleichen Serie lautet:

Ich, der Oberpriester, zünde das Feuer an. Das Rohlenbecken zünde ich an, werfe die Lösung hinein. Der heilige Priester* Eas, der Bote Marduts bin ich. Das Rohlenbecken, das ich angezündet, lösche ich aus, das Feuer, das ich angebrannt, dämpfe ich, das Getreide, das ich darauf geschüttet, erstide ich. Wie ich das Kohlenbecken, das ich angezündet, auslösche, das Feuer, das ich angebrannt, dämpfe, das Getreide, das ich darauf geschüttet, erstide 5, so möge Sirise, die Gott und Menschen befreit, den Knoten, den sie geschürzt, lösen! Das gebundene Herz seines Gottes und seiner Göttin sei dem NN., Sohn des 1) Maqlu I, 110 ff.

2) Nach Zimmern, Beiträge S. 28 ff. 3) ib. S. 34 ff.

4) ramku.

5) nämlich seine Glut. 6) Weingöttin.

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