Ҿ˹˹ѧ
PDF
ePub

Innerhalb der babylonischen und gesamten altorientalischen Kultur, soweit wir sie geschichtlich verfolgen können und noch ein geraumes Stück darüber hinaus, ist der Mythus wie jeder andre Bestandteil des geistigen Lebens in das einheitliche System der Weltanschauung eingeschlossen, in desjen Ausbildung uns die große und vorläufig noch nicht abzuschäßende Bedeutung der ältesten geschichtlich festzustellenden Entwicklungsstufe der Menschheit entgegentritt?). Aber gerade dem Mythus fällt innerhalb der vielen, einheitlich angeschauten oder dargestellten Auffassungen der umgebenden Welt, ihre Teile und ihre Erscheinungen in Raum und Zeit, in Geist und Stofi, eine Rolle zu, welche ihn vor allem dazu bestimmt, die Grundlagen der großen Weltanschauung darzulegen.

Es ist der Zweck und das Wesen des Mythus, die Vorgänge und wirfenden Kräfte im Weltall und am Himmel in einer dem ungeschulten Verstande faßbaren Form darzustellen und sie dem naiven Empfinden, das an Unförperlichem und Übersinnlichem keinen Anteil nimmt, näher zu bringen.

Alles geistige Leben, jede Regelung des Lebens, in Sitte, Geseß und Ordnung beruht auf religiöser Grundlage, und diese Religion war eine Gestirnreligion, eine Lehre von den Himmelskörpern und Himmelsräumen, ihren Bewegungen und ihrem gegenseitigen Verhältnis. Deren Erscheinungen in einer anmutenden und leicht begreiflichen Form darzustellen, ist der Zweck des Mythus, der also eine symbolische Darstellung des gegenseitigen Verhaltens der Götter sein will und in poetischer Gestalt zur Darstellung bringt, was im großen Weltenraume und am Himmel vor sich geht.

Der immer wiederkehrende Grundgedanke bei jeder mythischen Darstellung von Vorgängen am Himmel oder im Weltenraume ist

1) Für die allgemeinen Vorausseßungen dieser Ausführungen, das Wesen und die Bedeutung der altorientalischen Weltanschauung 1. AD. III, 2/3. „Himmels- und Weltenbild der alten Babylonier“.

4

Die Mosmologie erklärt den Kreislauf aller Dinge.

NO. VIII, 1

der der Entsprechung der Erscheinungen. Es ist alles Kreislauf, wie ein Kreis ein Abbild des andern, so ist auch jeder größere Vorgang im Weltall ein Abbild von vielen Parallelerscheinungen. Sonne, Mond und die Planeten vollziehen jedes jeinen Kreislauf, in dessen Beschreibung sie die gleichen Punkte des Himmels berühren, und die „Präzession“ der Tagesgleichenpunkte wie das Wandern der Schnittpunkte von Mond- und Sonnenlaufbahn, (Drachenkopf und Drachenschwanz) sind ebenjolche Kreisläufe, welche Zyklen oder Epochen, „Äonen" bilden.

Die Planeten sind die „Dolmetscher" des göttlichen Waltens, diejenigen, welche die Beschlüsse der Götter über das, was auf Erden und im ganzen Weltall geschehen soll, verkünden, anzeigen Das tun sie durch ihre Bewegung, durch die Stellung, welche sie dabei zu den einzelnen Zeichen des Tierkreises und zu einander einnehmen. Wie die Vokale innerhalb der Konsonanten eines Alphabets durch verschiedene Zusammenstellung die Worte und damit die Rede ergeben, jo auch die Planeten. Die alles umfassende Sym= bolik orientalischer Weltanschauung hat denn auch ihre wissenschaftliche Sprachlehre, wie schon die Namen der Buchstaben des Alphabets und ihre Anwendung zeigen, auf diese, all ihrem Denken gemeinsame Grundlage gestellt? So spiegelt dieser Kreislauf alles wieder, was im Weltall geschieht. Er gibt Auskunft über die Geburt und das Schickjal jedes Lebewesens, über den Ausgang aller Untersuchungen, vom Großen bis zum Kleinen, er führt aber auch zur Berechnung der großen und größten Ereignisse des Weltenraumes. Da jeder Kreis ein Abbild des andern ist und alles sich im Kreise bewegt und entwickelt, so wird von den unmittelbar beobachtbaren Kreisläufen auf die größeren geschlossen und werden Berechnungen darüber angestellt. Denn das Entstehen und Vergehen der Lebewesen, wie das Sichtbarwerden und Verschwinden der Gestirne zeigen, daß nichts ewig ist, daß dasjelbe von unsrer Erde gilt, die, weil geworden, auch vergehen muß, und daß einen Ursprung und ein Ende auch das große Weltall haben muß, in welchem unfre Erde besteht. Die Betrachtungen darüber und die Erklärungsversuche dieser himmlischen Erscheinungswelt nennt man kosmologie. Wie die Erde, näherer und fernerer Sternhimmel und Weltenraum

1) AD. III, 2/32 S. 27.

2) Die babylonische Sprachwissenschaft kennt 12 Grundlaute, welche den 12 Tierkreiszeichen entsprechen, das Buchstabenalphabet (das fälschlich sogenannte phönizische) zeigt eine den Mondstationen entsprechende Anordnung.

AO. VIII, 1

Der Mythus ist die populäre Darstellung der Kosmologie.

5

die gleichen Erscheinungen des Kreislaufs zeigen, so werden auch ihre Schicksale in der Gestalt des in seinen Grundzügen immer wieder gleichen Mythus dem Verständnis des einfachen Vorstellungsvermögens näher gebracht. Mythus und Kosmologie gehen ineinander über wie der nähere und weitere Raum des Als, sie sind konzentrische Kreise. Nur daß, was der Mythus im engeren Sinne darstellt, unmittelbar Geschautes, aus den Sternen Abgelesenes ist. Während der Mythus in diesem engeren Sinne die poetische Darstellung der Gestirnbeobachtung, der Astronomie – mit ihrer praktischen, astrologischen Nußanwendung – ist, stellt die Kosmologie das dar, was wir als eine wissenschaftliche Hypothese bezeichnen würden.

Die wandelnden Gestirne nehmen denselben Lauf durch den Tierkreis, ihre Ericheinungen und Wirkungen werden daher als gleichartig oder sich entsprechend angesehen. Nicht der Stern an fich, sondern die Stellung am Himmel d. h. am Tierkreise verleiht ihm seine Kraft, seine göttliche, kosmische Wirksamkeit. Es fommt für die Wirkjamkeit von Sonne (Winter, Sommer, Nacht, Tag) und Mond (unsichtbar und Vollmond) darauf an, wo und wie sie stehen, und ebenso ist die Kraft und Wirksamkeit der übrigen Planeten durch ihre Stellung d. h. den jeweiligen Punkt ihres Kreislaufs bedingt?. Jeder kommt so in die gleichen Stellungen und Phasen d. h. er übt gegebenenfalls die gleiche Kraft aus, spielt dieselbe Rolle. Deshalb wird auch von jedem in den Grundzügen derselbe Mythus erzählt. Nur eine feste Grundstellung" verteilt den Himmelsfreis und weist jedem seine ihm eigentümliche Stellung an, welche gewissermaßen den Ausgangspunft oder das Gleichgewicht, die Ruhe des Alls, darstellt.

Zwei Gestirne drängen sich jeder Beobachtung auf, indem ihre Beziehungen zu allem, was das Menschenleben beeinflußt, auch ohne besonderes Nachforschen dem Bewußtsein klar werden: Mond und Sonne. Der bloße Wechsel von Tag und Nacht und der Jahreszeiten zwingt mit seiner Regelung der Erzeugung und Beschaffung der gewöhnlichsten Lebensbedürfnisse auch den aller wissenschaftlichen Beobachtung noch fernstehenden Menschen zur Beachtung des Sonnenlaufs und lehrt ihm die regelmäßige Wiederkehr der Erscheinungen. Weniger aufdringlich ist die Bedeutung des Mondes, dafür ist er aber leichter zu beobachten. Im heißeren Klima wird er auch leichter

· 1) AD. II, 2/32 S. 11.

2) ebenda S. 34.

".... Sonne und Mond in Kalender und Mythologie.

AO. VIII, 1

als bei uns zum Lichtspender, bei dessen Scheine manches getan wird, was der heiße Sonnenbrand zur Qual macht, und es ist anzunehmen, daß beim Naturmenschen ursprünglich seine Beeinflussung des physischen Lebens noch größer gewesen ist als beim modernen Kulturmenschen, der sie gleichwohl noch empfindet". Mond und Sonne sind es daher, von welchen alle Gestirnbeobachtung zunächst ausgeht und auf die sie vor allem zurückweist, soweit es sich um unmittelbar praktische Zwecke handelt. Der Ausgleich des Umlaufs der beiden ist das Jahr, dessen Festlegung für die Regelung aller Beschaffung der Nahrungsmittel von Bedeutung ist; die Bestimmung des Jahres, der Kalender, ist der praktische Zweck der Gestirnbeobachtung, ohne welche auch ein einfaches Gesellschaftsleben nicht möglich ist. Denn dazu gehört Zeitrechnung und diese seßt die Bestimmung des Laufes der beiden Hauptgestirne voraus.

Der Kreislauf der beiden ist deshalb die Grundlage aller Himmelsbeobachtung und soweit diese zu einer wissenschaftlichen Systematisierung und deren volkstümlicher Darstellung im Gewande des Mythus führt, spielen beide die erste Rolle. Überall stehen Mond und Sonne im Vordergrunde der mythischen Darstellungen, und auf die Erscheinungen der beiden werden auch die der andern Himmelskörper zurückgeführt, nach ihnen erklärt, nach den Gefeßen aufgefaßt und beurteilt, welche aus dem Umlaufe der beiden und ihrem gegenseitigen Verhältnisse abgeleitet sind. Soweit nicht Einzelheiten der übrigen Gestirne – der Planeten wie der Firsterne – in Betracht kommen, kann man im allgemeinen sagen, daß die wichtigsten und grundlegenden Gedanfen des Mythus in ihrer unendlichen Verschiedenheit der Einkleidung doch immer wieder den einen Gedanken des Verhältnisses der beiden zueinander zur Darstellung bringen. Sie sind die beiden großen" Gestirne des biblischen Schöpfungsberichtes, und in dieser Rolle begegnen sie überall und drängen sich als solche jeder Beobachtung auf. Die babylonische Weltanschauung hat neben sie als drittes noch die Venus gestellt und diese begegnet darum in einer gleichen Rolle und Bedeutung ebenfalls in den meisten Mythologien und Kalendern”. Der Grund dafür steht noch nicht fest und man kann, wo der Mythus nicht unmittelbar Bezug darauf nimmt, sie beiseite lassen, wenn man sich die Grundgedanken der Mythologie klar machen will. Auch bei ihr fommt es auf denselben Gedanken hin1) vgl. AD. IV, 22 S. 30.

2) AD. III, 2/3 ? S. 21. 27. 40. 61. Zur Betonung der Venus bei den Merikanern: ebenda S. 4. 20.

[merged small][merged small][ocr errors]

aus, daß sie einen Lauf und damit Schicksale hat, welche mit denen der beiden andern übereinstimmen, ihnen „entsprechen“. Ob sie aber wie bei einer Teilung von 3 „großen" + 4 Planeten oder von 2 „großen“ + 5 Planeten? in die eine oder andre Gruppe gestellt wird, ist für diesen Zweck unerheblich.

Die Erscheinungen, welche Mond und Sonne bei ihrem Umlaufe zeigen, sind in der Hauptsache, wenn wir, wie auch unsre eigene Zeitrechnung tut, die Stellung der Wintersonnenwende d. h. den Jahresanfang beim tiefsten Standpunkt der Sonne, vorausseßen, die folgenden: Mond und Sonne treffen zusammen d. h. der Mond ist unsichtbar an der am tiefsten d. h. am weitesten südlich gelegenen Stelle desjenigen Himmelsstreifens, den beide in ihrem Ums laufe bestreichen. Der Mond läuft schneller als die Sonne, er überholt sie in jedem Tage um etwa 13 Grad. Er wird als (zu= nehmende) Sichel sichtbar, nachdem er sich wieder genügend von ihr entfernt hat, so daß sein Licht nicht mehr durch das der Sonne verschlungen wird (denn je näher er an ihr steht, um so mehr ist er nur am Tage über dem Horizont, also ebenso wie die am Tage über uns stehenden Sterne, unsichtbar). Er entfernt sich immer mehr und sein Licht nimmt zu bis er ihr gegenübersteht: das ist die Hälfte seines Umlaufs und er ist dann voll; er steht dann in Opposition zur Sonne, zur Zeit der Wintersonnenwende, also an dem entgegengeseßten Punkte des Kreislaufs, dort wo die Sonne zur Zeit der Sommersonnenwende steht, am nördlichsten oder höchsten. Von nun an nähert er sich wieder der Sonne und nimmt ab, bis er wieder unsichtbar wird d. h. in ihr verschwindet. Er hat damit seinen Lauf einmal vollendet.

Das wiederholt sich zwölfmal im Jahr d. h. zwölfmal ehe die Sonne ihren Lauf einmal vollendet. Der Weg der beiden Zeiger der Uhr in ihrer verschiedenen Geschwindigkeit gewährt dasselbe Bild, nur daß nicht, wie in diesem Falle, die Umläufe sich völlig decken, sondern daß ein Unterschied von ungefähr 11–12 Tagen bleibt. Dieser gleicht sich in größeren Zeiträumen d. h. in mehreren Jahren aus, und es ist Aufgabe der verschiedenen Kalenderabrechnungen, sich für eine oder die andre Art des Ausgleichs d. h. der Herstellung der Harmonie zwischen den beiden Umlaufszeiten zu entscheiden. Jahresrechnung heißt also in der Hauptsache Ausgleich von Mond- und Sonnenumlauf.

1) ebenda S. 22. 38.

« ͹˹Թõ
 »