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.: Als die Wogen im Kampf um Babel und Bibel am höchsten gingen, wurden nicht wenige Stimmen laut, die nicht genug sich tun konnten in der Erhebung der babylonischen Religion auf Kosten der biblischen, wie sie speziell im Alten Testament zum Ausdruck kommt. Namentlich waren es die im vorigen Heft von H. Zimmern behandelten Gebete und Hymnen, die als Zeugen der babylonischen Religion immer wieder gegen ganz heterogene Stücke des Alten Testamentes aufgerufen worden sind. Von der Religion der Babylonier, von der offiziellen Staatsreligion, wie sie in Lehre und Kultus zum Ausdruck kommt, gilt aber dasselbe, was von jedem Religionssystem gilt, daß sie nicht zusammengeworfen werden darf mit gelegentlichen Ausflüssen einer subjektiven Religiosität, daß sie vielmehr von dieser grundsäßlich zu unterscheiden ist. Niemand wird einen Seneca als Repräsentanten der staatlich anerkannten Religionslehre des kaiserlichen Kom hinstellen oder in Platos Dialogen fonforme Äußerungen des gleichzeitigen, griechischen Volksglaubens erblicken oder etwa aus den Schriften der Mystiker des 15. Jahrhunderts auf gleichzeitige kirchliche Anschauung und Übung schließen. Eine subjektive Religiosität hat es überall neben der offiziellen Religion gegeben. Nirgends darf man sie mit dieser zusammenwerfen. Sie steht ihr so fern, wie die Vorstellungs- und Empfindungswelt sittlich und geistig überragender Persönlichkeiten der der Masse des Volkes fernsteht.

Das Typische und Wesentliche in der babylonischen Religion kommt nirgends reiner und unmittelbarer zum Ausdruck als in den Dämonenbeschwörungen, Zeichendeutungen und ihrem Ritual. Da haben wir die praktische Kehrseite der theoretischen Spefula: tionen über das Verhältnis von Himmel und Erde, Jenseits und Diesseits, Gott und Welt.

Zweifellos ist in Babylonien die Praxis das Produkt der Lehre und nicht umgekehrt. Alles was wir von Kultus und Volksglauben wissen, ist Verdolmetschung, Versinnbildlichung der Lehre, des Systems, seine Anwendung auf den praktischen Fall. Das Verbreitung der Dämonenbeschwörung.

AD. VII, 4

Altertum hat über Babylonien und Assyrien feine Überlieferung so zäh festgehalten wie die von den dort im Schwange gehenden Beichwörungs- und Wahrsagekünsten. Der höhnende Zuruf des zweiten Jesaias an die „, Tochter Babel“: „Tritt doch hin mit deinen Bannsprüchen und mit der Menge deiner Zaubersprüche, mit denen du dich abgemüht hast von Jugend auf: vielleicht vermagst du etwas auszurichten, vielleicht flößest du Schrecken ein! Du hast dich abgearbeitet durch die Vielheit deiner „Anweisungen" 1. So mögen doch hintreten und dich erretten die Himmelseinteiler?, die Sternjeher, die an den Neumonden kundgeben, was über dich kommen wird“, spricht es deutlich aus, welche Bedeutung den Zaubereien und astrologischen Orakelkünsten die Babylonier selbst und die Völker des Altertums zugeschrieben haben.

Daß Dämonenbeschwörung und Wahrsagerei das öffentliche und private Leben in allen seinen Schichtungen und Verzweigungen beherrscht hat, wird schon bewiesen durch die ungeheure Menge der ihren Zwecken dienenden Literatur. Was wir heute davon haben, ist nur ein Bruchteil, entstammt zum größten Teil nur einer bibliothefarischen Sammlung, aber es ist nicht nur an sich außerordentlich viel, sondern erscheint im Zusammenhalt mit der übrigen wiederaufgefundenen Literatur direkt als der numerisch überwiegende Bes. standteil der babylonischen Religionsurkunden. Bei den Zufälligkeiten, die die Erfolge der Ausgrabungen naturnotwendig beeinflussen, darf man ohne weiteres feine allzuweit gehenden Schlüsse daraus ziehen, daß von dieser oder jener literarischen Gattung verhältnismäßig große oder kleine Mengen auf uns kommen. Aber man darf heute gleichwohl anerkennen, daß das numerische Verhältnis der uns wiedergeschenften Literaturdenkmäler wenigstens einigermaßen auch dem der seinerzeitigen Produktion entspricht. Einen Beweis dafür liefern die Texte juristischen Inhalts, die im Handel und Wandel entstandenen Verträge und geschäftlichen Beurfundungen, die gerade für die Zeitabschnitte, für die auch anderweitiges Material in größerem Umfang zugänglich geworden ist, in fast beängstigender Fülle auftauchen.

- Unanfechtbarer ist die Beweiskraft der Indizien, die die Texte selbst an die Hand geben und der Anspielungen in historischen, patierbaren Inschriften.

Da ergibt sich zunächst, daß Wahrsagerei und Dämonen

1) im Sinn des Beschwörungsrituals.

2) in astrologische Orter.

AO. VII, 4

Verbreitung der Dämonenbeschwörung.

beschwörung zu allen Zeiten in Babylonien und Assyrien geübt worden sind. Die Beschwörungsterte sind zum größten Teile zweisprachig abgefaßt, d. h. sumerisch, in der Sprache der vorsemitischen Bewohner des südlichen Babyloniens, und babylonisch-semitisch. Es darf heute wohl als ausgemacht gelten, daß der jumerische Text wenigstens in den meisten Fällen das Original, der semitische Text die Überseßung darstellt. Bemerkenswert ist, daß auch in Terten, die lediglich in semitischer Gestalt überliefert sind, die technischen Ausdrücke namentlich des Rituals fast durchweg ideographisch geschrieben sind. Damit ist schon ausgesprochen, daß die Mehrzahl der Terte bis in die vorsemitische, also für uns vorhistorische Zeit zurückreichen, wenn auch vielleicht nur dem Grundstocke nach. Dazu stimmt auch vielfach der Inhalt, der die vor der Hammurabizeit herrschende Lehre vorausseßt und nur aus ihr erklärt werden fann. Als literarische Probe auf das Erempel sei erwähnt, daß wir einige Beschwörungsterte in einer Niederschrift der Hammurabizeit besiben, und daß Ominaterte, die sich auf den alten Sargon von Agade (ca. 2800) beziehen, in einer Abschrift aus Assurbanipals Bibliothek erhalten sind, deren Authentizität wir keine Ursache haben anzuzweifeln. Steht somit das hohe Alter der Beschwörungs- und Dminatexte außer Frage, jo nicht minder die Tatsache, daß Dämonenbeschwörung und Wahrsagung bis in die allerspäteste Zeit in Babylonien und Assyrien in hoher Blüte gestanden haben. Das beweist nicht nur die Fortpflanzung der Texte in immer neuen Abschriften, namentlich seit Assurbanipals Tagen bis herunter in das lekte Jahrhundert v. Christi Geburt, sondern auch die gelegentlichen Anspielungen in historischen oder sonstigen datierbaren Inschriften. Aus den Inschriften Hammurabis geht hervor, daß die Wahrsagepriester damals schon in einer Zunft organisiert waren. Einer der Nachfolger Hammurabis, Ammizaduga (ca. 2100) verlangt in einem Briefe ausdrücklich die Beobachtung von Vorzeichen, ehe ein Getreidetransport ins Werk gelegt wird. Besonders häufig tritt die Inanspruchnahme der Dienste der Beschwörungs- und Wahrsagepriester in der Sargonidenzeit auf, über die wir allerdings besser als über irgend eine andere durch eine kaum übersehbare Fülle von gleichzeitigen Denkmälern unterrichtet sind. Aus dieser Zeit stammen die zahlreichen Berichte der in allen Teilen des Reiches an alten Kultstätten stationierten königlichen Astrologen, deren Aufgabe es war, über alle inerkwürdigen Erscheinungen am Himmel und auf der Erde unverzüglich Bericht zu erstatten. Wenn solche Andeu

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tungen für andere Epochen der babylonisch-assyrischen Geschichte heute noch vereinzelt sind oder ganz fehlen, so liegt das lediglich an den Launen des Schaßgräberglüdes, oder an sonstigen Zufällig keiten, die die Erfolge der Ausgrabungen bestimmen. Daraus tann man selbstverständlich nicht auf die Übung oder Unterlassung der Wahrsagekunst oder der Dämonenbeschwörung in den betreffenden Perioden schließen. Im Folgenden soll nun zunächst die Dämonenbeschwörung bei den Babyloniern und Assyrern in kurzer Skizze behandelt werden. Über die Wahrsagerei soll eines der nächsten Hefte sich verbreiten.

Die wichtigste Quelle für die Kenntnis der Dämonenbeschwörung sind die zahlreichen Beschwörungsformeln und Beschwörungsgebete, die uns in der Hauptsache in Abschriften aus Assurbanipals Bibliothek, nach älteren Vorlagen in den verschiedenen Tempelarchiven hergestellt, zum Teil aber auch in neubabylonischen Abschriften erhalten sind. Diese Beschwörungsformeln sind unter gewissen Gesichtspunkten zu Serien von oft sehr beträchtlichem Umfang vereinigt worden. Die Namen dieser Serien, unsern Buchtiteln entsprechend, wurden entweder nach den Anfangsworten der 1. Tafel gewählt, wie dies ja auch mit alttestamentlichen Schriften durch die Rabbinerschulen geschah, oder nach dem Hauptinhalt, oder nach den wichtigsten symbolischen Zeremonien, zu deren Bes gleitterten sie bestimmt waren. Gelegentlich ist auch zu beobachten, daß für eine und dieselbe Serie verschiedene Bezeichnungen oder Titel üblich waren. Die wichtigsten dieser Sammlungen von Beschwörungsformeln sind die gegen die ,, bösen Utuffi“, gegen die Pestdämonin Labartu, gegen den Aschattudämon, gegen die Kopfkrankheit, zwei Serien, Schurpu und Maglu, die beide den Namen von den Verbrennungszeremonien haben, die die Sauptrolle in ihnen spielen. Eine Sammlung von Gebeten wurde als „Þanderhebung“ bezeichnet, da die in ihr gesammelten Gebete mit der übrigens allgemein üblichen Geste zu rezitieren waren.

. Während diese Texte fast ausschließlich die Begleitworte für die Handlung selbst enthalten, und nur in einzelnen von ihnen auch die Handlung selbst vorgeschrieben oder angedeutet wird, find andere ausschließlich den Vorschriften für die eigentliche Beschwörungshandlung gewidmet, die sog. Ritualtafeln für den Beschwörungspriester, der von Umtswegen zur Vornahme der Handlung bestimmt war. Ergänzt werden diese Vorschriften durch die Ritualtafeln für den „Sänger“, dessen spezielle Funktionen nicht klar erkennbar sind, der aber wohl einen ähnlichen Wirkungstreis hatte wie der eigentliche Beschwörungspriester, dessen Hauptaufgabe aber die Rezitation von Gesängen unter Einhaltung gewisser Zeremonien gewesen zu sein scheint. Neben diesen Hauptquellen unserer Kenntnis der babylonischen Dämonenbeschwörung, die sämtlich die Betämpfung einer schon eingetretenen Besessenheit zum Gegenstand haben, sind auch diejenigen zu erwähnen, die den vorbeugenden Schuß gegen dämonische Einwirkung bezweden, die mannigfachen Formen von Talisman und Amulett mit oder ohne beigeschriebener Zauberformel.

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- Die Bezeichnungen für den Beschwörungspriester sind âschipu und maschmaschu, dieses offenbar ein sumerisches Lehnwort. Die Bezeichnung âschipu kommt viel seltener vor als die andere. Der fungierende Priester wird fast immer maschmaschu genannt. Dieser scheint die Handlung, jener die Rezitation der Formel vorgenommen zu haben. Beachtenswert ist, daß die beiden Hauptgottheiten des Beschwörungsrituals Ea und Marduf beide sowohl „maschmaschu der großen Götter“, als auch - wenn auch seltener — „âschipu der großen Götter“ genannt werden. Daß sie eine festorganisierte Zunft gebildet haben, ist nach Analogie anderer Priesterklassen sehr wahrscheinlich; daß innerhalb der Zunft eine gewisse hierarchische Gliederung bestanden hat, beweist das Vorkommen des Titels eines rab-maschmaschu d. i. „Oberbeschwörer". Gleichfalls nach sonstigen Analogien darf man wohl annehmen, daß auch das Beschwörungspriestertum erblich war. Was sonst aus den Terten hervorgeht, ist, daß der Beschwörungspriester im unmittelbaren Dienst der Götter Ea und seines Sohnes Marduk stand. Seine Aufgabe war, die Dämonen zu vertreiben, die den Menschen besessen hielten, ihn frank machten, ihn in der Erfüllung seiner kultischen, religiösen oder sittlichen Pflichten hinderten. Krankheit und „Sünde" waren erkenn= bare Anzeichen dafür, daß ein Dämon sich eines Menschen bemächtigt hatte, ihn in „Bann“ hielt. Die Verjagung des Dämon, die Lösung des Bannes erfolgte durch Wort und Zeremonien des Beschwörungspriesters mit dem Erfolge, daß die zürnende Gottheit sich dem befreiten Menschen wieder gnädig zuwenden konnte. So war der âschipu Beschwörungs- und Sühnepriester, heilte die Krankheiten und stellte die aufgehobene Gemeinschaft des Menschen mit seinem" Gott wieder her. ..

Wir besißen leider noch keinen Text, der wie für den Wahrsager, so auch für den Beschwörer die persönlichen Vorausseßungen kennen lehrt, an die seine Befähigung zu seinem Beruf gebunden war. Vielleicht hat man es bei ihm, der doch nur mit untergeordneten Vertretern des Pantheons zu tun hatte, nicht so genau genommen wie bei dem „Wahrsager“, den sein Beruf in steter Fühlung mit den Schicksal bestimmenden hohen und höchsten Göttern hielt. Es scheint auch nicht, daß sie in dem offiziellen Beamtenftatus, dem sie ja wohl auch angehörten, einen so bevorzugten Kang einnahmen, wie jene. Dafür aber mag sie ihre Volkstümlichkeit entschädigt haben. Denn auf sie, die aller bösen Gewalten Herr werden konnten, die Arankheiten heilen, Sünde fühnen, die Götter

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