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AD. VII, 4.

Beschwörungsformeln.

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NN, wieder gelöst! Sein Vergehen werde verziehen, heutigen Tages mögen fie (die Götter) es tilgen, mögen sie ihn lösen!

Den Höhepunft erreicht die ganze Beschwörungshandlung mit der Rezitation der eigentlichen Bann- und Fluchformel gegen den Dämon. Am häufigsten wird eine ganz kurze Formel gebraucht: Im Namen des Şimmels sei beschworen, im Namen der Erde sei beschworen!

Das ist die fürzeste Ausdrucksweise, die alles in sich schließt: alle guten Mächte des Himmels und der Erde werden gegen den Dämon angerufen. Dieser Grundgedanke kommt in den verschiedensten Formulierungen zum Ausdruck, es werden alle großen Götter angerufen:

Im Namen der großen Götter beschwöre ich dich! oder einzelne Gottheiten und Göttergruppen, wie Ningirsu-Ninib mit den Anunnali = Unterweltsgöttern, oder in Form einer Litanei eine größere oder kleinere Zahl von Gottheiten. Diese Anrufungen werden häufig eingeleitet oder beschlossen durch ausdrückliche Verwünschungen und Befehle an den Dämon, sich schleunigst aus dem Staube zu machen. So lautet der Schluß einer Beschwörung aus der Utukku-Serie?:

(Der Priester:) Ein böjer Utukku, ein böjer Alu, ein böser Etimmu, ein böser Gallu, ein böjer Gott, ein böser Rabisu, ein böser Mensch, ein böses Auge, ein böjer Mund, eine böse Zunge, aus dem Leib des Menschen, des Sohnes seines Gottes, mögen sie entweichen, aus seinem Leibe herausfahren!

(Der Kranke:) Meinem Leibe sollen sie nicht nahen, vor mir sollen sie nichts Böses verüben, hinter mir sollen sie nicht wandeln, in mein Haus sollen sie nicht herein kommen, meinen Zaun sollen sie nicht durchbrechen, in mein Wohngemach sollen sie nicht herein kommen.

(Der Priester): Im Namen des Himmels fei beschworen, im Namen der Erde sei beschworen!3 Bels, des Herrn der Welt, sei beschworen! Beltis, der Herrin der Welt, sei beschworen! Ninibs, des starken Kriegers Bels; sei beschworen! Nuzkus, des erhabenen Boten Bels, sei beschworen! Sin's, des „. Tronfolgersohns" Bels, sei beschworen! Jstar, der Herrin der Völker, sei beschworen! Adads, des Herrn, dessen Getöse günstig ist, sei beschworen! Samas, des Herrn des Gerichts, sei beschworen! Der Anunnaki, der großen Götter, sei beschworen!

Einmal (Utukki V, Col. II, 10 ff.) wird der böse Aschaffu bei nicht weniger als 30 Göttern und göttlichen Kräften beschworen.

1) Die Anrufung des „Namens“ der Gottheit ist gleichbedeutend und gleich wirksam, wie die Anrufung der Gottheit selber. In dem „Namen“ ist alles Wesen und alle Kraft der Gottheit konkret zusammengefaßt. Daher der magische Gebrauch der Formel ein „Namen".. .. 2) Tafel V 45 ff.

3) Vor jedem Gottesnamen wiederhole: „im Namen" Der Alte Drient. VII, 4

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Beschwörungsformeln.

NO. VII, 4

In der 4. Tafel-Serie bedroht der Priester den Dämon mit folgenden Worten "):

So lange du aus dem Leibe des Menschen, des Sohnes feines Gottes nicht entweichst, solange du dich nicht davon machst, sollst du Speise nicht essen, Wasser nicht trinken, an die Schale Bels, des Vaters, der dich erzeugt hat, soust du mit deiner Hand nicht rühren, weder mit Wasjer des Meeres, noch süßen Wasser, weder mit schlechtem Wasser, noch mit Tigriswasser, weder mit Euphratwasser, noch mit Brunnenwasser, noch mit Flußivasser sollst du bedeckt werden. Wenn du zum Himmel fliegen willst, sollen deine Flügel verjagen! Wenn du auf der Erde dich in Hinterhalt legst, sollst du keinen Sitz finden. Dem Menschen, dem Sohn seines Gottes, fomnie nicht nah! Folge ihm nicht! Deinen Kopf bringe nicht in seinen Kopf! Deine Hand bringe nicht an seine Hand! Deinen Fuß bringe nicht an seinen Fuß! Mit deiner Hand rühre ihn nicht an! Deinen Hals wende nicht nach ihm! Dein Auge hebe nicht sauf ihn?]! Hinter dich sollst du nicht schauen, wider ihn nichts aussprechen! In das Haus sollst du nicht eintreten, über den Zaun nicht hereinbrechen, in den Wohnraum sollst du nicht zu ihm eintreten, in der Stadt sollst du ihn nicht umzingeln, von der Seite her sollst du ihn nicht einschließen.

(Zu dem Kranken gewendet): Auf Befehl Ea's möge der Mensch, der Sohn seines Gottes glänzend werden, hell werden, rein werden! Wie eine - - - schale möge er gewaschen werden, wie eine Butterschale möge er

- -. Samas, Führer der Götter, nimm ihn in Obhut, Samas, Führer der Götter, möge seine Unversehrtheit den gnädigen Händen der Götter befohlen sein!

Ein interessantes Beispiel ?), in dem sich zugleich die Stellung und Legitimation des Beschwörungspriesters fundgibt, sei noch erwähnt:

(Der Priester): Jch, der Mann Ea's bin ich, ich, der Mann Damfina's :) bin ich, ich, der Bote Mardufs bin ich. Mein Zauberspruch ist der Zauberspruch Ea's. Meine Beschwörung ist die Beschwörung Marduks, der Bann En's ist in meiner Hand. Die Tamariske, die erhabene Waffe Anus halte ich in meiner Hand, die Palmenblüte, mächtig in der Entscheidung, halte ich in meiner Hand.

(Der Kranke): Meinem Leib sollen sie nicht nahen! Por mir sollen sie nichts Böses tun, hinter mir sollen sie nicht herkommen. Auf die Schwelle, wo ich stehe, sollen sie nicht steigen!

Wo ich stehe, stehe du nicht! Wo ich sige, sige du nicht! Wo ich gehe, gehe du nicht! Wo ich eintrete, tritt du nicht ein! Im Namen des Himmels sei beschworen, im Namen der Erde sei beschworen!

Endlich sei noch eine kurze Formel aus den Beschwörungen der Zauberer und Heren mitgeteilt, die den Beschluß der 5. Tafel der Maqlu-Serie 4) bildet:

Entweicht, entweicht! Entfernt euch, entfernt euch! Werdet zu Schanden, werdet zu Schanden, geht zu Grunde! Hebet euch weg, gehet, entweicht, ents

1) Col. V. 54ff. 2) Utukku III, 204 ff. 3) Ea's Gemahlin. 4) Ein häufig gebrauchter Beiname des Feuergottes Nusku.

40. VII, 4

Amulette, Talismane, Siegelzylinder.

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fernt euch! Eure Bosheit steige wie der Rauch zum Himmel empor! Aus meinem Leib entweicht! Aus meinem Leib entfernt euch! Aus meinem Leib fahret mit Schande! Aus meinem Leib geht zu Grunde! Aus meinein Leib hebt cuch weg! Aus meinen Leib gehet! In meinen Leib kehrt nicht zurück! Meinem Leib kommt nicht (mehr) nahe! Meinen Leib quält nicht (mehr)! Im Namen des Samas, des Mächtigen, seid beschworen! Im Namen des Ea, des Herrn des Aus, seid beschworen! Im Namen des Marduk, des Magiers 1 unter den Göttern, seid beschworen! Im Namen des Feuergottes, der euch verbrennt, seid beschworen! Von meinem Leibe möget ihr fern gehalten werden!

In Kürze muß endlich noch derjenigen Form der Dämonenbeschwörung gedacht werden, die vorbeugend wirkt, durch Schußmittel in allerlei Gestalt den böjen Geistern von vornherein den Weg zu sperren sucht. Der zunächst berufene Schuß gegen die bösen Geister ist der gute Geist, der Schußgott für jeden einzelnen Menschen, der pausgott für die Hausgenossenschaft, der Stadtgott für die Stadtgemeinde. Sie hatten ja ein wesentliches Interesse daran, ihren Schußbefohlenen auch tatkräftig zu schüßen, denn sobald ein Dämon von diesen Besiß ergriffen, war für sie kein Plaß mehr in ihnen Der Gott bezw. die Göttin des Menschen wurde von diesem im Bilde mit oder ohne Inschrift versehen, ständig mit herumgetragen So lautet ein Teil einer Amuletinschrift:

An Istar, die mächtige Herrin, Königin der Igigi”, und der Anunnafia deren Herrschaft die Götter, ihre Väter, groß gemacht haben.

Man darf wohl auch annehmen, daß die ungeheure Masse der Siegelzylinder, die aus allen Perioden der babylonischen und assyrischen Geschichte erhalten sind, neben dem rechtlichen Zweck gleichfalls der Abwehr böser Geister diente; ja es ist wohl sicher, daß die lektere Bestimmung die ursprüngliche ist. Sie stellen mit bejonderer Vorliebe die Szene eines mit einem Ungeheuer fämpfenden Mannes bezw. Gottes vor. Gleichviel ob – was bestritten wird

- darin der Kampf Marduks mit der Tihamat zu erkennen ist, oder nicht, so ist doch sicher, daß es sich um die Bekämpfung einer feindlichen Gewalt handelt und es liegt nahe, daß man sich solcher Abbildungen in Gestalt von Amuletten bedient hat, um anzudeuten, daß der Schußgott stets bereit ist, gegen die Angriffe eines feindlichen Dämons anzufämpfen. Auch die bei den Siegelzylindern so häufigen Gebetsszenen sind in diesem Zusammenhange ohne weiteres verständlich. Der Priester führt den Kranken vor die Gottheit, d. i. lediglich eine andere Form der so häufig in den Beschwörungs

1) Maschmaschu, vgl. oben S. 7.
2) Himmlische und unterirdische Götter.

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Amulette Talismane.

AD. VII,4

formeln vorkommenden Szene, in der Marduk seinem Vater Ea das Leið des Kranken schildert, in vielen Fällen ist die Darstellung sicher unmittelbar als Wiedergabe dieser Szene gemeint. Auch sonst war es beliebt, Bestandteile der Beschwörungsformeln zu verwenden 6. unten).

Die speziellen Schußgötter des Haujes waren Schedu und Lamassu, die in Gestalt von geflügelten Stier- und Löwenkolossen die Eingänge zu den Häusern zu bewachen hatten. Die Kostspieligfeit der Aufstellung solcher fünstlerisch ausgeführter Steinfolosie brachte es mit sich, daß sie nur bei Tempeln und Palästen möglich war. Der kleine Mann mußte sein Haus durch minder wertvolle, aber deswegen nicht weniger wirksame Abwehrmittel zu schüßen suchen. So kam man zu der Sitte, Tontäfelchen mit kurzen Beichwörungsformeln an der Haustür anzubringen Einige solcher Amulette sind erhalten. Sie tragen nicht nur Keilschriftzeichen, sondern auch geometrische Figuren, in deren Feldern die Formel verteilt ist. Daneben hat man anch kleine Figürchen, meist aus Terracotta, zum Schuß des Hauses verwendet, entweder zwischen den Türpfosten aufgehängt, oder unterhalb des Fußbodens oder der Schwelle eingelassen. Diese Figürchen waren Darstellungen wohlwollender Götter, namentlich Lugalgiru und Nergal waren beliebt, und wie alle bisher besprochenen Arten von Amuletten dazu bestimmt, der feindlichen Macht eine dem Menschen wohlwollende Gottheit entgegenzustellen.

Als Amulette. dienten aber auch Bilder der abzuwehrenden Dämonen mit oder ohne beigeschriebener Formel. Wo solche Darstellungen mit Beischriften versehen waren, und zwar handelt es sich hier natürlich um Verwünschungen des Dämons, ist der Grundgedanke ohne weiteres klar, der Mensch soll durch das Amulett, das eine ununterbrochene Beschwörung darstellt, speziell vor dem darauf abgebildeten Dämon geschüßt werden. Solche Amulette wurden mit Vorliebe gegen die finderfeindliche Labartu Kindern um den Hals gehängt. Ein solches Amulett (vgl. die Abbildungen 8 und 9 bei Jeremias in AO I, 32 S. 31, 33), trägt die Inschrift (nach Weißbach, Jeremias I. c.):

Beschwörung, Labartu, Tochter Anus (ist) ihr Name erstens. Zweitens: Schwester der Straßengottheiten. Drittens: Dolch, der das Haupt trifft. Viertens: Die das Holz entzündet. Fünftens: Göttin, deren Antlik fahl ist. Sechstens: Handlangerin (?) - - - der Göttin Jrnini. Siebentens: Beim Namen der Götter sei beschworen! Wie die Vögel am Himmel fliege fort!

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Die ersten sieben Zeilen enthalten die Anfangszeilen von 7 (!) Beschwörungsformeln gegen die Labartu. Die Schlußzeile ist als die eigentliche Verwünschung aufzufassen.

Aber auch da, wo Dämonenfigürchen keine Inschrift tragen, ist ihre Bestimmung als Amulett zweifellos. War es, wie schon oben S. 26 angedeutet, ein Grundgesek der Beschwörungskunst, Gleiches mit Gleichem zu befämpfen, den Feind mit seinen eigenen Waffen zu schlagen, so war es nur eine Konsequenz dieser Vorstellung, wenn man den Dämon mit seiner eigenen Fraße fern hielt. Vorausfeßung dabei ist aber jedenfalls, daß dieses Dämonenfigürchen, das als Amulett verwendet wurde, die Beschwörungszeremonien schon vorher hatte über sich ergehen lassen müssen, also die im leßten Grunde das durch Beschwörungskunst in sein Gegenteil verkehrte Prinzip der unheilvollen Macht darstellte. Dafür, daß Gegenstände, die an sich Träger der Unreinheit und Unheiligkeit sind, als Amulette verwendet werden, kennt der Orient auch sonst noch Beispiele (Menstrualblut, Totenknochen usw.).

Literatur. Lenormant, Die Magie der Chaldäer. Zimmern, Beiträge zur Kenntnis der babylonischen Religion. (Enthält die Beschwörungstexte Schurpu und die Ritualtexte.) Tallqvist, Die assyrische Beschwörungsserie Maglu. King, Babylonian Magie and Sorcery. Thompson, The devils and evil Spirits of Babylonia. 2 Bde. Zimmern, Neilinschriften und das Alte Testament. 3. Aufl. S. 458 ff. 604 ff. Morgenstern, The Doctrine of Sin in the Babylonian Religion (Mitteilungen der Vorderasiatischen Gesellschaft 1905, 3). Vergl. auch die Zusammenstellungen und Überseßungen bei Folsey, La magie assyrienne. Jastrow, Religion Babyloniens und Assyriens, Bd. I S. 273-392.

Die Rücksicht auf den verfügbaren Kaum hat es leider unmöglich gemacht, bei den Terten, wo es wünschenswert gewesen wäre, die metrische Form her: vortreten zu lassen.

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